Deutschlands Osten: Haben Sie 17 Millionen Mark?

Anstellen an der Pforte zum kleinen Lebensglück: ein Ausflug in die neuen deutschen Bundesländer.


„In Ungarn macht einer die Tür auf, und ich werde arbeitslos. Das nennt sich Geschichte.“ Kabarett in den neuen Bundesländern. Fast drei Jahre sind seit dem Fall der Mauer vergangen. Und in der Ostberliner „Distel“, unweit des einst labyrinthisch verschachtelten Grenzbahnhofs Friedrichstraße, kramen Gisela Oechelhaeuser und ihre Zensur-bewährte Truppe noch einmal satirische Versatzstücke der Nachwendezeit hervor: „Uns geht es eben wie den Parteien – die haben auch kein neues Programm und spielen trotzdem weiter.“ Das Spiel muss weitergehen. Und es geht auch weiter. In der Politik, in Kabaretts – vor allem aber im Alltag der ehemaligen DDR-Bürger.

Es ist ein Spiel von der Sinnlosigkeit des Seins, kein „Mensch ärgere dich nicht“, ein „Warten auf Godot“. Warten auf irgendetwas oder irgendjemanden, das oder der dem Dasein wieder ein Ziel gibt. Warten auf den Messias, der da kommen soll, die Menschen zu erlösen – und sei es auch mit Feuer und Schwert. Hauptsache, das Anstellen hat endlich ein Ende.

Das Anstellen an der Pforte zum kleinen Lebensglück: Mit der Öffnung der Grenzen meinte man sie schon überschritten zu haben; heute jedoch scheint sie den meisten so fern wie eh und je. Und manchen vielleicht ferner als je zuvor. Wieder werden Durchhalteparolen ausgegeben, wieder wird auf eine strahlende Zukunft verwiesen, wieder bedeutet Gegenwart anstellen und warten. Anstellen wofür? Warten worauf? Und in der langen Reihe jener, die da ausharren im Namen einer Hoffnung, die vielleicht abermals bloß ein verlockendes Trugbild ist, feiert die Komik des Absurden ungewollte Triumphe.

Ein Abend in einem Restaurant der „Steakhaus Kopenhagen GmbH“ in Schwerin. Die junge Kellnerin weigert sich standhaft, die Bestellung – Ein Lammsteak, bitte! – aufzunehmen: „Ich habe heute schon eine Beschwerde gehabt: Das Fleisch war so zäh, dass man es kaum schneiden konnte. Das kann ich wirklich nicht empfehlen.“ – „Und was können Sie empfehlen?“ – Am besten, Sie nehmen die Schweinsmedaillons. Die hab’ ich heute zu Mittag selbst gegessen.“ Also Schweinsmedaillons. Die sind tatsächlich nicht zäh, aber halbroh. Reklamation. „Das tut mir schrecklich leid. Wir haben ständig solche Probleme. Wissen Sie, der Koch ist kein Koch. Der Koch ist ein Fleischer.“ Die Köche, die hätten schon längst die Flucht ergriffen: „Wegen des schlechten Betriebsklimas – und der schlechten Bezahlung. Und da haben sie eben einen arbeitslosen Fleischer eingestellt.“

Vor der Kasse eines Selbstbedienungsladens in Oranienburg. Ein Mann Mitte 50 dreht und wendet ein kleines Fläschchen Schnaps in seinen Händen, betrachtet es ratlos von allen Seiten. Dann fragt er die junge Frau, die vor ihm steht: „Was kostet das? Können Sie das lesen?“ – „Sechs Mark neunzig.“ – „Sieben Mark? Na ja. Ich hab’ morgen Geburtstag; da will ich mir was leisten. Wissen Sie, ich bin arbeitslos.“ – „Haben Sie denn keinen Garten?“ – „Ja, doch.“ – „Na, dann haben Sie ja trotzdem genug zu tun.“

Die Satire findet in diesen Tagen überall statt: auf Straßen und Plätzen, in Trümmervierteln und in ehemaligen DDR-Kaufhallen. Sachsen, Thüringen, Brandenburg, Mecklenburg-Vorpommern als große Gesamtgroteske. Der Farce des Untergangs eines Systems folgt die nicht weniger skurrile Farce des Übergangs zu einem anderen System.

Bizarre Spukgestalten beherrschen das Bild: ein Innenminister und sein Polizeichef, die zufälligerweise gerade in der Stunde, da eine Horde potentieller Meuchelmörder zum Sturm auf ein Asylantenheim ansetzt, statt am Schauplatz des Geschehens zu Hause sind, um „das Hemd zu wechseln“. Der neue Pächter des Schlosscafés in Schwerin, dem man „soziales Engagement“ bescheinigt, weil er „nur“ neun Kellner und Köche zu entlassen gedenkt. Grüngesinnte, die sich gegen die Restaurierung alter Stadtviertel wehren, weil sich in den Ruinenlandschaften der Zentren vieler DDR-Städte Biotope voller Eulen und Fledermäuse entwickelt haben.

All diese Geister, die niemand gerufen haben möchte und die doch da sind, gespenstern durch eine Szenerie voller Widersprüche. Die neuen Bundesländer als große Bühne, auf der man vor offenem Vorhang schnell die Dekorationen wechselt. Schilder, Aufschriften, Portale im sozialistischen Einheitsdesign werden hastig mit ein paar Aufklebern konsumgesellschaftsfähig gemacht; und an den Bruchlinien zwischen Alt und Neu werden auch die eigenen Verzerrungen, die des Westens, offenbar.

