Willi Resetarits: Eh für den Hugo!

„Der Promi findet viel mehr Gehör als der Nicht-Promi, da kann der Promi noch ein solcher Stocktrottel sein; ein paradoxes Phänomen, aber warum soll ich es nicht ausnutzen?“ Willi Resetarits über sein Engagement für gute Zwecke, die wilden Siebziger, Jekyll & Hide und die Pensionierung des Kurt Ostbahn. Ein Gespräch.


Es war Mitte der Achtziger, als bis dahin durchaus wohlbeleumundete Rechercheure bis in die schummrigeren Lokale der Wiener Peripherie vordrangen, um eines Phantoms habhaft zu werden: Ein gewisser Ostbahn-Kurti treibe hier seit einiger Zeit sein musikalisches Unwesen, ging das Gerücht, nähe beste Hadern der Rock-’n'-Roll-Geschichte in hiesig-vorstädtische Outcast-Gwandln um, deren Habitus „tiaf“ zu nennen den Abgrund der gesungenen Wirklichkeit nur unvollkommen illustriere.

Wenig später waren das Phantom der entern Gründ und sein Spiritus rector entlarvt: Hinter der Sonnenbrillendeckung des Sängers verbarg sich ein gewisser Willi Resetarits, Jahrgang 1948, seines Zeichens Kopf der Polit-Popgruppe „Schmetterlinge“, die sich eben anschickte, mit der kabarettistischen Musikshow „Nix is fix“ bis ins heimische Theaterallerheiligste, auf die Bühne der Burg, vorzudringen. Und der, der ihm Texte samt Ostbahn-Alter-ego lieferte, hieß Günter Brödl. Seither sind knapp 20 Jahre vergangen, die „Schmetterlinge“ sind längst in die ewig verklärten Jagdgründe der Austropop-Geschichte eingegangen, der vordem so verwegen-freche Ostbahn-Kurti hat an der imaginären Universität des populären Erfolges zum Dr. Kurt Ostbahn promoviert und ist, ursprünglich rein erdachtes Wesen, zu einer reichlich realen Figur des öffentlichen Lebens geworden. Dennoch: Der frühe Tod von Günter Brödl im Oktober 2000 hat auch die Lebenszeit des von ihm geschaffenen Mythos limitiert. Ende 2003 heißt es von Kurt Ostbahn Abschied nehmen.


Willi Resetarits, Sie sind Gründungsmitglied von SOS-Mitmensch, Mitinitiator des Lichtermeers, Proponent des Wiener Integrationshauses; und wenn am 28. Februar im Wiener Rathaus der 9. Wiener Flüchtlingsball eröffnet wird, dann ist es völlig undenkbar, dass Sie nicht dabei sind. Kurz: In einem nationalen Pfadfinder-Ranking von wegen tägliche gute Tat würden Sie ganz oben rangieren. Sind Sie ein guter Mensch?

Mein Problem mit der Bezeichnung guter Mensch ist, dass es da nicht mehr weit zum Gutmenschen ist. Und „Gutmensch“ ist von den Bösmenschen als Schimpfwort definiert worden. Gutmenschen, das sind Leute, denen der Realitätssinn fehlt, die viel Tagesfreizeit haben und vielleicht durch die Gegend laufen und sagen: Alle Ausländer sollen sofort nach Österreich kommen. Und das finde ich kränkend, denn die Menschen, die ich kenne, und ich selber auch, wir beschäftigen uns schon sehr lang mit Themen wie Immigration, Flucht, damit, was es heißt, ein Flüchtling zu sein. Ich glaube, dass wir da sehr wohl Sachverstand haben und dass insofern nicht das Vorurteil stimmt, dass wir Traumtänzer sind, die sich darin gefallen, gut zu sein.

Darf man sich heute noch einen guten Menschen nennen oder nennen lassen?

Das kommt immer auf den Zusammenhang an, wer es wie meint. Grundsätzlich sind Werte wie Anständigkeit, dass man ein soziales Gewissen, ein Bewusstsein für soziale Probleme hat, all das sind Werte, die ich für wichtig halte, insbesondere wenn man jemand ist, der es sozial besser erwischt hat.

Folgt man Ihrer Vita, dann drängt sich der Eindruck auf, der Ministrant der Favoritner Kindertage habe sich in verschiedenen Verkleidungen und Metamorphosen bis ins reife Mannesalter fortgeschrieben.

