Lukas Resetarits: „Papa, hau des weg!“

„Wenn man den Schmäh nicht hat und versucht, so zu tun, als hätte man ihn, dann fliegt man auf die Goschn.“ Erich Lukas Resetarits übers Ministrieren und ‘s Fußballspielen, ‘s Austeilen und ‘s Einstecken, FPÖ und SPÖ – und warum er keine Lust mehr hat, das Unkraut aus dem Rasen zu zupfen. Ein Gespräch.


„Ich muss vor niemandem ein Buckerl machen, ich muss niemandem die Hand geben, ich muss keine Schnalle putzen, ich bin enorm privilegiert.“ Unter anderem auch durch das Privileg, eingesehen zu haben, wie privilegiert er selber mittlerweile schon ist, jener gebürtige Stinatzer, der 1947 als Erich Lukas im Taufschein und seit 1977 als Lukas solo in ganz Österreich auftritt: Lukas Resetarits, Mitglied jener Resetarits-Brüderschaft, der mit Willi alias Kurt Ostbahn und dem Fernsehjournalisten Peter noch zwei weitere staatsweit bekannte Personen angehören.

Kommenden Oktober ist es ein Vierteljahrhundert her, dass Lukas Resetarits das erste Mal als Solokabarettist die Bühne betrat – und damit zum Begründer eines heimischen Kabarett-Booms wurde, der mittlerweile neben einem Josef Hader auch beträchtlich viel Klamauk und Kommerz angezogen hat. Doch wie immer: Sein rundes Bühnenjubiläum feiert Resetarits jedenfalls dort, wo alles begann – im Wiener Konzerthaus. Am 16. September hat im Neuen Saal sein neues, sein 20. Programm Premiere: „Zeit“.


Erich Lukas Resetarits, kaum jemand kennt Sie unter Ihrem ersten Vornamen, dafür so gut wie jeder Österreicher unter Ihrem zweiten. Wo ist der Erich geblieben?

Der ist im familiären Bereich nach wie vor da. Meine Eltern haben damals, 1947, wie ich zur Welt gekommen bin, kroatisch in Stinatz, da haben sie beschlossen, mich Erich taufen zu lassen, und weil die Großmutter gemeint hat, da gibt’s wahrscheinlich keinen passenden Heiligen, weil das so ein moderner Name ist, haben sie den Lukas noch dazugenommen, der ist biblisch, da kann nichts schiefgehen. Dann war der Lukas lang im Background und ist erst aufgeweckt worden, als ich zum „Kabarett Keif“ gestoßen bin, da war der Erwin Steinhauer, der Wolfgang Teuschl und unter anderem eben noch ein anderer Erich, der Erich Demmer – und so haben wir gesagt, gut, damit es keine Verwechslungen gibt, ich hab’ einen Lukas auch noch dabei, also heiße ich Lukas. Das ist sozusagen mein Kampfname geworden.

Wie viele Konzessionen musste man machen, wenn man wie Sie als Vierjähriger 1951 aus dem burgenländisch-kroatischen Stinatz nach Wien-Favoriten übersiedelte?

Wie viele Konzessionen man machen musste, das weiß ich nicht, aber die Eltern haben prophylaktisch sehr viele gemacht. Angesagt war: so schnell wie möglich assimilieren, im Interesse der Kinder natürlich, das war nicht böse gemeint. In Stinatz ist man sich ja nicht als Minderheit vorgekommen, da waren wir lauter Krowoden.

Ein wichtiger Integrationsfaktor war die Pfarre am Keplerplatz. Das war auch für die Eltern ein Punkt, wo sie sich gleichwertig mit anderen getroffen haben. Adolf Holl war dort Jugendkaplan, der hat auch Kinder, Jugendliche aufgenommen, die nicht unbedingt den gezwickten Kirchenbesuchsfahrschein vorweisen konnten. Wichtig war, den Leuten Raum zu bieten.

