Taxi Orange: Sag beim Abschied leise Haaaallo

Sie glauben, es gibt keine Tabus mehr? Von wegen! Kürzlich habe ich mich in trauter Freundesrunde als „Taxi-Orange“-Fan deklariert. Mehr hat’s nicht gebraucht. Warum ich die Reality-Show des ORF schätzen gelernt habe: ein Outing.


Am Abend des 16. September 2000 knapp nach Viertel neun ist das Abendland untergegangen. Zugegeben: nicht zum ersten Mal. Allein das soeben vergangene Jahrhundert hat eine erkleckliche Anzahl von Abendlanduntergängen ertragen müssen, beginnend mit dem vernichtenden Siegeszug des Kinos, dem alsbald so schreckenerregende Phänomene wie Radio und Fernsehen folgten bis hin zur globalen Gleichmacherei im World Wide Web, ganz zu schweigen von lokal österreichischen Apokalypsen wie den Mysterien-Orgien eines Hermann Nitsch oder Claus Peymanns Burgtheaterdirektorenschaft, allesamt und jedes für sich geeignet, uns der geistigen Verödung anheimfallen zu lassen oder jedenfalls das bereits Eingetretensein derselben unter Beweis zu stellen. Freilich: So endgültig wie dieser eine Untergang vom 16. September war noch kein anderer in diesem – unserem – rotweißroten Abendlande. Erstmals ging da „Taxi Orange“ im heimischen TV auf Sendung, und rasch war man sich über die fürchterlichen Folgen solchen Tuns allenthalben einig.

Nein, es kann keinen Zweifel geben: Wenn Manfred Deix, Kurt Krenn, Andreas Mölzer und Werner Schneyder einer Meinung sind, dann muss fürwahr Ungeheuerliches im Gange sein. Vom „Langweiligsten und Dümmsten, das ich mir vorstellen kann“, wusste da der katzenfreundlichste Zeichner der Welt zu berichten, ein „perverses Spiel“ diagnostizierte der Sankt Pöltner Bischof sachkundig, der Kärntner Kunst- und Kulturbraintrust konstatierte in gewohnter Zurückhaltung ein „Symptom der gesamtgesellschaftlichen Verblödung“, und der Nichtmehrkabarettist forderte gar ein Einschreiten der Kulturpolitik. Was die sogenannten EU-Sanktionen mehr als ein halbes Jahr lang nicht zustande brachten, da war er, der Schulterschluss der Nation. Ganz Österreich stand auf wie ein Mann und rief: „Gott schütze uns vor ,Taxi Orange‘!“

Ganz Österreich? Um der Wahrheit die Ehre zu geben: Da ist auch eine kleine unbedeutende Minderheit, so zwischen 500.000 und 900.000 an der Zahl, die es sich nicht verdrießen lässt, wenigstens telemedial in die orange Lohndroschke einzusteigen, um ein, zwei oder auch sechs Abende die Woche an einem seltsamen Ort namens Kutscherhof zu verbringen und den dortselbst Arretierten beim Zähneputzen, Nasenhaarzupfen, Temelín-Protestieren oder schlicht beim Nichtstun zuzuschauen. Samt und sonders gesamtgesellschaftlich Verblödete, perverse Mitspieler?


Wien-Hietzing, Hermesstraße 1B, an einem Samstag wie jedem anderen in diesem Herbst. Vor dem Hinterausgang des sogenannten Kutscherhofs lauern mehrere Hundertschaften von Kindern und Jugendlichen, von einer kräftigen Polizeikohorte liebevoll in Schach gehalten, auf das, was sie die Woche davor vorzugsweise beschäftigt hat: Welche der aus freien Stücken hier Internierten würden noch länger, rund um die Uhr von Kameras beäugt, in der Kutscherhof-Haft bleiben dürfen – und wer würde von welchem Wochensieger in die schreckliche Freiheit gestoßen werden? Eine Freiheit, in der ihn zunächst ebenjene johlende Menge und dann – nach kurzer oranger Taxifahrt – im nahen Fernsehstudio eine Moderatorin mit beinhart bohrenden Fragen – Motto: Ein Leben außerhalb des Kutscherhofs, gibt’s so etwas überhaupt? – und einem ansehnlichen Trostpreis empfangen würde – für die Unbill, der Einkerkerung entrissen zu sein.

