La Paloma oder: Friedhof, Hochzeit und Spelunke

Benjamino Gigli hat es gesungen und Elvis Presley, auch Richard Tauber – und Hans Albers sowieso: Sebastián Iradiers Lied von der Taube, das erst in deutscher Sprache zum Seefahrer-Hymnus wurde. „La Paloma“: zur Anatomie eines Welterfolgs.


„Für so’n Würstchen, oh nein, / lohnt sich nicht Zorn und Ärger“, singt sie, die Taube, in der Musical-Version des Kinderbuch-Longsellers „Vom kleinen Maulwurf, der wissen wollte, wer ihm auf den Kopf gemacht hat“, ein Titel, der ahnen lässt, von welcher Art „Würstchen“ hier die Taube singt. Und weil es eine Taube ist und weil das ganze Maulwurf-Musical auf blitzwitzige Art gängiges Schlagergut wiederverwertet, kann die Melodie, auf die dieser Text gesungen wird, gar nichts anderes, es muss die Melodie von „La Paloma“ sein. Denn „La Paloma“, spanisch, heißt nichts weiter als „Die Taube“.

Nur dass dieser Evergreen ein „Traditional“, also ein Volkslied sei, wie das zur Maulwurf-CD gehörige Booklet behauptet, das mögen vielleicht viele glauben, bis hinein in Musikverlage und Schlagerlexika, aber es stimmt nicht: „La Paloma“ ist ein Werk des spanischen Komponisten Sebastián Iradier (1809 bis 1865). Womit wir schon wieder das Ende des gesicherten Faktenterrains erreicht hätten: Weder ist mit Gewissheit zu belegen, wann genau Iradier das Lied von der Taube komponiert hat noch wo oder für wen. Sicher ist hingegen, dass „La Paloma“ heute zu den weitestverbreiteten Liedern der Welt zählt. Sigrid Faltin und Andreas Schäfler behaupten gar, kein anderes Musikstück sei „weltweit so oft gesungen, gespielt, interpretiert, arrangiert, gedruckt und aufgenommen“ worden. Nun ja, da wüsste man gern: Wie mag das wohl gemessen worden sein? Andererseits: Wie wollte man die verwegene These widerlegen?

Sei’s drum: Faltin und Schäfler können immerhin auf lapalomatisches Expertentum verweisen, Schäfler als (ehemaliger) Musikjournalist, Faltin als Dokumentarfilmerin, die sich mit ihrem jüngsten Werk ganz dem Taubenlied und seiner Geschichte verschrieben hat: „La Paloma – Sehnsucht. Weltweit.“ heißt der Streifen, der dieser Tage erste Previews in deutschen Städten erlebt, Ende Juni in die Kinos kommen soll.

Bis dahin und darüber hinaus können wir uns an einem dazu passenden Buch erfreuen, verantwortet von Faltin und Schäfler, „La Paloma. Das Lied“; zusätzlich gibt’s, gleichfalls bei Marebuch, Hamburg, eine vier CDs umfassende „La-Paloma“-Sammlung. Und wem das noch nicht genügt, der findet bei Trikont, München, zwei weitere CDs mit der polyglottesten Taube aller Zeiten.

Und so viel lässt sich gefahrlos behaupten: In den rund 150 Jahren ihres bisherigen Lebens hat sie sich als erstaunlich anpassungsfähiger Vogel erwiesen. Begonnen hat sie ihre ungewöhnliche Karriere als schmachtendes Liebeslied: „Ach Kleine, ach gib mir deine Liebe, ach komm mit mir, meine Kleine, dorthin, wo ich lebe“, heißt es da, im spanischen Original mit viel „¡Ay!“-Emphase gewürzt – und keine Spur von Seemannslos und -leid, wie es uns später, in den eingedeutschten Versionen, um die Ohren geschmalzt wird.

Iradier selber nennt „La Paloma“ eine „canción americana“, dem Rhythmus nach handelt es sich um eine Habanera, einen langsamen Tanz kubanischen Ursprungs, der im 19. Jahrhundert Europa erreicht und dort alsbald als Inbegriff des Verruchten gehandelt wird. Freilich, nicht „La Paloma“ ist es, die zu Lebzeiten Iradiers und auch noch einige Zeit danach sein meistgespieltes Stück wird, sondern eine andere Habanera, „El Arreglito“. Und die ist es auch, die einen Komponistenkollegen Iradiers zu einem weiteren Allzeithit – wie soll man sagen? – „inspiriert“. Ein gewisser Georges Bizet bedient sich unüberhörbar bei „El Arreglito“, als er seiner Carmen eine Auftrittshabanera auf den Primadonnenleib schreibt.