Ich war dort auch Ministrant, und diese Tätigkeit hab’ ich, ohne jetzt blasphemisch sein zu wollen, eigentlich als Bühnenauftritte begriffen. Das wurde damals in Favoriten sehr barock veranstaltet, beim Hochamt waren 30, 40 Leute vor dem Altar, da war auch alles inszeniert, die Bewegungen, die Gänge, ich hab’ auch ständig überprüft, ob die Madeln herschaun, und in der Sakristei gab’s immer Raufereien um das schönste Ministranteng’wand.

Mittlerweile leben Sie schon seit Jahrzehnten wieder auf dem Land, in Bisamberg bei Wien, und vermitteln den Eindruck, die Stadt sei bei Ihnen nur ein unbedeutendes Intermezzo gewesen.

Die ersten Jahre hab’ ich mich in den Ort gar nicht so eingegliedert, weil ich irrsinnig g’hackelt hab’ am Flughafen Schwechat, am anderen Ende von Wien. Zu Beginn hab’ ich kein Auto gehabt, da war ich bei zwölf Stunden Dienst 16 Stunden unterwegs, mit Schnellbahn, Autobus, was weiß ich, und hab’ den Ort eigentlich nicht wirklich erlebt. Die Leute haben wahrscheinlich angenommen, ich bin der Freund von meiner Frau, so einer, der halt manchmal kommt, und die Arme ist allein, der Haberer kommt nur alle Bot, das muss ein windiger Hund sein.

Die Integration ist richtig losgegangen, wie ich mit dem Fußballspielen angefangen hab’, auf meine relativ alten Tag’. Das muss man in so einem Ort machen, in irgendeinen Verein muss man hinein, dann geht es sehr schnell.

Also etwa in die Blasmusik . . .

Oder zur Feuerwehr, genau. Weinbauverband wär’ nicht gegangen – ohne Weingarten; als Trinker vielleicht, Ehrenmitglied.

Und Ihre zweite sportliche Leidenschaft, das Radfahren?

Das ist halt nicht mehr so ein Kampffahren wie früher, wenn ich mit dem Renner gefahren bin; da hab’ ich ja nix gesehen außer das Vorderrad und das Stückel Asphalt drunter. Und so dahinstrampeln, wie ich das jetzt mache, das war für mich verpönt, das war kein Radlfahren. Jetzt geht es mehr um die Gesundheit. Ich fahr’ herum, und es gibt dann so Sachen, die kann man mit dem Radl sehr schön erkunden, die alte Werft in Korneuburg zum Beispiel, wo ich mich dann in Fantasien ergehe, wenn ich 20 Jahre jünger wär’, tät’ ich schon den Heller Franzi anrufen – das wär’ eine Bühne. Und dann dieses Industriegebiet in Strebersdorf, Schwarzlackenau, wo unter der Woche Hunderte Menschen arbeiten, und am Wochenende ist das so wie in einem Film, wo die Außerirdischen da waren und alle Menschen entfernt haben – und zufällig haben sie mich übersehen.

Wo also fühlen Sie sich zu Hause: im Stinatz der frühen Kindheit, im Arbeiterbezirk Favoriten des Halbwüchsigen, im dörflichen Idyll am Bisamberg bei Wien?

Im Wesentlichen würde ich alles, was ich als Zuhause empfinde, Ostösterreich oder – mutiger und genauer – Wien nennen. Das betrifft hauptsächlich auch die Sprache: Meine engste Heimat ist Wien. Ich hab’ nicht dieses große Niederösterreichgefühl, wenn man das überhaupt haben kann. Für mich ist der östliche Teil Österreichs einfach durch Wien dominiert. Durchaus im positiven Sinn. Die prägende Geschichte, auch im Aufwachsen, war sicher Wien.

Aber nicht ein Nobelbezirk, sondern das Arbeitermilieu.

Ja. Wobei – das, wo ich jetzt wohne, so wie sich Bisamberg in den letzten Jahren entwickelt hat, das ist mittlerweile auch eine Art Hietzing.

