Wiens Flaktürme: Brüten, ausschlüpfen, runterfallen

Sechs Flaktürme, Stahlbeton-Kolosse, Tausende Tonnen schwer, stehen seit dem Zweiten Weltkrieg in Wien. Hinter den vermauerten Eingängen des Geschützturms im Augarten nähren sich Tauben von Tauben.


Man muss kein zweiter Houdini sein, um ein paar zehntausend Tonnen Stahlbeton auf eins, zwei in Nichts auflösen zu können. Fast jeder Wiener ist dazu in der Lage, und viele tun es auch. Die Probe aufs Exempel? Begleiten Sie mich in Gedanken auf einem kleinen Spaziergang: Sie kommen vom Minoritenplatz her durch das pseudogaslaternen-verseuchte Fußgängerzönchen zwischen Außenministerium und Bundeskanzleramt auf den Ballhausplatz. Gehen Sie noch ein Stück weiter, vorbei am Eingang zur Präsidentschaftskanzlei, bis sich vor Ihnen der Heldenplatz in seiner ganzen Größe öffnet. Und jetzt lassen Sie den Blick schweifen.

Sie sehen vor sich, zwischen den Laubhäuptern halbhoher Rosskastanien: die Neue Hofburg, die Denkmäler von Prinz Eugen und Erzherzog Karl, dahinter das Burgtor, dahinter das Kunsthistorische und das Naturhistorische Museum. Und dahinter? Den heiß umstrittenen Messepalast? Nein. Der wird vom dichten Blattdach der Alleebäume entlang der Ringstraße verdeckt. Also nichts mehr? Schon ist es Ihnen gelungen, das Kunststück: Sie haben einen ganzen Flakturm aus Ihrem gedanklichen Stadtbild eliminiert.

Wenn Sie durch das Burgtor schreiten, sehen Sie ihn schwer auf dem Dach der ehemaligen Hofstallungen hocken: Er, das ist eine gewaltige, an archaische Zeiten gemahnende Silhouette. Vielleicht haben Sie ihn bisher auch von dieser Stelle aus noch nie wirklich wahrgenommen, den Flakturm in der Stiftskaserne. Oder Sie haben ihn gleich wieder aus Ihrer Erinnerung getilgt. Genauso wie ich. Er ist da und doch nicht vorhanden, ausgelöscht, ein blinder Fleck im Bewusstsein.

Zugegeben: Verglichen mit manchen Monstrositäten, die man dem Nachkriegs-Wien inzwischen beschert hat – man denke an das neue AKH oder die Vollwertbeglückungsungeheuer in Alterlaa – nehmen sich der Flakturm in der Stiftskaserne und seine fünf Riesenbrüder im Esterházypark, im Arenbergpark und im Augarten geradezu gnomenhaft aus. Vernachlässigbare Größen – vom Kahlenberg oder von der Perchtoldsdorfer Heide aus betrachtet.

In Wahrheit sind weit mehr als 100.000 Tonnen besten Stahlbetons, in sechs Portionen nahe dem Kern einer Millionenstadt positioniert, jedoch keine vernachlässigbare und schon gar nicht eine zu übersehende Größe. Zumal ihre Standorte nicht nur strategisch ausgeklügelt, sondern auch – so ihr Architekt, Friedrich Tamms – nach städtebaulichen Geschichtspunkten gewählt sind. Es ist kein Zufall, dass der Flakturm in der Stiftskaserne genau in der Achse der Wiener Burg errichtet ist. Genausowenig ist es Zufall, wie sich die beiden Flaktürme im Augarten – präzise an zentralen Punkten – in das komplizierte Wegenetz dieses ältesten Barockgartens Wiens fügen.

Womit auch schon auf eine weitere Besonderheit der „Schießdome“- so hat sie Herr Tamms genannt – hingewiesen ist: Flaktürme gibt’s nur im Duett; ein „Befehls-“ oder „Leitturm“ ist immer mit einem „Geschützturm“ gepaart. Allein wären sie nichts. Zu zweit waren sie nicht viel mehr. Militärisch gesehen. „Die militärischen Stellen waren an den Türmen im Lauf der Zeit immer weniger interessiert, da sie nicht diejenige Wirkung zeigten, die man sich ursprünglich von ihnen versprochen hatte“, gestand Friedrich Tamms nach dem Krieg ein. Und der Architekturkritiker Jan Tabor subsumierte: „Ohne die militärische Zweckmäßigkeit dieser Bauten völlig verneinen zu wollen, wurden Sie von Anfang an und vor allem als ,Stimmungsarchitektur‘ konzipiert.“

Tatsächlich scheinen sie nach denselben Gesetzmäßigkeiten errichtet, die ihr Konstrukteur 1944 an der großen Pyramide von Gizeh rühmte: „Sie ist ein Monument aller und für alle Zeiten. Infolgedessen ist sie im üblichen Sinne ohne Gebrauchswert. Sie ist nutzlos wie eine reine Plastik. Aber sie ist Träger einer Idee, eines elementaren Gefühls für Kraft, Beständigkeit und Lebenswillen.“ Flaktürme als Monumente der Megalomanie eines menschenverachtenden Regimes.