Ich denke schon, dass der Wunsch, es sollte sozial gerechter sein, als es ist, aus der katholischen Erziehung kommt; insofern stimmt der Ministrant, und das ist durchaus kein Einzelfall, dass Ministranten, die sich der Kirche entfremdet haben, die aber das Soziale in der katholischen Kirche geschätzt haben, dass die dann Sozialisten, in welcher Form auch immer, geworden sind. Bei mir war das so. Das Katholische hat man irgendwo inwendig, auch wenn man austritt aus der Kirche.

Ihre Musikerkarriere beginnt mit den „Schmetterlingen“. Das war in den Anfängen eine durch und durch nette, aber politisch unverdächtige Folkgruppe, die erst nach einiger Zeit, so um die Mitte der Siebziger, das aufklärerische, das linke Feld mit ihren Liedern besetzte. Wie kam es zu diesem Wandel?

Erst war die Freude am Musizieren da. Ich war als Mittelschüler schon mit Rockbands vorbelastet und hab’ ein bisserl das Genre gewechselt; das war ja damals noch sehr polarisiert, wenn du beim Folk warst, warst du für einen wilden Rock-’n'-Roller ein Weh. Aber mir waren die Menschen sympathisch, das mehrstimmige Singen hat mir auch gut gefallen. Und zur Rockmusik bin ich eh später zurückgekehrt. Gleichzeitig haben wir alle studiert, ich hab’ 1969 angefangen.

Was haben Sie inskribiert?

Ein Lehramtsstudium, Sport und Anglistik. Eh für den Hugo. Ich hab’ mich einfach nicht getraut, von Anfang an nur auf die Musik zu setzen, hab’ ein Sicherheitsnetz einziehen wollen. Der Alltag an der Uni damals war durchsetzt von politischen Diskussionen, man ist zum Teach-in im Hörsaal I gegangen, hat zugehört, nicht sehr viel verstanden, wie sich die Menschen da befetzt haben, es war vielleicht auch nicht so viel zu verstehen, man war jedenfalls überfordert und hat das ganz, ganz klug gefunden, diese Diskussionen. Anfangs haben wir gar nicht bemerkt, dass wir uns da permanent politisch beschäftigen, aber dann die schönen Lieder singen. Sicher, es waren in unserem Repertoire schon damals einige dabei, von Pete Seeger zum Beispiel, die politische Inhalte gehabt haben; aber draufgekommen, dass das eigentlich zusammengehen sollte, das, was wir musikalisch machen, und das, was wir politisch diskutieren, sind wir erst irgendwann um 1973. Da haben wir den Heinz Unger für uns als Autor gewinnen können. Wir haben halt selber nicht diese Sprachmächtigkeit gehabt, und mit mittelmäßigen Texten, die wir selber auch zusammengebracht hätten, wollten wir gar nicht anfangen.

Ab dem Zusammengehen mit Unger ist es dahingegangen. Super war, dass uns gleich die Plattenfirma rausgehaut hat . . .

Welche war das damals?

Das weiß ich nicht genau, ich bin mein ganzes plattenmäßiges Leben zwischen Polygram und Ariola hin- und hergependelt, ich hab’ keine Ahnung, wo ich da gerade war, aber toll war, dass man rausgehaut worden ist, wenn man linke Lieder gesungen hat. Das hat man ja heutzutage nicht mehr. Heute kannst du singen, was du willst.

Kaum hatten sich die „Schmetterlinge“ mit ihrem aufklärerisch-linken Habitus etabliert, ließen sie sich mit dem Klassenfeind, der Musikindustrie, ein und starteten beim Eurovisionssongcontest 1977 in London – mit einem Lied, das genau den Musikbetrieb, der sich da alljährlich feiert, karikierte: „Boom Boom Boomerang“. Wozu das Ganze? Wenn man diesen Musikbetrieb nicht mag, braucht man ja nicht hinzufahren.

Das ist eh schwer zu verstehen. Ein bisserl wird es uns gereizt haben, einmal ein großes Forum zu haben. Aber ich kann gleich dort fortsetzen, wo ich gerade war, beim Rauswurf durch unsere Plattenfirma. Das Fernsehen hat nämlich erstaunlicherweise eine Band, die keine Plattenfirma hatte, gefragt, ob sie beim Songcontest antreten möchte – und plötzlich stellten sich alle Plattenfirmen bei uns an. Und das sind so Sachen, die man gern hat: Die, die uns zuerst rausgehaut haben, waren sich nicht zu blöd, dass sie da mitgepokert haben. Und wir haben gesagt: So, jetzt schlagen wir das Kapital mit seinen eigenen Mitteln, wer den Songcontest-Schlager haben will, muss eine Drei-LP-Kassette mit dem revolutionären Werk „Proletenpassion“ produzieren. Das war einer der Gründe teilzunehmen.

