Edinburgh: Zwölf Säulen sind kein Tempel

Wachablöse vor der Burg. Stramme Waden, hochfliegende Schottenröcke. Zwei Soldaten kommen, zwei gehen. „Das war’s“, sagt der Aufseher, der die Eintrittskarten der Burgbesucher kontrolliert. „Mehr können wir uns nicht leisten.“ Edinburgh vor der Volksabstimmung über ein schottisches Parlament: eine Reportage.


Ein Schotte steht auf Calton Hill. Er trägt, was Schotten so tragen: einen Schottenrock. Er spielt, was Schotten so spielen: den Dudelsack. Und weil sein Tragen und sein Spielen – im Vordergrund – mit der pittoresken Silhouette Edinburghs – im Hintergrund – so wunderbar zu einem schottischen Idyll sich fügen, ist er vielleicht der meistfotografierte Schotte Schottlands. Mit Sicherheit jedoch der bestverdienende Dudelsackstraßensolist Edinburghs: Denn wer von jenen, die ihn hier von vorne, hinten, links, rechts, oben, unten ablichten, könnte das Köfferchen übersehen, das, Pfund Sterling heischend, zu seinen Füßen allen offensteht, die seinen Dienst als fleischgewordenes Klischee zu schätzen wissen.

Keiner seiner zahlreichen Kollegen an der mittelalterlichen Royal Mile zwischen Edinburgher Burg und königlichem Holyrood Palace wie an der geschäftig-chaotischen Einkaufsstraße Princes Street hat so viel Schottisches auf einmal zu bieten, da kann er dudelsacken, was er mag. Der Schotte auf Calton Hill ist der schottischste Schotte Schottlands, und das Klimpern der Münzen, die in sein Köfferchen fallen, gibt dem sperrigen Sound seines Instruments den rechten Beat.

Im Übrigen freilich wird öffentliches Handaufhalten – sofern es sich nicht so hübsch in die Vorstellungswelt der Gäste fügt – selbstredend nicht gern gesehen. Kürzlich wollte man Bettelei gar völlig aus dem schmucken Stadtbild des Edinburgher Zentrums bannen; Unterstandslose, Homeless, auf Brücken, in engen Hausnischen, passen eben nicht zum sauberen Image des prosperierenden Finanzzentrums. Geschweige denn in ein Tourismuskonzept welcher Art auch immer. Dazu passt auch nicht das Elend der Vorstädte mit Arbeitslosenraten jenseits der 20 Prozent, Kriminalität und Drogenmissbrauch, ein Elend, dessen Sänger der Neunzigerjahre Irvine Welsh mit Romanen wie „Trainspotting“ oder „Ecstasy“ wurde.

Dass der Schotte Welsh, selbst Kind der Edinburgher Vorstadt, meist als Brite, mitunter gar als Engländer, kaum jemals aber als Schotte wahrgenommen wird, mag schottische Nationalisten vielleicht nicht sonderlich grämen; schließlich lässt sich das, was Welsh schreibt, kaum in Heimatbüchern oder Fremdenverkehrsprospekten zitieren. Schon eher wird sie stören, dass auch die Schotten Robert Louis Stevenson oder Adam Smith ins allgemeine Bewusstsein nicht als Schotten eingeschrieben sind. Da finden sich unter dem Stichwort Schottland einzig die nicht gerade unumstrittene Maria Stuart – Schiller sei Dank – und, unübersehbar, Sean Connery, nimmermüder Streiter für Schottlands Rechte.


