Helmut Qualtinger: Alles – und das Gegenteil

Wollen wir wirklich wissen, wer und was Helmut Qualtinger war, werden wir ihn zuallererst gründlich entösterreichern müssen. Zum 75. Geburtstag: Anmerkungen zum Status quo hiesiger Qualtinger-Pflege.


Ein Leben lang „quasi“ sein. Quasi ein Schriftsteller. Quasi ein Schauspieler. Quasi ein Kleinkünstler. Und vielleicht auch noch quasi ein Großkünstler. Kurz: „Quasi ein Genie“, also nicht wirklich eines, bloß ein Als-ob. Unter diesem Titel jedenfalls feiern ab 1. Oktober das „Wien Museum“, vormals „Historisches Museum der Stadt Wien“, mit einer Ausstellung und der Deuticke Verlag mit einem dazupassenden Ausstellungskatalog den 75. Geburtstag eines, der sich seit 17 Jahren nicht mehr wehren kann: den Helmut Qualtingers.

Ja ja, der „Quasi“: Ein Rufname, in trauter Freundesrunde geboren, avancierte durch Jahre und Jahrzehnte zum landesweit bekannten und benützten Signet für „unseren“ Qualtinger. Da wird es doch wohl billig sein, das so geläufige Emblem werbewirksam einzusetzen. Könnte man argumentieren. Aber ist es tatsächlich auch recht, einen, der sich zeit seines Lebens allen Kategorisierungen zu entziehen suchte, als Markenartikel vorzuführen? Noch dazu wo genau diese Marke – so Peter Turrini – charakteristischer Ausdruck jener „österreichischen Liebe“ ist, „welche Zuwendung vorgibt und Erstickung will“? „Eine ganze Nation verlieh ihm – ungefragt – die kumpelhafte Bezeichnung ,Quasi‘, weil sie nicht hören wollte, was er sagte, sondern nur wie er es sagte. Sie liebte seine Erscheinung, sie verniedlichte seine Person, um den erschreckenden Inhalten seiner Sätze zu entkommen.“ Solches steht naturgemäß nicht in „Quasi ein Genie“ zu lesen, sondern in einer Publikation des Filmarchivs Austria, „Helmut Qualtinger – Die Arbeiten für Film und Fernsehen“, Begleitband einer mehr als honorigen Retrospektive, die am 3. Oktober im Wiener „Metro Kino“ beginnt.

Doch halt: „Museum Wien“ und Deuticke Verlag ist es bei ihrer Titelwahl ja gar nicht (nur) um die Marke „Quasi“ zu tun. Sie lesen „Quasi ein Genie“ durchaus so, wie es dasteht: „Der Titel spielt auch darauf an“, versichert eilfertig ein Pressetext beider Institutionen, „dass das Multitalent Qualtinger ein Unvollendeter blieb.“ Zehn Jahre lang prägende Erscheinung der Wiener Kleinkunstszene, Schöpfer einer Kunstfigur, des „Herrn Karl“, die längst zum kollektiven Bewusstsein eines ganzen Landes gehört, singulärer Rezitator, nicht weniger singulär als Schauspieler, dazu noch Schriftsteller, dessen Œuvre eine veritable – wenngleich im Detail nicht befriedigende – fünfbändige Gesamtausgabe füllt: Pardon, was muss denn einer noch getan haben, um hierzulande als Vollendeter gelten zu dürfen?

„ich bin alles und zugleich / das gegenteil von allem // so kommt es dass ich alles / und auch das gegenteil will // lebend lebloses elendzaghafter demutsrebell / phantasiekreisel gehirn / lodert auf kühlem herzen“. Helmut Qualtingers „kleine fuge“: das Psychogramm eines Hin- und Hergerissenen jenseits aller Systematisierungssehnsüchte anderer. Und kaum etwas wird einem hierzulande so wenig verziehen, wie nicht wirklich fass- und katalogisierbar zu sein. „Versatile Künstler waren und sind in der höfisch strukturierten österreichischen Öffentlichkeit und seiner ebenso feudal organisierten Kunstlandschaft ein Problem der Übersichtlichkeit“, hält Alfred Dorfer im Qualtinger-Band des Filmarchivs fest. „Der Stellenwert eines Künstlers war und ist, wenn nicht transparent und eindeutig, zumindest suspekt.“ Kabarettist Dorfer, mittlerweile auch schon zwischen Film, Fernsehen und Bühne versatilisierend, wird aus eigener Anschauung wissen, wovon er da schreibt.

