Theaterpolizei: Abschalten kann man da nicht mehr

Seit Kurzem beobachte ich an mir merkwürdige Veränderungen. Theater betrete ich nur mit Maßband in der Tasche. Und ab und zu schleiche ich auf eine Bühne, Schere und Feuerzeug gezückt. Die Wiener Theaterpolizei: eine Recherche und ihre Folgen.


Vorspiel vor dem Portier. Ein Vorstellungstag wie jeder andere. Eineinviertel Stunden noch, dann hebt sich auf der Bühne der Vorhang. Vor der Portiersloge eines Wiener Theaters sind versammelt: ein Oberbrandmeister, ein Polizeijurist, ein Sicherheitswachebeamter, ein Kriminalbeamter, ein junger Brandschutzbeauftragter des Hauses, ein Journalist (als Gast) sowie – ein Vertreter der Magistratsabteilung 35, Gruppe V, vulgo Theaterpolizei.

Theaterpolizei? Ein letzter Rest von Zensur? Keineswegs, versichert Harald Haschke, Leiter dieser Behörde, und mit der Bundespolizei hat das Ganze auch nichts zu tun: „Technische Sicherheitsbestimmungen, technische Überwachung, technische Genehmigungen in Bezug auf Menschenansammlungen, das ist unser Metier. All das, was es an Veranstaltungen gibt, wird von uns genehmigt und überprüft.“ Neben Theater und Kino sind Diskotheken, aber auch Ringelspiel, Autodrom und Geisterbahn im Prater, alles in allem rund 2000 Veranstaltungsstätten in Wien Verantwortungsbereich von Haschke und seinen Mitarbeitern. Wo sie hinkommen, bangen Regisseure um ihre besonders kreativen Regieeinfälle, Bühnenbildner um ihre extravaganten Ausstattungen. Wird das Publikum irgendwie gefährdet? Sind die Prospekte am Ende nicht brandsicher präpariert?

An Haschkes Mannen führt kein Weg vorbei. Nicht nur bei der Abnahme von neuen Inszenierungen: In den vom Wiener Veranstaltungsstättengesetz so genannten „Volltheatern“ sind sie täglich zu Besuch – beim gesetzlich vorgeschriebenen Behördenrundgang. „Dabei gehen wir mit den Kollegen von Polizei und Feuerwehr durch alle Räume einer Bühne und kontrollieren die Notbeleuchtung, die Ausgänge – damit die Besucher sicher sein können.“

Intermezzo: Juristisches. Das Wiener Veranstaltungsstättengesetz unterscheidet zwischen Volltheatern, das sind Theater, „die mit einem eigenen Bühnenhaus ausgestattet sind und sich daher insbesondere für Theateraufführungen unter Verwendung eines großen szenischen Apparates eignen“, und Saaltheatern, das sind solche, die Erstes nicht haben und sich für Zweites nicht eignen. Meint das Gesetz. Konkret: Jede Wiener Großbühne von der Burg bis zur Josefstadt ist ein Volltheater, praktisch alle Klein- und Mittelbühnen sind Saaltheater. Für beide Bereiche gelten unterschiedliche Bestimmungen.

Die Gruppe vor der Portiersloge formiert sich zum Händeschütteln. Harald Haschke hat es sich nicht nehmen lassen, diesmal selbst den Behördenrundgang zu leiten. Schließlich will sich „ein Herr von der Presse“ in die Geheimnisse theaterpolizeilicher Künste einweihen lassen. „Stört es jemanden, wenn ich das Band mitlaufen lasse?“ Harald Haschke hat nichts dagegen, der korpulente Herr Polizeijurist auch nicht, im Prinzip, nur werde gewiss – hält er nachdrücklich fest – die Unbefangenheit der Behördenrundgänger leiden, wenn sie sich mikrofonisch belauscht wissen. Eigentlich sei es ihm sehr viel lieber, wenn . . .

