Kindesmissbrauch: Angst und Schatten

„Wir merken deutlich, wie erleichtert die Kinder sind, wenn jemand mit ihnen über diese Dinge spricht“, erzählt Christine Klimt. Klimt ist Sozialpädagogin, und „diese Dinge“ – das ist alles, was man Kindesmissbrauch nennt. Vom Schweigen und von einer Wiener Gruppe, die sich das Drüber-Reden zum Ziel gesetzt hat: eine Begegnung.



Das Mädchen steht im Licht. Auf der Wand gegenüber ihr Schatten. Das Mädchen bewegt sich und beobachtet dabei genau, wie ihr Schatten sich mitbewegt. Plötzlich schießt das Mädchen auf den Schatten.


„Schattenriss“, erste Szene. Ein Theaterstück für Kinder zum Thema Kindesmissbrauch. Ein Theaterstück der deutschen Autorin Lilly Axster. „Heute würde ich es anders schreiben“, sagt die Wahlwienerin. Heute ist sie um vieles klüger: Seit gut zwei Jahren arbeitet Axster für „Selbst-Laut“, einen „Verein zur Prävention von sexuellem Kindesmissbrauch“. Den einzigen Verein seiner Art in Wien.

„Ich wollte einmal mit Kindern mehr zu tun haben als immer nur im Theater“, erzählt Axster. „Als ich hier angefangen habe, da hatte ich nur ein theoretisches Vorwissen. Ich bin mehr als ein Jahr als Zweite, Dritte mitgelaufen, um zu kapieren, worum es geht. Weil es kein Heft gibt: Lies dir das durch, dann kannst du das. Die ersten, die haben anderthalb Jahre nur miteinander und aneinander gearbeitet, bevor sie rausgegangen sind.“

Dieser Anfang war im Jahr 1991. „Die Grundidee stammte aus den USA“, erinnert sich Sissi Konlechner, in ihrem Brotberuf Kindergarten- und Horterzieherin. „In Berlin hat sich dann eine Frauengruppe gebildet, ,Strohhalm‘, die wurde wieder von zwei Frauen aus Wien besucht. Und so entstand die Überlegung: Warum nicht auch in Wien so eine Gruppe gründen?“ Mittlerweile umfasst das Team sechs Mitglieder: neben Axster und Konlechner die Psychologinnen Anita Dietrich-Neunkirchner und Christa Jordan-Rudolf, die Sozialpädagogin Christine Klimt und die Schauspielerin Angelika Trabe. Lilly Axster: „Es machen alle alles – bis auf die Supervision, die ist unseren Psychologinnen vorbehalten. Und sonst verteilen wir die Arbeit je nachdem, wer sich gerade dafür besonders geeignet fühlt.“


Der Schatten des Mädchens wandert über die Decke. Mädchen: „Wenn wir tauschen könnten . . . ich würde an den Wänden spazieren und an der Decke, alles von oben sehen, andere Schatten treffen an der Decke, da kommt er niemals hin.“


Eine Zimmer-Küche-Wohnung in Wien-Meidling, Fenster zum Lichthof. Die ehemalige Küche ist Vorraum, das Zimmer Arbeitsbereich mit Schreibtischen, Regalen, Computer; in der Mitte: ein großer Esstisch. Das ist das bescheidene Reich der Selbst-Laut-Frauen, die sich in ihrer Öffentlichkeitsarbeit so auffallend leise geben. „Die meisten Kontakte entstehen durch Mundpropaganda oder durch unsere Vorträge vor Lehrerkonferenzen und in Pädagogischen und Sozialakademien“, erzählt Christine Klimt. „In der Öffentlichkeit sind wir sonst kaum präsent, und manchmal finde ich das schade.“

Es gebe da ein Problem im Verhältnis zur Sexualität, meint Angelika Trabe: „Wie in den Medien mit diesem Thema umgegangen wird, das passt nicht zur Vereinslinie. Wir werden mitunter von Journalisten angerufen, wir sollen mit einem Opfer kommen; da sagen wir: Danke, nein.“

