Brtnice: Eine Reise zu Josef Hoffmann

Ein „leckerer“ Jongleur. König Arthus und die Chinamassage. 500 Kronen für 26 Stundenkilometer. Und: Alle Wege führen zu „Pilsner Urquell“ – aber welcher führt nach Brtnice? Einmal Mähren und zurück: meine Reise zu Josef Hoffmann.


„Darf ich Ihnen ein Bussi geben?“ Die blonde Dame blickt erwartungsvoll. Sicher dürfte sie. Aber bitte nicht um halb acht in der Früh. Sie ist noch immer munter, ich bin es noch nicht wieder. Meinem Berufsbild entsprechend. Sie streift nach einer erkennbar sehr fröhlichen Nacht mit zwei Freunden, Bussis offerierend, durch die morgendliche Wiener Innenstadt, ich warte, drei Journalistenkolleginnen zur Seite, auf Kollegin Nummer vier und die Abfahrt nach Brtnice.

Brtnice? Wer kennt Brtnice? Das Internet hilft weiter: „Südöstlich von Jihlava, an den Ufern des gleichnamigen Flusses, erstreckt sich der Marktflecken Brtnice (Pirnitz).“ Jihlava: Das wird manchen als Iglau geläufig sein, eine Stadt, 50.000 Einwohner, im westlichsten Mähren, gut 200 Kilometer von Wien. Und die Homepage von Jihlava ist es auch, die eine Art Crash-Kurs durch die Attraktionen der Nachbargemeinde Brtnice bereithält. Als da wären: ein Renaissanceschloss, eine Handvoll Renaissancehäuser, zwei Barockbrücken und so fort, was halt im Land um Brünn ganz und gar ortsüblich ist an Schätzen aller Art. Sonst noch internetmäßig erwähnenswert: eine Skipiste, 350 Meter lang, trotz Skilift und künstlicher Beleuchtung doch eher nur saisonal von Interesse. Und, jahreszeitenunabhängig: das Geburtshaus Josef Hoffmanns.

„Gestatten Sie mir, Sie zur Pressekonferenz der Ausstellung ,Josef Hoffmann – Zeitloses Design‘ in Brtnice herzlich einzuladen“, hat mir Frau Eliska Nosálová, ihres Zeichens Kuratorin des Btrnicer Hoffmann-Hauses, Tage davor geschrieben. „Ein Bustransfer ist dank Herrn H. Hofer-Wittmann für die Teilnehmer an der Pressekonferenz vorgesehen.“ Und jetzt stehe ich also mit drei weiteren Hoffmann-Affizierten und einem Wittmannschen Chauffeur am vereinbarten Treffpunkt, will immer noch kein „Bussi“ und hoffe, dass die fehlende Kollegin bald eintrifft. Die Minuten kommen und gehen, die Kollegin kommt nicht, und also reisen wir ohne sie ab. Irgendwo am Donaukanal erfahren wir via Ö3, dass Sabine Petzl den Cirque-du-Soleil-Jongleur „lecker“ findet, irgendwo hinter Korneuburg, dass Elke Winkens, huch!, an der Seite eines Unbekannten gesehen ward. So viel zur österreichischen Seite der Unternehmung.


Die tschechische beginnt am Grenzübergang Kleinhaugsdorf, im Schatten dessen, was ein geschäftssinniger König-Arthus-Fan „Excalibur City“ getauft hat, eine mythologisch überzuckerte Konsumstadt im Niemandsland, in der gegen Geld fast alles, an so mystikverbrämtem Ort selbstredend auch das eine oder andere „Wunder“ zu haben ist. Wechselnd im Monatsrhythmus. Die „Wunder des Monats“ Juni: Chinamassage, € 21 statt € 23. Oder: Gelnägel, € 33. Da wird König Arthus schauen. Und auch mancher tschechische EU-Mitbürger, kann er sich um seinen durchschnittlichen Bruttomonatslohn, wenn schon nichts anderes, so doch gut und gern Gelnägel-Behandlungen im Dutzend leisten. Falls er nicht zu der halben Million Arbeitslosen im Lande zählt.


„Darf ich Ihre Papiere sehen?“ Das Deutsch des tschechischen Polizeibeamten, der uns gleich hinter Znaim an den Straßenrand winkt, nötigt Respekt ab. Wie mag’s wohl um das Tschechisch seiner österreichischen Kollegen stehen? Freundlich wird unser Chauffeur nach draußen gebeten, freundlich ein Bußgeld von 500 Tschechenkronen, knapp 16 Euro, eingefordert, was in Anbetracht von immerhin 26 Stundenkilometern über dem Limit fast ein excaliburcitywürdiges Wunder ist. Zahlbar freilich hic et nunc und – EU hin oder her – in Landeswährung. Aber kein Problem: Da gebe es einen Kilometer weiter eine Tankstelle, an der man Geld wechseln könne.

