Walther Reyer: „Lex mihi ars!“

„Manchmal habe ich mir überlegt: Was suchst du da eigentlich? Du Nicht-Philipp, du Nicht-Das und Nicht-Jenes? Das ist jetzt deine Aufgabe?“ Walther Reyer über die TV-Serie „Bergdoktor“, Glück und Ende seines Burgtheater-Lebens und die Kunst des Hosenbügelns.


Walther Reyer, in den Fünfziger- und Sechzigerjahren galten Sie in Wien als der jugendliche Held par exellence, von Publikum und Presse heiß begehrt. Wenig später wurden Sie scheinbar übergangslos als Auslaufmodell gehandelt, als Restposten der Theaterkollektion von gestern. Und heute sind es fast ausschließlich Gratulationsadressen, im Vorjahr etwa jene zum 75. Geburtstag, anlässlich deren man sich Ihrer entsinnt. Dieser Gang vom Zentrum zur Peripherie öffentlichen Interesses – hat Sie der verletzt? Oder ist Ihnen das egal?

Die Entwicklung dorthin hat vor vielen Jahren angefangen. Ich war eine Zeitlang am Burgtheater einer, der nicht hinaufgegangen ist und gesagt hat: Ich möchte das spielen. Bei mir hat der Direktor gesagt: Walther, Sie spielen das. Ich habe mich darum nicht sorgen müssen. Ich habe gewusst, dass das nicht ewig so weitergehen kann. Ich habe gewusst, dass ich mit einer anderen Direktion nicht mehr derjenige sein werde, der die Rollen, die er sich wünschen würde, auch bekommt. Und weil ich das gewusst habe, habe ich Tourneen gemacht. Und durch das Tourneespielen habe ich mich mehr und mehr vom Burgtheater entfernt.

Sie hätten auch an ein anderes Theater gehen können.

Das wollte ich nicht. Ich war jahrelang in der Provinz. Da hat es Leute gegeben, die haben keinen Pfennig auf mich gesetzt. Die haben gesagt, der Reyer fantasiert, der lebt, der liebt, der trinkt, der isst – was aus dem werden wird? Und ich hab immer verkündet: Ich komm ans Burgtheater. Da haben sie dann schallend gelacht.

Ein anderes Theater? Ich wollte zu keinem anderen Theater, nicht aus Nichtachtung. Vielleicht können Sie sagen, das ist Arroganz, Überheblichkeit, aber es ist wie mit der Liebe. Da gibt es ganz besondere Menschen. Diese Einmaligkeit, die habe ich auch in der Burg empfunden.

Die Trennung hat mir sehr weh getan. Das hat mich getroffen. Aber ich hab mich dieser Liebe entzogen, von der ich gewusst habe, die wird es nicht mehr geben. Mit dem Jedermann war das genauso. Ich hab gewusst, eines Tages werde ich diese Rolle nicht mehr spielen. Ich hab sie gern gespielt, die meisten wollen das ja nicht spielen, reden über das Stück, Sie wissen, wie; das soll jeder machen, wie er will – aber das ist eine so irrsinnige Aufgabe das ist eine solche . . . ach, das ist wie zwischen Himmel und Hölle sein.

Jahrelang schien Ihre Karriere völlig geradlinig zu verlaufen. Ein Schauspieler, unterwegs vom Don Karlos, einer Ihrer ersten Partien an der Burg, zum König Philipp. Nur: Die Jahre vergingen, und Sie sind nie beim König Philipp angelangt.

Als ich ans Burgtheater kam im Jahr 1955, da hab ich fest geglaubt, dass das so sein wird. Und als dann andere Direktoren kamen, als ich gemerkt habe, dass daraus nichts wird . . .

Unter welchen Direktoren haben Sie das gemerkt?

Das hat schon unter Klingenberg begonnen. Der hat mir eine Tschechow-Rolle versprochen, und dazu kam es nie. Und dann folgte Benning, und es besserte sich nichts. In den Jahren, in denen Benning Direktor war, habe ich praktisch nichts gespielt; aber ich habe ein Angebot von den Salzburger Festpielen erhalten, den Hofreiter in Schnitzlers „Weitem Land“ zu spielen. Danach erst hab ich von Benning den Donadieu bekommen.

