Thomas Gratt: Nicht einmal Pfadfinder

30 Jahre nach der Palmers-Entführung, ein Jahr nach seinem Selbstmord: Wer war Thomas Gratt? Aus einem unveröffentlichten Gespräch mit dem Palmers-Entführer.


Am 16. November 1979 wird Thomas Gratt, Student der Theaterwissenschaft, wegen seiner Mitwirkung an der Palmers-Entführung zu 14 Jahren, elf Monaten und 15 Tagen Haft verurteilt. Am 9. Oktober 2002 sitzt er mir im Wiener Café Museum gegenüber: Knapp 25 Jahre sind seit der Palmers-Entführung vergangen, unser Treffen dient der Vorbereitung eines entsprechenden Beitrags für das „Spectrum“ (erschienen genau einen Monat später). Bis auf wenige Wendungen bleibt das Gespräch damals unveröffentlicht.

Am 29. März 2006 nimmt sich Thomas Gratt das Leben – kurz vor einem mit ihm angesetzten Interviewtermin für die Dokumentation „Keine Insel – Die Palmers-Entführung 1977“. „Er sagte noch vor seinem Tod, ohne Kinder, ohne die nächste Generation, ohne zu sehen, was werden wird, hat alles keinen Sinn, da wird Revolution obsolet, weil, für wen dann das Leben riskieren“, erinnert sich später Regisseur Alexander Binder. Schon vier Jahre davor, bei unserer Begegnung, schien Gratt die Gegenwart „entsetzlich“, „tot“, „perspektivenlos“: ein Gespräch als Protokoll einer zerstörenden Ernüchterung.

Thomas Gratt, was hat Sie in die politische Richtung gedrängt, in der Sie dann an der Universität Wien aktiv waren?

Meinen Sie, wie ich zum bewaffneten Kampf gekommen bin?

Nein, es geht mir zunächst um die Vorgeschichte.

Die Entwicklung beginnt viel früher. Die kommt aus meiner zwar konservativen, aber auch liberalen Familie, etwas, was es in Österreich sonst kaum gibt. Dazu Vorarlberg, das ist einfach von seiner geografischen Lage her ein vollkommen anderes Klima. In Vorarlberg hatte ich immer schon deutsche Fernsehsender, Schweizer Fernsehsender, österreichische; was man in Wien frühestens mit Kabel kennengelernt hat, hab ich in Vorarlberg als Kleinkind schon gehabt. Dasselbe gilt für das Radio.

Die entscheidenden Weichenstellungen für meine Politisierung liegen bei 1968. Nicht nur bei der Studentenbewegung. Ich kann mich noch erinnern, 68 im Sommer, wir waren in der Schweiz auf Urlaub, Einmarsch der Truppen des Warschauer Pakts in die Tschechoslowakei, und das war für mich der Moment, wo ich das erste Mal angefangen hab, bewusst selber politische Nachrichten im Radio zu suchen, eine eigene Linie zu suchen. Klassische, in einer stalinistischen Tradition stehende kommunistische Bewegungen sind aus diesem Grund nie für mich in Frage gekommen.

Ein ganz wesentlicher Faktor in meiner Sozialisierung waren auch die „Musicbox“ und ähnliche Sendungen auf anderen Sendern. Dann Zufälle. Ich kann mich noch erinnern, ich gehe in ein Buchgeschäft, hab vermutlich den Namen Breton nur aus der „Musicbox“ gekannt, zieh ein Buch von Breton heraus und lese dieses Buch mit einer wachsenden Begeisterung. So kam es, dass sich das Ganze immer mehr in Richtung . . . nennen wir es einmal revolutionärer Diskurs entwickelt hat.

Gab es rund um Sie in dieser Jugendzeit auch andere, die dasselbe gemacht haben?

Ja. Aber nicht organisiert, das war ein Freundeskreis. In Vorarlberg gibt es überhaupt keine Tradition von irgendeiner linken oder gar revolutionären Organisation. Ein weiterer wesentlicher Faktor für meine Politisierung war mein Lateinprofessor an der Mittelschule, das war ein damaliger FPÖ-Landtagsabgeordneter, ehemals SS-Obersturmbannführer. Mein Klassenvorstand wiederum war BDM-Führerin gewesen, und da gab’s dann so Sachen, dass es in ihrem Geografieunterricht nicht erlaubt war, „Rocky Mountains“ zu sagen, wo es doch auch das schöne deutsche Wort „Felsengebirge“ gibt.

Wie links war die Wiener Theaterwissenschaft Mitte der Siebzigerjahre?

Überall dort, wo die Linken stark waren, war es immer nur eine kleine Gruppe, die wirklich links war, aber das waren halt die Aktiven. Das Institut hat damals vielleicht 240 inskribierte Studenten gehabt, von denen aber nur 80 wirklich studiert haben. Und von diesen 80, wenn da zehn Prozent aktiv sind und 50 Prozent ohnehin nur brave Studenten, dann haben diese zehn Prozent das Institut sofort in der Hand.

Wie kam es zu dem Schritt in Richtung Gewaltbereitschaft?

Dazu muss ich gleich eines sagen: Aus meinem damaligen und auch heutigen Verständnis ist die Gewalt, die eine Guerilla anzuwenden bereit war, im Prinzip eine symbolische Gewalt. Auch wenn es dann schon sehr schwierig wird, wenn man wirklich Personen angreift und tötet, aber trotz allem, es ist symbolische Gewalt. Diese Aktion war immer nur im Rahmen einer symbolischen Ordnung definiert, das war eine symbolische Aktion.

Lassen wir die Diskussion der Terminologie, Guerilla oder Terroristen, symbolische oder doch handfeste Gewalt, beiseite. Es geht mir um eine einfache Frage: Wie kommt es dazu, dass man die Anwendung von Waffengewalt als adäquates Mittel politischer Auseinandersetzung akzeptiert?

