Sankt Pölten: Hauptstadt – und keiner geht hin?

Sankt Pölten: Inbegriff des Provinziellen, der Langeweile, des Industriemolochs. Doch was bleibt vom Mythos des Miesen, hat man die Stadt an der Traisen erst einmal kennengelernt? Zum zehnten Geburtstag der jüngsten Landeshauptstadt: eine Erkundung.


Wer will Sankt Pölten? Kann man Sankt Pölten wollen? Darf man Sankt Pölten wollen? Die Stadt an der Traisen ist der Fußabstreifer der Republik. Jeder putzt sich an ihr ab. Sankt Pölten ist der Fluch für jene, die dort wohnen, und der Trost aller sonstwie Beladenen, denen wenigstens das erspart bleibt. Und niemand weit und breit, der „Gerechtigkeit für Sankt Pölten“ forderte.

So platt kann keine Pointe, so ekelhaft kein Kalauer sein, dass man unter Beifügung des Namens Sankt Pölten nicht doch Heiterkeitsstürme entfachen könnte. Berufshumoristen wissen das und nutzen Niederösterreichs rufgeschädigtes Herzstück zur Wiederverwertung ihrer gaudimaximalen Altlasten. Von Verballhornungen aller Art ganz zu schweigen: „Stinkpölten“ und „Sankt Blöden an der Trottel“ sind nicht nur in Kindermund und an Stammtischen, sondern auch in Intellektuellenzirkeln heimisch.

Die Malaise fängt also mit dem Namen an. „Sankt Pölten“ poltert ungelenk über die Lippen, als wär’s die komische Figur einer Hanswurstiade. Auch das ursprüngliche „Sankt Hippolyt“ nimmt sich nicht vorteilhafter aus. Wie lustig klang es anfangs, als sich – nach der Landeshauptstadtentscheidung – in den Wettermeldungen ein Sankt Pölten zwischen Eisenstadt und Linz drängte! Und weil bei der Vergabe der Kürzel für Österreichs Autokennzeichen das S von vornherein an Salzburg vergeben war, blieb für Sankt Pölten nur das P. P wie Pölten. P wie Provinz.

Freilich: Wie viele von denen, die sich da schamlos das Maul zerreißen über das provinzielle, das langweilige, das stinkende Sankt Pölten – und jetzt auch noch über das neue Regierungsviertel nebenan, das Verwaltungszentrum aus der Retorte, Klein-Brasilia an der Traisen et cetera -, wie viele von diesen Lästerern haben denn schon der neuen Landeshauptstadt ihre Aufwartung gemacht? Wie viele haben sich denn schon von der Westautobahn herabgelassen in die vermeintlich miefigen Niederungen kleinstädtischer Spießbürgerei, die in Wahrheit gar nicht so viel miefiger sind als die angeblich luftigen Höhen irgendwelcher Metropolen? Haben wir am Ende Angst, wir Nicht-Sankt-Pöltner, das Sankt Pölten in uns zu entdecken?


Herzogenburger Straße. Abgewohnte Mietskasernen, bröckelnde Fassaden, spielende Gastarbeiterkinder auf den Gehsteigen. Sankt Pöltens Glasscherbenviertel. Inmitten des Elends das Stammhaus der Sankt Pöltner Emmaus-Gemeinschaft: Auffangbecken für Obdachlose, Strafentlassene, Ausgestoßene auf dem Weg zurück in jene Gesellschaft, die sie ausgestoßen hat. Und über all dem, fast hundert Meter hoch, das eigentliche Wahrzeichen der Stadt: der Schlot der Glanzstoffabrik, alles weit überragend, auch den Dom, auch den Klangturm, das Statussymbol des neuen Regierungsviertels. Was Wien der Stephansdom und Salzburg die Festung, ist Sankt Pölten das unverwechselbare Gemisch aus Schwefeldämpfen, das den Hallen an der Herzogenburger Straße entströmt: unvergesslich jedem Besucher, weil – so scheint es – schier allgegenwärtig in jedem Teil der Stadt.

