Palmers-Entführung: Aktenzahl 20o Vr 9534/77 Hv 59/78

Die Tat ist geklärt, die Täter sind gefasst, die Urteile gefällt, die Strafen abgesessen. Und dass an all dem so manches nicht stimmt, wen kümmert es? Vor 25 Jahren: die Palmers-Entführung. Oder: Wie bastle ich mir meine Terroristen.


Che Guevara schaut ins hintere Mariahilf. Er schaut auf das „Schnitzel Stüberl“ vis-à-vis und auf das „Moderne Antiquariat“ namens „Fischer“, er schaut auf den Design-Laden „Professional“ und auf die EMI Austria Ges. m. b. H., nicht zu vergessen den Fitnessklub „Web 43“. Che Guevara schaut nicht allein. Ihm zur Seite schauen der Detroiter Skandalrapper Eminem und Reggae-King Bob Marley, schaut längst eingerostetes Heavy metal und Kinderzeichentrickkult made in Japan von T-Shirts herab in den trüben Mariahilfer November des Jahres 2002.

Wien VI, Webgasse 42. Wo heute „Jay Moden“ solche und andere „Neuheiten aus aller Welt“ zu „Sensationspreisen“ feilbietet, „alle Waren ständig lagernd“, befand sich vor 25 Jahren das erste und einzige „Volksgefängnis“ auf österreichischem Boden – der Verschlag, in dem ein Kommando der deutschen „Bewegung 2. Juni“ den Textilindustriellen Walter Michael Palmers für 100 Stunden gefangenhielt.


2. Juni 1967. Während einer Anti-Schah-Demonstration in Berlin wird der Student Benno Ohnesorg von dem Polizisten Karl Heinz Kurras durch einen Schuss in den Hinterkopf getötet. „Ich kenne viele, die an diesem Tag einen Knacks gekriegt haben. Die auf einmal wussten, du musst auf die Straße, du musst Stellung beziehen“, erinnert sich Ralf Reinders später. Und in Anspielung an vorangegangene Auseinandersetzungen mit der Polizei: „Gegen Prügel konntest du dich ja ein Stück weit wehren. Dass aber jemand abgeknallt wird, ging ein Stück weiter.“

Die deutsche Studentenbewegung hat ihre Identifikationsfigur, der Boden für jene Radikalisierung ist bereitet, die den Westen des geteilten Deutschlands im folgenden Jahrzehnt in eine rasende Spirale aus anarchistischer Gewalt und staatlicher Gegengewalt zwingen wird. Und es ist nicht nur die „Rote Armee Fraktion“ mit ihren Aktivisten, die da die gesamte Bundesrepublik – so zumindest das medial vermittelte Bild – vor sich her zu treiben scheint; auch Gruppierungen sind hier einschlägig zugange, die jenseits der deutschen Grenzen längst hinter dem brachialen Nimbus rund um Gudrun Ensslin, Andreas Baader oder Jan-Carl Raspe dem Blick entschwunden sind – oder nie wirklich zur Kenntnis genommen wurden: etwa die „Revolutionären Zellen“ oder eben die „Bewegung 2. Juni“, zu deren Gründern Ralf Reinders zählt. Dass nicht wenige ihrer Mitstreiter sich Ende der Siebziger der „Roten Armee Fraktion“ anschließen, tut ein Übriges, die „Bewegung 2. Juni“ in dem Kürzel RAF aufgehen zu lassen, das alsbald Synonym für den Terror an sich wird.