Diesmal wird das harte Schicksal, wieder frei zu sein, einen gewissen Chris aus Graz treffen, und eine gewisse Andrea aus Wiener Neustadt, vom Publikum telefonisch zur Etappensiegerin gekürt und sohin zu mindestens einer weiteren Woche Haft verurteilt, wird ihn ins Studio chauffieren.

Freilich: Für all die Aficionados rundum sind beide längst keine „Gewissen“ mehr, ihr Einzug in den Kutscherhof samt permanenter Kameraüberwachung hat sie und ihre Mitgefangenen schlagartig in den Rang von Medienstars katapultiert, und selbst eine einzige Woche unter österreichweiter TV-Beobachtung reichte da schon für die Erstausgeschiedene, eine, nun ja, gewisse Marion, als Werbeträgerin für heimisches Joghurt zu taugen.

„Chris raus! Chris raus!“ skandieren die Mädchen auf der anderen Straßenseite. „Walter raus!“ schallt es aus den brüchigen Kehlen 14-, 15jähriger zurück. Nicht wenige von ihnen sind in Begleitung ihrer Eltern erschienen, und wer da glaubt, die kämen damit nur einer lästigen Aufsichtspflicht nach, der irrt. Nicht nur die Halb-, auch die Ganzwüchsigen sind engagiert Partei, wenn es um Verbleib oder Ausscheiden der Kutscherhof-Insassen geht, lassen lautstark keinen Zweifel über Zuneigung und Ablehnung. „Frauenpower! Andrea vor!“ fordert eine Frau Mama links neben mir, ihr Töchterchen favorisiert den feschen Walter aus Tirol, der Herr Papa den Wiener Grantler Max, nur in einem sind sie sich einig: Der Schönling Chris, als Liebling aller Teenies gehandelt, soll sie nicht gewinnen, die eine Schillingmillion, die auf den letzten Wochensieger am 30. November wartet.


Mit „Big Brother“ kam das Reality-TV-Übel in die deutschsprachige Fernsehwelt. So hört man allenthalben. In Wahrheit freilich war es keineswegs ein Anfang, als die erste Staffel der RTL2-Container-Show am 1. März dieses Jahres den scheinbar festgefügten Programm-Kosmos aus Soap-operas, B-Movies und mehr oder minder seriösem Infotainment durcheinanderwirbelte. Die Macher der Produktionsgesellschaft Endemol setzten nur ein Phänomen in Fernsehsprache um, das seit Jahren im Internet zu beobachten ist und ständig wachsenden Zuspruch findet: die Selbstentblößung der Surfer-Gemeinschaft via Web-Kamera.

Eine Investition von ein paar tausend Schilling, ein Internet-Anschluss – und schon ist jedermann und jederfrau dabei im Netz der Netze, kann sein/ihr Leben live einer weltweiten Interessentenschaft zur Kenntnis bringen, kann je nach Temperament, exhibitionistischer Entäußerungslust und also Standort der übertragenden Kameras Privates oder gar Privatestes offenbaren. Vom Schreibtisch über Küche, Bad bis hin zum Bett: Das „Home“, das einst „Castle“, mithin geschützte Trutzburg des Intimen war, wird zur Bühne, auf der ein Stück namens Wirklichkeit – alltäglich und doch stets neu – zur Aufführung gelangt.

Was ist es, das immer mehr Menschen dazu treibt, ihr Leben auf dem Internet-Präsentierteller anderen zu servieren, und was wiederum bewegt diese anderen, ihnen dabei zuzusehen? Die Suche nach Identität, nach Differenz im Individuellen in einer Welt, die vielen immer mehr eingeebnet, immer nivellierter scheint? Die Sehnsucht nach Gemeinschaft, dem gemeinsamen Nenner im Banalen, der uns Heimstatt schafft in einer Gesellschaft, die – wie auch behauptet wird – zusehends in Trümmer bricht? Oder manifestiert sich in der rundum grassierenden Wirklichkeits- und Authentizitätssucht, wie sie sich auch in den Arbeiten der dänischen „Dogma“-Filmer rund um Lars von Trier niederschlägt – kein zusätzliches Licht, keine Tonnachbearbeitung, alles echt, alles original -, schlicht der Wunsch nach konkretem Halt im rasenden Strom der virtuellen Bilder, der uns mit sich fortzureißen droht?