Benning und Sie, Sie waren jahrelang im selben Ensemble, Sie sind auch gemeinsam auf der Bühne gestanden. Gab es da irgendwelche Differenzen?

Ich weiß es nicht. Wir waren, bevor er Direktor wurde, sehr viel beisammen, sind gemeinsam nach Vorstellungen weggegangen. Ich habe später nie mit ihm darüber gesprochen. Hat ihn meine Art gestört, das Tirolertum, wie man immer sagt? Das passt den Leuten vielleicht nicht. Es ist doch in dieser Stadt so: Wenn sich einer hier echt freut, dann glaubt man es ihm nicht.

Fühlen sie sich unwohl in Wien?

Eigentlich nicht. Es tut mir nur leid, dass man mich falsch beurteilt.

Wie war das damals, als Sie von Graz nach Wien engagiert wurden?

Da war vor allem großer Respekt vor den Kollegen. Scheu. Angst. Aber ich habe mir aus Graz einen Polster mitgebracht. Dort habe ich plötzlich große Rollen gespielt, und plötzlich haben sich alle für mich interessiert. Da war der Haeusserman da, und es war der Buschbeck da, und es haben die Leute aus Deutschland telegrafiert. Das war wahnsinnig. Ich war plötzlich gefragt.

Das Grazer Publikum hat mich geliebt. Als Abschiedsvorstellung habe ich den Romeo gespielt, im Opernhaus, brechend voll; ob der so gut war oder nicht, ist eine andere Frage, jedenfalls riesiger Applaus; ich gehe mich duschen, die applaudieren weiter; das Licht wird abgedreht, das Publikum applaudiert; ich gehe im Bademantel, mit nassen Haaren auf die Bühne, sage, ich werde hoffentlich wiederkommen, was soll man anderes sagen. Ich hab wahrscheinlich gar nicht begriffen, was da los war. Im Burgtheater war das nicht viel anders. Ich kam, und alle haben mich gemocht.

Keine Neider?

Sicher, natürlich, hat man ja gemerkt. Ein Beispiel: Mit einer Kollegin, die mit dem Albin Skoda sehr befreundet war, habe ich einmal eine Tournee gemacht. Und die hat mir erzählt: „Weißt du, wie du gekommen bist, da hat der Albin gedacht, jetzt gibt’s einen, der nimmt mir die Kainz-Rolle weg in der ,Jüdin von Toledo‘.“ Ich hab sie ihm doch nicht weggenommen. Aber er hat es so empfunden. Ich hab mir natürlich gedacht: Einmal wird’s dir auch so gehen. Aber mir hat man keine Rolle weggenommen, mir hat man meine weitere Entwicklung genommen. Ich hab halt gelesen, hab halt weiter Musik gehört, hab halt versucht, weiterzuleben und zu lieben, entschuldigen Sie diese blöde Aufzählung, aber so ist es.

Schauen Sie sich Fernsehaufzeichnungen alter Theateraufführungen an oder Ihre alten Filme?

Mit den alten Filmen geht’s mir nicht so gut. Einen hab ich sehr gern, den, den ich mit dem Claude Chabrol gedreht habe, „Das Auge des Bösen“, das ist was, finde ich. Meine beiden Indien-Filme, das „Indische Grabmal“ und den „Tiger von Eschnapur“, schaue ich mir deshalb an, weil ich immer wieder an den Fritz Lang denken muss, wie sich der da mit dem Kameramann in die Haare geraten ist. Aber die Verfilmungen des Burgtheaters, die erinnern mich daran, dass das, was ich da gespielt habe, eine Fortsetzung hätte finden müssen – und deshalb meide ich sie. Da hat man mich betrogen. Oder ich hab mich betrogen, indem ich die Flucht ergriffen habe. Ich bin nicht hinaufgegangen und habe gesagt: Hallo, was ist eigentlich los? Das ist eben dieser tief innen sitzende Stolz.

