Glockengasse: Ein ganzer Ordner Nichts

Die kleine Schneiderei, die seit Monaten „total abverkauft“. Die abgeschabte Schaufensterpuppe der „Textilwaren Zum Bärenhaus“. Und viele verlassene Geschäftslokale: Glockengasse, Wien-Leopoldstadt – eine Begehung.


Jeden Morgen Glockengasse. Jeden Morgen dieselben 31 Hausnummern, dieselben 400 Leopoldstädter Meter zwischen Großer Stadtgutgasse und Taborstraße. Jeden Morgen die kleine Schneiderei, die schon seit Monaten „total abverkauft“, das Restaurant „Jägerstüberl“ – Sie wissen: „Im Himmel gibt’s kein Bier, drum trinken wir es hier!“ -, jeden Morgen die winzige Lottokollektur, in der nebst dem großen Glück Konsalik, Kerzenleuchter und Kinderski zu finden sind, jeden Morgen die abgeschabte Schaufensterpuppe der „Textilwaren Zum Bärenhaus“. Und jeden Morgen verlassene Geschäftslokale, die aus leeren Auslagen auf die Straße starren, wenn ihnen nicht ein gnädiger Hausmeister die Rollbalken zugedrückt hat.

„Kampf den Groschenfressern“ hieß es Anfang der Sechzigerjahre, und rasch war – mitten im sonst so kalten – ein „heißer Krieg zwischen Einzelhändlern und den Inhabern der Wiener Diskontläden“ publizistisch ausgerufen. Spätestens mit dem Triumph der Einkaufszentren am Stadtrand mündeten die Kampfhandlungen in ein veritables Schlachten: Die Front verlief nicht mehr innerstädtisch, sondern zwischen Stadt und Land, und vom „Sterben“ renommierter Einkaufsstraßen war genauso die Rede wie vom Untergang der Greißlerei ums Eck.

Alsbald fehlte es auch nicht an Aufrüstungskonzepten für die bedrängte urbane Handelsmacht; gut drei Jahre ist es her, dass man gar auf eine „neue Gründerzeit für Greißler und Gewerbe“ hoffte. Mittlerweile sind wuchtig annoncierte „Krisenmanagements“, diverse Rettungsaktionen und Kampagnen, alles im Dienst der Nahversorgung, vorbeigezogen. In der Glockengasse merkt man nichts davon. Jeden Morgen Glockengasse – das heißt jeden Morgen ein bisschen weniger städtische Seele und ein bisschen mehr Feindseligkeit. Und jeden Morgen dieselben Fragen: Wie lebt hier, was noch lebt? Und wie lange wird’s noch leben?


Ein ganzer Ordner Nichts: Josef König verwaltet ihn, den Ordner „Glockengasse“, wie all die anderen Ordner, die einst ein eifriger Bezirksmuseumshüter für einzelne Straßen und Plätze der Leopoldstadt angelegt hat – und die bis dato mehrheitlich leer geblieben sind. „So viel kommt halt an Material nicht zusammen“, meint König, und er muss es wissen; schließlich ist der pensionierte Beamte selbst seit einigen Jahren Leiter des kleinen Bezirksmuseums in der Karmelitergasse.

Immerhin kann der langgediente Leopoldstädter sein vor allem mit gutem Willen gefülltes Archiv mit eigenem Wissen und eigenen Erinnerungen aufbessern. Stichwort Glockengasse: Da wäre einmal die längst entschwundene Glockengießerei, die dem Straßenzug im 17. Jahrhundert den Namen gegeben haben soll; da wäre die Betriebsamkeit der Zwischenkriegsjahre, ein aufregendes Gemenge aus Handel und Gewerbe; da ist schließlich eine Gegenwart, die kaum Hoffnung auf Zukunft lässt. Aber: „Die neuen Stadtviertel sind genauso tot, wenn nicht noch toter, falls man das steigern kann. Denken Sie an die Großfeldsiedlung: Das ist doch nichts gegen das, was hier, in der Leopoldstadt, früher war.“

