Bergbaumuseum Grünbach: Frau Franzi erbt

140 Jahre Steinkohlenbergbau, zusammengedrängt in drei Zimmern. Grünbach am Schneeberg: über eine Boomtown, die sich selbst verlor, und ein Bergbaumuseum, das sich nicht verloren gibt.


„In meiner Kindheit“, erzählt Marika Reichhold, „da war das ein grauer Haufen.“ Damals, Ende der Fünfziger-, Anfang der Sechzigerjahre. Und heute stehen wir an selber Stelle mitten im Wald, unter uns ein störrischer Teppich aus Föhrennadeln, über uns das dazu passende in sich verhakte Geäst. „Ein Bergwerk verändert die Landschaft“, weiß Frau Reichhold. „Auf einmal sind dort Hügel, wo zuerst keine waren, und Löcher, wo davor alles geschlossen war.“ Und sie erinnert sich an die „Kohlenweiber“, die einst hier, auf den Halden, nach Kohlestücken gesucht haben, heizbaren Resten im Abraum. Dann bückt sie sich plötzlich selbst und hält im nächsten Augenblick einen unscheinbaren schwarzen Klumpen in Händen: „Da, bitte, original Grünbacher Steinkohle.“

Die Halden rundum sind längst überwuchert, die Löcher wieder verschlossen. Eine Handvoll Gebäude nebst ein paar willkürlich über die Gemeinde verstreuten Hunten sind die letzten Reste einer 140-jährigen Bergwerkstätigkeit unter der Hohen Wand. Nicht zu vergessen das kleine Bergbaumuseum, das Frau Reichholds Vater in den Sechzigern zusammengetragen hat. Damals, als das Bergwerk geschlossen wurde. Damals, als alles, was nicht zur Wiederverwertung taugte, in Hunderte Meter tiefen Schächten verschwand. Als ein Ort mit einem Schlag sich selbst verlor.


Man schreibt das Jahr 1825. Grünbach ist ein Bauerndorf mit nicht einmal 30 Häusern und keinen 300 Einwohnern. Einer von ihnen, so die – halbwegs glaubwürdige – Überlieferung, der Kogelbauer, entdeckt beim Ackern merkwürdig schwarze Steine, die wiederum von einem zufällig in der Nähe befindlichen „weitgereisten Schustergesellen“ als Kohle rekognosziert werden. Was ihn zu dieser geologischen Expertise befähigt haben mag, bleibt im Dunkeln. Sei es wie immer: Er hat recht. Keine 100 Jahre später ragt unterhalb des Kogelbauer-Hofs der riesige Turm des „Segen-Gottes“-Schachts in den Himmel, und allein in Grünbach zählt man knapp zehnmal so viele Einwohner – von den Zuzüglern in den Umlandgemeinden gar nicht zu reden. Aus dem verschlafenen Kalkalpennest ist eine prosperierende Bergwerks-Boomtown geworden.

Schließlich: Kohle ist der Stoff, der die Industrialisierung antreibt. Zumal Steinkohle, wie sie hier gefunden wird. Man nennt sie „magere Flammkohle“, ihr Alter ist mit rund 80 Millionen Jahren für Steinkohle nachgerade jugendlich, ihr Heizwert aus Steinkohlenperspektive vergleichsweise gering – und im Übrigen liegt sie auch nicht hübsch und bequem abbaubar waagrecht im Gebirg, sondern in Flözen, die eine vielfach durch andere Schichten gebrochene Mulde unter Grünbach formen, was die Bergwerker schon früh nötigt, sich senkrecht in den Untergrund zu wühlen. Aber: Grünbach ist das einzige nennenswerte Steinkohlenrevier in ganz Österreich – und solange die Nachfrage groß ist, die Preise hoch sind und die Kumpel sich mit niedrigen Löhnen und zweifelhaften Arbeitsbedingungen zufriedengeben (oder zufriedengeben müssen), wirft die Sache ordentlich Gewinn ab.

Nacheinander werden Förderschächte nach unten getrieben, um die sich wiederum neue Ortszentren etablieren: erst der Richard-Schacht im Westen, dann der Segen-Gottes-Schacht im Norden, schließlich in den Zwanzigerjahren, zwischen beiden, der Neuschacht. Das alte Dorf ist längst nur mehr einer von mehreren Gemeindepunkten, an denen Siedlung kristallisiert, und bei Weitem nicht der wichtigste. „Alte Kolonie“, „Neue Kolonie“, „Neubau“, „Am Segen Gottes“: So heißen jetzt die Orte, an denen das Leben zu Hause ist, in Baracken mit Gemeinschaftstoilette über den Hof und in „Ledigenheimen“ für alleinstehende Burschen, aber auch in den großzügigen Häusern, die den oberen Bergmannchargen, den Steigern, bereitgestellt werden. Etliches davon hat sich bis heute erhalten, das meiste vielfach überformt, manches dem Verfall preisgegeben; und was heute disparat und regellos über das Land gestreut scheint, als habe da irgendwer zufällig Häuser über Wiesen und Äcker geworfen, folgte einst einer zwingenden Logik, die Bergbau hieß.