Der oftmals bemühte Stolz der Tiroler?

Nein, das würde ich nicht sagen. Ich hab ja mit meinen Landsleuten ganz schön aufgeräumt. Die haben sich sehr verändert. Geld ist alles. Andererseits: Wo nicht? Ich hab’s ja auch ganz gern, das Geld.

Es gibt eine seltsame Koinzidenz: In der erwähnten Don-Karlos-Produktion des Burgtheaters sind Sie 1956 Oskar Werner nachgefolgt. Werner war nur wenige Wochen jünger als Sie, aber ein von Grund auf anderer Darsteller. Was Sie beide jedoch verbindet, ist ein mehr oder weniger laut artikuliertes Verzweifeln am Theater späterer Tage.

Und ich hab das Glück, dass ich nicht im Trinken versunken bin.

Aber was ist denn so schlimm an der Entwicklung des Theaters?

Die Lüge.

Auf der Bühne? Hinter der Bühne?

Hinter der Bühne, da gab es sie immer schon. Das macht nichts. Aber auf der Bühne. Ich kann mich sehr gut erinnern, das war 1955, in meiner ersten Zeit an der Burg, da ist der Werner Krauß einmal in die Kantine gestürmt und hat gebrüllt: „Ihr lügt ja alle! Ihr lügt!“ Das habe ich bis heute nicht vergessen. Ich glaube, dass heute sehr viel auf der Bühne gelogen wird. Wenn ich im Fernsehen höre, wie man über Rollen spricht, wie man über das Theater spricht, dann merke ich sofort, dass da ungeheuer viel Eitelkeit ist.

Und Sie sind nicht eitel?

Sicher bin ich eitel, aber diese Eitelkeit ist geradezu lachhaft, lächerlich.

Sie waren der klassisch-strahlende Held, ein Typus, der uns abhanden gekommen ist. Wieso?

Das liegt am intellektuellen Nasenbohren. Da gibt’s nichts Heißes und nichts Leidenschaftliches mehr. Ich hab mich ja immer orientiert an der Leidenschaft: leidenschaftlich in die Natur, leidenschaftlich in die Musik, leidenschaftlich in die Literatur, leidenschaftlich in einen Menschen. Wie hört so ein Schauspieler von heute Brahms? Nicht zum Aushalten.

Sie haben über sich selbst gesagt, Sie seien ein Patriarch. Ist das nicht ein genauso überlebtes Rollenbild wie der leidenschaftlich-ungebrochene Held, wie Sie ihn verkörperten?

Den Patriarchen habe ich immer wieder deshalb ins Spiel gebracht, weil man ihn angegriffen hat, weil ein Vater ein Vater sein kann und weil ich weiß, dass man sich auch selber bemühen kann, ein Vater zu sein. Mich hat es gestört, dass immer nur vom Weiblichen geredet wurde, wir sind plötzlich alle Machos geworden, was wir auch teilweise sind, aber nicht nur. Die Väter haben wir erledigt, die brauchen wir nicht – und wo sind jetzt die Mütter?

Welche Mütter sollen das sein? Heimchen am Herd?

Nein, das meine ich nicht. Mutter sein bedeutet, so wie ein Freund zu sein. Wenn ein Freund ein Freund ist, dann weiß er, dass er anrufen muss, wenn’s dem anderen nicht gut geht. Dieses instinktiv Richtige, darum geht’s mir, nicht um eine Rolle. Das hat auch mit dem Geschlecht zu tun. Mütter ohne Geschlecht sind nichts. Wenn ich im Fernsehen die Gerti Senger mit ihrer Sex-Show sehe, das ist ja nichts, das ist ja nicht wild, das ist ja nicht geil, das ist völlig uninteressant.

Es wäre für Sie aber denkbar, dass der Patriarch bügelt?

Warum nicht?

Können sie bügeln?

In der Serie „Bergdoktor“ musste ich vor der Kamera bügeln.

Haben sie das dafür eigens gelernt?