„Devolution“, Dezentralisierung, heißt – seit Antritt der Regierung Blair – auch das neue Zauberwort großbritannischer Innenpolitik. „Devolution“ soll den Schotten – nach der für 11. September angesetzten Volksabstimmung – ein eigenes Parlament bringen. Mit Sitz in Edinburgh. Gleich am Abhang des Calton Hills steht es, das vorerst in Aussicht genommene Gebäude. „New Parliament House“ prangt in strahlend goldenen Lettern am Zaun der vormaligen „Royal High School“, die schon Ende der Siebziger, beim letzten Versuch, den Schotten eine eigenständige gesetzgebende Versammlung zu schaffen, als Parlamentsgebäude ausersehen war. Ein Versuch, der scheiterte: Das damalige Referendum brachte zwar eine Stimmenmehrheit für ein schottisches Parlament, die Wahlbeteiligung war jedoch nicht hoch genug, dass man auch die zweite Hürde – ein Ja von mindestens 40 Prozent aller Wahlberechtigten – genommen hätte. In ihrem Äußeren keineswegs an Schule, vielmehr an einen Tempel erinnernd (und tatsächlich antikem Vorbild abgeschaut), kann die „Royal High School“ jedenfalls als tauglicher Symbolträger klassischer Demokratiekultur herhalten. Das „St Andrew’s House“ schräg vis-à-vis dagegen, das seit 1939 das „Scottish Office“, das von London aus dirigierte Schottlandministerium, beherbergt, hockt – als wär’s ein Stück von Albert Speer – wie der Usurpatorenbau einer unbarmherzigen Kolonialmacht über der 440.000-Einwohner-Stadt. Zwischen beiden, gleichfalls an der Regent Road: ein kleiner Wohnwagen, vor dem enragierte Schottlandschützer seit 10. April 1992 ihre „Mahnwache für ein schottisches Parlament“ halten. Sieben Tage die Woche, im Schichtbetrieb, Freiwillige willkommen.

Seit 1707 dauert sie schon an, die schreckliche parlamentlose Zeit. Seit damals gibt es das gemeinsame großbritannische Parlament mit Sitz in London. Auch ohne eigene gesetzgebende Versammlung hat man sich freilich im Norden der Insel etliche Eigenständigkeiten bewahrt: ein eigenes Rechtswesen, ein eigenes Bildungswesen, eine eigene Kirche, die „Church of Scotland“. Nicht zuletzt eine eigene Fußballnationalmannschaft, die sich hierzulande in jüngerer Vergangenheit – durchaus schmerzhaft – in Erinnerung rief.

Aber all das ist längst nicht genug. Sagen seit Jahrzehnten die Vertreter der „Scottish National Party“. Sagt auch die Labour-Regierung des Tony Blair. Und skizziert in einem „Weißbuch“ die Kompetenzen einer künftigen schottischen Legislative: London verbliebe demnach – grob gesprochen – Außen- und Fiskalpolitik, Verteidigungs-, Verkehrs-, Arbeits- und Sozialpolitik. Alles andere würde in Edinburgh geregelt, eine beschränkte Steuerhoheit inklusive. „Ich glaube, ein schottisches Parlament wird eine neue Ära der Politik in unserem Land einleiten“, lässt Schottlandminister Donald Dewar die Leser der Edinburgher „Evening News“ auf Seite acht wissen. Und auf Seite fünf derselben Ausgabe erfährt man, die Verschwendungssucht des Londoner Parlaments habe die Schotten eine Milliarde Pfund gekostet.


11.00 Uhr: Bob Kingdom. 11.30 Uhr: Steven Berkoff. 11.45 Uhr: David Benson. 12.00 Uhr: Graham Duff. 12.55 Uhr: Bye Bye Blackbird. 13.15 Uhr: Hattie Hayridge. 13.30 Uhr: Antony and Cleopatra. Ein ganz normaler Augustmittag in den „Assembly Rooms“. Vorstellungsbeginn im Halb-, manchmal im Viertelstundentakt. Und die „Assembly Rooms“, mitten in der klassizistischen New Town gelegen, sind nur einer von gut 200 Bahnsteigen des riesigen Kulturbahnhofs, in den sich Edinburgh zur Festivalzeit verwandelt.

