Österreichs Wende: Herz Europas oder Arsch der Welt?

Alles ist hin. Lou Reed kehrt uns den Rücken. Mailand will uns das Neujahrskonzert entführen. Und Javier Solana pfeift auf den „Lieben Augustin“. Österreich nach der „Wende“: Marginalien zur Befindlichkeit meiner Heimat.


Wo liegt Österreich? Gestern noch im Herzen Europas, ist es heute der Arsch der Welt. Ob das die „Wende“ ist, die man sich hierzulande vielerorts so heiß ersehnte, bleibe dahingestellt. Faktum ist, dass mit dem 4. Februar zumindest in der Sicht von außen Europas vormaliges Herz in die Hose gerutscht ist. Stellt sich die Frage, wie die organische Transformation des Rotweißroten in so kurzer Zeit erklärlich ist – wo sich doch, wie unser Wendekanzler nicht müde wird zu betonen, „dieses Österreich in den vergangenen Tagen nicht verändert hat“. Liegt es womöglich daran, dass sich – wie er sagt – „bei manchen in- und ausländischen Beobachtern der Blickwinkel auf unser Land gewandelt“ hat? Herz oder Hinterteil – alles nur eine Frage der Perspektive? Und wenn ja, wo genau im anatomischen Atlas unseres Globus liegt Österreich dann derzeit wirklich?


Ein Lob der neuen Ehrlichkeit! Vorbei sind die Zeiten, da wir glaubten, unsere vermeintlich gar zu herben Meinungen mit wohlgesetzten Höflichkeitsgirlanden verbrämen zu müssen. Schluss mit der Heuchelei und endlich gesagt, was angesagt ist! Unser innerer Schweinehund ist schließlich auch nur ein Mensch, der ein Recht auf Licht, Luft und Sonne hat – am besten in aller Öffentlichkeit, noch besser vor Mikrofonen und Kameras. Was heißt da Erziehung und guter Ton, wo es um das Echte, Spontane, also einfach um die Wahrheit geht!

Dass der Kärntner Landeshauptmann dem französischen Präsidenten ausrichten ließ, der wisse nicht, wovon er rede, war da erst ein zarter Anfang. Mittlerweile verfügt Österreich über einen Infrastrukturminister, der einem Landeshauptmann knapp bescheidet, er möge sich eines seiner Vorhaben schlicht „in die Haare schmieren – oder sonstwohin“. Und ein steirischer VP-Landesrat legte jüngst Frankreichs Chirac und Belgiens Außenminister Michel nahe, sie sollten „sich brausen gehen“.

Wichtig wäre es, jetzt nicht auf halbem Wege stehen zu bleiben und die politische Debatte mit weiterem Volksgut zu bereichern. Zu denken wäre da beispielsweise an weithin gebräuchliche Wendungen wie „Hau di in Rettich!“ oder „Schleich di, Sandler!“ Auch einer rhetorischen Renaissance von „Geh scheißen!“, „Leck mi in Oasch!“ oder „Hupf in Gatsch!“ sollte nichts im Wege stehen.


Die Rückkehr des politischen Diskurses nach Österreich, wie ihn Robert Menasse vorhergesagt hat, ist auch sonst offenkundig nicht mehr aufzuhalten. Während sich diese allseits gepriesene „Repolitisierung“ im parlamentarischen Alltag derzeit eher rustikal in wechselseitigen Einschätzungen zwischen „Terrorist“ und „Brandstifter“ ausdrückt, hat sie längst sogar Österreichs Intellektuelle erfasst.

Und wen wundert es, dass insbesondere das Kabarett sich als fruchtbarer Boden für das wiedererwachte diskursive Bewusstsein erweist. „Lange Jahre hatte ja politisches Kabarett ein eher unsexy Image“, bekennen Thomas Maurer und Florian Scheuba in „Format“. Und im „Kurier“ ergänzt Maurer vier Tage später, der aufklärerische Gedanke klinge halt gar so schrecklich „uncool“.