Auch in der Daniel-Gran-Straße 10, wenige hundert Meter Luftlinie von der Glanzstoffabrik entfernt. Hier hat der Arbeitsmarktservice seine regionale Geschäftsstelle. „Ich bin dankbar für jeden Tag, an dem’s noch stinkt“, meint Geschäftsstellenleiterin Klaudia Wrba lakonisch. Wo’s stinkt, da wird gearbeitet. Und wo gearbeitet wird, da ist noch nicht stillgelegt. Der Schreck über die teilweise Einstellung des Betriebs im Jahr 1994 sitzt tief. „Wenn die Glanzstoff zusperrt, das wäre für den Arbeitsmarkt hier eine Katastrophe.“

Die Abluftreinigung werde bereits in Angriff genommen, versichert Max Pasquali, Geschäftsführer von „Glanzstoff Austria“, auf Nachfrage eilig. Gemeinsam mit der Stadt habe man einen Dreistufenplan ausgearbeitet. Die erste Stufe – Reduktion des besonders geruchsintensiven Schwefelwasserstoffs um 70 Prozent – soll Ende 1997 erreicht sein. Freilich: Geduldig ist das Papier. Und auch die Politik, wenn’s um die Erhaltung von Arbeitsplätzen geht.


223.000 Kubikmeter Aushub, 221.000 Kubikmeter Beton, 17.000 Tonnen Stahl, 17.000 Pläne, Aufträge im Wert von mehr als vier Milliarden Schilling: Daten und Fakten zum aktuellen Stand des Regierungsviertelbaus. „Der nördliche Teil des Landhauses wird bis 15. November fertig sein, das Festspielhaus geht am 1. März nächsten Jahres in Betrieb“, berichtet Norbert Steiner, Vorstandsvorsitzender der regierungsviertelerrichtenden „Niederösterreichischen Landeshauptstadt-Planungsgesellschaft m. b. H.“, kurz NÖ-Plan. Ein paar Monate länger als zuletzt angenommen wird man also brauchen. Offizieller Grund: der lange Winter dieses Jahres. Hinter vorgehaltener Hand: die EU-Klage wegen der Bevorzugung niederösterreichischer Unternehmen bei der Auftragsvergabe.

Dennoch, selbst knapp fünf Jahre Bauzeit ist bei einem Projekt dieser Größenordnung beachtlich wenig. Dass in den breiten Boulevards zwischen den zukünftigen Beamtenburgen kaum ein Arbeiter zu sehen ist, täuscht: Längst hat sich der Schwerpunkt der Tätigkeit auf den Innenausbau verlagert. Und das Landhausschiff des Architekten Ernst Hoffmann lässt schon jetzt ahnen, wie souverän es dereinst über den Wassern schweben wird. Den Wassern eines künstlichen Beckens, versteht sich, denn auf die Wasserführung der Traisen ist nicht recht Verlass. Das einzig Hoffnungsvolle an Sankt Pölten sei die Traisen, lässt Erwin Riess in seinem Stück „Kuruzzen“ Fürst Starhemberg sagen. „Der Fluss führt zwar nur zur Schneeschmelze Wasser, dann aber reißt er die halbe Stadt weg.“ Riess’ „Kuruzzen“ wurden unlängst uraufgeführt. In Krems. Ein Zufall?


Krems und Sankt Pölten: Das sind Hund und Katz in Blaugelb. Hie die großbürgerliche Weinstadt mit Kulturattitüde, da das hemdsärmelige Industriezentrum, hie VP-, da SP-Übermacht, dazwischen ein Graben, der tief in die Geschichte reicht. So geht zum Beispiel „in Sankt Pölten die Mär, dass man in der Reichskristallnacht SS-Leute aus Krems zur Demolierung der Sankt Pöltner Synagoge holen musste, weil sich die traditionell rote Stadt Sankt Pölten für so etwas nicht zur Verfügung stellte“, erzählt die Historikerin Martha Keil, die derzeit an einer Geschichte der Juden in der Traisenstadt arbeitet.

