Otto Lechner: Wenn man am Radl dreht

„Einerseits wird betont, wie toll das ist, dass da einer, obwohl er nichts sieht, so musizieren kann – und im nächsten Atemzug sagt man: Aber ich weiß eh, dass Blinde mehr Gefühl haben.“ Der Musiker Otto Lechner über sein Blindsein, seine Ängste, Behindertenintegration in der Schule, Kafka, Hader und die „Kraut-und-Rüben-Geschichte“ in seinem Kopf. Ein Gespräch.


Otto Lechner, Jahrgang 1964, zählt zu den regsten Musikern und Komponisten Wiens. Neben Auftritten mit Gruppen wie dem „Ersten strengen Kammerorchester“ und „Divina Ziehharmonika“ hat sich Lechner in letzter Zeit vor allem seiner Akkordeonsolistenkarriere gewidmet, die ihn mittlerweile bis nach Australien gebracht hat. Seine enge Beziehung zum Theater (Lechner komponiert häufig für Wiener Bühnen, im Dezember wird er Anne Bennent bei ihrer Kassandra-Lesung im Kasino am Schwarzenbergplatz begleiten) mag in jenen Tagen entstanden sein, in denen er an der Seite eines zwei Jahre älteren Schulkollegen namens Josef Hader die Wiener Kabarettszene zu erobern begann.

Otto Lechner, von Geburt an schwer sehbehindert, ist seit seinem 15. Lebensjahr blind. Sein Stil? Alles ist möglich. Seine häufigste Berufsbezeichnung? Jazzpianist.


Otto Lechner, es gibt ein Photo von Ihnen, da sitzen Sie auf einem Motorrad, ganz in Leder, und scheinen über das Land zu brausen. Der Photograph des Bildes, Lukas Beck, erzählt, diese Form der Inszenierung sei nicht seine Idee, sondern gehe auf einen Wunsch von Ihnen zurück. Wofür steht dieses Bild?

Eigentlich fehlt etwas daran: Man sieht die Blindenschleife nicht. Die habe ich mir auch noch dazu vorgestellt. Das Ganze war für mich ein Symbol für eine Sache, von der man nicht weiß, wohin sie führt, für ein Abenteuer, das kein klares Ziel kennt, das auch schiefgehen kann. Dieses Abenteuer war meine Akkordeon-Solo-CD „Accordeonata“. Ich hab’ ja überhaupt nicht gewusst, ob das wirklich so funktioniert, wie’s dann funktioniert hat. Dieses Risiko sollte sichtbar werden: Man hat den frischen Wind um die Ohren, aber gleichzeitig ist es auch ein bisserl gefährlich.

Was das Bild zeigt, ist doch mehr als bloß ein bisserl gefährlich, es ist im Grunde unmöglich: Der blinde Otto Lechner fährt Motorrad.

Unmöglich ist das nicht. Moped gefahren bin ich schon. Da hat es mich zwar ordentlich aufgebirnt, aber . . .

Wie alt waren Sie da?

16 ungefähr. Zu dieser Zeit hab’ ich eigentlich schon nichts mehr gesehen. Ich hab’ mich damals darauf verlassen, dass der Weg gerade verläuft, der war dann doch nicht so gerade, wie ich dachte.

Ein kurzes Vergnügen . . .

Das ist aber auch schon was.

. . . und nur in einem Umfeld möglich, wie Sie es in Ihrer Jugend hatten: auf dem Land.

Sicher. Ich bin in Gansbach aufgewachsen, einem kleinen Ort im Dunkelsteiner Wald. Und ich glaube, dass mir diese dörfliche Situation sehr gut getan hat, dass mich jeder gekannt hat. Das hat mir ein bisserl mehr Sicherheit gegeben, hat mir ermöglicht, mich zu bewegen, beispielsweise mit dem Rad zu fahren, weil es einen ziemlich gut funktionierenden Freundeskreis gegeben hat. Jeder hat ungefähr gewusst, was ich kann und was ich nicht kann. Ich konnte Dinge ausprobieren, die nicht selbstverständlich waren.