Es ist Dienstag, ein kühler Nachmittag. Auf dem Tisch dampft der Tee. In knapp zwei Stunden beginnt die regelmäßige Gruppenbesprechung. Eines von vielen Beispielen einer Teamkultur, die nicht nur Christine Klimt zu schätzen weiß: „Es ist eine besondere Qualität, dass wir so lange zusammen sind. Alle waren von Anfang an dabei, nur Lilly und Angelika sind erst später dazugestoßen. Wir machen ständig neue Erfahrungen und modifizieren danach unsere Vorgangsweise.“


Das Mädchen verharrt, der Schatten ebenso. Plötzlich bewegt sich der Schatten, obwohl das Mädchen die Position nicht verändert. Das Mädchen erschrickt. Der Schatten kommt auf das Mädchen zu. Das Mädchen hält sich panisch die Hand vor die Augen.


August 1997. Ein elfjähriges Mädchen aus Villach gibt an, seit ihrem sechsten Lebensjahr von ihrem Vater und später auch von ihren Brüdern sexuell missbraucht worden zu sein. Die Mutter will von nichts gewusst haben.

September 1997. Im Bezirk Eferding, Oberösterreich, wird ein 75-jähriger Mann verhaftet. Seine mittlerweile 36-jährige Stieftochter hat Anzeige gegen ihn erstattet: Er habe sie seit ihrem 13. Lebensjahr unter Androhung von Waffengewalt sexuell missbraucht.

Oktober 1997. Den Eltern eines neunjährigen Mädchens wird in Graz der Prozess gemacht. Die Anklage: Ab dem Alter von sechs Jahren sei das Mädchen vom Vater und von einem Freund der Familie vergewaltigt worden. Die Mutter habe das Mädchen dabei festgehalten.

November 1997. Ein Klagenfurter Lehrer wird zu einer bedingten Haftstrafe verurteilt, weil er zwei elfjährigen Schülerinnen mehrmals Pornovideos vorgeführt hat.

Dezember 1997. Auf Grund einer anonymen Anzeige wird ein 36-jähriger Mann aus dem Bezirk Mattersburg verhaftet. Er soll seine mittlerweile 16-jährige Stieftochter von ihrem neunten Lebensjahr an regelmäßig missbraucht sowie einschlägige Film- und Fotoaufnahmen gemacht haben.

Fünf Fälle aus fünf Monaten. Eine Liste ohne Anspruch auf Vollständigkeit. In einer deutschen Untersuchung aus dem Jahr 1992 gaben 25 Prozent der Frauen und acht Prozent der Männer an, als Kind sexuell missbraucht worden zu sein. Missbrauch laut dieser Untersuchung: jeder Übergriff inklusive Worten und Blicken ohne „wissentliches Einverständnis des Kindes“. „Ich halte die Zahl auch in Österreich für realistisch, aber in diesem weitgefassten Sinn“, meint Lilly Axster. „Da gehört auch der Onkel dazu, der auf Besuch kommt und dem Mädchen auf den Busen greift. Und ich finde richtig, dass das so weit gefasst wird.“

An der Problemeinsicht mangelt es hierzulande nicht mehr, das beweisen die Diskussionen im Gefolge des oberösterreichischen Kinderpornoskandals. Wobei es die Täterseite ist, mit der sich die veröffentlichte Meinung bevorzugt beschäftigt. All die Vorschläge zur härteren, effizienteren Bestrafung von Kinderschändern werden jedoch den Opfern nicht viel nützen; für sie wäre es das Beste, es wäre erst gar nicht so weit gekommen, dass es jemanden zu bestrafen gilt. Genau hier setzt die Arbeit von „Selbst-Laut“ an: bei der Vorbeugung.

Lilly Axster: „Es gibt Untersuchungen, dass Kinder, die ein stärkeres Selbstbewusstsein haben, die erlebt haben, dass ihre Grenzen akzeptiert werden, dass solche Kinder insgesamt weniger betroffen sind von sexuellem Missbrauch. Missbrauch hat immer mit einer Gefühlsverwirrung zu tun. Wenn man etwas erlebt und nicht einordnen kann, wenn einem einer sagt, das ist gut für dich, aber sag’s nicht weiter.“ Es gehe nicht um Patentrezepte unter dem Motto: Was mach’ ich, wenn mich einer angreift? „Es geht darum, Gefühle zu unterstützen, auch zu informieren, welche Situationen es geben kann, um welche Gefühle es sich handelt und dass die eigenen Gefühle richtig sind – und dann eben wegzulaufen oder zu wissen, dass der andere zu weit geht.“