Da freilich hat die selbsternannte „Stadtguerilla“, ursprünglich durchaus orientiert an Vorbildern wie Che Guevara, schon ihren Zenith überschritten: Der „Deutsche Herbst“ des Jahres 1977 mit der Entführung und Ermordung des deutschen Arbeitgeberpräsidenten Hanns Martin Schleyer, mit der Entführung der Lufthansa-Maschine „Landshut“ nach Mogadischu, an deren Scheitern sich unmittelbar der – bis zum heutigen Tage gleichermaßen mysteriöse wie mystifizierte – Tod von Baader, Ensslin und Raspe im Gefängnis von Stuttgart-Stammheim schließt, signalisiert das Ende dessen, was Gerd Koenen, ein kommunistischer Aktivist jener Tage, in einer umfassenden Studie das „Rote Jahrzehnt“ oder auch „Unsere kleine deutsche Kulturrevolution“ nennt: „Die Schüsse vom 2. Juni 1967 in Westberlin und vom 18. Oktober 1977 in Stammheim markieren unzweifelhaft einen dramatischen Zyklus von Stimmungen, Losungen, Bewegungen und Aktionen, die eine ,politische Generation‘ geformt haben. Und es war die Farbe Rot, die dieses Jahrzehnt noch einmal (wenn auch trügerisch) dominiert hat.“

Ein Jahrzehnt, über dessen Finale im Fanal Inge Viett, eine der „2.-Juni“-Überläuferinnen zur RAF, in ihrer Autobiografie „Nie war ich furchtloser“ notiert: „Es gab keine organisierte linke oder kapitalismuskritische Kraft, die so ein gewalttätiges Niveau der Auseinandersetzung ertragen konnte oder gar unterstützen wollte.“ Zu der Zeit freilich, als Baader, Ensslin, Raspe und mit ihnen das „Rote Jahrzehnt“ schon auf dem Obduktionstisch des Gerichtsmediziners Hans Joachim Mallach liegen und dieser Selbstmord diagnostiziert, bereitet Viett gerade in Wien eine „Geldbeschaffungsaktion“ vor zur „Sicherstellung der ökonomischen Grundlage“ künftiger „Stadtguerilla“-Aktivitäten: die „Entführung eines Kapitalbesitzers“.


Das Wort „gewaltbereit“, das ist doch „eine Projektion aus unseren heutigen Verhältnissen in die damaligen, wo man sich auf komplizierte theoretische Weise unterhalten hat: Darf man nicht doch Gewalt anwenden, wenn gar nichts anderes geht? Gewalt gegen Sachen ja, Gewalt gegen Personen nein? Lauter so überchochmezte G’schichten.“ Günther Nenning ist in seinem Erzählelement. „Dass man damals den Eindruck gehabt hätte, das ist sehr gefährlich – das war nicht der Fall. Die Gefahr war eine Freude, ein Aufbruch.“ In Wien freilich nur, solange die Gefahr nicht doch ein bisserl zu gefährlich wird. Günther Nenning: „Im Unterschied zu der deutschen Studentenbewegung war die korrespondierende österreichische Szenerie stark sozialdemokratisch grundiert.“ Ergo: „Die Buam waren zwar wild, und es war ihnen irgendwie zu fad, dass nix los ist; aber die Grundüberzeugung, man soll nix übertreiben, die war immer da.“

Immerhin: Selbst hierorts existiert eine RAF-Sympathisanten-Szene, wenngleich bloß en miniature, zusammengefasst in der „Arbeitsgruppe Politische Gefangene“, kurz APG. Und was für Deutschland die Inhaftierten in Stammheim sind, das wird hierzulande das einzige bisschen RAF, dessen man bis dahin habhaft werden konnte: Waltraud Boock, Frau des RAF-Mitglieds Peter-Jürgen Boock, die im Dezember 1976 nach einem Überfall auf eine Creditanstalt-Filiale in der Wiener Innenstadt von einem Taxilenker niedergefahren und solchermaßen gefasst wird.

Die APG schreibt sich die Erleichterung der Haftbedingungen von RAF-Häftlingen auf die Fahnen und stößt damit selbst in der linken Studentenschaft auf wenig Gegenliebe. „Das hat ziemlich viel Aufruhr bewirkt“, erinnert sich Othmar Keplinger, damals 20 und Student der Theaterwissenschaft an der Universität Wien. „Wir sind ja in verschiedenste Veranstaltungen reingegangen und haben die Leute aufgefordert: Nehmt Stellung. Das hat bis zu kleineren Kaffeehaus-Schlägereien geführt. Die Geister haben sich sehr schnell geschieden, weil klar war, dass jeder, der dafür eintritt, die Forderungen der Gefangenen aus der RAF nach Aufhebung der Isolationshaft zu unterstützen, dass der sich automatisch in eine exponierte Position begibt.“

