Marilyn à la Oates: Ich & nicht ich

Norma Jeane Baker alias Marilyn Monroe hat es geschafft. Freilich: Dass sie es geschafft hat, das hat wiederum sie geschafft. So weit der wenig bemerkenswerte Sucus aus Joyce Carol Oates’ Monroe-Roman, „Blond“. Bemerkenswert ist hingegen, wie es Oates gelingt, solches auf gut 900 Seiten auszubreiten.


Die Silhouette eines langgestreckten Straßenkreuzers. Drei stilisierte Palmen. Zwei rosa Scheinwerferkegel, die einen sternenüberschwemmten Nachthimmel abtasten. Eine lila Hügelkette, darauf in wuchtigen Blockbuchstaben der vielleicht berühmteste Schriftzug der Welt: Hollywood.

Eine gewisse Zoila Williams hat all das irgendwann in den Achtzigern auf einen „mug“ aus Keramik gepinselt, eines jener monumentalen Kaffeehäferln, die in keinem US-amerikanischen Haushalt fehlen. Und sie, die „angehende Schauspielerin“, hat ihr Werk am Boden gleich signiert, mit dem Zusatz: „Heute kennen Sie vielleicht meinen Namen noch nicht. Aber eines Tages werde ich ein großer Star, und dann wird dieses Souvenir viel Geld wert sein.“

Seit knapp zwölf Jahren steht eines von Zoila Williams’ Hollywood-Häferln auch in einem Wiener Küchenkasten. Miss Williams, wir wissen es, hat es nicht geschafft. Und vieles spricht dafür, dass sie es auch nie schaffen wird.

Norma Jeane Baker hingegen hat es geschafft. Und hätte sie irgendwann in ihrem Leben „mugs“ bemalt und signiert, dann wären die in der Tat heute einiges wert. Freilich: Dass Miss Baker es geschafft hat, das hat wiederum sie geschafft. Genauer: Der Erfolg einer gewissen Marilyn Monroe – so ihr besser bekannter Künstlername – hat Norma Jeane umgebracht. Nicht zu vergessen die Männer, die diesen Erfolg – sagen wir’s vorerst wertneutral – begleitet haben. So weit der Sucus aus Joyce Carol Oates’ schwergewichtigem Monroe-Roman, „Blond“.

Ein Mensch, erdrückt von der Kunstfigur, zu der man ihn stilisiert hat; eine Frau, aufgerieben in einer Männerwelt, ausgebeutet, erniedrigt, schließlich – nutzlos geworden – weggeworfen: Diese Motive können weder im Allgemeinen und schon gar nicht im Monroe-Besonderen als sonderlich bemerkenswert gelten. Bemerkenswert ist hingegen, wie es Joyce Carol Oates gelingt, solches auf gut 900 Seiten auszubreiten.

Wobei „Blond“, sofort sei es, der Autorin folgend, einschränkend hinzugefügt, „unbedingt als Roman zu lesen“ ist „und keinesfalls als Biografie von Marilyn Monroe“. „Zwar lassen sich“, so Oates, kaum hat man die Titelseite hinter sich, „zu etlichen Romanfiguren reale Entsprechungen finden, aber die Charaktere und Ereignisse, von denen im vorliegenden Buch berichtet wird, sind Schöpfungen der Autorin.“ Das erinnert an die aus Filmen sattsam bekannten Rückversicherungen: Die Handlung ist frei erfunden, eventuelle Ähnlichkeiten mit lebenden Personen sind zufällig et cetera et cetera. Wir haben es hier also offenbar mit einer Protagonistin zu tun, die zufälligerweise die wesentlichen Lebensdaten mit Marilyn Monroe gemein hat, am selben Tag geboren wurde, am selben Tag am selben Ort einen frühen mysteriösen Tod gestorben ist und auch noch, das Cover der deutschsprachigen Ausgabe signalisiert es unmissverständlich, so ausgesehen hat wie die, die sie laut Oates nicht sein darf.