Ich hab, bis auf eine Ausnahme, nie irgendwen geschlagen. Nicht einmal als Kind. Der Punkt, an dem ich beschreiben kann, warum ich dazu bereit war, mich der Guerilla anzuschließen: 1976 ist Ulrike Meinhof ermordet worden. Und ich betone, für mich ist das nach wie vor so, das sind Morde gewesen. Auch Stammheim. Es hat das Russell-Tribunal zur politischen Situation in Deutschland gegeben. Wir haben uns in der Vorbereitung dazu engagiert und haben miterlebt, wie im Zuge der Vorbereitung zu diesem Russell-Tribunal die Linke in Deutschland sich von den Gefangenen der RAF total entsolidarisiert hat. Der Staat hat vorgegeben: Wer sich mit denen solidarisiert, wird selbst kriminalisiert, und der größte Teil der Linken hat sich diesem Diktat gebeugt.

Dann kommt im Frühjahr 1977 die Eskalation, im Mai Briefe aus Stammheim, Gefangene schreiben, wenn jetzt nicht bald etwas Signifikantes passiert, sind auch wir tot. Da war für mich die Entscheidung klar: Dann ist das Prinzip Solidarität mit denen für mich relevanter als das Tabu der Gewalt.

Welche Rollen haben im Zusammenhang mit der Palmers-Entführung die Deutschen gespielt? Sind Sie von den Frauen der „Bewegung 2. Juni“, von Viett, Rollnik, Plambeck sozusagen verführt worden?

Verführung war nicht notwendig, eigentlich gar nicht möglich. Es war ein Angebot.

Aber das Angebot kam aus Deutschland?

Das Angebot kam von denen, die bereits im bewaffneten Kampf waren. Das waren Deutsche. Aber für uns hat schon damals gegolten: Diese Nationalstaaterei ist Humbug.

Nach Ihrer Verhaftung wurde auch die Meinung vertreten, Sie seien von den Deutschen als billiges Werkzeug missbraucht worden, als Indiz wurde oft Ihr Kontakttelefonat mit der Familie Palmers gewertet, das aufgrund Ihres Vorarlberger Akzents den Verdacht recht rasch auf Sie lenken musste.

Zunächst: Es sind zwar drei verhaftet worden, in Wirklichkeit war aber nur ich beteiligt, der Othmar Keplinger und der Reinhard Pitsch haben überhaupt nicht gewusst, was wir vorbereiten. Dass der Othmar mit mir verhaftet worden ist, war Folge von unser beider Tollpatschigkeit, wir waren ja nicht einmal Pfadfinder.

Dass ich dieses Telefonat geführt hab, da muss man zwei Sachen dazu sagen: Erstens, die anderen Leute, die an dieser Entführung beteiligt waren, haben ja nicht geahnt, dass man mich hier als Vorarlberger sofort identifiziert. Wir wollten unter allen Umständen verhindern, dass deutsche BKA-Beamte eingeschaltet werden. Die Aktion wurde ja deswegen in Österreich gemacht, um es logistisch einfacher zu haben. Insofern war es klar, den Anruf kann niemand tätigen, der deutsches Deutsch spricht, und da war ich der Einzige. Und ich wiederum hab gemeint, wenn ich Schriftdeutsch spreche, dann hört man das nicht so. Meine eigene kriminelle Energie ist ja gleich null, auch meine kriminelle Fantasie, insofern konnte ich bei dieser ganzen Aktion nur banalster Hilfsarbeiter sein.

Waren Sie sich bewusst, wie lange Sie mit der Punze Palmers-Entführung durch die Welt gehen würden?

Für mich war das damals eine endgültige Entscheidung, so weit man Anfang 20 endgültige Entscheidungen treffen kann. Aber es war eine Entscheidung, mit der ich niemals Schwierigkeiten gehabt hab und mit der ich bis heute keine Schwierigkeiten hab. Inzwischen leb ich seit zwölf, 13 Jahren wieder ganz normal, das hätte ich nie erwartet.

Was haben Sie erwartet?

Ich wusste aus Gesprächen mit Leuten, die im Untergrund sind, dass es die Möglichkeit gibt, sich aus der Guerilla wieder zu verabschieden, nur: Dann bleibt man halt nicht hier in Europa, sondern geht irgendwo anders hin. Daneben, was immer als Perspektive in Betracht zu ziehen war, das war viel längerer Knast bis hin zu lebenslänglich. Und was auch nicht ganz auszuschließen war: getötet zu werden. Ich hab eher in diesen zwei Perspektiven gedacht. Eben weil ich gewusst hab, ich bin kein Rambo, ich war mir ziemlich sicher, früher oder später verhaftet zu werden. Oder, wenn’s wirklich gut geht, mach ich eine gewisse Zeit hier Arbeit in der Illegalität und werde dann irgendwie politischer Mitarbeiter in einer revolutionären Bewegung. Wenn ich eine positive Perspektive gehabt hab, dann war es ungefähr die.

Und wie geht es Ihnen heute in diesem Ihrem so unerwartet anderen Leben?

Schlecht. Dass es so tot im Sinne von perspektivenlos, anspruchslos werden könnte, wie es heute ist, und dass so widerstandslos soziale Errungenschaften, für die wirklich noch unsere direkten Angehörigen, nicht nur fremd uralte Generationen, mit großem Einsatz gekämpft haben, von unserer Generation verspielt werden mit der Freude eines Casino-Gehers . . . Da passt wirklich nur das Wort entsetzlich. Und es ist traurig, dass es nicht mehr Leute gibt, die entsetzt sind.


Wolfgang Freitag, „Die Presse“, „Spectrum“, 15. September 2007