Freilich sind es nicht die Menschenrechte allein, die sich die APG angelegen sein lässt, zumindest wenn man Reinhard Pitsch folgen mag: Man habe die APG gegründet „durchaus auch im Hinblick auf . . . ja, das kann ich so sagen . . . auf eventuelle Rekrutierungen“. Von Viett beim Flugblattverteilen vor der Wiener Universität angesprochen, sieht sich Pitsch, 23 und Philosophiestudent, selbst als „Rekrutierungsoffizier“, gilt es doch, den unübersehbaren Männermangel unter den hierorts weilenden „Bewegung-2.-Juni“-Aktivisten, will sagen -Aktivistinnen, halbwegs zu kompensieren.

Pitschs Rekrutierungserfolg bleibt bescheiden: Ein Einziger findet sich bereit, den Weg in die Illegalität zu beschreiten – Thomas Gratt, 21, Theaterwissenschaftsstudent aus Vorarlberg. Nicht einmal Pitsch selbst scheint das Leben im Untergrund kommod und politisch gewinnbringend genug. Wenige Monate später werden Keplinger, Gratt und Pitsch verhaftet werden. Und alsbald werden sie, weil nichts Besseres da ist, als „die Palmers-Entführer“ in die heimische Kriminalgeschichte eingegangen sein.


Am 9. November 1977 gegen halb neun Uhr abends wird der 74-jährige Walter Michael Palmers vor seiner Villa in Wien-Währing entführt. Am 13. November gegen zehn Uhr abends wird er nach Zahlung eines Lösegelds in der Höhe von umgerechnet rund zweieinviertel Millionen Euro in der Nähe eines Hotels in Wien-Hietzing auf freien Fuß gesetzt. Am 23. November werden Thomas Gratt und Othmar Keplinger in Chiasso an der schweizerisch-italienischen Grenze festgenommen. Am 29. November folgt die Festnahme von Reinhard Pitsch in Wien.

Was dazwischen liegt, nennt einer der damals ermittelnden Kriminalbeamten, Friedrich Mahringer, heute „Learning by doing“: „Wir haben Neuland betreten, so etwas hat es ja davor nicht gegeben.“ Und sein oberster Herr, der damalige Innenminister Erwin Lanc, sekundiert: „Ja, sicherlich“ sei die Palmers-Entführung überraschend gekommen. Schließlich: „Man kann nicht jedes Detail vorausahnen.“

Vorausahnungen unterbleiben freilich nicht nur en détail. Auch en gros scheint man nicht auf das gefasst, was in diesen Tagen vor sich geht. Trotz der einigermaßen unübersehbaren Aktivitäten von RAF und Roten Brigaden in unmittelbaren Nachbarländern wähnt man sich hierzulande so weit allem Irdischen enthoben, dass man noch eher an eine fingierte Entführung, erdacht zum Zwecke palmersinterner Steuerschonung, als an irgendetwas glaubt, was im weitesten Sinne mit dem Signet Terror zu versehen sei. Ja, noch einen Tag vor der Verhaftung von Gratt und Keplinger meint der Chef des Wiener Sicherheitsbüros, Otto Kornek, eine „Familienangelegenheit“ des Hauses Palmers insinuieren zu müssen.