„Kontakt“ und „Konsum“ mutieren zu „Spar“ und „Hertie“, „Zeitungen“ erhält man ab sofort im „Presseshop“, „Moden für die Dame“ im „Super-Paradies“ und im „Salon des Herrn“ ist neuerdings ein ganzes „Hair Cosmetic Team“ beschäftigt. Statt Imbissen gibt’s in der Bude an der Ecke „Snacks“, und Zigarettenwerbung findet man in solcher Dichte, dass man meinen könnte, Herr Stuyvesant sei der jeweilige Bürgermeister und das Kamel das Wappentier des Landes.

Währen so auch in den Regalen von Selbstbedienungsläden noch da und dort Spuren der Vergangenheit zu finden sind, hat man die Straßennamen inzwischen schon gründlich von kommunistischem Unrat – oder was man jeweils dafür hält – gesäubert: Karl Liebknecht, Ernst Thälmann und, selbstverständlich, Lenin wurden aus den Stadtbildern gedrängt und durch geografische Begriffe, alte Dichter oder die Jungfrau Maria ersetzt. Geradeso wie irgendwann nach dem Zweiten Weltkrieg geografische Begriffe, alte Dichter und – selbstverständlich – die Jungfrau Maria aus den Stadtbildern gedrängt und durch Karl Liebknecht, Enst Thälmann oder Lenin ersetzt worden waren. Im Buchgeschäft an der Ecke werden Rosa Luxemburgs „Gesammelte Werke“ zum Sonderpreis feilgeboten. „Karl-Marx-Stadt“ heißt wieder Chemnitz, „Kollektiv“ und „Kombinat“ sind nur mehr Chiffren der Vergangenheit, und über dem einstigen „VEB Kaltwalzwerk“ in Oranienburg steht jetzt schlicht: „Krupp Stahl“. Und trotzdem steigt die Arbeitslosenrate Tag für Tag.

Die Geschichte schlägt Purzelbäume. Noch nicht einmal drei Jahre ist es her, dass Regimegegner mit dem Transparent „Straffreiheit für Honecker“ zur großen Demonstration auf den Berliner Alexanderplatz zogen – zu einer Zeit, da Erich Honecker zwar nicht mehr im Amt, aber durchaus noch in Würden war: ein typisch ironisches Aperçu aus dem DDR-Untergrund. Heute sitzt Honecker tatsächlich ein; und wieder sieht man Menschen mit der Losung „Straffreiheit für Honecker“ durch Berliner Straßen marschieren, andere als damals – darunter solche, die im November 1989 ihre Protestiererkollegen vom Alexanderplatz am liebsten ins Gefängnis geworfen hätten.

Die Geschwindigkeit des Wechsels lässt Irritation zurück. Nix ist fix in diesen Tagen; und die verzweifelte – und vergebliche – Suche nach Halt treibt viele zur Flucht vor der Realität: sei es in die Obhut obskurer Sekten und nicht weniger obskurer politischen Vereinigungen oder auch in die wunderbaren Welten der Television, die man neuerdings bevorzugt – und jeder für sich – via Satellit ins Wohnzimmer holt; wie die Pocken oder Feuchtblattern wuchern die einschlägig bekannten Schüsseln zwischen Dresden und Rostock aus Mietskasernen und Villen, aus frischen und brüchigen Fassaden hervor.

„Man muss sich eben anpassen“, meint Herr Eschenburg, Fotograf im Ostsee-Badeort Warnemünde. „Früher, wenn man gar nicht mehr wusste, was man der Oma zum Geburtstag schenken sollte, hat man ihr eben ein Foto geschenkt. Heute ist es damit vorbei. Da mache ich mehr Buchillustrationen. Und ein wenig Werbung hie und da.“ Neue Märkte, neue Chancen.

Auch für die Fischer des Kutters „Chemnitz“. Seit zwei Jahren wird die „Chemnitz“ nur mehr im Fremdenverkehr eingesetzt. „Nach der Wende ist sie vom Fischfang abgemeldet worden – wie 20 andere Schiffe der Fischereigenossenschaft Rostock; dafür hat man von der EG eine Prämie bekommen“, erzählt der Fischer, während er Bückling- und Makrelenfilets aus dem Räucherofen holt und serviert. Im Übrigen seien die Erträge im Fischfang ohnehin immer mehr zurückgegangen – als Folge von „Überfischung“ und Umweltverschmutzung. Wir passieren zwei Frachter. „Haben sie zufälligerweise 17 Millionen D-Mark dabei?“, fragt der Steuermann. 17 Millionen D-Mark – das sei der Preis für einen der beiden. „Die sind in der Rostocker Werft noch für die Sowjetunion produziert worden. Aber die gibt’s ja nicht mehr; und Russland ist bankrott. Also sind beide noch zu haben. Greifen Sie zu, solange der Vorrat reicht.“

Ein Einfall, immerhin. Und während man in der Ostberliner „Distel“ wehmütig den Träumen von einem „dritten Weg“ nachhängt – „einer DDR ohne Mielke, mit ein paar Bananen und ein bisschen Reisefreiheit“ -, berichtet mir der Schriftsteller Radjo Monk aus Leipzig: „Ignoranz, Dummheit und Gewaltbereitschaft scheinen, trotz ziemlich eindeutiger Problemlagen, zuzunehmen. Als Ex-DDRler sind wir einige realpraktizierte Phänomene aus dem dadaistischen und surrealistischen Absurditätenkabinett gewöhnt. Dass es da noch Steigerungen gibt, schien eher unwahrscheinlich. Man lernt nie aus.“

Aber lernen wir auch etwas dazu?


Wolfgang Freitag, „Die Presse“, „Spectrum“, 31. Oktober 1992