Gleichviel: Faktum ist, dass sich der Blick durch globalisierte Internet-Schlüssellöcher beachtlicher Beliebtheit erfreut. Faktum ist, dass sich immer mehr dieser Schlüssellöcher auftun. Und Faktum ist auch, dass mit „Big Brother“ vielleicht erstmals eine Erscheinung des Internet auf direktem Weg eine Weiterverwertung im Fernsehen fand.

Will sagen: Hier wurde kein Trend gesetzt, hier wurde auf den Zug der Zeit aufgesprungen, der längst losgefahren war. Woraus sich erklärt, wie sich „Big Brother“ & Co. innerhalb weniger Monate, einer unaufhaltsamen Epidemie gleich, über den ganzen Globus verbreiten konnten – und warum Reality-TV-Programme, die Inseln und anderes Exotisches statt schlichter vier Wände zum Schauplatz haben – man denke an „Expedition Robinson“ – neben ihren viel unaufwendigeren Brüdern nur ein Quoten-Kümmererdasein fristen: Gefragt ist nicht das Außer-, nur das ganz Gewöhnliche, in dem wir uns wenigstens ansatzweise wiederfinden können.


Jörg schiebt Wache. Für 80 Schilling die Stunde hat er alles im Auge, was sich rund um das Haus in der Speisinger Straße 66 rührt. Das ist nicht viel an diesem späten Freitagnachmittag. „Sie sollten einmal knapp nach Schulschluss kommen, da ist was los“, erzählt Jörg. Seine Aufgabe bestehe vor allem darin, die enthusiasmierten Youngsters davon abzuhalten, sich in ihrem Fan-Furor vor eines der vorbeifahrenden Autos oder gar die Straßenbahn zu werfen.

Speisinger Straße 66: Das ist die Vorderseite zur Hermesstraße 1B, das ist das tägliche Vorne zu dem nur samstagabends aufregenden und sonst gitter-, da und dort gar stacheldrahtbewehrten Hinten des Kutscherhofs. Dicht beschrieben ist die vor Kurzem erst frisch gefärbelte Fassade, so dicht, dass das meiste nicht mehr zu lesen ist; und wo doch, da sind es keineswegs nur Liebesgrüße: „Linda soll gewinnen“ findet sich da genauso wie die kecke Insinuation „Chris, du Zwitter!“ oder ein unmissverständliches „Walter ist doof“.

Hier sind Mitte September 13 überdurchschnittlich junge, überdurchschnittlich schöne Menschen aus fast allen Bundesländern eingezogen, um ihr ganz und gar durchschnittliches gemeinsames Leben 24 Stunden am Tag vor 32 Kameras und 48 Mikrophonen auszubreiten. Streng verwahrt, wohlgemerkt, sieht man von den Fahrtdiensten in jenen bewussten orangen Taxis ab, mit denen sie ihren Unterhalt zu verdienen haben.

Und siehe: Was sich seither daselbst ereignet hat, zu überprüfen sechsmal die Woche in Tageszusammenfassungen zur besten ORF1-Sendezeit respektive täglich 24 Stunden live im Internet, ist von so berückend durchschnittlicher Durchschnittlichkeit, dass man fast meinen möchte, so normal könne ein ganz normaler Alltag gar nicht sein. Weder fielen – wie vor allem um die öffentlich-rechtliche Tugend tief Besorgte in ihren feuchten Schreckensvisionen befürchtet hatten – Männlein und Weiblein in wilder Brunst übereinander her, noch setzte in der Hoffnung, als Gegenleistung für 77 Tage Kutscherhof-Arrest am Ende wenigstens den Hauptpreis einstreifen zu können, ein quoten- und geldgeiles gruppendynamisches Gerangel ein.