Der Recorder bleibt weggepackt. Das muss einem behördliche Unbefangenheit schon wert sein. Der Herr Polizeijurist atmet hörbar auf. Und präsentiert, mit der Grandezza des versierten Konzeptbeamten, das Büchlein, in das die Aufsichtsorgane jedes Abends eingetragen werden. Darunter: die Rubrik „Vorfälle“. Was fällt so vor? „Hier notieren wir zum Beispiel, wenn der Herr Bundespräsident anwesend ist.“ Und sonst? „Verletzungen, Ohnmachten, Bombendrohungen.“ Das Staatsoberhaupt und andere Störfälle.

Durchdringendes Klingeln. „Der Feueralarm wird getestet.“ Was immer an für Laien Unverständlichem geschieht, Harald Haschke erklärt es mir bereitwillig. „Das passiert jeden Tag um diese Zeit. Sie sehen: Niemand reagiert. Wenn ‘s zufällig wirklich einmal um diese Zeit zu brennen begänne . . .“ Mildes Lächeln. Der stille Humor des Theaterpolizisten.

Wirklich gebrannt hat es am 8. Dezember 1881. Unmittelbar vor der zweiten Vorstellung von „Hoffmanns Erzählungen“ bricht auf der Bühne des Wiener Ringtheaters ein Feuer aus. Ein Schauspieler des Theaters berichtet der „Neuen Freien Presse“: „Ein Arbeiter war bei der Soffittenbeleuchtung mit seiner langen Stange, an welcher vorne die Spiritusflamme angebracht war, einem Schleiervorhang zu nahe gekommen. Sofort leckte das Feuer am Bühnenvorhange empor bis zum Schnürboden. In demselben Momente hatte auch schon das Feuer den Bühnenvorhang durchbrochen, der mitten entzweibarst, und die Flamme, vom Luftdruck getrieben, schoss hinaus in den Zuschauerraum.“

Panik bricht aus. Alles drängt den Türen zu. Es wird finster im Haus. Erst elf Minuten nach Beginn des Brandes wird die Feuerwehr verständigt. Kurze Zeit später sind wohl alle im Gebäude zurückgebliebenen Menschen tot. 386 Leichen liegen verkeilt in zu engen Gängen und auf zu schmalen Treppen, vor verschlossenen Notausgängen. „Nach den Erhebungen der Polizei“, subsumiert die „Neue Freie Presse“, „ist der große Umfang der Katastrophe darauf zurückzuführen, dass die Gasleitung (für die Beleuchtung) aus Besorgnis vor einer Explosion abgesperrt wurde und dass, weil die vorschriftsmäßigen Öllampen nicht brannten, vollständige Finsternis herrschte und dass endlich die Drahtcourtine (eine Art Eisener Vorhang) nicht herabgelassen wurde.“

Weil erst dann etwas geschieht, wenn etwas passiert ist, hat Wien seither, zum Leidwesen nicht weniger Theatermacher, ein besonders strenges theaterpolizeiliches Reglement – und keine großen Theaterkatastrophen mehr.

Erster Akt. Endlich ist der Vertreter der Hausinspektion vor der Portiersloge eingetroffen. Der behördliche Tross kann sich in Bewegung setzen. Zunächst in Richtung Zuschauerraum. Hier wird die Hausalarmanlage getestet: eine Telefonanlage, mit der Mitarbeiter des Hauses den Techniker auf der Bühne während der Vorstellung – einigermaßen diskret – von eventuell sich anbahnenden Katastrophen verständigen können. Da und dort klappt Harald Haschke einen der Sitze nach unten: Kaum lässt er ihn los, schnellt die Sitzfläche zurück – auch das will getestet sein. „Stichprobenartig“ heißt das im Fachjargon.