Früher? Wer im zweiten Wiener Gemeindebezirk von „früher“ spricht, der meint nicht selten die Zeit vor 1938: die Zeit vor dem „Anschluss“, die Zeit vor den Plünderungen jüdischer Geschäfte, die Zeit vor der Flucht, Vertreibung, Deportation. Einer der wenigen, der sich retten konnte und nach 1945 auch wieder zurückkehrte, sei der Kaufmann Jac Mayer gewesen, erzählt Josef König, mit seinem Kleiderhandel Ecke Glockengasse/Novaragasse eine lokale Berühmtheit – dort, wo heute ein Chinarestaurant täglich außer Sonn- und Feiertag um 69 Schilling zum Mittagsbuffet lädt: „Eine Verwandte von Jac Mayer kenne ich, die arbeitet im Dokumentationsarchiv des österreichischen Widerstandes.“ Ihr Name? „Vilma – der Rest ist mir entfallen.“


In der Glockengasse 19 ist die Geschäftswelt noch in Ordnung. Hier herrscht Hubert Lotteraner über sein erstaunliches Reich der Seilerwaren: „Es geht uns deshalb verhältnismäßig gut, weil wir ein Spezialgeschäft sind. Unsere Kunden kommen von weit her. Sicher, wenn wir irgendwo in einer besseren Lage wären, würden mehr Leute sehen, was wir alles haben. So kauft man das halt im Baumarkt, irgendwo, wo man vorbeifährt.“

Doch vom Einzelhandel hängt ohnedies weder Wohl noch Weh des Unternehmens ab; beides entscheidet sich bei Seilerwaren en gros. Und da ist man rundum zufrieden – sieht man von Widrigkeiten ab, die das Arbeiten im engen Leopoldstädter Straßengeflecht so mit sich bringt: „Denken Sie an die Zufahrt. Alle zwei, drei Wochen bleibt vor unserem Geschäft ein LKW hängen, weil er nicht ums Eck kommt.“

Übersiedlungspläne hat Lotteraner zwar des Öfteren gewälzt, aber ebensooft wieder verworfen: „Wir haben im dritten und im siebten Bezirk viele Großhandelskunden, die können wir von hier viel schneller beliefern als von der grünen Wiese. Außerdem habe ich hier den Vorteil, dass ich im Einzelhandel Dinge anbieten kann, die es sonst im Einzelhandel gar nicht gibt. Deshalb schätze ich diesen Standort sehr.“

Eine Wertschätzung, die Lotteraner mit Robert Jelinek teilt. Der freilich denkt gar nicht daran, in seinem Laden etwas zu verkaufen. Hinter den meist nur nachmittags geöffneten Rollbalken in der Glockengasse 9 heckt er mit seiner „Sabotage“-Crew das aus, was er selbst „öffentliche Interventionen“ nennt: etwa die Präsentation eines Parfums namens „Cash“, das schlicht nach Geld riecht, oder jüngst eine Modenschau in einem Wiener Kühlhaus.

Dass die Gegend rundum „sehr gemischt“ sei, findet Jelinek „aufregend“; weniger erfreut war er, als man ihm „so ungefähr nach einer Woche“ die Eingangstür aufgebrochen hat: „Da haben wir schon gedacht: Glasscherbenviertel halt.“ Mittlerweile freilich kann er dem brüchigen Flair wieder einiges abgewinnen: „Rundherum schaut’s ja aus wie in einer Geisterstadt mit diesen leeren Auslagen.“ Die nahe Taborstraße dominiere eben alles. „Der ältere Herr von dem Hutgeschäft nebenan hat gesagt, er kann gar nicht so viel Zeug rausstellen, dass jemand auf ihn aufmerksam wird. Und seine Stammkundschaft stirbt ihm weg. Jetzt ist der Laden zu.“