Prävention könne freilich nur funktionieren, so Sissi Konlechner, „wenn alle Beteiligten einbezogen sind. Es reicht nicht, den Kindern die Information zu bieten und sie dann damit allein zu lassen. Wichtig ist auch, dass sie jemanden haben, an den sie sich wenden können, wenn wir nicht mehr da sind.“

Anknüpfungspunkt der Selbst-Laut-Aktivitäten ist die Schule, wobei das Schwergewicht auf der Arbeit in den Volksschulen liegt. „Viele Lehrerinnen kommen zu uns mit dem Verdacht, in ihrer Klasse könnte ein Kind betroffen sein“, erzählt Christine Klimt. „In jedem Fall ist es wichtig, dass die Lehrerin das, was wir später mit den Kindern machen, schon kennt. Diese Vorarbeit dauert Wochen.“ Der Vorbereitung der Lehrerin folgt ein Elternabend. Lilly Axster: „Da gibt es zunächst einen allgemeinen Teil mit Informationen. Und dann zeigen wir den Eltern, was wir mit den Kindern vorhaben. Alle Rollenspiele des Workshops. Meistens ist die Stimmung am Anfang skeptisch. Und dann sehen die Eltern, wie spielerisch das ist, dass es nichts ist, was den Kindern Angst macht.“

Aber was, wenn sich ein Täter unter diesen Eltern befindet? Zum einen, so Sissi Konlechner, „wird der Elternabend meist nur von Frauen besucht, und die sind unter den Tätern bei weitem in der Minderheit“. Und außerdem meiden erfahrungsgemäß Eltern von betroffenen Kindern diese Veranstaltung. Die Teilnahme ihres Kindes am Workshop verhindern können etwaige Täter nicht. Christine Klimt: „Das Einzige, was wir den Eltern nicht sagen, ist, wann wir zu den Kindern kommen.“ Das weiß nur die Lehrerin.


Schmalzige Musik. Kitsch as Kitsch can. Die perfekte Kleinfamilie präsentiert sich mit strahlendem Lachen zum Fototermin für das Familienalbum. Die Zähne blitzen, die Herzen schlagen hoch. Die Musik stürzt ab. Fratzenwelt: Elternfratzen und Mädchen, schon groß. Mutterfratze schweigt und schweigt und schweigt.


Das Schweigen zu durchbrechen, das Drüber-Reden, das steht im Zentrum der Selbst-Laut-Workshops. Lilly Axster: „Nachdem wir mit den Kindern allgemein über ihre Rechte gesprochen haben, kommt ein Abschnitt, der behandelt Machtmissbrauch unter Kindern. Ein älteres Mädchen nimmt einem jüngeren das Taschengeld weg, Erpressung. Das kennen viele Kinder. Im zweiten Abschnitt geht es um einen Fremdtäter, im dritten um einen Täter aus dem Nahbereich, um einen Fußballtrainer, der einen Buben überredet, sich mit ihm ins Bett zu legen. Da dreht es sich auch um die Angst: Wann bin ich schwul? Wann kriege ich Aids? Die ist bei Kindern schon ganz stark.“

Das letzte Rollenspiel: der Übergriff eines Lieblingsonkels auf seine Nichte. „Wir merken sehr deutlich, wie erleichtert die Kinder sind, wenn jemand mit ihnen über solche Dinge spricht“, meint Christine Klimt. „Es ist ja alles bekannt, steht ja in allen Zeitungen. Denken Sie an den Fremdtäter: Der hat zwar rein statistisch nur einen kleinen Anteil an den Missbrauchsfällen. Aber die Fantasien der Kinder sind gerade da am stärksten: Da gibt’s Alpträume vom schwarzen Mann, vom Einsperren, vom Verhungern.“