Der schlimme Verdacht, hier handle es sich um eine geschickt getarnte Eintrittsgebühr ins Land der Böhmen und Mährer, ist rasch entkräftet. Nach einem deutschen Lkw geht den blauen Herren ein Znaimer in die Radarfalle. Ob West, ob Ost, ob Wohlstandsbürger oder eben (noch) nicht, Brüder aller EU-Länder, hier seid ihr schon heute vereinigt: an einem mittelprächtigen Straßenrand der Europaroute Nummer 59.


„All ways lead to ,Pilsner Urquell‘“, verheißt ein Plakat in wogendem Gerstenfeld. Schön und gut. Aber welcher Weg führt nach Brtnice? Immer wieder vergleicht unser Chauffeur die für unsereinen so schwer zu enträtselnden Konsonanten-, Akzente- und Hácek-Ballungen, die sich ihm auf Wegweisern und Ortstafeln entgegenstemmen, mit jenen auf der Karte – und verfängt sich schließlich doch in dem Gewirr aus „vsk“ und „st“, aus „mn“ und „ndr“: Zugegeben, Dlouhá Brtnice, das klingt schon fast, als wär‘ man da; freilich nur ungefähr so, als glaubte man sich in Spital am Semmering gleich neben Spittal an der Drau. Jedenfalls: In Dlouhá Brtnice wird rechts abgebogen, wiewohl der Plan anderes empfiehlt. Vorbei am Brtnik, 680 Meter hoch, geht’s durch Brtnicka und unverdrossen weiter nach Opatov, woselbst, noch immer ist kein Hinweis auf Brtnice zu entdecken, ein Einheimischer um Rat gebeten werden muss. Aber wie? Mit Händen, Füßen, Englischbrocken? Und hätte sich in so kritischem Moment nicht eine mitreisende Kollegin als dortorts sprachkundig erwiesen, wir wären vielleicht nach Trebíc, Velké-Mezirící oder meinethalben auch nach Havlíckuv-Brod gekommen, Brtnice freilich hätten wir gewiss verfehlt.


„Es ist die mährische Landschaft: Hügel und weite Flächen, wundersam geteilt durch die Saaten, Wiesen und Wälder, sachte und manchmal auch jäh abfallend in die Täler mit den Flüssen und Bächen, einsamen Mühlen, versteckten Marktflecken und Dörfern, eine ewige Heimat für uns trotz allen Gewalten, Kümmernissen und Leiden.“ Sicher, verklärt und verklärend ist der Blick, den Josef Hoffmann in seinen spät verfassten Lebenserinnerungen auf Brtnice und Umgebung wirft. Und dennoch, selbst heute noch: Wer vermöchte sich dem Zauber zu entziehen, den dieses wundersame Gewebe aus Kultur und Landschaft im Land an der Pirnitz verströmt.

Freilich, Skepsis ist geboten, wo sich die Freude am Bewahrten mit der eigentümlichen Faszination des Zerfallenden verbündet: Das brüchige Mauerwerk, das dem flüchtigen Gast so wundervoll pittoresk zu bröckeln scheint, ist für die Einheimischen desolater Lebensraum, das so putzig holprige Kopfsteinpflaster ein Stück Rückständigkeit. Keiner von uns würde gern in einer Ruine wohnen, und wäre sie noch so schaurig schön anzusehen.


Das Hoffmann-Haus am Marktplatz hat seine ruinösen Zeiten vorerst hinter sich: frisches Gelb an der Fassade, im frischen Glanz einer jüngst abgeschlossenen Renovierung auch das Innere. 1911 hat Hoffmann, gerade Anfang 40, sein Geburtshaus als Residenz für seine Sommeraufenthalte umgestaltet. Außen beließ er so ziemlich alles beim barocken Alten, innen dagegen: neue Türen, neue Muster an den Wänden, manch neues Möbel, Wiener-Werkstätten-mäßig. Vom Inventar jener Tage ist so gut wie nichts erhalten; gerade noch zwei original Hoffmannsche Türbeschläge kann Frau Nosálová stolz ihren Gästen präsentieren. Ja, und dann hat man, berichtet die ortsansässige Hoffmann-Kuratorin, unter den Übermalungen späterer Jahre die von Hoffmann entworfene Färbelung der Zimmer freilegen, die Muster bis in die kleinste Unregelmäßigkeit nachempfinden können. Also alles streng hoffmannesk, nur halt Baujahr 2003. Wie auch die Möbel, Gläser, Stoffe, welche die Räumlichkeiten derzeit füllen: gute Gaben der österreichischen Hoffmann-Design-Spezialisten Wittmann, Lobmeyr, Backhausen.