Darauf deuten auch jene zwar nicht wirklich zu belegenden, aber hartnäckig kursierenden Gerüchte hin, es sei für die Zeit nach Krieg und Endsieg geplant gewesen, die Flaktürme mit schwarzem Marmor zu verkleiden. Einer von vielen Mythen, die sich wie unsichtbarer Efeu um die Betonriesen ranken. Und die auch die ohnehin spärlichen Fakten allmählich überwuchern.

Fridolin Schöwiese hat für seinen 1991 gedrehten Film über den Flakturm im Esterházypark ausfühlich recherchiert. Das Ergebnis: „Es gibt kaum Unterlagen. Der Rest sind Gerüchte, Märchen, Geschichten. Ich hab mich eine Zeitlang als Tourist ausgegeben und die Leute gefragt, was diese seltsamen Bauten sein sollten. Was ich da gehört hab’, war unglaublich. Geschichten von gehenkten russischen Soldaten, die dort eingemauert sind, und Ähnliches mehr.“

Meine eigene Blitzumfrage unter Augartenbesuchern fördert allerdings wenig Mythologisches zutage: Die meisten sind sich ihrer Sache, was den derzeitigen Inhalt des Augartengeschützturms betrifft, ziemlich sicher: „Dreck und Tauben.“ Ganz genau weiß es freilich Kurt Palm; für seine gemeinsam mit dem rührigen „Aktionsradius Augarten“ veranstaltete Performance „Fremdkörper Flakturm“ ist der Wiener Theatermacher mit einem Filmteam in den Geschützturm gestiegen. Mit Hilfe eines Krans bei einem Loch in rund 30 Meter Höhe – denn die ehemaligen Eingänge sind schon längst vermauert.

Palms Bericht: „Es ist eine ganz bizarre, hermetische Welt, in der sich in den vergangenen 40 Jahren eine eigene Fauna entwickelt hat, die hauptsächlich aus Tausenden Tauben besteht. Nester zwischen toten Tauben, in Steinen, überall. Die Geräuschkulisse da drinnen ist phänomenal. Es ist, als wäre man in der Unterwelt.“ Auch Fridolin Schönwiese hat sich schon in den Bauch des Beton gewordenen Architektentraums von Monumentalität gewagt: „Der Augartenturm, der hat eine Geisterbahnatmosphäre, durch diese Tauben, die schon so degeneriert sind. Die dürften brüten, ausschlüpfen und runterfallen, weil alles dunkel ist, und sich unten aber von den Kadavern der vorher heruntergefallenen ernähren. Da leben Kreaturen mit roten Köpfen, die auch klein bleiben; das ist ein einziger Tuberkuloseherd. Stickige, heiße Luft. Es ist wie in einem Krematorium. Wohl auch ein Metapher dafür, wie man damit umgeht.“

Die Faszinatioon, die gerade vom Geschützturm im Augarten ausgeht, lässt sich durch sein groteskes Innenleben freilich nicht erklären: Dieser Bau ist auch von außen unter seinesgleichen ein „Unikat, unglaublich beeindruckend“, meint etwa Dietlind Erschen, Autorin einer Studie zum Thema „Nutzung der Flaktürme für Bedürfnisse der Wohnbevölkerung“: „Auf den war der Tamms ja auch sehr stolz.“ 55 Meter hoch erhebt er sich über Rosenbeete und Laubbäume, unantastbar und gleichzeitig Symbol der Vergänglichkeit: An seiner Nordseite klafft in der zweieinhalb Meter dicken Wand ein gewaltiger Riss. Weder „Verwitterung“, noch ein „Bombentreffer“, wie manche Passanten vermuten, haben ihm diese Wunde beigebracht, sondern – spielende Kinder.

Die „Österreichische Zeitung“, das Blatt „der Sowjetarmee für die Bevölkerung Österreichs“, berichtet am 22. November 1946: „Gestern nachmittag waren in der Inneren Stadt und in Brigittenau einige starke Detonationen zu hören, die von einer Explosion im Flakturm Augarten herrührten. Wie festgestellt werden konnte, haben Kinder im Turm ,Krieg‘ gespielt und dabei eine Schnur, die sich zum Unglück als eine lange Zündschnur erwies, angesteckt.“ Eine lange Zündschnur zu rund zwei Waggonladungen Flakmunition, die noch aus Kriegszeiten im Turm lagerten.

Aus Zeiten, in denen der Krieg für die Kinder im Turm kein Spiel war. In denen 16-jährige Schüler die Flakbatterien rund um Wien verstärkten. Und mit ihnen die 18- bis 20-jährigen „Arbeitsmaiden des weiblichen Reichsarbeitsdienstes“ und sogenannte „Flak-V-Soldaten“ – „flakverwendungsfähige“ Kranke und Gebrechliche aller Art. Aus Zeiten, in denen das Betreten des Augartens nur „Ariern“ gestattet war. Und in denen die Flaktürme der einzige sichere Zufluchtsort bei Bombenangriffen waren.

