Ein Erdbeben, kein Opfer: Schade, dass ich nicht tot bin!

Wenn zehn Zentimeter zur Berühmtheit fehlen: Lamento eines verhinderten Erdbebenopfers.


Ich bekenne: Ich habe sie von Anfang an nicht gemocht, die Designer-Vase, die meine Frau unlängst geschenkt bekam. Ein flacher mattweißer Porzellanquader, geschätzte 20 Zentimeter lang, höchstens vier Zentimeter tief, aber dafür um die 40 Zentimeter hoch: hübsch anzusehen, gewiss. Doch schon der erste vorsichtige Versuch, ihn seiner vermeintlichen Bestimmung zuzuführen und also mit Wasser samt Blumen zu füllen, endete nach Sekunden mit einer Überflutung des Klebeparketts und der Erkenntnis, dass dieses – nun, nennen wir es „Objekt“ für sich und für nichts anderes steht: paradigmatischer Ausdruck einer Zeit, der Standfestigkeit ohnehin nur als Mangel an Flexibilität gilt.

Mag sein, dass das von mir schnöde verachtete Ding im Grunde seines Porzellanherzens feinfühliger war, als ich dachte; mag sein, dass ihm seine sonst nur Führungskräften aller Art eigene Lust am Umfallen zum Verhängnis wurde. Jedenfalls nützte es vergangenen Dienstag die Gunst der erdbebenwankenden Wiener Morgenstunde und stürzte sich von seinem Exil auf allerhöchstem Regal in einen frühen Designer-Vasen-Tod. Nicht ohne sich freilich bitterlich an mir, seinem Verächter, zu rächen: Denn statt mich, der ich genau vor jenem Regal schlief, polternd mit ins Grab zu nehmen, schlug es keine zehn Zentimeter oberhalb meines Scheitels auf dem Boden auf – mich um die singuläre Chance prellend, nach Jahrhunderten das erste Erdbebenopfer Österreichs zu sein.

Um Missverständnissen vorzubeugen: Ich hänge durchaus an meinem Leben, und wenig ist mir ferner als Überdruss. Doch Anfang der 40 werden sie allmählich rar, die Hoffnungen und Gelegenheiten, sich aus der Masse zu erheben: Wäre man tatsächlich das Genie, für das man sich nur allzu gerne halten will, wär’s vermutlich auch anderen bereits aufgefallen – und detto, wäre man auffallend schön oder sonst irgendworin irgendwas Besonderes. Und wer von uns möchte sich schon damit arrangieren, schlicht Mittelmaß zu sein, wo doch nur das Singuläre zählt? Was auch immer geschieht: Hauptsache, es ist einzigartig, Hauptsache, es ist Superlativ! Wenn nicht, dann hat es in Wahrheit überhaupt nicht stattgefunden.

Wer solcher offenbarer Sinnlosigkeit eigener Durchschnittsexistenz zu entfliehen trachtet, kann jenseits der 40 nur mehr darauf setzen, dass ihn – mangels anderweitiger Einmaligkeiten – wenigstens das Schicksal einmalig wuchtig schlägt. Opfer irgendwelcher profunder Katastrophen zu sein, seien sie privat oder gar naturgewaltig öffentlich, das reicht für ein paar Bilder in Zeitungen und Fernsehen, womöglich gar für einen tränenumflorten Talk-Show-Auftritt; und wenn man’s selbst nicht überlebt, dann hat man wenigstens seinen Hinterbliebenen noch ein Stückchen Ruhm hinterlassen, von dem sie zehren können.

In meinem Vasen-Falle beispielsweise hätte somit meine Frau, dann also meine Witwe, nebst meinem Sohn, dem nachmaligen Halbwaisen, etwa bei „Vera“ die Früchte meiner Bemühungen um Berühmtheit ernten können: als – sagen wir – „Familie, der das Beben das Beste nahm“, irgendwo eingekeilt zwischen dem kleinsten Teenager Österreichs, dem lustigsten Kampfhund Deutschlands und dem verhungertsten Biafra-Kind aller Zeiten.

Ja, mehr noch: Abtretenderweise hätte ich nicht nur meinen Liebsten, sondern meiner ganzen Heimat einen Dienst, den einzig zählbaren in summa summarum 42 Lebensjahren, leisten können: Denn was ist schon auf internationalem Katastrophen-Level ein Beben, das bestenfalls ein bisschen Mauer bröckeln lässt! Ein Toter allerdings, und sei er nur im eigenen Bett von einem fehlkonstruierten Blumenbehältnis erschlagen worden, der macht gleich viel mehr her, in nachrichtenmäßig notorisch stieren Sommerzeiten vielleicht sogar eine Österreich-Schlagzeile jenseits unserer Grenzen, die ausnahmsweise nicht die politischen, sondern wenigstens nur die naturgegebenen Misshelligkeiten des Landes zum Gegenstand haben könnte. Ein zwar kleiner, aber doch ein Fortschritt, wie wohl niemand bestreiten wird.

Freilich: Es sollte nicht sein. Statt mich zu treffen, mich und die Meinen für ein paar mediale Augenblicke ins Rampenlicht zu rücken und sohin für Sekunden unsterblich zu machen, traf an jenem Dienstagmorgen gegen fünf Uhr früh Porzellan auf unschuldiges Holz, mich meinem Durchschnittsschlaf entreißend, dem alsbald ein Durchschnittsmorgen samt Durchschnittstag, Durchschnittsabend und Durchschnittsnacht folgte.

Eine vertane Chance, gewiss. Und dennoch auch ein Fingerzeig, wie meiner nur allzu durchschnittlichen Durchschnittlichkeitsmisere möglicherweise zu entrinnen wäre. Zum Beispiel durch den Ankauf einer wankelmütigen Designer-Vase, zu postieren an möglichst hohem Punkt über meiner Liegestatt. Dann hieße es nur noch warten: Immerhin „alle drei Jahre“, so steht es auf der Homepage der Wiener Zentralanstalt für Meteorologie und Geodynamik nachzulesen, ereigne sich im Mittel hierzulande ein Erdbeben vergleichbarer Intensität wie jenes vom 11. Juli. Mit ein bisschen Glück könnte es vielleicht schon morgen so weit sein.


Wolfgang Freitag, „Die Presse“, „Spectrum“, 15. Juli 2000