Manchmal hat man das Gefühl, es gebe Lukas Resetarits gleich zweimal: auf der einen Seite den prononciert linken Kabarettisten, Verteidiger der Entrechteten und Marginalisierten, einschlägig politisch aktiv von der Arena-Bewegung bis zum Sozialstaatsvolksbegehren. Und dann den Lukas Resetarits, der sich, kaum hat er den ersten Kabarettcoup gelandet, mit Frau, Kindern und Katze für eine farbige Zeitungsbeilage ablichten lässt, ganz Familienglück, der zur silbernen Hochzeit mit seiner Frau auf Gran Canaria fliegt und sich aus der bösen städtischen Welt ins kleine Glück am Stadtrand flüchtet. Fehlt nur noch der Gartenzwerg, und der Kleinbürger ist fertig.

Diese Züge sind natürlich vorhanden. Erstens diese späte Kompensation bestimmter Dinge, Gran Canaria, Mauritius et cetera, andererseits bin ich durchaus imstande, mich so zu reflektieren, dass ich mich auch einmal mit einem spöttischen Lächeln von außen betrachten kann; ich lass’ den Kleinbürger in mir nicht zu groß werden, aber ab und zu ist er da. Ich hab’ früher auch jede Woche Rasen gemäht. Das mach’ ich jetzt nicht mehr.

Unkraut zupfen?

Hab’ ich oft angefangen, aber irgendwann sagt man sich: Eigentlich ist es viel natürlicher, wenn man das Unkraut nicht auszupft.

So wird man zum Bio-Fundi.

Bis dann das ganze Bio so verwildert, dass es wie eine Gstätten ausschaut und dann die Frau den Qua-Schrei macht. Dieses – unter Anführungszeichen – Doppelleben gibt’s natürlich auch insofern, als ich mir sehr viel Inspiration von außen hole, zum Beispiel in meiner Stammtischrunde. Früher wär’ ich auf der Stelle tot umgefallen, wenn mir irgendwer gesagt hätte, ich würde irgendwann einmal in einem Stammwirtshaus an einer Art Stammtisch sitzen, wobei ich nicht den Deixschen Stammtisch meine; und dieser mein Stammtisch hat sich in der Zwischenzeit quer durch den Gemüsegarten von Bildungs- und Berufsschichten entwickelt, und es finden durchaus produktive Gespräche statt, wobei ich auch solche so bezeichne, die in fast infantiles Geblödel münden, das sich aber auf einem gewissen Niveau abspielt. Vergleichen würde ich das mit siebente, achte Klasse, vor der Matura, wo man eigentlich unheimlich hackeln hat müssen, andererseits mörderisch regrediert ist, bis zu kindischen Blödheiten.

Sie haben sich jetzt ein Vierteljahrhundert hindurch einen wesentlichen Teil Ihres Einkommens in einem Bereich erwirtschaftet, der denkbar diffus umschrieben ist. Was ist Kabarett für Sie?

Für mich ist es nach wie vor etwas, was aus meiner Auseinandersetzung mit der Welt kommen muss. Mein Freund und Mithelfer, der Oberlehrer Kampl, sagt immer: Das Wichtige an meinem Beruf – und ich seh’ das auch so – ist, dass man komplizierte Sachverhalte möglichst vereinfacht und auf die Kante bringt, so, dass sie vielleicht sogar einen Lacher der Befreiung oder des Schreckens auslösen, ohne das aber so populistisch vereinfachend zu gestalten, dass es wieder hinten und vorn nicht stimmt. In den Kern vordringen und nicht den Kern aufweichen.

Das ist manchmal nicht so einfach. Manchmal gibt es ein Publikum, das beginnt, wenn man versucht, einen längeren Bogen zu bauen, schon auf der Hälfte der Strecke vorzulachen über Marginalien, manche können den tieferen Inhalt gar nicht abwarten. Das liegt auch daran, dass die Leute durchs Fernsehen so verzogen worden sind auf diese kurze Form, immer muss schnell ein Gag kommen. Da hab’ ich manchmal Schwierigkeiten, die G’schichten rüberzubringen.

Als Sie angefangen haben, gab es zumindest in Österreich kaum Solokabarett. Wie kommt man da überhaupt auf die Idee, sich allein auf die Bühne zu stellen?