Aber jetzt ist das alles vielleicht schon fast wieder richtig hip, und kein Geringerer als Werner Schneyder hält für die allenthalben ins Tagespolitische zurückdrängenden jüngeren Kollegen den richtigen Rat bereit: „Kein Satiriker darf sich zu fein sein, unter Untergriffe der F nicht noch drunterzukommen.“ Und liefert gleich ein Beispiel aus der eigenen Mundwerkstatt: „Stramm Rechte schaffen keinen abendfüllenden Text – das setzt eine Grundintelligenz voraus.“ So ist’s recht. Wozu die feine Klinge, wo ein Dreschflegel bessere Dienste tut!

Auch Doron Rabinovici lässt sich da nicht lumpen: „Die Ergüsse der FPÖ gehören nicht ins Parkett der Gesellschaft, sondern ins Pissoir der Geschichte.“ Hurra! Jeder sein eigener Jörgl. So repolitisch war das intellektuelle Österreich noch nie.


40.000 Einfamilienhäuser groß sei es, das Budgetdefizit, rechnete uns kürzlich unser neuer, fescher Staatshaushaltsvorstand vor. 40.000 Einfamilienhäuser, das kann man sich gleich viel besser vorstellen als 109 Milliarden Schilling. 40.000 Einfamilienhäuser, das ist so wie . . . na sagen wir wie . . . also wie 40.000 Einfamilienhäuser eben. Zugegeben: Nicht jeder hat ein Einfamilienhaus, nicht jedes Einfamilienhaus kostet die 2,725 Millionen Schilling, die dieser Umrechnung offenkundig zugrunde liegen. Vielleicht sollte man also das nächste Mal auf noch volksnähere Tarife zurückgreifen: 109 Milliarden Schilling – wie viel ist das in Strafmandaten, in Krügeln Bier, in Dragee-Keksi oder Schwedenbomben? „Gebt der Jugend das Kommando“, titelt ein „Bürger-Magazin“ namens „Wir Wiener“ seinen blaudemokratischen Karl-Heinz-Grasser-Jubel. Warum denn nicht gleich „Kinder an die Macht!“?


Österreichs Rache an Belgien heißt „Viel Glück, Professor“ und entsteht derzeit in Zell am See und Umgebung. Hier hat ein belgisches Filmteam vorübergehend seine Zelte aufgeschlagen, um eine Fernsehserie, „gespickt mit viel Humor und Romantik“, zu drehen. Der Inhalt: „Ernsthafter Professor“ reist ins Salzburgische, lernt hier „sorglose Studentin“ kennen und verliebt sich fünf Folgen lang Hals über Kopf. Neben einer Handvoll unbedeutender Belgier sind in den Hauptrollen vor allem Salzburger Berge, der Zeller See sowie das Romantikhotel „Zum Metzgerwirt“ zu sehen. Das wird unsere EU-Freunde in Brüssel und Umgebung lehren, was es heißt, ein stolzes Älplerherz zu kränken – und welche TV-Folgen das (womöglich zur besten Sendezeit) nach sich ziehen kann.


Haider ist nicht Hitler“, weiß der anerkannte Haider-Kenner Gordon Sumner, alias Sting. Schüssel ist „nicht Dollfuß“, fügt der anerkannte Schüssel-Kenner Wolfgang Schüssel hinzu. Und der Mond ist noch immer nicht aus Käse, möchte man selbst ergänzen. Aber sonst? Sonst ist ja eigentlich alles wie zu Beginn der Dreißigerjahre. Sicher, die halbe Million Arbeitslose von damals, die gibt’s heute nicht, Österreich ist kein Armenhaus mehr, sondern das achtreichste Land der Welt, es gibt kein Ausgesteuerten-Elend mehr und im Übrigen ganz sicher auch kein Wunderteam.

Überhaupt ist irgendwie alles anders. Lässt man freilich diesen ein wenig irritierenden Umstand beiseite, so lassen sich ganz mühelos historische Parallelen ziehen. Wen wundert es da noch, dass sich eine Internet-Plattform gegen „Schwarzblau“ schlicht „O5“ nennt, ganz so wie die wohl bekannteste Widerstandsgruppe aus dem Nazi-Wien. Hand aufs Herz: Wer von uns wollte nicht auch einmal ein richtiger Widerstandskämpfer sein – und noch nie und nirgendwo war es so einfach und risikolos wie hier und heute.