Deren Vertreter sitzen denn auch am Pressekonferenztisch, neben ihnen der Herr Bürgermeister, planender wie ausführender Architekt der Renovierung und der gute Geist des Hauses, eben Eliska Nosálová. Und nach den üblichen wechselseitigen Gunst- und Dankesbezeugungen kommt man recht rasch aufs nicht nur dortzulande Wesentliche zu sprechen: das Geld. 14 Millionen Tschechenkronen hat das Unternehmen „Hoffmann-Haus neu“ gekostet, zwei Millionen musste die Gemeinde selbst aufbringen. Zwei Millionen Kronen, knapp 62.000 Euro: in österreichischen Kulturbudgets fast schon ein Fall für die Portokassa, für Brtnice ein Achtel der Steuereinnahmen eines ganzen Jahres. Kann schon sein, dass sich so üppige Investition in die Pflege des Erbes eines großen Sohns in einer fernen Zukunft rentieren wird, nur: Wie erkläre ich das den Bürgern einer Gemeinde, deren Gegenwart nicht einmal eine halbwegs klaglos funktionierende Kanalisation zu bieten hat?

Verständlich, dass der Brtnicer Bürgermeister, schmal, bescheiden, ruhig, in beträchtliche Fahrigkeit verfällt, kommt die Sprache auf weitere Hoffmann-Investitionen. Nebst Kleinigkeiten wie einer maroden Infrastruktur hat er schließlich allein auf seinem Gemeindegebiet 40 Kunstdenkmäler aller Art zu betreuen. Da kann von der Finanzierung einer Dauerausstellung im Hoffmann-Haus keine Rede sein.

Und so werden manche doch noch vorrätige Schätze vorerst nicht öffentlich zugänglich sein. Etwa eine – dringend restaurierungsbedürftige – Hoffmannsche Sammlung volkstümlicher Textilien, deren Inspirationsspuren man bis ins Brüsseler Palais Stoclet verfolgen kann. Anfang der Neunziger wurde sie entdeckt, auf einem Dachboden des Brtnicer Schlosses, im Zuge der Vorarbeiten zu einer ersten kleinen Ausstellung im Hoffmann-Haus, initiiert vom Wiener Museum für angewandte Kunst, die auch den Brtnicern selbst erst wieder in Erinnerung bringen musste, wer denn da in der vormaligen Postmeisterei am Namesti Svobody 263 aufgewachsen war.

„Die berühmtesten österreichischen Architekten sind ja in Mähren geboren“, meint Petr Pelcák, verantwortlich für die architektonische Instandsetzung des Hoffmann-Hauses; nebst Hoffmann beispielsweise ein gewisser Adolf Loos. Nur wissen nicht einmal mehr die Mährer selbst in jedem Fall davon.


Elf Grad oder zwölf Grad? Das ist die Frage, wenn man in tschechischen Wirtshäusern schlicht „Ein Bier“ bestellt. Womit naturgemäß nicht Temperatur, sondern Stammwürze gemeint ist. Der Herr Bürgermeister lädt zum Mittagsimbiss ins Gasthaus vis-à-vis. Gulaschsuppe, kalte Platte und eine der landesüblichen kleinen Köstlichkeiten aus Germteig, Mohn und Powidl. Schließlich: Danksagung, Verabschiedung. Na shledanou! Eine gute Stunde später erst, knapp vor der Grenze, wird uns die Heimat wieder einholen, wird ein gut gekleideter Herr aus Salzburg Umgebung sein Auto vor dem unseren am Straßenrand parken, wird sich das dort im Feldrain harrende junge Ding auf ihren hochhackigen Schuhen dem Beifahrerfenster zubewegen, und die Kollegin im Fonds unseres Wagens wird fragen: „Ist das das, wofür ich es halte?“ Ja, genau das ist es. East meets west anno 2004 oder: Wer zahlt, schafft an. Die unvermeidliche Realität im erweiterten Haus Europa? Nur eine der Realitäten.


Wolfgang Freitag, „Die Presse“, „Spectrum“, 19. Juni 2004

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