Vielmehr tat man das, was man in Österreich – glaubt man gängigen Klischees – in unübersichtlichen Situationen mit ungewissem Ausgang regelmäßig zu tun pflegt: Man arrangierte sich und richtete sich, so gut es ging, gemütlich ein. Alsbald troff picksiaße Harmonie in dicken Strömen aus dem Kutscherhof – und via Medium in immer mehr heimische Wohnzimmer; selbst das allwöchentliche Eliminierungsritual ging rasch jedweder Gladiatorengrausamkeit verlustig: Das Duell zwischen Rausgeschmissenem und rausschmeißendem Wochensieger, als grimmiger Showdown angelegt, wandelte sich zum traut wohlklingenden Duett, in dem man sich wechselseitiger Wertschätzung versicherte, Täter und Opfer Hand in Hand, aber was heißt da schon Täter und Opfer, wo wir doch – wir haben es nicht zuletzt aus vielen Geschichtsbetrachtungen gelernt – immer beides sind und also keines von beidem.

Konflikte? Was ist das? Und wenn es doch welche gibt, dann bestenfalls an nebensächlichsten Nebenfronten. Da war er wieder, der tiefe Atem jener rotweißroten Konsens- und Kuscheldemokratie, die mit der blauschwarzen Wende dieses Februars ihr Leben ausgehaucht zu haben schien: Nur kane Welln, mir wean kan Richter brauchn, höchstens gibt’s dann und wann ein paar putzig-kleine Hackeln ins Kreuz.

Wie überhaupt „Taxi Orange“, verglichen mit dem älteren großen Bruder made in Germany, durchaus geeignet ist, vermeintliche – oder tatsächliche? – österreichische Eigenart gegenüber deutschem Wesen zu behaupten: Da verschwitzter Existentialismus im bierernsten Blech-Container, hie Schmäh, Brot und Spiele im freundlichen Wiener Vorstadthaus, da Endzeit-, hie bestenfalls Übergangsgesellschaft, denn so richtig ernst und endgültig scheint keiner der heimischen Probanden die Wirklichkeit des Kutscherhofs samt Millionenhoffnung – jedenfalls derzeit noch – zu nehmen.

Doch: Wie wirklich ist schon diese Wirklichkeit? Geradeso wirklich, wie eine Wirklichkeit nur sein kann, in der man einander wildfremde Personen über Wochen zusammensperrt, gewärtig ununterbrochener Beobachtung durch Hunderttausende Bildschirmkonsumenten. Eine Bizarrerie? Mag sein. Aber um kein bisschen bizarrer als jene Wirklichkeiten, die nicht zu selten mit Fahrgästen in die orangen Taxis schwappten: von der hyperventilierenden Exaltiertheit der deutschen Mädchenband „Tic Tac Toe“ über den Publicity-Rausch, in den da so mancher Normalverbraucher angesichts all der auf ihn gerichteten Kameras geriet, bis hin zur renitenten Verweigerung einer anonymen Dame, die sich nächtlicherweise versehentlich ein Taxi in Orange und somit unvermeidlich Öffentlichkeit an den Straßenrand gewinkt hatte.


Wirklich unwirklich ist in der Kutscherhof-Wirklichkeit nur ein Detail: dass da Menschen gezwungen sind, im schlimmsten Fall 77 Tage ohne Fernsehgerät auskommen zu müssen. Sechsmal die Woche kann somit ein Fast-Millionen-Publikum einem – beständig schrumpfenden – Grüppchen dabei zuschauen, wie ein Alltag ohne TV zu bewältigen ist. Welch schönere Erfüllung jenes Bildungsauftrags, dem der ORF bekanntermaßen nachzukommen hat, ließe sich denken?