Edinburgh im August: Das bedeutet Festspiele im Multipack. Das „Edinburgh Festival“: Noblesse nach Salzburger Art – und 1947 nach dem Vorbild Salzburgs gegründet (unter der Ägide des dieser Tage verstorbenen Rudolf Bing). Das „Edinburgh Festival Fringe“: das weltweit größte Treffen freier Gruppen, gleichfalls ein halbes Jahrhundert alt. Und ein Buchfestival. Ein Folkfestival. Ein Jazzfestival. Ein Filmfestival. Ein Fernsehfestival. Nicht zu vergessen das „Caledonian Beer Festival“ in der „Caledonian Brewery“ mit viel frisch gezapftem Ale und vermischter Live-Musik.

Auch sonst ist Bier Flucht- und Angelpunkt des Festivaltreibens: kaum ein größerer Veranstaltungsort, an dem nicht eine Theke mit einer langen Reihe von Zapfhähnen das Entree dominierte. Beck’s, Calders, Murphy’s, Guinness: Niemand kann ihnen entgehen, und wer will das schon, liefert doch der ausgeschenkte Gerstensaft nicht selten das erfreulichste Erlebnis des Festivaltages, die letzte Stütze, die – wie hierzulande das altbewährte „Pausenachterl“ – passionierte Kunstkonsumenten auch nach der dritten, vierten Vorstellung aufrecht hält.

Allein das „Fringe“ sprengt die Grenzen hiesiger Vorstellungskraft. Gruppen, die dafür bezahlen, auftreten zu dürfen – und das unter Bedingungen, die hierzulande kein Veranstalter seinen Gästen zuzumuten wagte: Nur wenige Minuten sind für Aufbau und Ausleuchten der Bühne vorgesehen, dann kurzes Aufwärmen der Akteure, Einlass pünktlich auf die Minute, Vorstellung, Finale. Und noch während des Schlussapplauses beginnt der Abbau der Kulissen. Denn genau nach Fahrplan geht der nächste Kulturzug.

Der Lohn für all die Mühen? Vielleicht eine Kritik in der Festivalbeilage des Edinburgher „Scotsman“. Vielleicht Einladungen von jenen zahlreichen Veranstaltern, die hier (heuer erstmals selbst aus fernsten Regionen von der britischen Auslandskulturorganisation, dem „British Council“, angelockt) Ausschau halten nach dem Programm ihrer nächsten Saison. Vielleicht irgendein Award einer Brauerei oder sonst eines Sponsors. In den meisten Fällen jedoch bloß, streng olympisch, dabei gewesen zu sein – und es vielleicht nächstes Jahr, wieder gegen gutes Geld, versteht sich, an einem etwas besseren Spielort zu einer etwas besseren Zeit unter etwas besseren Bedingungen mit einer etwas besseren Produktion versuchen zu dürfen.

Gegen Ende August, wenn das allgemeine Festivaltosen allmählich verebbt, wenn das gut halbstündige Festivalfeuerwerk, großzügig gespendet von der „Bank of Scotland“, das Finale des allgemeinen Kulturgemenges signalisiert, dann zieht der Alltag wieder ein in die schottische Kapitale. Dann wird die High Street, für einen Monat Schauplatz des kleinen Welttheaters findiger Amateure, Gaukler und Akrobaten, wieder dem Verkehr zurückgegeben, Journalisten erinnern sich und ihre Leser daran, dass das „Festival Theatre“ vergangenes Jahr ein Defizit von einer Million Pfund, gut 1,5 Millionen Euro, eingefahren hat und noch immer „das Geld der Steuerzahler braucht, um zu überleben“, wie die „Evening News“ empört monieren. Und das „Scottish Arts Council“ stellt das „Scottish Ballet“ ohne viel Federlesens vor die Alternative: neue Führung unter geänderten Voraussetzungen – oder Auflösung.