Erwin Lanc klärt entsprechende Nachfragen mit der politikbekannten Strategie, einem ganzen Dementi eine halbe Bestätigung folgen zu lassen: „An mein Ohr ist das nie gedrungen.“ Aber: „Dass irgendwer im Polizeiapparat gesagt hat, na ja, haben halt zu viele Strümpfe schwarz verschoben und wollen jetzt die Gewinne verschleiern, das ist nicht auszuschließen. Blöd reden hat in Österreich Tradition. Nicht nur bei der Polizei.“ Nicht zuletzt dieses blöd Reden ist es allerdings, das die Kooperationsbereitschaft der Familie Palmers dämpft. Friedrich Mahringer: „Ich hab’ das Gefühl gehabt, die Leute, die da Aussagen gemacht haben, sind nicht sehr kompetent gewesen. Das hat dazu geführt, und das ist das Schlechteste, was es gibt, dass die Familie Alleingänge unternommen hat. Völlig verständlich, von ihrer Seite.“ Verständlich auch, dass die schon damals diskreteste Industriellenfamilie Österreichs angesichts solcher Erfahrungen mittlerweile jedes Trappistenkloster plauderselig scheinen lässt: Wenn überhaupt, ist in dieser Causa von dort nur Offiziöses und da fast nur solches in Erfahrung zu bringen, was man bei halbwegs seriösem Quellenstudium ohnehin schon weiß.

Kaum sind Gratt und Keplinger gefasst, haben Palmers & Co wieder ihre Ruh’, und der mediale Enthüllungsingrimm wirft sich mit derselben Verve, mit der zwei Wochen lang coram publico in den Eingeweiden der Strumpfdynasten gewühlt worden ist, auf die linke Studentenschaft Wiens im Allgemeinen und das theaterwissenschaftliche Institut im Besonderen. Wolfgang Greisenegger, damals Assistent dortselbst, heute Dekan der Fakultät für Human- und Sozialwissenschaften an der Universität Wien, erinnert sich noch gut an seine „Proseminaristen“ Gratt und Keplinger – „nur auffällig in dem Sinn, dass sie interessierter waren als andere“ – und an die institutsinterne Erregung, die ihre Inhaftierung verursachte: „Einer Zeitung musste ich androhen, sie kostenpflichtig zu verfolgen, weil im Institut Fotos gemacht werden sollten unter dem Motto: Das sind die Spießgesellen der Entführer. Der Großteil der Studenten hatte ja keine Ahnung.“

In der Tat entbehrt es nicht einer Art seltsamer Ironie, dass ausgerechnet ein Institut, das in jenen Tagen noch immer ganz im Zeichen des nachhaltig durch seine Tätigkeit in der NS-Zeit beschädigten Altvorstandes Heinz Kindermann und seiner nun amtierenden langjährigen Adlata Margarete Dietrich steht, über Nacht als Kaderschmiede der Linken gehandelt wird. Was nichts daran ändert, dass Wolfgang Greisenegger ein gutes halbes Jahr lang sein Telefon überwacht weiß: „In Österreich ist man da immer so rücksichtsvoll gewesen, dass das Einschalten zu hören war, und da hat man dann die Kollegen von der Polizei begrüßt, dass sie wieder da sind.“

In Karl Reitters „Internationale Kommunistischen Liga“ wiederum versucht sich ein Journalist nach Wallraff-Art als Sympathisant einzuschleichen: „Der ist gekommen, ich hab’ ihn angeschaut und hab’ in einer Minute gewusst, irgendetwas stimmt mit dem nicht, ist der von der Stapo, ist der von den Rechten, ein Dilettant.“

Und weil nicht wirklich rasend Schreckenerregendes über die linke Studentenszene zu reportieren ist, subsumiert man sie flugs unter dem Etikett „Austro-Anarchisterln“ und füllt alsbald ganze Seiten mit Seelenbildern jenes – vorgeblichen – Terroristen-Trios, dessen man habhaft zu werden vermochte. In einer g’schmackigen Mischung aus antiken Mythenmotiven und modernster Küchenpsychologie werden sie alsbald dem heimischen Publikum vorgeführt: Gratt und Keplinger, die verlorenen Bürgersöhne aus der Provinz, die, von den Reizen der bedrohlichen Großstadt geblendet, die Scholle unter den Füßen verlieren und sich ins politische Unglück stürzen; Pitsch, das Scheidungskind, na ja, man weiß, was das bedeutet. Und nicht zu vergessen das böse Weib an sich, will sagen die bösen Weiber der „Bewegung 2. Juni“, die mit ihren Kirke-gleichen Mächten den arglosen heimischen Intellektuellen-Nachwuchs ins Verderben ziehen. Hand aufs Herz: Nicht jeder kann ein Odysseus sein.