Banaler, als man glauben würde. Als sich das „Kabarett Keif“ aufgelöst hat, hat mir der Dieter Haspel vorgeschlagen, ich soll wieder etwas Kabarettistisches machen, er gibt mir sein Haus – na ja, „seines“, das hat damals der Josefstadt gehört, das Kleine Theater im Konzerthaus -, und ich kann dort machen, was ich will, aber in Richtung Kabarett. Gruppe hab’ ich keine zusammengekriegt, und im Zuge von Gesprächen mit dem Erwin Steinhauer entstand die Idee: Na, mach’s doch allein. Der Haspel, Wolfgang Teuschl, Heinz Unger, die „Schmetterlinge“, die haben mir alle geholfen. Aber ich hab’ bis zur Premiere irrsinnig daran gezweifelt, Angst, Panikattacken gehabt. Und dann wurde das Programm so unglaublich aufgenommen, als hätt’ es da irgendein Vakuum gegeben. Ich bin sicher am Anfang überbewertet worden, da war so ein Durst nach so etwas, von den Kritiken und vom Publikum her ist das geradezu explodiert. Ich hab’ das zwei, drei Wochen gar nicht kapiert, dass das so funktioniert.

Man hätte nach diesem Erfolg erwarten können, dass ein allgemeiner Kabarett-Boom in Österreich einsetzt. Wenn man sich die ersten Jahre nach Ihrem ersten Soloauftritt im Oktober 1977 anschaut, da ist einfach nichts nachgekommen. Bis hin zu dem Kuriosum, dass ein neu eingerichteter Österreichischer Kleinkunstpreis Mitte der Achtzigerjahre gleich zweimal hintereinander an Sie vergeben wurde.

Es war sicher so, dass die Räume am Anfang nicht da waren. Man musste immer unterschlupfen bei irgendeinem Theater. Durch meine Verbindung zu Dieter Haspel hab’ ich es leicht gehabt. Und was mir jüngere Kollegen oft erzählen: In diesen ersten Jahren, da waren die zum Teil noch in der zweiten, dritten, vierten Klasse Mittelschule und haben beispielsweise mich gesehen und haben so einen Impuls gekriegt. Und zehn Jahre später waren sie dann Kollegen. Ich hab’ ja erst mit 30 angefangen, die aber in den Zwanzigern.

Es gibt unter der allerjüngsten Kabarettistengeneration Epigonen aller Art, Hader-Klone, Düringer-Klone. Einen Resetarits-Klon hat es merkwürdigerweise nie gegeben.

Jetzt sag’ ich etwas sehr Eitles: Ich glaube, dass die Leute spüren, dass der Alte den Schmäh hat, und den Schmäh haben oder nicht haben, das ist eins oder nicht eins. Wenn man den Schmäh nicht hat und versucht, so zu tun, als hätte man ihn, dann fliegt man auf die Goschn. Wobei Schmäh für mich schon etwas Philosophisches ist, daher auch meine geistige Heimat Wien, das Wien, das es so nicht mehr gibt, wo die jüdischen, die slawischen, alle möglichen Komponenten durcheinandergemischt waren und wo schon die vormittägliche Begrüßung mit einem Widerhakerl versehen war, in aller Freundlichkeit, wo irrsinnig viel immer mitschwingt, im Tonfall oder darin, wie man etwas formuliert, wie man danach fragt, wie es einem geht, wo schon im Hintergrund die Falle lauert. Das finde ich sehr spannend, weil man nie lethargisch werden kann, wenn man sich in diesem Bereich des Schmähs befindet, man muss immer wach sein, als Austeiler genauso wie als Einstecker.

Lassen wir einmal dieses Ihr Kabarett-Vierteljahrhundert Revue passieren. Im Oktober 1977 stehen Sie zum ersten Mal als Solist auf der Bühne, das Programm heißt „Rechts, Mitte, Links“, und Bruno Kreisky ist Kanzler einer SPÖ-Allein- regierung. Diesen September bringen Sie Ihr nun schon 20. Programm heraus, es wird unter dem, sagen wir, etwas unverbindlichen Titel „Zeit“ angekündigt, die SPÖ ist von einer absoluten Mehrheit erheblich weiter entfernt als die FPÖ vom Platz der stimmenstärksten Partei, und wir haben seit gut zwei Jahren eine rechtskonservative Regierungskoalition unter Wolfgang Schüssel. Hat das linke, das aufklärerische, das politische Kabarett versagt?