„Ein großer Teil der Bergleute ist von weit her zugewandert. Besonders beim Fluchen, und geflucht wurde viel, hörte man Tschechisch, Ungarisch, Kroatisch, ja sogar Italienisch. ,Porco Madonna!‘ habe ich immer noch im Ohr“, berichtet Karl Kalisch, Jahrgang 1931, in seinen „Erinnerungen“ an seine Kindheit und Jugend in Grünbach am Schneeberg. Und es ist nicht nur dieses Völkergemisch, das die dörfliche Gemeinschaft prägt, sondern vor allem auch der Ortsteil, in dem man zu Hause ist. Die sozialen Pole: hie die „Dörflinger“, da die „Neuschachtler“. Im Dorf, da waren die Besseren zu Hause, am Neuschacht dagegen, da wurden die Slums von Grünbach vermutet.

Die „Neuschachtlerin“ Marika Reichhold weiß Bescheid: 1964 hat ihr Vater, vordem selbst Lokomotivführer im Bergwerk, am Neuschacht ein kleines Gasthaus erworben: „Die vom Dorf, die haben sich meistens gar nicht heraufgetraut.“ Die Lage, einen Steinwurf vom Werksgelände entfernt, verspricht jedoch sichere Einnahmen: „Bevor die Bergleute in die Schicht gegangen sind, haben sie sich befeuchten müssen, weil sie dann in der Finsternis waren; und nachher haben sie es begießen müssen, dass sie heil wieder zurückgekommen sind.“ Doch schon ein Jahr später ist es vorbei mit der Begießerei: Das Bergwerk wird wegen mangelnder Rentabilität geschlossen. Mehr als tausend Meter hat man sich in die Tiefe gegraben, gut zwei Stunden benötigen manche Kumpel unter Tag, um vom Schacht zu ihrem eigentlichen Schürfort zu gelangen. Da braucht es keine – allenthalben in jenen Tagen beschworene – „Kohlenkrise“, um die Sache ökonomisch fragwürdig erscheinen zu lassen. Unter solchen Bedingungen wäre es vielleicht lohnend, Diamanten zu fördern, aber nicht schlichtes Brennmaterial, dessen Tage als „schwarzes Gold“ Mitte der Sechziger auch schon länger zurückliegen.

„Noch bei der letzten Barbara-Feier, 1964“, weiß Frau Reichhold, „war die Rede von Bestandsgarantie, dass das Werk weitergeführt wird; es ist auch noch fest Geld hineingesteckt worden, man hat noch Maschinen gekauft – und dann haben sie es doch zugesperrt.“ Die Arbeiterschaft stiebt in alle Richtungen auseinander, viele nach Traiskirchen, zu Semperit, andere nach Biedermannsdorf, in die Eternitwerke. Und mancher wird in ein paar Jahren in der Grünbacher Nachbargemeinde Höflein Arbeit finden, bei einem Brillenhersteller namens „Optico“. Über den wird später zu berichten sein.


„Eine Schicht hat acht Stunden gedauert: die erste von sechs Uhr früh bis zwei Uhr nachmittags, die zweite von zwei bis zehn, die dritte von zehn bis sechs“, erzählt Hans Kreiner. Der heute 86-Jährige, mittlerweile auch Verfasser einer Geschichte des Grünbacher Bergwerks, stammt aus einer „Uralt-Bergmannsfamilie“: „Mein Großvater ist in den Schacht gestürzt und tödlich verunglückt. Mein Vater ist mit 16 Jahren ins Bergwerk gekommen und mit 61 Jahren an Silikose“ – einer typischen Bergmannskrankheit der Lunge – „gestorben. Ich selber hab das Glück gehabt, dass ich ins Gymnasium gehen durfte, in Wiener Neustadt. Aber in den Ferien war es nicht so wie heute, dass man umadumfliegt in der Welt, da haben wir arbeiten müssen. In dieser Zeit hab ich’s vom Säuberer bis zum Förderer gebracht, das waren die niederen Chargen sozusagen. Da hab ich kennengelernt, was die Leute da unten geleistet haben.“ Jetzt sitzt er Seite an Seite mit seinem um zwei Jahre älteren „Urfreund“ Johann Teix. Und sie erinnern sich: an Direktor Ott, der sich gern Gott nannte, an die Ratten in den Stollen, an Waschrituale und Hierarchien, an die großen Streiks der Zwischenkriegszeit – und an das Ende. „Es sind noch genug Kohlen unten“, weiß Johann Teix. Und Hans Kreiner meint gar, „in 100 oder 200 Jahren“ werde „dieses edle Gestein“ vielleicht doch noch „durch irgendeine Technologie nutzbar werden“. Aber wirklich überzeugt klingt das nicht.