Hinter solchen Potemkinschen Gemütskonstrukten verschwinden alsbald nicht nur die realen Figuren, es verschwindet auch die zentrale Frage, welche Rolle sie denn nun tatsächlich gespielt haben. Gut, Gratt war mit von der Entführer-Partie, so viel steht fest, schließlich hat man seine Stimme, anlässlich eines Telefonats zum Zweck der Lösegeldverhandlung aufgenommen, als unumstößlichen Beweis auf Band. Aber Keplinger und Pitsch? Und wer genau sind denn ihre geheimnisvollen deutschen Hinterfrauen? In den folgenden Wochen wird ein gutes Dutzend einschlägig bekannter Namen in die publizistische Schlacht geworfen. Eine Klärung bleibt freilich aus.


Wer aller wirklich beteiligt gewesen sei an der Palmers-Entführung, das werde „nie geklärt werden“, meint Friedrich Mahringer. Nicht doch. Aus Inge Vietts Autobiografie erschließt sich unmittelbar die Involvierung der Autobiografin selbst und die einer gewissen „Nada“, ein Spitzname, hinter dem sich Gabriele Kröcher-Tiedemann verbirgt. Und um den Rest braucht man nur Reinhard Pitsch zu fragen: „Ingrid Siepmann, die ist sogar im juristischen Sinne verifiziert, nicht juristisch verifiziert, aber eindeutig da waren Juliane Plambeck, Gabriele Rollnick, Klaus Viehmann und der, der mit der Kröcher-Tiedemann gemeinsam festgenommen worden ist.“ Christian Möller, wie ein Blick in das RAF-Geschichtsbuch lehrt. Keiner von ihnen ist jemals wegen der Palmers-Entführung angeklagt und folgerichtig auch keiner von ihnen wegen der Palmers-Entführung verurteilt worden. Aber was macht’s? Österreich hat sie ja eh, seine Palmers-Entführer. Und auch wenn Pitsch und Keplinger nicht mehr als schlichte Handlangerdienste (Beschaffung von Reisepässen, Organisieren von Meldedaten) nachzuweisen sind, und sogar Gratt, unzweifelhaft und eingestandenermaßen direkt dabei, weit entfernt von irgendwelchen Leitungs- oder Planungsfunktionen war, finden sie sich doch im Februar 1979 als eine Art rotweißrote Antwort auf die RAF vor ein heimisches Gericht gestellt. Othmar Keplinger: „Der Mythos setzt voraus, dass drei Personen eine Bande bilden, das war der Mythos der Gerichte, diese Bande musste vorgeführt werden. Daher hat man das durch die Anklageformulierung künstlich geschaffen. Wenn Sie sich die Anklageschrift anschauen, die ist so windig, dass es ärger nicht geht.“

Die Anklageschrift und also den Prozessakt anschauen? Nicht möglich, bescheidet Michaela Röggla-Weisz, zuständige Richterin am Landesgericht für Strafsachen Wien: „Der Antrag auf Einsicht in den Akt 20o Vr 9534/77 Hv 59/78 wird gem. 82 StPO abgewiesen.“ Denn: Dem „Journalisten Wolfgang FREITAG“ könne keine Parteienstellung nach diesem Paragrafen eingeräumt werden, „und ist auch eine ausweitende Gesetzesinterpretation für journalistische Zwecke hier nicht angebracht“. Basta. Dass nicht alle Richter so entscheiden, wird vom Pressesprecher des Landesgerichts, Friedrich Forsthuber, bedauernd und gleichermaßen glaubhaft versichert.