Andererseits bin ich sehr viel allein gewesen als Kind. Ich bin oft vor dem Radio gesessen. Und ich hab’ auch sehr viel Zeit gehabt – vor allem bevor ich in die Schule gekommen bin -, mich mit einer kleinen Ziehharmonika schon richtig experimentell zu beschäftigen.

Sie haben zu musizieren begonnen, um das Alleinsein zu vergessen?

Das schaut jeden Tag anders aus, das lässt sich schwer greifen. Es war einfach ungeheuer viel Zeit da, und es hat auch nicht immer ein alternatives Angebot gegeben. Also beschäftigt man sich eigentlich aus Langeweile mit einem Instrument. Das ist ganz und gar nichts Glorreiches, aber dadurch entsteht dieser ganz alltägliche Umgang mit Musik, der nicht aus einem besonderen Antrieb und nicht aus einem besonderen Selbstverwirklichungsdruck kommt, sondern ganz selbstverständlich passiert, damit man ein bisserl was tut. Wenn sich dauernd etwas abgespielt hätte, wenn es mir beispielsweise möglich gewesen wäre, Fußball zu spielen, dann wäre die Zeit nicht so lang gewesen. Aber weiter würde ich nicht gehen, es gab keinen Leidensdruck des Alleinseins, der mich zur Musik brachte.

War das Musizieren für Sie ein Versuch, sich eine eigene Welt zu konstruieren, eine akustische?

Am Anfang war es noch mehr der Versuch, die Welt einfach abzubilden. Ich habe ja viele Musikinstrumente überhaupt nicht gekannt. Ich habe sehr lange nicht gewusst, wie ein Saxophon ausschaut oder wie sich ein Schlagzeug anhört, wenn man direkt davor sitzt. Ich hab’ das, was ich da auf Platten oder im Radio gehört habe, auch nicht so zerlegt, was da jetzt Bassgitarre, was da Gitarre, was da Saxophon ist, wie groß das Orchester sein könnte, das spielt. Ich habe den Klang einfach als Gesamtes wahrgenommen und versucht, das nachzuspielen. Und da traut man sich als Kind vielleicht ein bisserl mehr zu als später. Auf die Idee, dass man mit der Ziehharmonika ein E-Gitarren-Riff nachspielen kann, darauf bin ich schon sehr früh gekommen. Damit mühen sich andere viel später ab.

Welche Musik haben Sie damals bevorzugt?

Ich komme aus einer sehr unmusikalischen Familie und aus einer sehr unmusikalischen Gegend. Der Dunkelsteiner Wald hat meines Wissens keine eigene Volksmusik, es gibt kein Lied, das von dort kommt. In Gansbach hat es aber eine blinde Frau gegeben, die Ziehharmonika gespielt hat, die war eine Freundin meiner Großmutter, mit der hab’ ich gemeinsam gespielt: Polkas und Walzer. Die hat mir auch ein paar Lieder beigebracht, „Annamirl, Annamirl, gehst, gehst, gehst, dass dich nicht der Goaßbock stößt“ und so.

Das meiste hab’ ich aber aus dem Radio bezogen und von Platten. Beim Radio hat mich besonders fasziniert, dass man da durch das Drehen an diesem Radl von einem Sender zum anderen wechselt. Ö 1, Ö Regional, Ö 3. Und noch mehr auf Mittel- und Kurzwelle. Dass man einfach am Radl dreht und von einem Stil zum anderen wechselt, das ist mir geblieben. Die musikalische Kraut-und-Rüben-Geschichte, die ich im Kopf hab’, die hat viel damit zu tun.

Mein Vater hat mir immer Kernbuam- und Wiener-Lieder-Platten geschenkt, das sollte ich lernen, das hat ihm gut gefallen. Und das hab’ ich dann hie und da im Wirtshaus vorgespielt.

Hat Ihnen das Spaß gemacht?

Es hat irgendwie dazugehört. Und ein schönes Erfolgserlebnis war es natürlich schon. Da ist ja auch sozial etwas passiert. Ich, der ich eigentlich unter den Gleichaltrigen benachteiligt war und darum kämpfen hab’ müssen, anerkannt zu werden, was mir auch gelungen ist, ich bin in dieser Situation von den Erwachsenen akzeptiert worden. Das ist ein tolles Gefühl, wenn einer Ziehharmonika spielt und die anderen singen brav mit.