Beharrlichkeit ist erste Künstlerpflicht. Das dumpfste Mittelmaß, ist es nur konsequent vorgebracht, verschafft sich irgendwann Anerkennung und Respekt. Unstetes Irrlichtern zwischen Sparten und Sujets hingegen wird leicht als mangelndes Vermögen missverstanden. Und es weckt unter den jeweiligen Spartenkennern den Wunsch nach einem Mehr, das seitens des Irrlichternden womöglich gar nicht intendiert ist. So vermisst Hans Weigel schon 1978 im qualtingerschen Schaffen jene „größeren Prosaarbeiten“, die zumindest in deutschsprachigen Landen einen Schriftsteller erst zum Schriftsteller machen. Immerhin führt er dieses von ihm agnoszierte Defizit nicht auf einen Mangel an Fähigkeit, sondern auf einen Mangel an Sitzfleisch zurück: Für Qualtinger sei es eben „schwierig und unnatürlich, an einem Schreibtisch zu sitzen“.

Gerhard Bronner wiederum lässt nur den Kabarettisten Qualtinger gelten. Am Kabarett – und allein dort – sei er „mit nichts und niemandem zu vergleichen“ gewesen. Subtext: Was alles Wunderbares hätte noch werden können, wäre Qualtinger seinem uneigennützigen Mentor Bronner 1961 nicht untreu geworden! Der Autor, der Rezitator, der Schauspieler Qualtinger? Ach was. Was von dieser „Jahrhundertbegabung“ geblieben sei? Da ist sich Bronner sicher: „einige höchst mittelmäßige Filme“ und „etliche Lieder, die ich für ihn schrieb“. Na ja, zugegeben, der „Herr Karl“ auch noch. An dem führt nicht einmal für Bronner ein Weg vorbei. Dass ein so selbstloser und vor allem sensibler Qualtinger-Connaisseur („Wenn er nüchtern war, langweilte er mich, wenn er betrunken war, widerte er mich an“) von „Profil“ für geeignet gehalten wird, den also jahrhundertbegabten, aber halt faden Bsuf zum 75. Geburtstag angemessen zu würdigen, mag typisch für den allgegenwärtigen schlampigen Umgang in einschlägiger, in Qualtinger-Sache sein.

Dazu gehört auch die ungeprüfte Tradierung lieb gewonnener Sagen, die sich zwangsläufig rund um überdimensionale Erscheinungen wie Qualtinger ranken. So weist etwa „Wien-Museum“-Direktor Wolfgang Kos in dem von ihm mitverantworteten Ausstellungskatalog zu Recht darauf hin, dass der beharrlich bemühte Riesenskandal, den 1961 die Ausstrahlung des „Herrn Karl“ im österreichischen Fernsehen ausgelöst haben soll, wenn überhaupt ein Skandal, so sicher nicht ein riesiger gewesen sein kann. In einem 1995 erschienenen Aufsatz sprächen Fiona und Heinz Steinert nur von „einer (gewissen) Empörung“: „Die meisten Journalisten seien dem Stück positiv gegenübergestanden. Positiv waren auch die meisten Kritiken nach der Ausstrahlung. Aus Protestschreiben und Leserbriefen setzte sich, so Steinert und Steinert, erst ,nachträglich das Bild einer größeren allgemeinen Aufregung zusammen‘.“ Ein Gang ins Archiv der als Skandal-Beschönigerin unverdächtigen „Presse“ fördert beispielsweise zu Tage: eine euphorische Kritik („Sternstunde“, „Gesamtkunstwerk“) und, in Tagesabständen, einen Leserbrief kontra, einen Leserbrief pro. Öffentliche Kunsterregungen sehen hierzulande mittlerweile – man erinnere sich an „Heldenplatz“ – ein bisschen anders aus.

Freilich: Kos’ verdienstvolle Mythen-Relativierung verhallt selbst in der eigenen Publikation ungehört. Wo immer bei anderen die Rede auf den „Herrn Karl“ kommt, da ist auch der noch nicht dagewesene Skandal nicht fern. Weil nicht sein kann, was nicht sein darf? Weil wir uns so ungern von Sigrid Löffler sagen lassen, „dieser ,Herr Karl‘“ sei „schon recht bald nicht nur eine Schreckensfigur, sondern auch eine Einverständnisfigur“ gewesen, denn: „Ich meine, dass ich beim Heurigen hören konnte, wie sich die dort sitzenden ,Karls‘ über die Figur sympathisierend amüsiert haben. Ich glaube, dass sie letztlich eine Entschuldigungsfigur der österreichischen Niedertracht ist.“ Was – wie vieles andere, was sich an Fragwürdigem und Befragenswertem rund um Qualtinger angehäuft hat – durchaus, und zwar gewissenhaft, zu diskutieren wäre.