Und selbst dass einer, der damals Widerstandskämpfer war, Fritz Molden, hinwiederum heute in den vermeintlichen Widerständlern die Wiedergänger der Nazi-Jubler von damals zu erkennen meint, vermag nicht mehr wirklich zu erstaunen. Mit ein bisserl Fantasie machen wir vielleicht auch noch aus Haider einen Bärentaler Mahatma Gandhi und aus Schüssel Mutter Teresa. Greifen Sie zu im großen Fundus der Geschichte: Er hält für jeden politischen Bedarf das richtige Versatzstück bereit.


Ironie I. „Sie meinen das eh ironisch, diese ,Spectrum’-Geschichte über den ,Traumberuf Demonstrant‘“, fragte mich, drei Wochen ist es her, eine von mir hochgeschätzte Kollegin. Ironisch? Wer würde wagen, ironisch in Zweifel zu ziehen, was hohe und höchste Vertreter der größeren österreichischen Regierungspartei als unumstößliche Tatsachen jedem präsentieren, der es nur hören will – dass nämlich diese „Provokateure“, „Zündler“ und „Ermunterungstäter“, die da seit Wochen vor allem Wiener Straßen unsicher machen, für ihr Krakeelen auch noch kräftig abkassieren.

Kein Zweifel: Es muss an meiner Ungeschicklichkeit liegen, dass mein einschlägiger Anarchistendienst, abgeleistet am 19. Februar auf dem Wiener Ring, bis dato unentlohnt blieb. Aber vielleicht rühren diese Zeilen die Honorarabteilung der „Provokateure“-, „Zündler“- und „Ermunterungstäter“-Organisatoren. Für Anfragen meine Kontonummer betreffend bin ich jedenfalls unter der Wiener Telefonnummer 51414/427 zu ortsüblichen Bürozeiten leicht erreichbar.


Ironie II. Erst wollten wir die Nato nicht. Jetzt, auch regierungsprogrammatisch auf Nato-Annäherung eingeschworen, lässt uns die Nato, gewendet, wie wir sind, rechts liegen. „In dieser, und ich wage auch zu behaupten, in der nächsten Legislaturperiode wird es zu keinem Nato-Beitritt kommen“, meint Österreichs höchstrangiger Soldat, Generaltruppeninspektor Horst Pleiner. Denn: Die Mitglieder der Allianz würden die Entwicklung in Österreich derzeit mit Skepsis beobachten. In der momentanen Situation könne Österreich höchstens der Arabischen Liga beitreten, fügt Pleiner hinzu. „Scherzhaft“, wie der reportierende „Presse“-Redakteur ergänzt. Sicher ist sicher. Wer weiß, was sonst noch aus dem Sager werden könnte. Schließlich, seit den Oktoberwahlen des Vorjahres wird ja fast alles für möglich gehalten; und kein Szenario ist zu absurd, als dass nicht irgendwer irgendwo ihm Glauben schenken würde. Gute Zeiten für Verschwörungstheoretiker. Schlechte Zeiten für den Menschenverstand.


28. Februar 2000. Der burgenländische FPÖ-Klubobmann Wolfgang Rauter hält an seinem Vorhaben fest, bei einer Fortdauer der EU-Sanktionen gegen Österreich ein Volksbegehren für den Austritt aus der EU zu unterstützen. (Noch-)Justizminister Michael Krüger zeigt sich in einem „profil“-Interview überzeugt, dass seine Telefonate abgehört werden. In der Zeitschrift „Format“ hält Jörg Haider seine Kritik an der „Fehlgeburt Euro“ aufrecht, der Finanzminister Grasser fast zeitgleich widerspricht. Im deutschen Wochenmagazin „Focus“ warnt Wolfgang Schüssel die Europäische Union vor weitreichenden Sanktionen gegen Österreich und preist den Mut „zu einem kontrollierten Wechsel“.