Ein älterer Herr auf einer Parkbank erinnert sich: „Das war enterisch. Die Flak hat g’schossen, die Bomben san g’schmissen worden. Es war unangenehm, aber auch beruhigend, weil man gewusst hat, da drin kann nix passieren.“ Und eine Dame, ein paar Schritte weiter, ergänzt: „Drinnen war alles schiach. Betonstiegen und so Gänge. Da hat wohl ein Licht gebrannt, aber alles war nur so roh. Grauslich.“ Jedoch: Man konnte wenigstens sicher sein, nicht wie so viele andere, im Luftschutzkeller verschüttet, elend zu krepieren.

„Das is ein schönes Denkmal vom Krieg“, meint eine weitere Parkbesucherin. Schön? Wie auch immer: ein „Denkmal vom Krieg“ gewiss. Und auch ein Mal, das viel über die unmittelbare Nachkriegszeit erzählt. Fridolin Schönwiese: „Alles, was aus Metall ist, wurde nach dem Krieg rausgerissen. Im Geschützturm im Augarten gibt’s ein Stockwerk, da hat man fein-säuberlich alle Stahlträger abmontiert. Da gab’s natürlich Altmetallhändler, die sich darum bemüht haben, alles Mögliche herauszuholen.“ Heute fühlen sich andere Gruppen von den Türmen magisch angezogen – trotz vermauerter Eingänge, schuttüberhäufter Treppen, grässlichen Gestanks: „Als wir auf dem Augartenturm waren“, erinnert sich Schönwiese, „war auf dem obersten Plateau aus Schottersteinen ein Hakenkreuz gelegt.“ Flaktürme als Walhalla der Neonazi-Szene?

Andere Städte haben sich des Flakturmproblems schon früh entledigt. In Berlin hat man nach dem Krieg buchstäblich Gras über die Sache wachsen lassen. Tamms’ Betonkolosse wurden gesprengt, über die Trümmer häufte man Kriegsschutt und das Ganze begrünte man schließlich. So kam das eher flache Berlin zu ein paar hübschen Hügelchen, die ihre martialische Vergangenheit kaum mehr ahnen lassen.

In Hamburg wiederum hat man Fenster in die Türme geschnitten. Nur in Wien stehen sie noch so, als wäre der Krieg eben erst zu Ende gegangen. Was mehrere Gründe hat: Zum einen sind sie die jüngsten, bestgebauten und größten Exemplare ihrer Spezies. Zum anderen waren hierorts trotz monatelanger Bombardements gerade die Viertel rund um die Flaktürme so weit intakt, dass an eine Sprengung wie in Berlin a priori nicht zu denken war.

Die Flaktürme anderweitig zu nutzen, fehlte es zwar nicht an Ambition, jedoch meist an Geld. Die Vorschläge, die Dietlind Erschen in ihrer Studie 1986 entwickelte, sind nur die jüngeren Glieder einer langen Kette. „Viele von ihnen spiegeln in charakteristischer Weise die Zeit wider, in der sie entstanden sind“, meint Fridolin Schönwiese. „In den Fünfzigerjahren gab’s häufig Ummantelungsvorschläge; Ziel war, diese Dinger einfach unsichtbar zu machen. In den Sechzigerjahren wiederum waren utopische Projekte angesagt. In den Siebzigern schließlich wollten Hippies die Flaktürme anmalen, mit irgendwelchen Friedenstauberln.“ Von Herrn Christos Ambitionen ganz zu schweigen.

All das blieb bedrucktes Papier. Wie die Pläne von Dietlind Erschen. Hans Müller, in der Burghauptmannschaft Verwalter von vier der sechs Türme, weiß, warum: „Im Verhältnis zum Preis bekommt man relativ wenig Nutzfläche heraus. Was immer man macht, es kostet mehr als ein Neubau.“

Fazit: Der Flakturm in der Stiftskaserne wird weiterhin der Landesverteidigung zu dienen haben; sein Kompagnon im Esterházypark wird weiterhin als „Haus des Meeres“ Hai und Klapperschlange in einem bescheidenen Teil seiner Kubatur beherbergen. Die übrigen paar Quadratmeter verbauter Fläche? Die wird man weiterhin, so Hans Müller, „wenig fantasievoll“ verwenden: „Im Arenbergpark hat das Wissenschaftsministerium eine Nutzung angemeldet, als Lager für die Museen, glaub’ ich.“ Und im Augarten wird nichts so bald die kontinuierliche Entwicklung skurriler Taubenbiotope stören.

Wer werden die Flaktürme, unsere Flaktürme als Teil Wiens, als Teil unserer Geschichte akzeptieren müssen. So, wie sie sind. Ungeschönt, roh, herausfordernd. Stachel im rosig-zarten Architekturfleisch der Tourismusmetropole.


Wolfgang Freitag, „Die Presse“, „Spectrum“, 26. Juni 1993