Ein anderer war, dass wir im Hinterkopf die Möglichkeit nicht ausschließen wollten, diese Gelegenheit mit ihren Hunderten Millionen Fernsehzuschauern zu einer politischen Manifestation zu nützen. Deppert oder naiv, wie wir waren, haben wir das einem Journalisten erzählt, der das wiederum dem Fernsehen erzählt hat.

Es gab doch auch direkt vor dem Auftritt einen von den „Schmetterlingen“ ausgelösten TV-Skandal im von RAF-Terrorismus und Radikalen-Erlaß gebeutelten Deutschland.

Die G’schicht war so: Der DGB Westberlin hat die Lehrergewerkschaft ausgeschlossen wegen Linksradikalität. Und aus Angst, dass es Randale geben könnte, hat der DGB im selben Jahr auch die Mai-Demo abgesagt; statt dessen haben sie eine Live-Fernsehshow am letzten April gemacht, zu der wir eingeladen waren. Und ich hab’ dort zwischen den Liedern, die wir gesungen haben, gesagt, das geht so nicht, man kann den Kampftag der Arbeiterklasse nicht im Saal oder daheim vor dem Fernseher kämpfend verbringen, daher sollten doch alle, die demonstrieren wollen, mit der ausgeschlossenen Lehrergewerkschaft demonstrieren.

Das ist als Übergriff empfunden worden, in dem Sinne: Diese Gruppe ist unzuverlässig und verwendet Fernsehshows für politische Durchsagen. Wir haben das anders gesehen, egal. Jedenfalls war ein Reporter vom „Guardian“ dort, der uns interviewen wollte, weil die gehört hatten, da kommt eine linksradikale Band zum Songcontest. Der hat dann einen relativ langen Artikel geschrieben.

Hatten Sie wirklich für den Songcontest eine Aktion in petto?

Wir haben uns überlegt, ob wir nicht ein Spruchband zusammenstellen könnten, indem jeder von der Gruppe ein Wort im Ärmel hat und es dann auf Sendung entrollt. Aber so haben wir vorweg unterschreiben müssen, daß wir nicht abweichen von der Choreografie und so weiter. Später haben wir von einem befreundeten Fernsehtechniker erfahren, dass er den Auftrag hatte, die Aufzeichnung der Generalprobe parallel zu unserem Auftritt einzustarten und sofort umzusteigen, falls wir etwas ändern. Also, Schiss haben die schon gehabt.

Und was hat es unterm Strich gebracht?

Mit dem Geld für die Eurovisionssingle haben wir das unabhängige „Schmettersound“-Studio aufbauen können und den freien Plattenvertrieb „Extraplatte“, den es noch immer gibt, haben da aus der Erfahrung, dass man ja bald einmal rausgehaut wird von den Plattenfirmen, unabhängige Produktionsbedingungen geschaffen.

Gibt es das Studio noch?

Nein, das war im alten Kino von Bisamberg, dort ist jetzt ein Espresso.

1983 endet die Ära Kreisky, 1986 beginnt der Aufstieg des Jörg Haider, und genau in dieser Zeit des innenpolitischen Umbruchs verschwindet das politische Projekt „Schmetterlinge“ von der Bildfläche und macht in Ihrem Fall dem in seiner Anfangszeit nahezu apolitisch agierenden Vorstadt-Rocker Ostbahn-Kurti Platz. Wieso?

All diese Vorurteile, die man von den „unpolitischen Achtzigern“ hat, die stimmen teilweise. Wir haben das am eigenen Leib, in der Band, zu spüren bekommen. Ich habe anfangs den Ostbahn als Hobby empfunden, aber allmählich haben sich die Gewichte verschoben, ohne dass das groß betrieben worden wäre: Bei den „Schmetterlingen“ sind immer mehr die Leute ausgeblieben, und zum Ostbahn sind sie immer mehr hingerannt.

In den frühen Jahren des Ostbahn- Kurti nennen Sie ihn einmal Ihre „dunkle Seite“. Wir haben also ab Mitte der Achtziger einen braven Willi Resetarits und einen bösen Ostbahn-Kurti, Jekyll & Hide à la Viennoise. Nur dass mit der Zeit nicht wie bei Stevenson der Hide von Jekyll Besitz ergreift, bei Ihnen domestiziert der Jekyll den Hide: Schon früh wird etwa das Ostbahn-Statussymbol Doppler aus pädagogischen Gründen von der Bühne verbannt.