Bleibt also nichts anderes übrig, als zu glauben, was allerlei Rechtsanwaltsspatzen von hiesigen Kanzleidächern pfeifen: dass der Palmers-Prozeß eine „Farce“, eine „Verhöhnung rechtsstaatlicher Grundsätze“, dass das Urteil ein „Schandurteil“ gewesen sei. Pitsch-Anwalt Eduard Wegrostek: „Die Deutschen waren mit dem Geld weg, und übrig geblieben sind nur die Statisten, die wurden dann hier zu Haupttätern hochstilisiert, und letztlich sind die verurteilt worden zu Wahnsinnsstrafen.“

Zugegeben: Gewöhnlich gut informierte Kreise wissen auch von einem Handel zu berichten, der zwischen Verteidigung, Richter und Staatsanwalt geschlossen worden sei. „Um kein Spektakel zu machen, wie es bei diesen Prozessen in Deutschland geschehen ist, haben wir uns geeinigt darauf, dass der Richter nur bestimmte Fragen stellt, da hatten wir Fragenkomplexe ausgearbeitet“, weiß Gratt-Anwalt Klaus-Peter Schrammel zu berichten. „Ich habe den Thomas vorbereitet, er wusste genau, wie er sich zu verantworten hat. In der Verhandlung selber sind dann seine Fans gekommen – Faust hoch, Thomas, halt durch! -, haben ihn so beeinflusst, dass er gesagt hat, das kann er nicht machen. Er ist halt umgefallen.“

Umgefallen? Othmar Keplinger sieht die Situation einigermaßen anders: „Es gab das konkrete Angebot, wenn wir uns darstellen als arme verführte Hascherln, dann kommen wir da irgendwie raus; aber da geht es auch um Fragen wie Identität und Zu-seiner-Sache-Stehen. Das wäre die extremste Selbstaufgabe gewesen, da hätte ich mich gleich aufhängen können.“

Am 16. Februar 1979 wird Thomas Gratt zu 14 Jahren, elf Monaten und 15 Tagen Haft verurteilt, Othmar Keplinger zu fünf Jahren, Reinhard Pitsch zu sechseinhalb. Eine höchstgerichtliche Entscheidung vom November 1979 bestätigt die Strafhöhe für Thomas Gratt, setzt hingegen die für Keplinger und Pitsch um je ein Jahr herab.

Und das Geld? Umgerechnet knapp 150.000 Euro werden bei Thomas Gratt gefunden. Später tauchen da und dort kleinere Beträge in RAF-Verstecken auf. Der Rest bleibt verschwunden. „Einen Teil des Lösegeldes haben wir der palästinensischen Befreiungsorganisation zur Verfügung gestellt, einen geringeren auch der RAF“, schreibt Inge Viett. Das kann glauben, wer mag.


Thomas Gratt zieht an seiner Zigarette. Ob er sich damals bewusst gewesen sei, wie lange er mit der Punze Palmers-Entführung durch die Welt gehen würde? „Für mich war das eine endgültige Entscheidung, soweit man mit 21 Jahren endgültige Entscheidungen treffen kann.“ Und: „Ich war mir ziemlich sicher, früher oder später verhaftet zu werden, weil ich gewusst hab’, ich bin kein Rambo, nicht einmal ein Pfadfinder. Inzwischen leb’ ich seit zwölf Jahren wieder ganz normal, und dass das jemals der Fall sein wird, hätte ich nie erwartet.“ Wie er sich so fühle in dieser seiner Normalität von heute? „Schlecht. Es ist ja noch viel schlimmer gekommen, als ich damals angenommen habe, dass es je kommen kann.“ Alles sei so „tot, perspektivenlos, anspruchslos“, soziale Errungenschaften, „für die unsere direkten Angehörigen gekämpft haben“, würden „von unserer Generation verspielt, mit der Freude eines Casino-Gehers, der mit Jetons um sich wirft“.

Und Che Guevara, längst vom Vorbild alles Revolutionären zur Pop-Ikone verkommen, schaut von einem T-Shirt in den trüben Mariahilfer November des Jahres 2002. An jener Stelle, wo vor 25 Jahren das Haus mit dem ersten und einzigen „Volksgefängnis“ Österreichs stand: dem Verschlag, in dem ein Kommando der deutschen „Bewegung 2. Juni“ den Textilindustriellen Walter Michael Palmers für 100 Stunden gefangenhielt.


Wolfgang Freitag, „Die Presse“, „Spectrum“, 9. November 2002