Das politische Kabarett kann nur so versagen, wie die Politik allgemein versagt und zum Handlanger der Wirtschaft wird. Politik wird ja immer mehr entpolitisiert, eine Nebenfunktion der Wirtschaft, oder nennen wir es ganz groß: des Kapitalismus. Und zwar Wurscht, ob das eine sozialdemokratische Regierung ist, Beispiel Blair, Beispiel Schröder, oder eine rechtskonservative. Die Unterschiede sind ja marginal. Das politische Kabarett, wie es heute manche noch verstehen, die wunderschönen Dinosaurier wie Dieter Hildebrandt, die ich bewundere, diese Festigkeit, aber: Bewirken tut das gar nix.

Apropos Kapitalismus: Wie gefällt Ihnen die schöne neue Aktienwelt?

Ich hab’ mir mühsamst, weil mir das immer ein spanisches Dorf war, diese ganzen Börseng’schichten angeeignet. Und da komme ich wieder auf meine Roots zurück: Die wirklichen Zahler an den Börsen, das sind doch die kleinen Trottel, die in „News“ oder in irgendeinem solchen Schrottboulevardmagazin sich ihre Börsentips holen, die anscheinend schon gezielt darauf abgestimmt sind, dass die Depperten dann kaufen sollen, wenn sie sich die Papiere wenig später nur mehr am Häusel aufhängen können; die Großen sind da schon lang woanders.

Drum sind solche Themen so wichtig, die über Politik im engeren Sinn hinausgehen, wie Globalisierung, wie Erfolgsmeldungen von Großbetrieben wie der Post im Stile von: Es ist uns heuer gelungen, 5000 Leute rauszuhauen, und wir hoffen, dass es nächstes Jahr noch 7000 sind, und dann sind wir irrsinnig gut.

1995 haben Sie Wolfgang Schüssel in einem Interview folgendermaßen charakterisiert: ein „moderater Politiker“ und ein „Garant für die Große Koalition“.

Wie man sich täuschen kann! Ich hab’ ihn damals falsch eingeschätzt; wie ich ihn später bei einem Fußballmatch erlebt hab’, da war mir einiges klar: eine gewisse egoistische Rücksichtslosigkeit plus – wenn er einen fault, darf der nicht „Au!“ schreien, und wenn man bei ihm nur ankommt, wirft er sich zu Boden. Außerdem: Irgendwann zeigt der Kleine halt einmal auf, wenn er die Chance sieht. Dieses ewige Zweitersein . . . Wobei es ja im linken Lager sehr viele gibt, da geht der Streit quer durchs linke Lager, die sagen, Wurscht, was jetzt war, es war notwendig, dass da etwas zerbrochen ist. Da antworte ich immer: Aber um welchen Preis? Dass Österreich einmal so eine Rolle spielen wird in Europa, dass es die rechte Tür auch für andere öffnet, im Sinne einer Beispielfunktion, das hätten wir uns eigentlich nicht gedacht. Und wenn man sich dieses An-die-Macht-geschwemmt-Werden der FPÖ anschaut, diese gewisse grinsende Schamlosigkeit . . . Erst wird für Aufregung gesorgt, dann wird das irgendwo Allgemeingut, und auf einmal ist es in den Bereich des Akzeptablen eingetreten, dauernd aufregen kann man sich ja nicht. Und dann kommt der nächste Aufreger. So wird immer mehr an Unsäglichem, Haarsträubendem in den Normalbereich geholt – und das besorgen die ganz gut.

Aber der scheinbar so unaufhaltsame Aufstieg der FPÖ in diesen Ihren 25 Kabarettjahren, der setzt doch wohl auch ein entsprechendes politisches Umfeld voraus, das solches zulässt.