Wie auch immer: Dass Altlandeshauptmann Siegfried Ludwig einst Krems als Hauptstadt vorgezogen hätte, ist Vermutung. Dass sich schwarzes Land und schwarzes Krems miteinander möglicherweise leichter getan hätten, als sich schwarzes Land und rotes Sankt Pölten heute tun, scheint außer Diskussion. Ein Beispiel von vielen: Weil sich Land und Stadt nicht auf einen Ort für eine neue Sporthalle einigen konnten, wanderte Halle samt Damenhandball-Weltmeisterschaft ab – nach Wiener Neustadt. Und wenn der Sankt Pöltner Kulturstadtrat, Siegfried Nasko, beklagt, er habe leider für den längst fälligen Umbau des Stadtmuseums kein Geld, dann vergisst er nicht hinzuzufügen, das liege auch daran, dass Sankt Pölten zur Landesförderung des Festspielhausbetreibers „Niederösterreichische Kulturszene“ zehn Prozent zuschießen müsse. Erbittert, Herr Nasko? „Nein, nein, das Geld wird schließlich für eine stadtbezogene Aktivität verwendet.“ Nachsatz: „Ich kann natürlich nicht prüfen, ob das stimmt.“

Völlig aus der Luft gegriffen sind allerdings alle Spekulationen, das Kampfflugzeug des Typs MiG 21, das im Hof der Sankt Pöltner Kulturverwaltung abgestellt ist, sei Teil eines magistratischen Aufrüstungskonzepts gegen die in Bälde anrückenden Landesbeamtentruppen. Dabei handelt es sich vielmehr um ein „Mahnmal gegen Wettrüsten und Krieg“, Restbestand der Ausstellung „Europa schrankenlos“ des Jahres 1994, mit der Sankt Pölten gegen die damalige niederösterreichische Landesausstellung in die Schlacht um das Publikum zog. Sagt man. Stimmt natürlich nicht.


Die Einkaufsstraße Metropol, unweit der mittlerweile von Plakaten aller Art zugewucherten Auslagen des vormaligen Forum-Kaufhauses. Strickers Bier- und Weinstadel. Schmankerlmarkt. Tropicfruchtbar. Tullnerfelder Bäckerei. Dritte-Welt-Laden. Man trifft sich beim Friedrich. Schriftzüge an der Wand, nicht mehr. Leere Vitrinen, leere Gänge, leere Lokale. Nur ein Wiener Elektrohändler hat überlebt – und der einsame Außenposten einer Textilkette. „Werte Kunden! Wir bauen für Sie das Ekazent Metropol um. Während des Umbaus durchgehend geöffnet. Wir danken für Ihr Verständnis. Die Geschäftsleitung“, verkündet ein Anschlag.

Der Kellner im Café vis-à-vis glaubt es besser zu wissen: „Die sind alle ausgezogen, weil das Geschäft nicht gut genug gegangen ist. Und außerdem war die Miete zu hoch. Schau’n Sie, es gibt das Einkaufszentrum Traisenpark im Norden, dann ein Einkaufszentrum im Süden, die neue ,Promenade‘ und das ,Metropol‘, das ist einfach zu viel.“

Schier angst und bang wird einem auch, wenn man auf der Bühne des neuen Festspielhauses steht und dem Rund des Zuschauerraums in den Rohbaurachen blickt. Wo sollen all die Menschen herkommen, die dieses Gebäude füllen? Dieter Rexroth, aus Frankfurt geholter Festspielhausleiter, hat etliche Ideen. Aber wenig Geld: 50 Millionen Schilling garantiert ihm das Land pro Jahr für den Betrieb von zwei Sälen mit insgesamt 1250 Sitzplätzen und für die Bespielung des Klangturms. Zu wenig, Herr Rexroth? „Wir müssen jetzt einfach einmal anfangen mit den Dingen, die wir schaffen.“ Und, grimmiger: „Die Motive für dieses Budget, die werden eines Tages andere zu verantworten haben.“ Ob er schon jemals bereut hat, vom Main an die Traisen übersiedelt zu sein? „Sind Sie mir sehr böse, wenn ich diese Frage nicht beantworte?“


Sankt Pölten ist mehr als Sankt Pölten. Sankt Pölten ist auch Eggendorf, Harland, Nadelbach, Oberradlberg, Unterradlberg, Viehofen, Spratzern, Pottenbrunn, Pummersdorf, Stattersdorf, Ratzersdorf – und wie sie sonst noch alle heißen, die 42 Katastralgemeinden der 108 Quadratkilometer großen Stadt. Auf die unterschiedlichste Weise tragen sie zum Ruhme Sankt Pöltens bei. Pottenbrunn mit seinem Renaissanceschloß, in dem das Österreichische Zinnfigurenmuseum einquartiert ist. Ratzersdorf mit seinem Freizeitzentrum. Unterradlberg mit Bier und Limonade. Und Stattersdorf mit der Pussycat Bar, dem einzigen Schimmer von rotem Licht in der Landeshauptstadt. „Die ist von der Frequenz und von der Turbulenz her zu vernachlässigen“, meint Polizeidirektor Helmut Gerzabek zu wissen. „Der Betrieb rennt eher schleppend, offiziell natürlich gar nicht, weil das im gesamten bewohnten Stadtgebiet verboten ist, da existiert eine Magistratsverordnung. Das heißt, die Bereiche, wo es erlaubt wäre, das sind Bereiche, die es eigentlich nicht gibt.“ Eingeschritten werde nur im Zusammenhang mit der „illegalen Beschäftigung der Damen und im Bereich Menschenhandel“. Schließlich: Die Prostitution selbst könne man halt nur „schwer nachweisen“.