Lust an der Macht?

Bestimmt. Das war für mich sicher wichtig. Irgendetwas zu kontrollieren, irgendetwas in der Hand zu haben, das ich selber bestimme. Jeder Behinderte muss sich sehr darum kümmern, dass er das in irgendeinem Bereich für sich selber findet.

Wann kam die Zeit des „Heintje von Gansbach“?

Da war ich schon ungefähr zwölf, und irgendwer aus Aggsbach, das ist der Nachbarort, hat in der Melker Zeitung einen Artikel über mich geschrieben, weil ich damals schon öfter bei Hochzeiten und ähnlichen Anlässen gespielt hab’: mit so einer kleinen Orgel, zweimanualig, mit zwölf Rhythmen. Ich hab’ mir ja ab dem zehnten Lebensjahr das Taschengeld selbst verdient. Viel mehr ist zum „Heintje von Gansbach“ nicht zu sagen, außer dass ich nicht so gut gesungen hab’. Das war ein völlig über Wald und Wiese hergeholter Aufmacher.

Sie gingen ins Melker Stiftsgymnasium. War es damals nicht schwierig, als Behinderter von einer sozusagen normalen Schule aufgenommen zu werden?

Das war in Melk recht einfach, denn da hatte davor schon ein Blinder maturiert, heute ein sehr erfolgreicher Jurist, der war in der Schule ein ungeheurer Streber, also ist man in Melk davon ausgegangen, dass sich ein Blinder, wenn er die Möglichkeit bekommt, an eine solche Schule zu gehen, dann wirklich hineinkniet.

Das war bei Ihnen nicht so?

Ich bin gerade so durchgekommen. Und es haben mich alle sehr unterstützt. Das sind ja sehr schwierige Prozeduren, die sich da abgespielt haben. Computer hat’s noch nicht gegeben. Für die Mathematikschularbeiten hab’ ich einen eigenen Raum gehabt und mehr Zeit. Der Mathematiklehrer hat mir die Angaben auf Kassette gesprochen, ich hab’ dann die Angabe in Brailleschrift abgeschrieben, hab’ in Brailleschrift die Schularbeit gemacht und alles wieder auf Kassette gelesen, jeden einzelnen Schritt. Und der Lehrer hat sich zu Hause alles wieder abgeschrieben, hat korrigiert und hat mir die Korrekturen auf Kassette gelesen. Das ist ein ungeheurer Aufwand.

Hatten Sie nie Probleme mit Schulkollegen?

Mir ist es immer gelungen, rund um mich einen Kreis aufzubauen. Ich war ab dem zweiten Jahr in Melk Klassensprecher, und so habe ich gar keine Schwierigkeiten gehabt. Obwohl das ein Oberstufenrealgymnasium war, in das die meisten aus diesen ländlichen Hauptschulen gekommen sind. Was da mit jungen, engagierten Lehrern passiert ist, war nicht selten brutal. Das war nicht die liebe, sensible Geschichte, sicher nicht. Aber ich hab’ mich ganz gut behauptet.

Ich bin davon überzeugt, dass die Integration von Behinderten einen sehr positiven sozialen Effekt hat, und zwar für alle Beteiligten. Man muss halt schauen, dass man den Beteiligten nicht zu viel zumutet. Aber so eine fünfte Klasse mit 33 Schülern, die ist mit einem Blinden sicher nicht überfordert.

Einer Ihrer Schulkollegen war Josef Hader.

Der war zwei Jahrgänge über mir.

Am Beginn seiner Karriere waren Sie sein Partner. Woran ist diese Verbindung gescheitert?

Das lag daran, dass das Duo Hader-Lechner langfristig nicht behauptbar war. Josef Hader hat den „Salzburger Stier“ gewonnen – und dann war er der Solokabarettist mit Begleitung. Da hab’ ich für mich keine Möglichkeiten gesehen. Und er ist schon sehr autonom.

Egomanisch?

Er ist sich selbst am sichersten. Das, was er spielen kann, was er sich selber komponiert, und er kann’s nur so komponieren, dass er es selber spielen kann, das hat in sich etwas sehr Stimmiges.