Wachablöse vor der Burg. Stramme Waden, hochfliegende Schottenröcke, klappernde Gewehrgriffe. Ein Kommandierender brüllt unverständliche Befehle, zwei Soldaten kommen, zwei Soldaten gehen. „Das war’s“, sagt ein Aufseher, der die Eintrittskarten der Burgbesucher kontrolliert. „Mehr können wir uns nicht leisten.“

„Devolution“, das sei „Schottlands Jackpot“, meint Iain McLean, Politikprofessor an der Universität Oxford, in der – englischen – Wochenzeitschrift „New Statesman“: „Und England zahlt.“ Also lieber gleich: „Weg mit Schottland!“ Dann müssen die Schotten selber sehen, wie sie mit ihrem Defizit – Einkommen aus dem Erdöl der Nordsee hin oder her – zurechtkommen. Der Londoner „Guardian“ wiederum zitiert auf Seite eins schottische Wirtschaftsführer, die davor warnen, dem künftigen schottischen Parlament die Macht zu geben, Steuern zu erhöhen: Das würde Investitionen und Arbeitsplätze gefährden und zu einer Flucht von Führungskräften nach England führen. Auch der Governor der „Bank of Scotland“ zeigt sich gegenüber einer Steuerkompetenz der Schotten skeptisch. Wenig später weiß der „Herald“, „Scotland’s Independent Newspaper“, von Kontoschließungen und Kundenprotesten bei der „Bank of Scotland“ zu berichten.


Yes, yes? Yes, no? No, no? Zwei Fragen, drei Möglichkeiten, bei der Volksabstimmung zu antworten: Die Waterstones-Buchhandlung in der Princes Street hat sie sich an die Auslagenscheiben gepinselt. Gleich dahinter: die schottische Fahne. Die Botschaft: Yes, yes, sowieso. Ja zu einem eigenständigen Parlament – und ja auch dazu, dass dieses Parlament eine beschränkte Steuerhoheit erhält.

Für Helen, Mittdreißigerin aus Edinburgh, seit Jahren im englischen Nottingham zu Hause und als Festivalgast auf Kurzbesuch in ihrer alten Heimat, ist „Devolution“ kaum mehr als Parteitaktik: „Die Labour Party will ihr schottisches Revier sichern.“ Schließlich könne Schottland spätestens seit den Unterhauswahlen des vergangenen Frühlings als so gut wie Tory-frei gelten. Nicht zuletzt eine Spätfolge der Regierungszeit Margaret Thatchers, die gerade hier ihre ungeliebte „Kopfsteuer“ erprobte. So wird die mittlerweile zur „Baroness“ geadelte eiserne Lady a. D. von den Proponenten der „Yes, yes“-Kampagne „Scotland Forward“ als Ja-Stimmen förderndes Schreckgespenst geliebt, von den „No, no“-Kämpfern der „Think Twice“-Bewegung, vor allem Konservativen, wie wenig anderes gefürchtet. Und als der „Daily Record“, „die Zeitung, die ja, ja sagt“, in Erfahrung bringt, die Baroness halte zwei Tage vor dem Referendum eine Rede in Glasgow, versichern die schottischen Konservativen eilig, Thatcher werde das Thema „Devolution“ nicht erwähnen.


Ein Schotte steht auf Calton Hill. Im Schottenrock. Mit Dudelsack. Hinter sich die mittelalterliche Old und die klassizistische New Town. Rechts neben sich, am Abhang, hinter Bäumen versteckt, das „St Andrew’s House“ des „Scottish Office“ und die alte „Royal High School“. Und direkt vor sich, einige Meter hinter der Touristenschar, die ihn umringt, Schottlands „National Monument“, auch „Schottlands Schandfleck“ genannt: Eine Nachbildung des Parthenon hätte es werden sollen, zum Gedenken an das Ende der Napoleonischen Kriege. Zwölf Säulen wurden aufgestellt. Für mehr reichte das Geld nicht. Schottlands „National Monument“ blieb kümmerliches Fragment. Ein Omen für den 11. September?


Wolfgang Freitag, „Die Presse“, „Spectrum“, 6. September 1997