Diese Jekyll-&-Hide-Geschichte hat es plötzlich nicht mehr gegeben, weil es die „Schmetterlinge“ nicht mehr gegeben hat. So hat der Ostbahn beides sein müssen. Und erstaunlich, aber auch sehr schön war, dass der Ostbahn viel mehr bewirken konnte als die „Schmetterlinge“ bei den jungen Leuten. Weil er eben eine hohe Glaubwürdigkeit gehabt hat als jemand, der schon einmal so eine Doppelliterflasche trinkt; und wenn der dann zu den jungen Leuten sagt: Passts auf, dann bewirkt das mehr, als wenn die „Schmetterlinge“ mit dem Stempel „Achtung, linksradikal!“ ähnliche Sachen sagen.

Der Ostbahn-Kurti war kein hermetisches Konzept, sondern das, was uns eingefallen ist; wenn wir beschlossen haben, der Kurt macht das, und das war plötzlich etwas anderes als vorher, dann war er halt plötzlich anders. Der Ostbahn war immer wie ein leerer Christbaum, auf dem man Schmuck aufhängen kann, wo man will.

Und mittlerweile schaut der Ostbahn-Christbaum halt schon ganz so aus wie der Willi Resetarits.

Ja. Das ist nur eine Namensfrage, inhaltlich sehe ich wenig Unterschiede, ob jetzt der Ostbahn spricht oder der Resetarits. Und ich schrei innerlich „Hier!“, sowohl wenn einer „Kurtl!“ als auch wenn einer „Willi!“ ruft. Trotzdem möchte ich den Kurtl jetzt abgeben, das hat aber andere Gründe, nämlich den Tod von Günter Brödl. Aber ideologisch macht das für mich wenig Unterschied. Weil ich den Kurtl schon inhaliert hab’.

Wobei ich noch eines sagen muss: Es ist ja nicht alles vertont, was Günter Brödl geschrieben hat, ich hab’ auch die Frühwerke, da gab es Ostbahn nur als literarische Figur. Und die atmen durchaus den Geist der Siebzigerjahre, weil sie auch in den Siebzigerjahren geschrieben wurden. Da hat der Kurtl wie der revolutionäre Lehrling mit der geballten Faust dem Lehrherrn das Arschlecken geschafft. Also, der Kurtl hat schon angefangen als jemand, der ein soziales Bewusstsein hat. Er hat dann halt nur radikal reagiert, indem er sich ansauft oder irgendwo einen Hammer hineinschmeißt.

In dem Maße, in dem der Willi den Kurt in den Neunzigerjahren usurpiert, verlässt er auch immer öfter die Bühnen der Rockhäuser, um sich im unmittelbar Sozialpolitischen umzutun. Das beginnt mit Ihrem Engagement für SOS-Mitmensch und setzt sich später mit den Aktivitäten rund ums Integrationshaus fort.

Das war ein nahtloser Übergang vom politischen Engagement im Zusammenhang mit den „Schmetterlingen“. Ursprünglich haben wir irgendwie gemeint, es müsste möglich sein, die Welt zu verbessern mit den sozialistischen Ideen, nicht so wie in Russland, aber doch so, wie die sozialistischen Vordenker gedacht haben. Langsam, langsam haben dann viele Leute, so auch ich, gesehen, das wird sich nicht ausgehen mit dieser großen Revolution, die die Welt besser macht, die Beispiele, wo derlei nicht gelungen ist, waren zu viele, also sind diese Ideen ein bisserl verblasst.

Hat das auch mit 1989 zu tun?

Sicher. Und da hat man dann, um es plakativ zu sagen, davon abgelassen, die ganze Welt verbessern zu wollen, und hat geschaut, ob man wenigstens ein paar Leuten das Leben besser machen kann. Konkret beispielsweise mit dem Wiener Integrationshaus. Man wirft einfach für seine Ideen ein bisserl Gewicht auf die eine Seite der Waagschale.

Dazu kommt, dass ich schon meine, man soll sich als mündiger Staatsbürger zu Wort melden, wenn einem etwas nicht passt. Außerdem habe ich allmählich wahrgenommen, um wie viel mehr der sogenannte Promi, wenn er was sagt, Gehör findet als der Nicht-Promi, da kann der Promi noch ein solcher Stocktrottel sein; ein paradoxes Phänomen, sicher, aber warum soll ich es nicht ausnutzen? Und das habe ich gemacht.