„Die Dekoration ist stichprobenartig überprüft und in Ordnung befunden.“ Hunderte, ja Tausende Male findet sich dieser Satz in den „Dienstbüchern“ Wiener Theater, in denen „vom Magistrat erteilte Aufträge beziehungsweise erlaubte szenische und technische Effekte schriftlich festgehalten“ werden. Harald Haschke: „Bei den Generalproben gibt es eine behördliche Abnahme jeder Inszenierung. Unabhängig davon werden die Dekorationen von einem unserer Werkmeister überprüft.“ Stichprobenartig, versteht sich: „Wenn ich einen Vorhang von 200 Quadratmetern auf seine Entflammbarkeit testen will, muss ich natürlich ein Stückchen herausschneiden.“ Freilich: Nicht nur mit Schere und Feuerzeug werden die Künste der Theatermacher auf ihre Unbedenklichkeit kontrolliert. Das scharfe Behördenauge erkennt auch Publikumsbedrohungen, die aus dem Ablauf von Szenen entstehen könnten – und der spitze Behördenstift trägt sie ins Dienstbuch ein. „Ein Abgang mit brennender Zigarette durch den Zuschauerraum wird untersagt.“ Oder: „Sollte eine Banane im Gehbereich des Publikums zu liegen kommen, ist sie unverzüglich zu entfernen.“ Oder: „Durch Anschlag sind gehörempfindliche Personen auf den im Stück vorkommenden Schuss aufmerksam zu machen.“ Harald Haschke weiß: „Man sagt mitunter, wir seien zu penibel. Aber wir sind keine Behinderer oder Verhinderer. Wir helfen durch unsere Genehmigungen, die Verantwortung zu teilen. Aber wir erwarten, dass die Auflagen, die wir vorgeben, dann auch erfüllt werden. Freiheit der Kunst? Ja. Aber die Freiheit kann nicht überall bestehen. Sonst wird irgendjemandem geschadet.“

Der Tross hat wieder das Foyer erreicht. Hier folgt – speziell für den Gast – ein Kurzkurs zum Thema Funktion der Notbeleuchtung: seit dem Ringtheaterbrand ein Licht, das nie verlöschen darf. Einen Zuschauerraum vollkommen verdunkeln zu wollen ist ein verwegenes Ansinnen. Nicht nur in Wien. Man denke an den Skandal, den Claus Peymann gleich bei seinem ersten Auftritt in Österreich – bei den Salzburger Festspielen 1972 – mit der Idee auslöste, während der letzten beiden Minuten von Thomas Bernhards „Der Ignorant und der Wahnsinnige“ das Notlicht des Salzburger Landestheaters abzuschalten. Ein Einspruch der Behörde und Peymanns Beharren ließen schließlich die Produktion platzen. „In meiner Komödie hat es am Ende vollkommen finster zu sein, auch das Notlicht muss gelöscht sein“, ließ Jahre später Thomas Bernhard seinen „Theatermacher“ sagen. Und: „Wenn uns nicht erlaubt wird, das Notlicht abzudrehen, spielen wir nicht.“

Mittlerweile ist Thomas Bernhard tot und Claus Peymann kein junger Wilder mehr. Wenn es im Burgtheater so richtig finster werden soll – wie etwa in der Strehler-Inszenierung der „Riesen vom Berge“ -, decken Billeteure für die gewünschte Zeit das ewige Theaterlicht mit kleinen Blenden ab. Die Notbeleuchtung leuchtet – aber man sieht sie nicht. Die österreichische Lösung.

Durch die Brandschutztür verlassen wir den Zuschauerraum und wechseln in das Bühnenhaus. Erstes Ziel: die Künstlergarderoben. „Hier wird besonders darauf geachtet, dass nicht geraucht wird und dass keine brennbaren Substanzen vorhanden sind“, erläutert Harald Haschke. Benzinkanister im Kleiderschrank? Spirituslebensbedarf hiner der Zentralheizung? Die Gefahr dräut überall. Immerhin: Was an Leichtentzündlichem für Schminkzwecke erforderlich ist, darf vorhanden sein.

Die Visite: Klopfen an der Tür, kurzer Rundgang durch die Künstlerkemenate, forschender Blick über Schminktische hinweg, in Kästen hinein. Die Umkleideräume der Herren überprüft Harald Haschke, stets sachlich und korrekt, praktisch im Solo, bei den Damen erhält er allseitige Unterstützung. Wer auch da diskret im Hintergrund bleibt, fällt auf. Jovial beugt sich der Herr Polizeijurist vor der Tür mit dem Schild „Ballett – Damen“ zu mir. „Gehn S’ doch hinein, ich sage Ihnen, es zahlt sich aus!“ Das kommt davon, wenn einer richtig unbefangen ist.