Unter Kreisky gab es den Sündenfall: Tunnelblick in Richtung Konservative, Richtung ÖVP, dafür den Beelzebub FPÖ hereinholen. Die Nichtzerschlagung der FPÖ ist auch Kreisky zu danken. Und dann auch seine Fixierung auf Wiesenthal, die war schon fast pathologisch. Die positiven Ansätze, die in vielen Bereichen unter Kreisky gekommen sind, bildungspolitisch und so weiter, ein Stück des Weges, die Künstler, das hat die ganze Partei nicht fortzuführen gewusst, es ist nach ihm wieder klar geworden, wo die Partei ihren Kern sieht: Diese bunten Manderln da rundumadum, die können ab und zu ein bisserl hilfreich sein, aber im Wesentlichen ist die Linie schon eine andere. Und wenn man sich heute SP-Funktionäre in Basisnähe anschaut und ihre Aussagen zu Ausländern anhört, dann muss man sagen: So mancher Kärntner SPÖler könnte durchaus Mitglied einer ganz anderen Partei sein.

20 Kabarettprogramme in 25 Jahren, das kann nicht nur eine Erfolgsgeschichte sein. Gab es da auch Momente, wo Sie aufhören wollten?

Das war bald nach der Hälfte dieser Zeit. Da hab’ ich mir gedacht: Jetzt hab’ ich eh schon alles gesagt. Ich wiederhole mich dauernd. Auswirkung hat das eh keine. Mich freut’s nicht mehr. Und dann hat sich doch noch etwas entwickelt, wo es mich plötzlich wieder gefreut hat zu spielen. Auch vor vier Jahren war so eine Situation, bei der Arbeit zu „Ich tanze nicht“. Ich hab’ schon viel geschrieben gehabt, allein und gemeinsam mit dem Fritz Schindlecker, wir waren alle ein bisserl lustlos, und meine Tochter sagt plötzlich: Papa, hau des weg, stell dich rauf und erzähl uns was. Das war kurz vor der Premiere. Ich hab’ dann wirklich was erzählt und bin draufgekommen, dass ich mich da selber blockiert hab’ durch die jahrelange Nummernkabarettg’schicht.

Ist das Nummernkabarett passé?

Das Problem ist: Es geht einem selber mit der Zeit wirklich auf die Nerven.

Warum?

Da spielt man 160, 165 Vorstellungen, und die Nummern bleiben gleich. Ökonomisch ist es, man verbraucht nicht so viel Kraft, man muss nicht dauernd am Passerer sein; aber es wird halt fad. Wenn ich permanent frontal zu den Leuten stehe und mich nie hinter irgendetwas, also beispielsweise hinter einer Figur, verstecken kann, das kostet zwar mehr Kraft, aber es gibt mehr her. Und dazu kommt, dass ich das ständig verändern kann.

Sie haben auch im Fernsehen Karriere gemacht. Aber mit derselben Regelmäßigkeit, mit der Sie auf heimischen Bildschirmen auftauchten, nicht selten serienweise, als Kottan, im „Kaisermühlen Blues“, haben Sie auch über die schlechte Behandlung durch die heimische TV-Anstalt Klage geführt, um gleichzeitig zu versichern, dass die Leute eh besser Bücher lesen sollen.

Oder ins Kabarett gehen. Ich hab’ schon ewig nichts mehr gemacht fürs Fernsehen. Und wenn ich mir anschau’, was mir angeboten wurde, dann tut mir das auch nicht leid. Ich möchte mich da nicht in einen Frust hineinhauen, dass ich mir während der Dreharbeiten denke: Warum hab’ ich den Schas zugesagt?

Seit einiger Zeit bedanke ich mich am Ende jeder Vorstellung für die Aufmerksamkeit. Das ist banal, aber ich möchte den Begriff Aufmerksamkeit einfach herausheben, quasi positiv rückkoppeln, dass die Menschen weggegangen sind vom Fernsehapparat und mir zwei Stunden zugehört haben – ohne dass ich einen Handstand mache oder Feuer fresse, sondern ich erzähle nur G’schichteln. Das sind die Sachen, die ich hochhalten möchte, die sprachliche Auseinandersetzung, das Zuhören.


Wolfgang Freitag, „Die Presse“, „Spectrum“, 24. August 2002