Freilich: Was hilft’s? Ein unablässiges „Jo, derfn s denn des?“ schallt seit Monaten ohne Unterlass dem heimischen Öffentlich-Rechtlichen entgegen. Und es sind eben keineswegs nur die Mölzers und Krenns, die sich mit Grausen von Kutscherhof und Kutscherhöflingen abwenden. Auch jene beispielsweise, die einstmals ein „Kultur für alle“ auf ihre Fahnen geheftet haben, sehen es mit Missvergnügen, wenn sich diese „alle“ oder jedenfalls ein beträchtlicher Teil von ihnen kurzerhand selbst die Kultur aussuchen, die sie wollen.

Nichts ist in unseren Breiten verdächtiger, als schlichtweg populär zu sein. Hier geben sich der Dünkel des Bildungsbürgers und der missionarische Geist des Achtundsechzigerbewegten in stillem Einverständnis die Hand. Und während etwa in den Vereinigten Staaten die „Popular Culture“ längst Gegenstand ernstzunehmender wissenschaftlicher Forschung samt entsprechenden universitären Infrastrukturen ist, wird sie hierzulande bestenfalls mit allseitiger intellektueller Ignoranz, wenn nicht sogar Verachtung gestraft.

Wer sich also etwa zu „Taxi Orange“ bekennt, sollte sich gut überlegen, wem gegenüber er solches wagen will. Tabu ist Tabu, und Tabubrecher sind nirgendwo wohlgelitten. Ein Tipp für den Selbstversuch: Lassen Sie in trauter Runde einmal die Bemerkung fallen, sie fänden „Taxi Orange“ durchaus interessant. Oder machen Sie den „Musikantenstadel“-Test: „Du, gestern, der Moik, gar nicht so übel.“ Wer dann noch zu Ihnen hält, der ist ein wahrer Freund.


In der Hermesstrasse 1B kehrt allmählich Ruhe ein. Alle orangefarbenen Lebkuchenherzen, orangefarbenen Sonnenbrillen, orangefarbenen Kapperln und sonstigen orangefarbenen Nippes sind wieder eingepackt, die jugendlichen Massen zerstreut. Alle Entscheidungen dieses Samstagabends sind gefallen, Chris, das Model aus Graz, ist der weiten Welt von mütterlichem Heim und Herd zurückgegeben, und nur mehr ein zarter Nachhall von jenem gebrechlich-langgestreckten „Haaaallo“ liegt in der kalten Novemberluft, um das er die heimische TV-Kulturlandschaft bereichert hat.

Was wir sonst noch aus der soziologischen Versuchsanordnung namens „Taxi Orange“ lernen konnten, wenn wir wollten? Dass offene Konfliktbewältigung nach wie vor nicht mehrheitsfähig ist; zumindest fanden sich einschlägig engagierte Kutscherhöfler regelmäßig am unteren Ende des Publikumsrankings – und wenig später an die Hietzinger Luft gesetzt. Und dass Reality-TV in Rotweißrot erstaunlich jugendfrei auf seine Quoten kommt. Sex sells? Von wegen! Das einzige Paar, dem ein handfestes Kutscherhof-Techtelmechtel nachgesagt wurde, folgte umgehend den Konfliktbewältigern – erst in den Ranking-Keller und anschließend in eine Freiheit jenseits des Rampenlichts.

Last, not least sei auch vermerkt, dass ein bekennender Homosexueller gute Chancen hat, unter die letzten drei und vielleicht – als Liebling der TV-Nation – bis zur Schillingmillion vorzustoßen. Keine Selbstverständlichkeit, nimmt man die heimische Homosexuellen-Gesetzgebung als Maß – und die schwulenfeindlichen Aggressionen, die in den „Taxi-Orange“-Internetforen nachzulesen sind.

Die kultur- oder sonst wie politischen Erregungen rund um die Reality-Show des ORF freilich werden – wie es Erregungen dieser Art so an sich haben – erst vergessen und dann, in ein paar Jahren, kopfschüttelnd belächelt werden. Und keiner wird sich erinnern können, sich jemals mit so viel Verve gegen eine vergleichsweise Nichtigkeit ins Zeug geworfen zu haben. „Taxi Orange“ wird den Untergang des Abendlandes überleben – und wir samt Abendland mit ihm.


Wolfgang Freitag, „Die Presse“, „Spectrum“, 25. November 2000