Doch mit dem letzten Rollenspiel ist die Arbeit längst nicht beendet. Lilly Axster: „Wir bleiben noch ein bisschen in der Schule, damit die Kinder Fragen stellen können. Und da erzählen sie mitunter auch von Problemen, die sie sonst haben; und außerdem gibt es welche, die lassen etwas ahnen, testen uns aus, weil sie genau wissen, wir sind bald wieder weg.“ Gerade deshalb sei die Vorbereitungsarbeit mit der Lehrerin wichtig. „Die bleibt in der Klasse. Die muss wissen, was es heißen kann, wenn sie uns einlädt. Dass das heißen kann, dass ein Kind kommt und ihr etwas erzählt. Und dann ist Aktivität gefragt.“

Schließlich liege die Qualität der Selbst-Laut-Arbeit – so Angelika Trabe – vor allem „im Anbieten von Beziehung“: „Wie wir miteinander umgehen, wie wir mit den anderen umgehen, mit Eltern, mit Kindern, mit Lehrern, das ist es, worauf es uns ankommt. Deshalb dauert es länger. Die Lehrerin wird präventiv weiterarbeiten, wenn sie mit uns gearbeitet hat, die wird mit einem Verdacht besser umgehen können, nicht mehr bloß wegschauen.“


Vaterfratze (lieb): „Sei locker. Ganz locker. So. Mein Mädchen. Unser Mädchen. Das tut gut. Ei ei ei. Das ist für dich. Ganz allein für dich. Unser Geheimnis. Das gehört nur dir und mir. Behalt es für dich. Nur für dich. Dann wird es schön.“


Selbstredend kennt man die Grenzen der eigenen Arbeit. Christine Klimt: „Der Workshop kann nicht bewirken, dass das Kind danach jederzeit die Möglichkeit hat, Missbrauch zu beenden.“ Im Gegenteil, es sei wichtig, den Kindern die Last der Verantwortung abzunehmen, das Gefühl zu nehmen, wenn ihnen etwas passiere, dann seien sie selber schuld. „Sie müssen wissen, dass sie eben nicht schuld sind.“ Zentraler Wunsch der Selbst-Laut-Frauen an die Zukunft: dass sich diese und all die anderen Inhalte soweit möglich in der Allgemeinheit verbreiten. Und sonst? Angelika Trabe würde freuen, „wenn sich parallel ein Männerverein gründen würde, der mit Burschen in der AHS und den Hauptschulen arbeitet. Das haben wir auch probiert, haben aber rasch erkannt, dass das den Männern überlassen bleiben muss. Die Burschen haben uns sehr akzeptiert, die waren ganz glücklich, nur: Ich kann nicht als Frau vorne stehen und über das Zulassen von Gefühlen sprechen, ohne wieder das Vorurteil zu bestätigen, dass für den Bereich der Emotionen Frauen zuständig sind.“ Christine Klimt wiederum fände es „schön, wenn es sozusagen ein Grundrecht der Kinder auf Prävention gäbe. Wir erreichen ja doch nur die, deren Lehrerin sich da drübertraut.“

Last, but not least wünscht man sich eine kontinuierliche finanzielle Versorgung. Christine Klimt: „Die Schulen zahlen zu den Workshops nur einen kleinen Beitrag. Alles Übrige wird von öffentlichen Stellen subventioniert, insgesamt pro Jahr mit 500.000 Schilling.“ Besonders wichtig wäre es, so Lilly Axster, „nicht jedes Jahr wieder bangen zu müssen: Geht es weiter oder nicht?“ Zwar sei niemand im Verein angestellt, alle hätten einen Hauptjob, aber für keine sei die Selbst-Laut-Arbeit Nebensache: „Wir zögern natürlich, in ein neues Gebiet hineinzugehen, wenn wir überhaupt nicht wissen, ob es uns nächstes Jahr noch gibt.“

Wie „Schattenriß“ endet? Das Mädchen stellt sich der Konfrontation mit dem eigenen Schatten. Selbstbewusst geworden. Theater? Gewiss. Utopisch? Vielleicht. Aber wo, wenn nicht im Theater, sollte das möglich sein? Übrigens: „Schattenriß“, vom Verlag der Autoren in der Reihe „Spielplatz“ publiziert, ist noch nicht uraufgeführt.


Wolfgang Freitag, „Die Presse“, „Spectrum“, 20. Dezember 1997