„Blond“: das Keinesfalls-aber-dann-doch-irgendwie-wieder-Monroe-Buch. Diesen schon a priori reichlich gordischen Knoten aus Fiktion und Fakten schlug Oates in einem Interview mit der „Frankfurter Rundschau“ kühn auseinander: Marilyn Monroe sei zwar real, „aber ich mache sie zum Symbol“. Einmal abgesehen davon, dass die Monroe nicht erst seit Joyce Carol Oates ein Symbol ist: Genau das Gegenteil ist der Fall. Wahr ist vielmehr, dass Oates das Symbol Marilyn mit einer ihr angemessen scheinenden Realität gefüllt, fast möchte man sagen: ausgestopft hat. Bis zum Platzen – und manchmal darüber hinaus. Bezeichnend, dass „Blond“ schon rein umfangmäßig jede derzeit im deutschsprachigen Buchhandel erhältliche Monroe-Biografie um Hunderte Seiten schlägt.

Zugegeben: Aus ihrem reichhaltigen dichterischen Fundus holt die Autorin nur die allerbesten Versatzstücke hervor, um den Rohbau der Monroe-Überlieferung poesiegerecht zu möblieren. Von den fetten Kakerlaken, feuchten Büstenhaltern und fleckigen Leintüchern im Haushalt der neurotischen Mutter bis dazu, wie das Sperma John F. Kennedys dessen prominentester Geliebten wohl gemundet haben mag: Je weniger verlässlich bekannt ist, ja bekannt sein kann, desto üppiger und detailtrunkener die Tableaus, die Oates entwirft.

In einer Art Gegenbewegung dazu, vom Konkreten zurück ins Grundsätzliche, gehen wesentliche Personen der Handlung ihres Namens verlustig: Also tritt John F. Kennedy nur als „Der Präsident“ auf, Monroe-Ehemann Joe DiMaggio als „Der Ex-Sportler“, sein Nachfolger im ehemännlichen Part, Arthur Miller, als „Der Bühnenautor“. Weniger geläufiges Monroe-Biografie-Inventar wird verdichtet, anderes auf das Initial des Nachnamens verkürzt, aus einer Vielzahl von Pflegefamilien der kleinen Norma Jeane wird eine einzige, aus einer Vielzahl von Abtreibungen, Selbstmordversuchen und Liebschaften aller Art bleibt das erhalten, was für Oates „symbolischen Gehalt“ hat.

Die Protagonistin selbst wiederum tritt uns als zerhäckselte Persönlichkeit entgegen: als „Norma Jeane“, wo sie, soweit das überhaupt möglich scheint, wenigstens einigermaßen sie selbst ist, als „Blonde Darstellerin“ und schließlich in ihrer am wenigsten geliebten und am meisten gefragten Rolle: als Marilyn Monroe. „Die blonde Puppe Monroe bin ich & nicht ich. Sie ist nicht ich. Sie ist, was geboren wurde. Ja, ihr sollt sie lieben. Damit ihr mich liebt“, lässt Oates ihre Marilyn – oder besser: ihre Norma Jeane – in einem der inneren Monologe sagen, die den Erzählfluss immer wieder brechen. Und, an ganz anderer Stelle: „Ich war kein Flittchen und keine Schlampe. Und doch gab es den Wunsch, mich so wahrzunehmen. Denn irgendwie konnte ich auf keine andere Weise verkauft werden. Und ich erkannte, dass ich verkauft werden musste. Denn dann würde ich begehrt, und dann würde ich geliebt.“

Aus dem Kontext gerissen, klingt solches ein wenig nach Weisheiten aus dem Schatzkästlein des Do-it-yourself-Psychologen. Im Rahmen der sprach- und imaginationsmächtigen Szenerien, in die Oates das Leben und Sterben Norma Jeane Bakers stellt, sind es Halte-, Verweilpunkte, für die der Leser dankbar ist: endlich Gelegenheit, wieder zu Atem zu kommen.

Ein kurzes Verschnaufen später wird man schon wieder mitgerissen von der Höllenfahrt des einfachen Mädels aus der US-Vorstadt in den Abgrund des Hollywood-Himmels, die Oates beklemmend motorisch – und im Wesentlichen der biografischen Chronologie folgend – vor unseren Augen ablaufen lässt.