Wie reagiert das Publikum, wenn es bemerkt, dass ein Blinder auf der Bühne steht?

Da gibt es ein sehr eigenartiges Grundmuster: Einerseits wird immer wieder betont, wie toll das ist, dass da einer, obwohl er nichts sieht, so musizieren kann – und im nächsten Atemzug sagt man: Aber ich weiß eh, dass Blinde viel mehr Gefühl haben. Ich glaube, man ist stets auf der Suche nach einer ausgleichenden Gerechtigkeit, man kann sich ja nicht vorstellen, dass die Natur irgendeinen auf die Welt stellt mit so viel weniger Chancen; diesen Ausgleich sieht man gern, und den schmückt man sich dann auch aus. Also liest man in jeder Ankündigung vom blinden Akkordeonisten.

Ärgern Sie sich über dieses Etikett?

Ich hab’ nichts dagegen, mir gefällt diese Figur recht gut. Es ist eine Tatsache, dass ich nichts sehe.

Ihre Solo-CD enthält eine eigene Kafka-Nummer. Wieso gerade Kafka?

Mir gefällt Kafka sehr gut, weil er einerseits diese Tiefe, dieses Einsame hat – und andererseits kann ich sehr viel lachen über Kafka. Und so mag ich auch Musik: wenn sie nicht eindeutig auf etwas zielt. Gebrochene Stimmungen. Eine beständige Ungewissheit. Man kann sich nie sicher sein, sich nie hineinfallen lassen in ein Gefühl, alles kann jederzeit umschlagen.

So wie Sie als Blinder die Welt erleben?

Ja. Was ich überhaupt nicht mag, das sind Leute, die Realität als etwas Fixes betrachten und sich darin zielsicher bewegen; das ist mir unheimlich, da stimmt für mich etwas nicht. Das mag mir aus der Kindheit geblieben sein. In dieser ländlichen Welt hat jeder gewusst, was er zu tun hat – nur ich nicht. Ich bin irgendwie herumgeschwommen. Aber ich glaube, man muss sich zugestehen, dass man schwimmt.

Wie wichtig ist Angst in Ihrem Leben?

Ich bin gezwungen, meine Ängste, diese kleinen Furchten, permanent zu ignorieren. Wenn ich allein über die Straße gehe in der Stadt, kann ich mir nicht in der Mitte der Straße überlegen, lieber noch stehenzubleiben. Ich muss weitergehen. Sich zu bewegen in der Stadt, dieses Gefühl, dass dir fortwährend Gestalten entgegenkommen, von denen du nicht weißt, wie die ausschauen, bei denen du ständig Kollisionen vermeiden musst, das ist kein Zustand, an den man sich gewöhnen kann. Das ist immer eine Konfrontation, und es liegt an der Tagesverfassung, wie es einem geht damit. Ich hab’ diese Ängste stets verdrängen müssen.

Eines Ihrer Lieder stellt die Frage, was geschehe, „wann der Himmevoda amoi obakummt“. Sind Sie religiös?

Ich glaube, dass ich kein Christ mehr bin. Aber ich bin natürlich sehr stark christlich geprägt worden in meiner Erziehung. Und ich glaube, wenn man das einmal hat, das lässt sich nicht wegwischen. Irgendwann hat man in seinem Inneren eine höhere Instanz etabliert, und die ist dann da. Das Gefühl, dass man in einer bestimmten, vielleicht kritischen Situation doch noch verstanden wird: das ist etwas Frommes, das kann man mit einer Blitzentscheidung – ich bin jetzt Atheist – nicht wegbringen. Vielleicht wird dann und wann auch das Publikum zu dieser höheren Instanz, aber das ist nur eine Vermutung.

Ihre Zukunft?

Bis jetzt ist alles besser geworden, ich bin immer sicherer geworden, ich muss nicht mehr die Musik dazu benutzen, um mich zu integrieren, aber wenn man einmal über 30 ist, da kommen dann die ersten Gnackwatschen, und die gilt es dann zu verarbeiten.


Wolfgang Freitag, „Die Presse“, „Spectrum“, 23. November 1996