Sankt Pölten: Stadt ohne Laster? Keineswegs! Schließlich wurde hier die Sexmesse für Österreich erfunden. „Erotica“, im Vorjahr erstmals vom Veranstaltungszentrum Sankt Pölten organisiert und heuer wegen des großen Erfolges gleich wiederholt, sorgte für allseitige Erregung, hatte man doch ausgerechnet Pfingsten als Termin gewählt. Rudolf Kleewein, Geschäftsführer des Veranstaltungszentrums, weist alle anderen denn merkantile Gründe für diese Wahl weit von sich: „Das hatte weder etwas mit Pfingsten noch mit dem Bischof Krenn zu tun, sondern einfach damit, dass da drei Tage frei sind. Das ist eine ganz simple wirtschaftliche Entscheidung. Im Winter werde ich die ,Erotica‘ nicht machen, wenn’s kalt ist und die Autobahn voller Schnee.“


Stell dir vor, Sankt Pölten ist Landeshauptstadt – und keiner geht hin. Als die Traisenstadt in der Landtagssitzung vom 10. Juli 1986 durch eine Änderung der Landesverfassung zur niederösterreichischen Landeshauptstadt avancierte, schien ein Bevölkerungsansturm auf die werdende Metropole gewiss. Die Verblüffung war groß, als das vorläufige Ergebnis der Volkszählung 1991 nicht einmal die 50.419 Einwohner von 1981 auswies: Gut 600 Menschen waren der jungen Hauptstadt abhanden gekommen. Und mit ihnen etliche hundert Millionen Schilling aus dem Finanzausgleich, der Gemeinden jenseits der 50.000er-Grenze höhere Steueranteile pro Kopf zubilligt.

Motivation genug für aufgescheuchte Landeshauptstadtväter, mit dem Hut in der Hand – so erzählt man sich – Sankt Pöltner Umlandgemeinden abzuklappern und um eine kleine Einwohnerspende zu bitten. Und, o Wunder: Das endgültige Volkszählungsergebnis 1991 weiß von genau 50.026 Sankt Pöltnern. Was tut man als kleiner Bürgermeister nicht alles, um den großen Landeshauptstadtbruder nebenan nicht zu vergrämen – und aus seinen prallen Budgettöpfen dann und wann naschen zu dürfen?


Wer sich nach Einsamkeit sehnt, nach vollkommener Abgeschiedenheit vom Leben und Treiben dieser Welt, der ist gut beraten, die Sankt Pöltner Fußgängerzone an einem lauen Sommerabend aufzusuchen. „Wenn’s sechs Uhr ist, dann werden die Straßen eingerollt, und die Leute verschwinden.“ Das Urteil einer „Zuagrasten“ ist keine böswillige Unterstellung, sondern Ergebnis mehrjähriger Erfahrung. Tatsächlich scheint sich die Stadt mit Geschäftsschluss völlig zu leeren. Zurück bleiben ein paar ganz und gar prächtige Barockfassaden – ohne einen Hauch von Leben rundum. Die Potemkinsche Landeshauptstadt. Selbst die Handvoll Lokale der Innenstadt, die der Erwähnung wert sind, scheinen sich verschreckt hinter den Häuserfronten zu verstecken. Der diskrete Charme Sankt Pöltens. Alles atmet Zurückhaltung bis zur Selbstaufgabe.