Zweiter Akt. Endlich auf der Bühne. Dekorationsteile, Requisiten, alles ist für die abendliche Vorstellung bereit. Die Brandklappen werden überprüft. Dann ist der Eiserne Vorhang an der Reihe. „Lassen Sie bitte die Kurtine runter.“ 16 Tonnen hat das Monster und es senkt sich mit einer Geschwindigkeit von einem Meter pro Sekunde. „Wenn da einer im Auslösungsfall seinen Fuß drunter hat . . .“ Auch in der Hausinspektion lacht man gern.

Der Eiserne alias die Kurtine: wie die Notbeleuchtung eine behördliche Tabuzone. Das Trauma des 8. Dezembers 1881 auf Schritt und Tritt. Als Gert Voss’ Richar III. 1978 mit brennenden Kerzen vor der Kurtine des Burgtheaters wandelte, löste er – freilich erst lang nach der Premiere – eine veritable Staatsaffäre aus.

Und es muss nicht gleich offenes Licht sein. Selbst ein schlichter Teppich, über der Fallinie des Eisernen liegend, lässt behördliche Alarmglocken schrillen. „Heute ist es ohnehin schon besser als früher“, berichtet einer, der es wissen muss, aber wie so viele, mit denen man über die Theaterpolizei spricht, nichts gesagt haben will. „Es geht schon so weit, dass Darsteller vor dem Eisernen auftreten dürfen. Aber man muss es bei jeder Produktion aufs Neue anmelden.“

„Diese Kurtine ist T60. Oder ist sie T90?“ Der Herr von der Hausinspektion kommt ins Grübeln, Harald Haschke weiß Rat: „Sie ist T60, müsste aber nur T30 sein.“ Für den Nichttheaterpolizisten: Sie muss mindestens 30 Minuten einen Brand im Bühnenraum vom Zuschauerraum abhalten.

Intermezzo: die Sprache der Theaterpolizei. Gänge sind „Verkehrswege“, Dekorationen und Vorhänge „szenische Behelfe“. Und dann gibt’s noch die B1-Q1-TR1-Regel. Bedeutet schwer entflammbar, nicht qualmend, nicht tropfend – und gilt für sehr vieles, was auf einer Bühne steht. „Am Anfang hab’ ich geglaubt, die machen sich lustig“, gesteht mir ein Theatermacher der freien Szene, selbstredend unter dem Siegel der Verschwiegenheit. „Das ist eine Sprache, mit der man als Laie ungeheure Probleme hat. Außerdem klingt es manchmal, als wär’ es die Absicht der Zuschauer, sich zu verletzen, wenn sie irgendwohin kommen.“

Die Kurtine senkt sich programmgemäß. Alles in Ordnung. Mittlerweile hat sich die Oberbilleteurin zu uns gesellt. Die Behördenrundgänger formieren sich verschwörerisch zum Kreis. Ernst blickt man einander ins Angesicht. Imaginärer Trommelwirbel. „Kein Einwand“ lautet die Zauberformel, die Theatertore öffnet. Herr Haschke sagt’s. Die anderen werfen es als Echo zurück. Die Oberbilleteurin enteilt, um die Zuschauer ins Foyer vorzulassen.