„Vilma“ ist rasch gefunden. Im Dokumentationsarchiv des österreichischen Widerstandes weiß man: Es kann sich nur um Vilma Neuwirth handeln. „Ich bin eine gebürtige Leopoldstädterin, im dritten Bezirk krieg’ ich schon Heimweh“, bekennt Frau Neuwirth. Da sitzen wir einander schon in einem kleinen Café gegenüber – in der Leopoldstadt, wo sonst. Ein paar Begrüßungshöflichkeiten, und Vilma Neuwirth versinkt in der Vergangenheit: „Die Glockengasse war sehr belebt vor dem Zweiten Weltkrieg. Ich hab im Haus Nummer 29 gewohnt, mein Vater hatte da auch seinen Friseurladen. Dieses Haus war etwas Besonderes. Am Gang ist Kaffee serviert worden, das war eine ganz enge Gemeinschaft. Aber mit dem ,Anschluss‘, da war ich zehn Jahre alt, hat sich das Leben von einem Tag auf den anderen völlig geändert.“ Über Nacht wird aus dem freundlichen Herrn von nebenan ein fanatischer Nazi. Über Nacht wird aus der Mutter, einer Christin, die „Rassenschänderin“, aus dem jüdischen Vater der „Saujud“. „Selbst meine beste Freundin hat zu mir plötzlich ,Saujüdin‘ gesagt“, erzählt Vilma Neuwirth.

„Zwei, drei Tage später“ will der nette Nachbar von ehedem, mittlerweile in SA-Uniform, einen ihrer Brüder zwingen, sich mit der Tafel „Ich bin ein jüdisches Schwein“ vor dem Geschäft des Vaters aufzustellen: „Mein Bruder war Boxer, der hat dem eine gegeben, dass er auf dem Boden geflogen ist; ich hab geschrien: ,Renn! Renn!‘ Ich hab gewusst, wenn der zurückkommt . . . Und dann hab ich meinen Bruder erst wieder 1946 gesehen – als er von Shanghai zurückgekehrt ist. Können Sie sich das vorstellen?“


„Zu Hause haben alle gesagt, ich bin deppert.“ Vor 15 Jahren hat Renate Rakowsky die triste Lohnabhängigkeit als Sekretärin gegen das hoffnungsreiche Dasein einer freien Kleinunternehmerin getauscht. Seither sitzt sie in ihrem bescheidenen Laden, Lottokollektur und Romanschwemme, Glockengasse 10, und ist’s zufrieden: „Ich könnte mir gar nicht mehr vorstellen, dass ich in eine Firma arbeiten geh. Einen Chef hab ich nie gut vertragen.“ Und dass sie auch jetzt nur so frei ist, wie es die Lottogesellschaft zulässt – da kann man halt nichts machen.

Selbst sie, mit ihren 46 Jahren eine vergleichsweise junge Glockengässlerin, meint schon auf Zeiten zurückblicken zu können, die alt sind und daher gut waren: „Wie ich hier angefangen hab, da waren alle Geschäfte besetzt. Und dann hat einer nach dem anderen zugesperrt: Die ,Glockenwäsche‘ ist eingegangen, den Fleischhauer daneben gibt’s auch nicht mehr, da lagert ein Türke seine Krauthappeln. Voriges Jahr ist der Mann vom Schuhgeschäft ,Gitti‘ gestorben, seine Frau führt’s noch weiter, aber die ist auch schon recht schlecht beinand. Der drübere Schuster hat einen Herzinfarkt gehabt in meinem Alter.“

Erika Obleser hat ihre Änderungsschneiderei, gleich neben der Lottokollektur, vor zwei Jahren aufgegeben: „Ich bin in Pension gegangen, hätt’ aber weitergemacht. Nur: Der Hausherr hat die Miete von 2500 auf 7500 Schilling erhöht – das verdient man ja nicht.“ Geblieben ist immerhin der Zusammenhalt der Geschäftsleute-Clique in diesem Glockengassenteil. „Die Lottokollektur“, meint Obleser, „das ist unsere ,Kronen Zeitung‘.“ Und selbstverständlich hat sie längst von dem Journalisten gehört, der sich im Grätzel umtut: „Vom Horak, dem Schneider gleich gegenüber.“