Nein, ich habe es schon früher probiert. Trotzdem bin ich froh, wenn es jemand anderer macht, ehrlich gesagt. Aber die Hose, die Sie hier sehen, das ist kein Problem, die gebe ich in eine Bügelpresse – und fertig.

Sie haben mehrfach über die Oberflächlichkeit des Fernsehens geklagt. Dennoch haben Sie in zwei Serien, „Insel der Träume“ und „Berdoktor“, Hauptrollen übernommen. Eine Verzweiflungstat?

„Insel der Träume“, das hatte einen romantischen Grund, da ging’s mir darum, auf Hawaii zu sein, das war der Drehort, meine Tochter Cordula war auch drüben. Was die Serie wert ist, das habe ich gewusst, aber darüber möchte ich nicht reden. Der „Bergdoktor“, der ist mir passiert. Man hat mir gesagt: Wir machen das und das. Ich habe gesagt: Nein, das mach ich nicht. Hab noch gefragt, wo gedreht wird. Da haben sie geantwortet: In Tirol. Und da hab ich mir gedacht: Jetzt bist du so alt, du lebst in Tirol, fährst 20 Minuten zum Drehort, an einem Tag hast du frei, fährst zum Gardasee oder nach Venedig, hast Zeit, verbindest das mit dem schönen Leben, man weiß ja nie.

Trotzdem hab ich mir manchmal überlegt: Was tust du da eigentlich? Du Nicht-Philipp, du Nicht-Das und Nicht-Jenes? Das ist jetzt deine Aufgabe? Und da hab ich mich ein bisschen hinübergerettet damit, dass ich früher, in der Innsbrucker Exl-Bühne, ähnliche Dinge gespielt hab – und dass es keine Schande ist, wenn ich das gut spiele. Und ich habe Gott sei Dank in den letzten beiden Staffeln einen Regisseur gefunden, Herrn Bleiweiß, der das Ganze umgekrempelt hat, dieses Krachlederne ist weggefallen.

Es bleibt eine schizophrene Situation, wie man’s auch dreht und wendet: auf der einen Seite auf das Fernsehen schimpfen und es auf der anderen Seite benutzen und bedienen.

Das ist schon eine schöne Charaktereigenschaft, nicht? Aber ich schimpfe ja nicht über das, was wir da tun. Mit Herrn Bleiweiß ist das wirklich anders geworden. Ich sage nicht, Sie sollen sich das anschauen, aber . . . Ja, ja, ich weiß schon, was Sie meinen, schamrot werde ich nicht mehr, ich habe dazu ja gesagt. Soll man’s eine Beschäftigungstherapie nennen, damit man nicht narrisch wird? Vielleicht wird man ja noch narrischer, wenn man’s tut.

Was würden Sie heute im Hinblick auf Ihre Karriere anders machen?

Ich würde hinaufgehen und sagen: Entweder ihr lex mihi ars – oder ich krieg das. Ich frage mich selber heute: Lag’s an meiner Mutlosigkeit? Lag’s an meinem Stolz? Wissen Sie, wenn man jahrelang gewohnt ist, bedient zu werden, nicht aus Faulheit, sondern weil es selbstverständlich ist – und dann diese Nichtachtung. Dass man mir sagt, man braucht meine Burgtheater-Garderobe. Ich war schon darauf vorbereitet. Andere sind daran gestorben. Ich hab damals gefragt: Wofür braucht ihr denn die Garderobe? Für den Direktor, zum Ausruhen, war die Antwort. Hab ich mir gedacht: Gut, der wird eine Freude haben. In diesen Räumen sind viele Dinge geschehen, die werden ihm keine Ruhe lassen.

Gehen Sie noch ins Theater?

Ich war kürzlich im Volkstheater, in der „Meisterklasse“ mit Frau Eckert in der Hauptrolle. Sehr gut, diese Frau.

Und in die Burg?

Das geht nicht. Nicht wegen dem, was auf der Bühne geschieht. Das kenne ich ja nicht, wenn ich nicht reingehe. Aber weil es eine große unerfüllte Liebe ist. Das tut zu weh.


Wolfgang Freitag, „Die Presse“, „Spectrum“, 7. Februar 1998