Dritter Akt. Im Eilschritt aufwärts, dem Schnürboden zu. Wieder Garderoben. Endlich kommen wir im Reich der Züge an. „19,16 Meter sind wir jetzt über dem Bühnenniveau.“ Das weiß der Herr Hausinspektionist ganz genau. Vom Schnürboden komme alles auf die Bühne, was von oben kommt. Soffitten, Prospekte. Ein Blick nach unten lässt mich wohlig schaudern. Stimmt am Ende gar, was ein technischer Leiter einer Wiener Bühne mir einige Tage davor – natürlich streng vertraulich – anvertraut hat? „Die gefährlichsten Sachen reizen halt am meisten. Das Publikum möchte am liebsten einen Unfall sehen. Am schönsten ist es, wenn es wahnsinnig gefährlich ist. Laut Gesetz kann man ohnehin fast nichts machen, aber wenn man mit den zuständigen Behörden spricht, sind Kompromisse möglich.“ Harald Haschke umschreibt das so: „Unser Gesetz ist relativ klein. Und ich schätze das, denn dadurch haben wir sehr viel Handlungsfreiraum.“

Ein Freiraum, der zu bestimmten Zeiten und für bestimmte Bühnen – glaubt man vertrauenswürdigen, aber, selbstredend, anonym bleiben wollenden Informanten – besonders frei ist: „Mit unserer politischen Position ist vieles möglich“, erfährt man da kryptisch aus einem Wiener Theater. Oder: „Vor allem während der Wiener Festwochen passieren da Sachen, bei denen wir uns denken: Na, das muss nicht sein. Aber das sind Gastvorstellungen aus Ländern, in denen man manches erlaubt, was bei uns verboten ist.“

Abwärts geht’s, hinunter von den lichten Höhen des Schnürbodens. Noch ein paar Garderoben. Niemand raucht. Etwaig vorhandene Benzinkanister bleiben unentdeckt. Ein besonders launiger Darsteller fragt Harald Haschke, ob er nicht auch Lust habe aufzutreten. Hat er nicht. Und wie steht’s sonst um seine Lust im Theater, jenseits der Dienstzeit? „Ich gehe auch privat in Aufführungen. Aber abschalten kann man da nicht mehr. Ich schaue ganz automatisch auf Ausgänge, ich schaue, wo die Fluchtwege sind, schaue, ob die Verkehrswege frei sind, ob auf der Bühne alles seine Ordnung hat, automatisch, es geht gar nicht anders.“

Finale vor dem Portier. Der junge Brandschutzbeauftragte des Hauses muss einen Test bestehen. „Was tun Sie, wenn ich viermal läute?“ will Harald Haschke wissen. „Dann lasse ich den Saal räumen.“ Korrekt. Herr Haschke ist’s zufrieden. Der Herr Polizeijurist ist’s zufrieden. Der Herr Oberbrandmeister ist’s zufrieden. Kein Einwand. Noch einmal macht’s verschwörerisch die Runde. Dann stiebt die Gruppe auseinander. Der Herr Polizeijurist lädt mich noch auf eine Schale Kaffee in die Kantine ein. Dort erfahre ich einiges über Freud und Leid des Konzeptbeamten der Wiener Polizei und darüber, dass der Herr Polizeijurist den Theaterdienst sehr gern macht und dass die Zusammenarbeit mit den Herren von der Magistratsabteilung 35 so gut sei et cetera. Zum Schluss die – mittlerweile wohlbekannte – Bitte: „Unsere kleine Kantinenplauderei bleibt doch unter uns.“ Selbstredend. Diskretion Ehrensache. Auch wenn ich nicht genau weiß, was ich und warum ich es verschweigen soll.

Nachspiel. Seit Kurzem beobachte ich an mir merkwürdige Veränderungen. Theater betrete ich grundsätzlich nur mehr mit Maßband, Schere und Feuerzeug in der Tasche. Ich zähle die Stufen der Stiegen in Hauptverkehrswegen, denn ich weiß, dass dort „Einzelstufen und Doppelstufen nicht zulässig“ sind.Ich empöre mich über Holzpodien, die weder – wie gesetzlich vorgeschrieben – gehobelt noch schwer entflammbar gemacht sind. Und ab und zu schleiche ich mich auf eine Bühne, Schere und Feuerzeug gezückt, und überprüfe, ob die Dekorationen nicht wie Zunder brennen. Vielleicht sollte ich den Beruf wechseln. Ich werde darüber nachdenken.


Wolfgang Freitag, „Die Presse“, „Spectrum“, Samstag, 17. Juni 1995