Der ist – wie Obleser – schon in Pension. Aber seinen kleinen Laden hält er noch immer dann und wann offen, für „Freunde und Bekannte, als Treffpunkt“, wie er erzählt. Und falls er wieder einmal „mit der Dame“, bei der er gerade wohnt, „nicht auskommt“, könne er sich hier zurückziehen, in sein „Schneckenhaus“. 1972 hat er, der „Modellschneider Georg“, wie das Portal in goldenen Lettern auf schwarzem Grund verkündet, seine Werkstatt in die Glockengasse verlegt – gewiss auch damals schon ein Straßenzug, der keine sonderliche Nachfrage nach Maßanzügen erhoffen ließ. „Ich hab eine Stammkundschaft gehabt, daher war das kein Risiko für mich.“ Georg Horak, der Realist. Seine Klientel? Zunächst einmal manch Prominenz, dann verarmte Adelige, die ihre mottenzerfressene Garderobe bei ihm reparieren ließen – und schließlich Nachtklubtänzerinnen, denen er anzog, was sie zwecks Gelderwerbs öffentlich auszogen. „Da sind oft 14, 15 Leute in der Werkstatt bei mir auf Besuch gewesen, jeder hat eine Bouteille mitgebracht, das war eine bewegte, schöne Zeit.“ Wohl nicht zuletzt wegen der „erotischen Erlebnisse“, die Horaks Augen bis heute vielsagend leuchten lassen. „Schauen Sie, jetzt ist ja alles abgestumpft. Früher gab es mehr Freude, diese Sinnlichkeit ist weg.“


Niemand, der es nicht selbst erlebt hat, kann sich vorstellen, wie das war, damals, 1938, in der Glockengasse 29. Leben war für Vilma Neuwirth über Nacht gleichbedeutend mit einem einzigen Gefühl – Angst. Angst, die in den Wahnsinn treiben konnte. „Das Geschäft haben sie ja meinem Vater gleich weggenommen“, erzählt Frau Neuwirth, „und so hat er von 1938 bis 1942 in der Wohnung gearbeitet. Da waren von den Mischehen noch die Männer da, solche wie mein Vater. Eines Tages schneidet er einem gewissen Herrn Zuckermann die Haare, meine Mutter sieht einen von der SA ins Haus gehen, wir haben gewusst, der kommt sicher zu uns, so hat meine Mutter den Herrn Zuckermann im Kabinett versteckt, im Bett, hat alle Polster und Tuchenten auf ihn draufgelegt, und dann hat sie sich auf den Sessel gesetzt, als hätt mein Vater ihr die Haare geschnitten. Der SA-Mann hat herumgeschaut, ist wieder weggegangen. Und wie meine Mutter den Herrn Zuckermann aus dem Bett holt, hat der den Verstand verloren gehabt. Der hat nicht mehr gewusst, wie er heißt und wo er wohnt.“


Geschäftslokal zu vermieten: Wie lange klebt der Zettel wohl schon in der Auslage der vormaligen „Glockenwäsche“? Bei der „Rivola Immobilienverwaltung GmbH“ weiß man Bescheid: Zwei Jahre sind vergangen seit dem Konkurs; und im Übrigen sei es sehr schwierig, Lokale in solcher Lage zu vermitteln. Selbst wenn die Inklusivmiete für die rund 280 Quadratmeter Nutzfläche keine 20.000 Schilling ausmache. „Sie wissen ja: keine Hauptverkehrsstraße, keine Laufkundschaft.“

In der Gebietsbetreuung Leopoldstadt hat man Nebenstraßen wie die Glockengasse längst aufgegeben. „Dass solche Bereiche geschäftmäßig aussterben, diese Entwicklung sehe ich nicht als verhinderbar an“, meint Peter Mlczoch, Leopoldstädter Gebietsbetreuer seit 1991 und solchermaßen mit Fragen der Grätzelverbesserung bestens vertraut. „Da bleiben nur Spezialgeschäfte übrig, und selbst die haben’s sicher schwer.“ Die Zukunft der leeren Lokale? Vielleicht eine Umwandlung in Büros. Da und dort mache man Garagen draus: Das allerdings sei „tödlich“ für den öffentlichen Raum.