„Blond“: das ganz große Traumfabriksepos, in dem sich an Hand eines – zugegeben exemplarischen – Einzelschicksals alles, was das Hollywood jener Tage nach Meinung der Autorin ausmacht, reflektiert und kommentiert findet – die McCarthy-Kommunisten-Hatz genauso wie die Brutalitäten eines männerdominierten Starkino-Betriebs, für den der Markt alles und der Mensch nichts ist. Ein monumentales Historiendrama, als wär’s ein Stück von Cecil B. De Mille, kontrastiert von grüblerischen Einschüben, wie sie Ingmar Bergman nicht psychoanalytischer hätte erfinden können. Noch nie gesehenes Gefühlskino: wuchtiges Cinemascope und subtiles Kammerspiel in einem.

Und doch, bei aller Bewunderung für die Fantasie, mit der Oates ihre raffiniert gebaute Hollywood- und also US-Kultur-Bezichtigungsmaschine in Gang hält, bei aller Bewunderung für die vielen stilistischen Tricks und Kniffe, hier noch ein kleines Zitat aus einem – fiktiven – Marilyn-Gedicht, da ein erfundener Brief, dort ein wenig allegorisches Personal: Genau der Eindruck des Maschinellen, um nicht zu sagen Kunsthandwerklichen, gewinnt von Seite zu Seite mehr die Oberhand über etwas, was man mit einem vielleicht altmodischen Begriff „Anteilnahme“ nennen könnte. Und so wie einst Norma Jeane einer erbarmungslosen Kinoindustrie zum Opfer gefallen sein mag, wird sie hier von einer übermächtigen Imaginationsapparatur aufgerieben, die sie schützen zu wollen vorgibt und in der ihr doch nichts anderes widerfährt, als ein abermaligstes Mal für fremde Zwecke benutzt zu werden.

Gewiss, Oates setzt ihre Protagonistin immer wieder so brillant in Szene, wie es keinem einzigen der realen Monroe-Regisseure gelungen ist: etwa wenn sie die Entstehung der sattsam bekannten Aktphotos auf rotem Samt schildert – völlig frei und jenseits der in diesem Fall tatsächlich vorhandenen Erinnerungen jenes Fotografen, der sie geschaffen hat, und doch in jedem Wort und jeder Zeile von bezwingender, plastischer Überzeugungskraft, als könnte es so und nur so gewesen sein. Freilich: Auch wenn Oates meint, sie habe sich „mehr mit Marilyn identifiziert“, als sie es sich „je hätte träumen lassen“, drängt sich doch die Frage auf, wer sich hier wohl wem anverwandelt hat – und ob Identifikation grundsätzlich eine geeignete Methode ist, einer anderen Person halbwegs gerecht zu werden.

Fragwürdig ist auch Oates’ durch „Blond“-Text und Interviews irrlichternde Idee, Norma Jeane wäre weniger erfolgreich glücklicher gewesen. Das erinnert fatal an die vielen philosophierenden Reichen, die in höchsten Tönen die Segnungen der Armut preisen. „Sie könnte noch am Leben sein, wenn sie nicht diese Karriere gehabt hätte.“ Ja ja. Und vielleicht hätte sie bis zu ihrer Pensionierung – sagen wir – „mugs“ mit Hollywood-Motiven bemalt, und eine gewisse Zoila Williams, ihres Zeichens „angehende Schauspielerin“ der Achtziger, wäre eines Tages neben ihr am Fließband gestanden, in der trügerischen Hoffnung, irgendwann das zu schaffen, was ihrer älteren Kollegin verwehrt geblieben ist. Wie beglückend und erfüllend das sein muss, ließe sich mühelos bei den unzähligen Zoila Williams erkunden, die die Traumfabrik bis heute Jahr für Jahr in irgendwelchen Handlanger-Jobs entsorgt.

Der Mythos Marilyn bleibt jedenfalls auch nach 900 Seiten „Blond“ das, was er ist: ein Mythos, unergründlich, rätselhaft, mysteriös. Was niemanden verwundern darf: Könnte man die Rezeptur ergründen, nach der sich eine in vieler Hinsicht durchaus durchschnittliche Frau in ein weltweit wiedererkanntes Signet wandeln lässt, es gäbe längst vor lauter Signets nichts mehr, wofür sie stehen könnten. Marketing- und Werbestrategen schaffen kurzfristige Moden: Was warum jenseits von Zeit und Raum Symbolkraft gewinnen kann – wir werden es hoffentlich niemals erfahren.


Wolfgang Freitag, „Die Presse“, „Spectrum“, 5. Jänner 2001