Traumberuf Demonstrant

Stehen Sie auf, und cashen Sie ab! Ein Insidertipp.


Vergessen Sie Fonds und Aktien, Anleihen oder gar Gold! Vergessen Sie Dow Jones und Nasdaq, Dax und Nikkei! Vergessen Sie Wall Street & Co, vergessen Sie die Börsen dieser Welt, und denken Sie nur mehr an die eine, die einzig wichtige – die in ihrer Hosen-, Jacken- oder Handtasche! Der Gewinntipp des Jahrs 2000 heißt: Stehen Sie auf, und cashen Sie ab – werden Sie Berufsdemonstrant!

Das Geld liegt derzeit hierzulande buchstäblich auf der Straße. Sicher, da und dort gibt es noch Träumer, die meinen, die – wenn man so will – regierungskritischen Manifestationen der vergangenen Wochen seien von inhaltlichen Anliegen oder gar der Sorge um Land und Leute getragen. Heimische Stammtischanalysten wissen es längst besser: Hinter all den kämpferischen Transparenten und dem „Widerstand! Widerstand!“-Gebrüll steht einzig und allein eine grundsolide Finanzierung, die den Manifestanten die Kehlen schmiert.

Das blieb auch der gewohnt investigativen Riege blaudemokratischer Politiker nicht lange verborgen. Dass diese „notorischen Lichterlmarschierer, Politikkommissare, Hardcore-Linksradikalen und politisierenden Kulturaktivisten“ (so Salzburgs FP-Vizebürgermeister Siegfried Mitterdorfer) für ihre „Volksfrontspektakel“ (derselbe) regelrecht honoriert werden, wusste etwa Burgenlands FP-Klubchef Wolfgang Rauter schon vergangenen Montag zu berichten. Was kennerische Hellsichtigkeit beweist, wie sie Mitgliedern einer Regierungspartei gut ansteht.

Nur was die Höhe des insinuierten Krakeel-Salärs betrifft, scheint man noch nicht recht im Bilde: Egal ob „zwischen 500 und 1200 Schilling“ pro Demonstrantenkopf und -tag, wie Rauter vermutete, oder „zwischen 1500 und 1800 Schilling“, wie es Rauters oberster Herr von seiner Klagenfurter Cathedra aus via „News“ drei Tage später wissen ließ – alles peanuts! Mit solchen Beträgen bringt man im achtreichsten Land der Welt nicht einmal eine mittelgroße Fronleichnamsprozession auf die Beine. Die Zeiten, wo ein Herr Karl für fünf Schilling – erst für die Heimwehr, dann gleich für die Nazis – auf die Straße ging, die sind seit Längerem vorbei. Schließlich wollen all die Versace-Sakkos und Van-Laack-Blusen, all die BMWs und Ferraris bezahlt sein, in denen sich der geschmackssichere Berufsdemonstrant von heute zur Arbeit, also zur Demonstration, und nach vollbrachter Protesttat von derselben wieder wegbegibt.

So versteht es sich von selbst, dass die „Gewerkschaftsgelder“, die Wolfgang Rauter zur Entlohnung der „Provokateure“ (Rauter), „Zündler“ (Wiens FP-Chef Hilmar Kabas) und „Ermunterungstäter“ (their master’s voice) herangezogen sieht, nie und nimmer den horrenden Finanzierungsbedarf satter Manifestanten-Gagen decken könnten. Woher der große monetäre Segen kommt? Hand aufs Herz: Wer dächte da nicht an die sagenumwobenen Kanäle der Sozialistischen Internationale? Oder an Freimaurer, Templer, Russenmafia? Ganz zu schweigen von jenen transatlantischen Küstenkreisen – na, Sie wissen schon.

Eines ist jedenfalls sicher: Wer sich beim Spazierengehen in der Kälte dieses Februars nur eine rote Nase holt, ist selber schuld. Eine goldene kann man für gleiche Tätigkeit kriegen, so man sich entschließen mag, nicht allein zu gehen. Berufsdemonstrant – ein Job mit unklarer Zukunft zwar, aber umso gewinnenderer Gegenwart. Marschieren und kassieren Sie – und verdienen Sie endlich, was Sie verdienen.


Wolfgang Freitag, „Die Presse“, „Spectrum“, 19. Februar 2000