Peter Mlczoch kann sich – so scheint’s – auch sonst nicht anfreunden mit dem Primat des Autos in der Stadt; man denke etwa an die Pläne der Gebietsbetreuung, die kränkelnde Praterstraße wiederzubeleben: „Das Problem ist, dass die seit dem U-Bahn-Bau wie eine Autobahn ausschaut.“ Eine Arbeitsgruppe habe daher in den vergangenen Monaten Konzepte entwickelt, wie man „die Leute wieder zum Gehen animieren“ könne: „Da wurden Varianten vorgeschlagen mit zwei, drei Fahrspuren statt der jetzigen vier, weil vor allem die beiden Fahrspuren stadtauswärts selten gebraucht werden. Diese Varianten sind aber von der Verkehrsbehörde abgelehnt worden“ Was auch geschieht – Individualverkehr, ob er nun rollt oder ruht, ist tabu. Peter Mlczoch sieht’s pragmatisch: „Die Ausgangssituation ist also, dass diese vier Spuren bleiben. Möglich ist nur eine Verschmälerung der Fahrspuren.“

Mittlerweile liegt ein fertiges Konzept vor, an dem auch die Geschäftsleute mitgearbeitet haben: „Die sind“, weiß Mlczoch, „über jede Initiative froh, die in Richtung Verbesserung gesetzt wird.“ So will man demnächst mit Verbreiterung der Radwege, Gehsteigvorziehungen, attraktiver bepflanzten Mittelstreifen und weiteren – notgedrungen sparsamen – Retuschen das Siechtum der Praterstraße beenden. Demnächst – wann, Herr Mlczoch? „Wünschenswert wäre innerhalb der nächsten fünf Jahre.“ Und so um die Weihnachtszeit wird man sich ja was wünschen dürfen.


„Stört es Sie, wenn ich rauche?“ Vilma Neuwirth holt sich eine Zigarette hervor, nippt kurz an ihrer Kaffeetasse. „Mein Vater ist 1942 gestorben, und so fürchterlich das ist, was ich jetzt sag’: Das hat uns das Leben gerettet. Meine Mutter war ja Christin. Trotzdem waren wir gegen Kriegsende auch schon zur Deportation vorgesehen. Wären die Russen zwei Monate später gekommen, wären wir alle weg gewesen.“

Die „schönste Zeit“ in diesen sieben Jahren, „das war jene, als die Bomben fielen“: „Obwohl wir Angst gehabt haben – aber da haben dann wenigstens nicht nur wir, da haben alle Angst gehabt.“ 1945, als alles vorbei war, da „waren wir einfach glücklich, dass wir’s überlebt hatten“. Was mit den Nazis geschehen sei? „Der SA-Mann, den mein Bruder niedergeschlagen hatte, der ist über Nacht weg gewesen. Aber die arisierten Wohnungen und Geschäfte, die sind im Besitz der Arisierer geblieben. Unser Geschäft war total ausgeräumt, meine Mutter hat 10.000 Schilling dafür bekommen. Das war alles.“ Nur beim Jac Mayer, bei dem war das anders: „Der ist nach Albanien geflüchtet, wie der Hitler gekommen ist. Und er hat sich’s komischerweise so richten können, dass er einer der ersten war im Fünfundvierzigerjahr, der sein Geschäft zurückgekriegt hat.“


Die Abschiedssymphonie der Wiener Nahversorgung: jede Woche eine Drogerie weniger, alle zehn Tage ein Greißler weniger, jeden Monat zwei Elektrohändler weniger. Und auch „Bettfedern Samek“, Glockengasse 4, wird’s nicht mehr lange geben. „Ich arbeite nur mehr für die Pension“, bekennt Frau Samek, „dann ist Schluss.“ Die Kinder? Die haben kein Interesse.