Wird es aber nicht. Noch haben in der öffentlichen und in der veröffentlichten Debatte – so eine stattfindet – jene das Sagen, die uns ausführlich erläutern, wie und was Helmut Qualtinger hätte sein sollen, hätte sein können – und nicht, wie und was er war. Und die, die sich doch mit der Person, ihrem Werk und ihrem Wirken zu beschäftigen vorgeben, kommen selten über Hohlformeln, über qualtingerspezifische Klischees hinaus. Helmut Qualtinger sei „bisher der letzte Österreicher“ gewesen, der „Österreich – dem Land, der Nation, dem Volk – ein Gesicht“ habe geben können, lässt uns beispielsweise Franz Schuh im „Wien-Museum“-Katalog wissen. Wir kennen es, das Karl Kraus’ „Letzten Tagen der Menschheit“ entlehnte Bild vom „österreichischen Antlitz“, das Qualtinger seit dem „Herrn Karl“ hartnäckig verfolgt. „Es wurde immer gesagt“, hält dem Peter Turrini im Filmarchiv-Band entgegen, „Helmut Qualtinger verkörpere das Österreichische. Auch dieses Urteil bedeutet eine Immunisierung, eine Erstickung.“ Und Turrini hat recht.

Wollen wir wirklich wissen, wer und was Helmut Qualtinger war, werden wir nicht umhin kommen, ihn zuallererst gründlich zu entösterreichern, die rotweißrote Patina aus Verherrlichung, Verniedlichung, ja, auch infamer Herabwürdigung abzuschlagen, die sich – keineswegs erst seit Qualtingers Tod 1986 – an Werk wie Person angelagert hat.

Vielleicht ist dazu erst eine junge Generation in der Lage, eine, die willens ist, das Anekdotische beiseite zu schieben und zur Substanz vorzudringen. Eine Generation, die kein fertiges Bild hat, sondern sich erst eines machen muss, für die alles und jedes zur Disposition steht, weil es nicht Teil eigenen Erlebens, eigener Erinnerung ist. Eine Generation, wie sie Arnold Klaffenböck, Jahrgang 1972, repräsentiert. Was der Germanist im „Wien-Museum“-Katalog über den Autor und den Rezitator Qualtinger zu sagen hat, das lässt die schönsten Hoffnungen für seine demnächst in der Edition Praesens, Wien, erscheinende Arbeit „,Die Zunge kann man nicht überschminken . . .‘ – Der Schriftsteller Helmut Qualtinger und seine Texte 1945-1965“ zu: fundiert, sachlich, wohltuend distanziert – und dennoch mit unverkennbarer Zuneigung zum Gegenstand seines wissenschaftlichen Interesses.

Wem solches womöglich zu papieren ist, der kann sich Qualtinger selbst vor Augen und vor Ohren führen: in der Retrospektive des Filmarchivs Austria im Wiener „Metro Kino“ – oder auch zu Hause, dank der unübersehbaren Fülle von Tondokumenten, die Preiser Records, Wien, auf CD anbietet. Und allein die beiden Qualtinger-Neuzugänge bei Preiser lassen ahnen, wie schwer es ist, ihrem Interpreten mit wenigen Worten gerecht zu werden: einmal Qualtinger in dem Hörspiel „Bösendorfer“, einmal mit Erich Frieds Erinnerungen, einmal schlichtes Kolportage-Handwerk, einmal fein gesponnene, sehr persönliche Prosa – und also einmal Qualtinger, der „Sprechsteller“, mühelos aus seiner Stimme ein komplettes Ensemble generierend, einmal Qualtinger, der sich diskret den Text eines anderen aneignet, als wär’s ein ganz und gar privates Stück von ihm. Und beide Male ein Ereignis. Kein Quasi. Kein Genie. Einfach das Unbegreifliche.


Wolfgang Freitag, „Die Presse“, „Spectrum“, 27. September 2003