„La Paloma“ dagegen nimmt auf ihrem Weg zum Weltruhm einen Umweg über Mexiko. Dort herrscht seit 1864 Franz Josephs Bruder Maximilian als Habsburger-Kaiser von Frankreichs Gnaden und gegen den erklärten Willen der Bevölkerung. Was bei sensibleren Charakteren genügen mag, um in Trübsinn zu verfallen. Maximilian jedenfalls, nicht allzu vieler mexikanischer Freuden gewärtig, verfällt in lebhafte Begeisterung für ein sentimentales Lied, das eine jugendliche Sängerin am Hofe vorträgt. Es handelt sich, wir ahnen es, um Iradiers „La Paloma“, das sich wenig später auch auf Seiten der Republikaner großer Beliebtheit erfreut: als „La Paloma Liberal“ nämlich, ein Spottlied auf die verhasste, aufgezwungene Monarchie. Was eine ganz eigene „La-Paloma“-Tradition in Mexiko begründet: die des politischen Liedes, das sich mit unterschiedlichsten Inhalten füllen lässt, vom Kampf gegen den Kurzzeitkaiser über den Protest gegen das Inkrafttreten des nordamerikanischen Freihandelsabkommens Nafta 1994 bis zu den Präsidentschaftswahlen des Jahrs 2006.

All diesen eigentümlichen Volten sind Sigrid Faltin und Andreas Schäfler nachgegangen. Und noch etlichen mehr: wie „La Paloma“ in Tschechien zum Friedhofslied avancierte und das Afghanistan der frühen 1970er-Jahre eroberte; wie es sich 1961 in den Elvis-Film „Blue Hawaii“ verirrte; oder wieso eine Hochzeitsfeier auf Sansibar üblicherweise mit „La Paloma“ ausklingt.

Jelly Roll Morton und Charlie Parker, Richard Tauber und Benjamino Gigli, Caterina Valente und Carla Bley: Das sind nur die geläufigeren unter jenen vielen Namen, die mehr oder weniger eng mit Iradiers Taubenlied verbunden sind. Mit dem Promi-Faktor allein ist es allerdings für Faltin und Schäfler nicht getan. Sie suchen auch dort, wo man nicht schon von vornherein vermuten würde, hier sei voraussichtlich etwas zu finden.

Etwa in der Lebensgeschichte des Coco Schumann: 1943 wird der gebürtige Berliner, Jahrgang 1924, deportiert, erst nach Theresienstadt, dann nach Auschwitz-Birkenau. Dort spielt er mit einer ganzen Band von Leidensgenossen, die sich „Ghettoswingers“ nennt, für die SS auf. Wenn Neuankömmlinge tätowiert werden müssen. Oder wenn andere KZ-Häftlinge ins Gas gehen. „Die SS bestellte sich immer ,La Paloma’„, erinnert sich Coco Schumann. Der Lohn: die vage Chance zu überleben. Zur selben Zeit dreht Helmut Käutner im zerbombten Hamburg einen Film: „Große Freiheit Nr. 7“, Hans Albers als gescheiterter Matrose Hannes Kröger, der „La Paloma“ singt – in einer Fassung die auf einen Heinrich Rupp und auf das Jahr 1880 zurückgeht. „Auf Matrose, ohe! / In die wogende See!“ – das hat mit Iradiers Text so gut wie nichts zu tun, aber es setzt sich in deutschsprachigen Landen bleibend fest. Übrigens: Käutners Film wird als „wehrkraftzersetzend“ eingestuft und darf erst nach Kriegsende in Deutschland gezeigt werden.

„La Paloma“, immer wieder. In Hamburg, Kabul, Mexiko, auf Friedhöfen, Opernbühnen und in Hafenspelunken, bei Staatsakten und im KZ. Ein Lied, in dem sich die vergangenen 150 Jahre spiegeln, als hätte es kein anderes gegeben. Sigrid Faltin und Andreas Schäfler erzählen, wie es dazu kam. Und das Warum – das wird nie einer ergründen.


Wolfgang Freitag, „Die Presse“, „Spectrum“, 26. April 2008