Am selben Tag ziehen sich Hunderte Österreicher vor den Filialen eines Kleiderhauses bei drei, vier Grad über Null aus bis auf die Haut, in der Hoffnung, einen von jeweils fünf 5000-Schilling-Gutscheinen zu ergattern. Sie sind nicht die Einzigen hierzulande, die in diesen Wochen coram publico die Hosen runterlassen. Aber sie machen dabei vergleichsweise noch immer eine bessere Figur.


Krisengerede ist nicht notwendig“, meinte der Kanzler kürzlich in einer Parlamentsdebatte. Recht hat er. Wer braucht schon so ein Krisengerede – und wenn doch, wozu? Im Übrigen konnte auch einen Tag später, am Wiener Opernball, von Krise keine Rede sein. Sicher, da gab es ein paar angeblich politisch motivierte Absagen: Aber wem werden die groß angekündigten Pornostars schon abgegangen sein, die da plötzlich ihr linkes Herz entdeckt haben wollten? Ganz zu schweigen von politischen Lokalgrößen irgendwelcher europäischer Zwergrepubliken: Was sind die schon im Vergleich zum Herrscher über den flächenmäßig sechstgrößten Staat der Erde! Nursultan Nasarbajew, Präsident von Kasachstan, lächelte zufrieden neben der heimischen Regierung ins Walzergetümmel. Und vielleicht hatte er für unsere junge Ministerriege auch ein paar Tipps bereit, was einem Demokraten sowjetischer Schulung zum Thema Opposition auf gut mittelasiatisch so alles einfällt.


Alles ist hin. Lou Reed kehrt uns den Rücken. Mailand will uns das Neujahrskonzert entführen. Und Javier Solana pfeift auf den „Lieben Augustin“: Diesen Orden der Wiener Faschingsgesellschaft hätte der Mister GASP der EU Mitte Februar erhalten sollen. Doch der schien nicht so recht in Faschingslaune und ließ nur via „Woche“ wissen, was er von Österreichs Wende hält: „Es kann keinen Zweifel geben, dass Teile der Regierung massiv fremdenfeindlich sind. Solche Äußerungen kann man nicht unbeachtet lassen, man muss deutlich machen, dass das nicht geht.“ Punktum. Schluss mit lustig?

Aber nein, in Österreich hört der Fasching niemals auf. Da liest man, wenn’s denn sein muss, auch dem Hohen Repräsentanten für die gemeinsame Außen- und Sicherheitspolitik der EU einmal ordentlich die Leviten. „Der Hohe Repräsentant möge sich der Würde seines Amtes erinnern und sich entsprechend benehmen“, ließ sich postwendend der Österreichische Gewerbeverein vernehmen.

Im Übrigen komme der Spanier Solana „aus einem Land, das ja nicht gerade zu denen gehört, in denen Menschenrechte besonders hoch geachtet werden“. Und: „Wenn uns Faschingsprinz Solana wenigstens sagen würde, welche ernstgemeinten Alternativen er zu Schwarzblau kennt, könnte er beweisen, dass er sich mit unserem Land auseinandergesetzt hat – und nicht nur das nachplappert, was ihm seine internationalen Parteifreunde einflüstern.“ Caramba! Ein Land, das solche Patrioten hat, das braucht keine Feinde mehr zu fürchten.


Wo liegt Österreich? Im Herzen Europas oder doch eher in der Hose? In früheren konsensdemokratischen Zeiten hätte man vielleicht eine Kommission zur endgültigen anatomischen Lokalisierung des Austriakischen eingesetzt und sich nach jahrelanger Arbeit auf einen Kompromiss irgendwo zwischen Magen und Leber geeinigt. Seit dem 4. Februar ist es damit vorbei. Seit dem 4. Februar sind klare Antworten gefordert. Seit dem 4. Februar heißt die Frage: Herz oder Arsch? Was auch immer: Mit dem Gehirn hat das Ganze jedenfalls noch am wenigsten zu tun.


Wolfgang Freitag, „Die Presse“, „Spectrum“, 11. März 2000