Doch wer soll an Sankt Pölten glauben, wenn nicht einmal Sankt Pölten selbst an sich glaubt? „Besonders stört mich hier, dass die Sankt Pöltner selbst die negativste Meinung über ihre Stadt haben, dass da nicht eine gewisse Liebe zu der eigenen Stadt ist“, bilanziert Peter Wolsdorff seine Erfahrungen. Seit 1991 ist der vornehme Herr aus Pommern Intendant des Sankt Pöltner Stadttheaters, das sich nun, um es beiden Herren, Land und Stadt, gleichermaßen recht zu machen, „Theater der Landeshauptstadt Sankt Pölten – Theater für Niederösterreich“ nennt. „Man trifft selten jemanden, der sagt, da müssen wir etwas tun. Es heißt immer: Nein, bei uns geht das nicht. In so einer Kleinstadt braucht’s schon ein bisschen mehr Initiative.“

Tatsächlich fällt auf, dass gerade im Kulturbereich fast durchwegs Nicht-Sankt-Pöltner den Ton angeben: nebst Wolsdorff die aus Persien stammende Mimi Wunderer, Leiterin des Erfolgsprojekts „Bühne im Hof“, die Wienerin Michaela Steiner, Gründerin der „Kulturplattform Sankt Pölten“, ihr Mann, der Tiroler und NÖ-Plan-Chef Norbert Steiner, nicht zuletzt der Deutsche Dieter Rexroth. Michaela Steiner: „Die Sankt Pöltner müssen lernen, dass man in vielen Fällen nicht mehr nach Wien fahren muss. So, wie die Sankt Pöltner ihre Stadt sehen, so ist sie eigentlich nicht. Die hat ihren liebenswerten Barockkern, und es wird sehr viel sehr Städtisches entwickelt, gerade im Bereich Architektur.“

An vielbeachteten Bauten wird es der Traisenstadt in nächster Zukunft sicher nicht mangeln, man denke etwa an die spektakuläre Festspielhauslösung des Steirers Klaus Kada. Und auch jenseits des neuen Regierungsviertels hat Sankt Pölten der architektonische Ehrgeiz gepackt: Für die Neugestaltung des Hauptplatzes etwa hat man Boris Podrecca engagiert, ein Unterfangen, das vor wenigen Jahren undenkbar gewesen wäre. Und das andernorts auch heute nicht selbstverständlich ist.

Meister der Baukunst führen übrigens auch die Liste der Sankt Pöltner Berühmtheiten an: Franz und Matthias Munggenast, Söhne des Barockbaumeisters Josef Munggenast, der Anfang des 18. Jahrhunderts – wie kurz davor sein Lehrmeister, Jakob Prandtauer – von Tirol an die Traisen übersiedelte. Weitere Prominenz der traisenstädtischen Geschichte: Franz „Bimbo“ Binder, Rapid-Legende der Dreißiger- und Vierzigerjahre. Die Seemann-laß-das-Träumen-Lerche Lolita. Und, nicht zu vergessen, Österreichs Staatsvertragskanzler, Julius Raab. In der Kremser Gasse 19, mitten im Stadtzentrum, wurde er geboren – und bei passender Gelegenheit zitiert man ihn gern mit dem Verslein: „Willst du etwas gelten, sei aus Sankt Pölten.“


Was bleibt vom Mythos des Miesen, hat man erst die neulandeshauptstädtische Wirklichkeit kennengelernt? Der Glanzstoffgestank. Und sonst? In Wahrheit ist die niederösterreichische Landeshauptstadt nicht provinzieller und auch nicht langweiliger als jede beliebige andere österreichische Stadt ihrer Größe. Vielleicht da und dort ein wenig eigentümlicher, ein wenig kurioser. Aber welchem Ort ist man nicht bereit dies nachzusagen, kennt man ihn erst ein wenig näher? Die Landesbeamten, deren Arbeitsort bald nicht mehr Wien, sondern Sankt Pölten heißen wird, brauchen sich nicht zu ängstigen: Selbst in Sankt Pölten versteht man sich schon seit geraumer Zeit auf die Kunst, mit Messer und Gabel zu essen. Und alle Wiener Sankt-Pölten-Verächter mögen bedenken: Das neue Sankt Pöltner Regierungsviertel samt Kulturbezirk nähert sich der Fertigstellung, während das um einige Jahre ältere Wiener Museumsquartierprojekt noch immer nur als Modell existiert. Wo also sind die Kleinkrämer zu Hause: an der Traisen – oder vielleicht doch eher an der Donau?


Wolfgang Freitag, „Die Presse“, „Spectrum“, 6. Juli 1996