„Des Gnack brochn hat uns die verkehrsberuhigte Zone“, da ist sich Herr Samek sicher. „Ununterbrochen haben sie umbaut und hinbaut und herbaut, kaum war eine Baustelle fertig, ist es woanders losgegangen. Die Leute sind auf die Taborstraße ausgewichen. Und jetzt ist es überhaupt aus.“

Langer Adventeinkaufssamstag. In den Shopping Citys am Stadtrand: der übliche vorweihnachtliche Konsumtumult. In der Glockengasse 4: die stillste Zeit des Jahres. „Wir haben uns für heute nichts erhofft“, meint Herr Samek. „Dabei sind wir noch am lebendigen Eck der Glockengasse.“ Und Frau Samek denkt zurück an Umsatzglanz und -gloria vergangener Tage: „Im Hinterhof haben wir Steppdecken und Daunendecken erzeugt, da ist eine Näherin gewesen, eine andere war den ganzen Tag mit der Bettfedernreinigung beschäftigt, und vorne hatten wir vier Verkäuferinnen.“ Und heute? „Bettfedern Samek, das ist“, sagt Frau Samek, „mein Mann, eine Angestellte und ich. Schaun Sie, die Daunendecken, die kommen heute aus dem Osten, fix fertig.“ Dass die keine drei Jahre halten – wen interessiere das schon?

Gerald Nistler, Herr über das Bettenstudio an der nächsten Ecke, assistiert: „Die Leute, die Bettwäsche um 2000 Schilling gekauft haben, die sind weggestorben; die Jungen wollen bügelfrei, passt, is eh finster in der Nacht. Ein Schrebergarten? Da muss ich heizen und Rasen mähen, da fahr ich lieber nach Teneriffa. Das hat sich alles verändert.“ Ja, und da wäre natürlich noch die „Verslumung“, die Gerald Nistler bemerkt. Mit Herrn Samek gesprochen: „Ab der Novaragasse sind wir schon in der Türkei.“ Neuerdings gebe es überdies so schrecklich viele „Neger“, meint Herr Samek: „Ich frage Sie: Was machen die da? Es werden immer mehr. Und da soll wer ein Geschäft aufmachen? Das sind halt die Sorgen der kleinen Leute.“


Jac Mayer, ein Leopoldstädter Mythos. Vilma Neuwirth erinnert sich: „Der war einer der berühmtesten Geschäftsmänner von Wien, ein Multimillionär, zu einer Zeit, wo die Leute 20 Schilling in der Tasche gehabt haben. Er hat mit Alt- und Neuwaren gehandelt, das heißt, wenn die Leute Geld gebraucht haben, sind sie zu ihm gegangen und haben ihre Schuhe verkauft. Und er war immer Barzahler. Aber sein Ruf war immer schlecht.“ Wieso? „Der Jac Mayer hat so eine Brieftasche wie ein Kellner gehabt, mit Fächern für die Scheine, und wenn so ein armes Schwein zu ihm gekommen ist, um ihm etwas zu verkaufen, den hat er zuerst herungergehandelt, und dann hat er hineingegriffen in diese volle Brieftasche – und dem anderen sind natürlich die Augen herausgekommen. Das hab ich ihm nie verzeihen können.“

92 Jahre sei er alt geworden und bis zum Schluss im Geschäft gestanden, erzählt Frau Neuwirth. Sie selbst sei 17 Jahre mit einem seiner Söhne verheiratet gewesen – bis zu ihrer Scheidung. „Ich hab mit dem Jac Mayer geredet, wie es sich sonst keiner getraut hat. Er hat mir mit seinem Geld nicht imponieren können.“ Ob sie heute noch manchmal durch die Glockengasse gehe? „Nein, das Haus Nummer 29 wurde abgerissen, da steht ein Neubau. Und seit meine Mutter nicht mehr lebt, meide ich diese Straße. Ich weiß nur, dass es ein trauriger Anblick ist.“


Jeden Morgen Glockengasse. Jeden Morgen dieselben 400 Leopoldstädter Meter. Jeden Morgen die kleine Schneiderei, die sich demnächst in eine Garage verwandelt haben wird, das Modellbahngeschäft „Brummi“, dessen Besitzer hofft, nicht in Konkurs zu gehen wie seine drei Vormieter, jeden Morgen die Flanellpyjamas der „Textilwaren Zum Bärenhaus“. Nicht zu vergessen die Grabvasen und Grablichthäuschen in der Auslage des Steinmetzmeisterbetriebs „Ruso & Raul“ samt einer entseelten Taube aus Porzellan. Vielleicht ist wenigstens der Tod hier ein gutes Geschäft.


Wolfgang Freitag, „Die Presse“, „Spectrum“, 24. Dezember 1998