Österreich muss Tragöß werden – ehe es zu spät ist!

Wie wir uns gegen die Coca-Kolonisierung wehren können: ein Fallbeispiel samt Aufruf.


Was wäre, wenn plötzlich alles so wäre, wie es sein sollte? Der Stephansdom hätte vielleicht zwei Türme, die Neue Hofburg zwei Flügel. Und die Donau wäre womöglich wirklich blau. Seltsam. Nichts wirkt beunruhigender als die Vorstellung solch banaler Perfektion. Vollendung, das ist die Kunst der Buchhalter, technoid, kalt, bar jenes menschlichen Faktors, der alles lebendig werden lässt.

Gestehen wir uns ein: Erst die Unvollkommenheit macht das, was – trotzdem – da ist, wirklich wertvoll. Ein zweiter Stephansturm – wozu? Der würde nur vom ersten ablenken. Ein zweiter Hofburgflügel – warum? Der Blick vom Heldenplatz auf Rathaus und Burgtheater wäre verstellt. Und – Hand aufs Herz: Keiner würde Notiz vom raffinierten Farbenspiel der Donau nehmen, wäre die einfach immer nur blau.

Lasst uns die Unvollkommenheit pflegen und ehren, wo immer wir sie treffen! Sie ist nicht Teil, sie ist Mittelpunkt unserer Identität. Sie macht Österreich zu dem, was es ist: ein ganzes Land als große Unvollendete. Man denke nur an das Wiener Museumsquartier: Jahrelang wurde hier um jeden Ziegel gerungen – und wie anders hätte es gelingen können, ein geradezu peinlich durchdachtes Projekt in ein aufregendes Etwas voller Rätsel und Fragezeichen zu verwandeln, das noch mehrere Generationen mit Hättes und Wäres beschäftigen wird.

Freilich: Die Zeit arbeitet gegen uns. Allenthalben feiern auch hierzulande die Glattmacher Triumphe, die Apostel der Reibungslosigkeit. Gehen sie einmal in eine Wiener U-Bahn-Station, und warten Sie auf die nächste Störung: Das kann dauern. Ganz zu schweigen von der trostlosen Allerweltsfreundlichkeit, die sich immer öfter in Wiener Kaffeehäuser verirrt: Wo sind die Zeiten, da es sich Kenner dreimal überlegten, den Herrn Ober mit ihren profanen und auch ganz und gar irrelevanten Konsumationswünschen zu behelligen?

Gerade hier, im Bereich des Servierpersonals, vormals ein besonders kerniges Kernstück heimischen Selbstverständnisses, hat die mit Recht so gefürchtete Globalisierung bodenständige Eigenart in bestürzendem Maße aus dem Alltag verdrängt. Es ist nicht lange her, da hätte ich Weinviertler Gaststuben blind, allein dank der träge schlurfenden Schritte des Wirts, von allen anderen vergleichbaren Lokalitäten dieser Welt unterscheiden können. Aus und vorbei. Mit verdiensthungrigem Serviervolk aus dem nächsten Osten haben nach 1989 Eifer und vergleichsweise atembenehmendes Bedienungstempo selbst in bescheidenen Wirtshäusern Ostösterreichs Einzug gehalten; und das, was vielleicht – wohltuenderweise – dann und wann noch immer nicht klappt, lässt eher mitgebrachte alte Ideologiereste ahnen als die so wunderbar einheimische Ignoranz. Umso erfreulicher, wenn man der dann und wann doch noch begegnen darf. Unvermutet. In meinem Fall kürzlich im steirischen Tragöß.

Es war früher Abend, ich setzte gerade dazu an, die Hauptattraktion des Orts, den „Grünen See“, erstmals in meinem Leben zu umrunden, und grübelte noch darüber, wie ein so bescheiden dimensioniertes Gewässer zu der hochmütigen Bezeichnung See gekommen sein mochte und warum man dessen Türkisblau wohl Grün genannt hatte, da stieß ich auf ein Schild, das verheißungsvoll durch das Unterholz des Ufers schimmerte: Pension am Grünen See, Restaurantbetrieb geöffnet.

Ein knurrender Magen ließ es mir geraten scheinen, mich den glasklaren Tiefen des geheimnisvollen Nasses hinfort sitzend, am besten in Begleitung eines – sagen wir – Schweinsbratens zu widmen, und so stieg ich die Uferböschung zu der Pension hinan, wo mich nebst fünf weiteren Gästen vor allem drei meterhohe, dichbeschriebene Tafeln voller Schnitzel und Kaiserschmarrn begrüßten.

Kaum hatte ich mich über den in der Abendsonne strahlenden Wassern an einem der Tische niedergelassen, als sich auch schon an der Schwelle zum Innenraum des Lokals eine Kellnerin zeigte, die in Haltung und Umfang unmissverständlich Erdverbundenheit signalisierte; das, was man in ländlichen Gefilden eine „feste Gretel“ nennt. Die freilich würdigte den Bestellungsheischenden keines Blicks, steuerte vielmehr mit bewundernswerter Konzentration auf die Schnitzel-und-Kaiserschmarr-Tafeln zu, klappte bedächtig eine nach der anderen zusammen und stellte sie – ohne jedwede unnötige Hast – beiseite. Worauf sie sich schließlich, sichtlich mit sich und der Welt eins, mir zuwandte und mir, der ich wider alle Logik ihrer unzweideutigen Handlungen impertinenterweise noch immer zu essen begehrte, engegenhielt, man koche um diese Tageszeit nur mehr für Pensionsgäste.

Ist Ihnen irgendetwas Vergleichbares schon einmal bei McDonald’s widerfahren? Oder in irgendeinem der vor Servilität dampfenden Gourmet-Tempel dieser Welt? Das, was sich an jenem Abend am Ufer des noch immer nicht Grünen Sees offenbarte, ist unsere schärfste Waffe im Kampf gegen die Coca-Kolonialisierung. Hier, am Fuße des unvergleichlichen Hochschwabs, hat sich nebst manch seltener Blume, manch mächt’gem Baum, manch kristallklarem Bach in einem kleinen lokalkulturellen Biotop noch ein letzter Rest jenes wundervoll widerborstigen Österreichs erhalten, das in diesen Tagen unter den Walzen einer alles verwechselbar machenden globalen Gleichmachungsmaschine plattgedrückt zu werden droht.

Bekennen wir uns zu unserer Eigenart, sagen wir es rundheraus: Tragöß muss Tragöß bleiben! Und: Österreich muss wieder Tragöß werden – ehe es zu spät ist.


Wolfgang Freitag, „Die Presse“, „Spectrum“, 25. Juli 1998