Ich habe auch die Gründung von SOS-Mitmensch und in der Folge die Großveranstaltung Lichtermeer immer so sehen wollen, dass unsere Sicht der Welt zu wenig in der Öffentlichkeit präsent ist. Meine Behauptung war, dass es viele Leute gibt, die endlich einmal für etwas auftreten wollen, und ich bin immer, auch innerhalb von SOS-Mitmensch, dagegen aufgetreten, dass wir eine Gruppe von Leuten sind, die reflexartig reagieren auf irgendwas, was Menschen tun, die mir ganz unsympathisch sind.

Dennoch gilt das Lichtermeer bis zum heutigen Tag wohl als das bekannteste Symbol einer „Gegen“-Politik, nämlich einer ausgrenzenden Politik gegenüber der FPÖ.

Ich hab’ das immer anders gesehen. Die Ausländerpolitik, gegen die ich aufgetreten bin, hat der SP-Innenminister Löschnak gemacht, und die Ausländergesetze neu sind von Löschnak gekommen und nicht von Haider. Wir wollten aber vor allem für eine andere Politik den ausländischen Mitbürgern gegenüber eintreten.

Ich war nicht das Werkzeug des Haider, ich hab’ das auch immer ganz beschissen gefunden von einigen Wochenzeitungen, die eine Million Haider-Cover gemacht haben; so wie ich wahrgenommen habe, dass man als Promi leicht Gehör findet, hab’ ich diesen Reflex dort gesehen, dass der Ungustl sich halt überlegt, jetzt werd’ ich irgendetwas Ostküstenmäßiges sagen, und schon reagieren die großen Medien und bringen mich auf dem Cover. Der hat sehr rationell gearbeitet, hat einen Satz irgendwo untergebracht, und dann hat er vier Wochen lang alle Medien arbeiten lassen. Das war nicht mein Ding.

Das war auch nicht das Ding des Wolfgang Schüssel in den vergangenen drei Jahren, der gerade dafür allerdings nicht wenig Kritik von der Linken einstecken musste.

Das muss man differenziert sehen. Teilweise ist mir das auf die Nerven gegangen, diese beständigen Forderungen an Schüssel, er möge etwas sagen, dort, wo das wie in einem Ritual passiert ist. Auf der anderen Seite meine ich schon, dass Wolfgang Schüssel viele Gelegenheiten vorbeigehen hat lassen, wo er mutig etwas hätte klarstellen können, nicht indem man reflexartig dem Haider verfällt, weil er wieder etwas angestellt hat, sondern indem man festhält, was glaubt die ÖVP, was glaubt der Bundeskanzler zu einem dieser vielen Themen, die da so zynisch angerissen worden sind. Da überhaupt nie irgendetwas zu sagen ist auch nicht okay, weil es dann schon den Eindruck erweckt, dass das taktische Gründe hat, das hätte ja den Koalitionspartner stören können.

Hat das Lichtermeer irgendetwas an der Situation von Flüchtlingen in Österreich positiv verändert?

Eine der unmittelbaren Folgen ist, dass über Themen wie Flüchtlingsarbeit, Arbeit für ausländische Mitbürger der früher Linke genannte Bevölkerungsteil mit den sozialen Organisationen innerhalb der katholischen und evangelischen Kirche eng zusammenzuarbeiten gelernt hat. Und dass es da keine inhaltlichen Diskussionen gibt, was Flüchtlingsfragen betrifft, Einschätzung der Gesetze, Einschätzung der Politik der früheren und des heutigen Innenministers. Das muss ich etwa mit dem Michael Landau von der Caritas nicht diskutieren, wir machen gemeinsame Pressekonferenzen, ohne uns vorher abzusprechen. Das hat es vor dem Lichtermeer nicht gegeben.

Dass die Regierung zynisch mit dem Lichtermeer umgegangen ist, indem sie sich dazu bekannt hat, uns aber dann am ausgestreckten Arm verhungern hat lassen, das war so, das ist nicht toll, was kann man dazu sagen, man lernt.

Warum war es so, wie es war?

Das muss man die fragen. Würden wir nicht ein strenges Interview führen, sondern intern wo sitzen und reden, würden wir sagen: de Oaschlöcha.

Kurt Ostbahn geht in Pension, was macht der ostbahnlose Willi Resetarits danach?

Neue Projekte, die mit Musik und mit Bühne zu tun haben – und die ich jetzt noch nicht kenne. Ich gehe gern spontan in Projekte hinein, ich möchte schauen, was passiert, und ich bin schon ganz gespannt, was das, was ich noch nicht kenne, wohl sein wird.


Wolfgang Freitag, „Die Presse“, „Spectrum“, 8. Februar 2003