Am 1. Oktober 1965 beginnt die Liquidation der Steinkohlenbergbau Grünbach Ges. m. b. H. Am 2. Oktober 1965 kommt ein letztes Mal ein Kumpel zu Tode: Der Schachthauer Ernst Jägersberger, seit dreieinhalb Jahrzehnten im Grünbacher Bergwerk beschäftigt und unmittelbar vor der Pensionierung stehend, wird bei Abbrucharbeiten im Förderkorb eingeklemmt und zerquetscht. Eine Skizze des Unfalls findet sich im Stiegenaufgang, der das Erdgeschoß des Grünbacher Bergbaumuseums mit dem ersten Stock verbindet. Eines von mehr als 1000 Exponaten, die Marika Reichholds Vater, Theodor Krumböck, vor der Entsorgung bewahrt hat.

„Mein Vater war ein Sammler“, erinnert sich Marika Reichhold. „Er hatte zum Beispiel immer ein Faible für Fossilien, zum Teil hat er sie selbst im Bergwerk gefunden, dann haben ihm wieder andere Bergleute Stücke gebracht, die sie selbst entdeckt hatten. Und wie sie dann das Bergwerk zugesperrt haben, hat er genommen, was er nur kriegen konnte.“ Was ihm nicht immer leicht gemacht wurde: Selbst der sonst in seinen Wertungen sehr vorsichtige Hans Kreiner weiß in seiner Bergwerksgeschichte zu berichten, man habe Krumböck „von verschiedenen Seiten aus Unverstand Schwierigkeiten gemacht“. Marika Reichhold nennt die „verschiedenen Seiten“: zum einen die Firma, die die Liquidation betrieb und manches schöne Stück lieber irgendeinem Altwarentandler überantwortete oder in den aufgelassenen Schächten verschwinden ließ, als es Krumböck zu überlassen; zum anderen die Gemeinde, die sich selbst mit dem Gedanken trug, ein Museum zu errichten. Das einzige Ergebnis der magistratischen Mühewaltung ist heute unten im Dorf unweit der Kirche zu bestaunen: ein als „Schaustollen“ deklariertes Gewölbe, das so viel mit einem echten Stollen zu tun hat wie ein Mariazeller Andenkenstandel mit der Himmelfahrt. Kein Wunder, dass der steinerne Kolossal-Bergmann davor so viel Tand trotzig den Rücken kehrt.

Was Theodor Krumböck gegen alle Widerstände retten kann, das montiert er an die Wände seiner Gaststube: Helme und Signalgeräte, Bohrer und Schaufeln, Kopflampen und Atemschutzgerät, allesamt sorgsam beschriftet. Anderes stellt er davor aus: die Lokomotive etwa, mit der er selbst durch die Stollen fuhr. 1987 stirbt er, 2007 seine Frau. Da ist das Wirtshaus längst kein Wirtshaus mehr, und die Tochter, auch schon seit Längerem aus dem Haus, sieht sich plötzlich mit einer Verlassenschaft der ungewöhnlichen Art konfrontiert: Wer sonst hat schon je ein ganzes Museum geerbt? Verkaufen, verschrotten? Oder weiterführen? Aber wie?
Marika Reichhold, gelernte Kunsttherapeutin und Theaterpädagogin mit Wohnsitz Maria Enzersdorf bei Wien, geht in sich – und findet in Regisseur Christian Suchy unerwartet einen Mitstreiter: Gemeinsam erarbeiten sie das Konzept „Auf & Führung“, das den Museumsbesuch in einen theatralischen Akt verwandelt. Kunstfiguren sind es, die Museumsgäste durch die Bestände geleiten und dabei seriöse Vermittlungsarbeit mit Unterhaltung verbinden. Dass Frau Reichhold dabei in die Rolle einer – selbstredend bergbaukundigen – Putzfrau namens Franzi schlüpft, enthält mehr Wahrheit, als ihr vielleicht lieb sein mag: Verlangt das Anforderungsprofil einer Museumsdirektorin unter solchen budgetären Bedingungen doch nicht zuletzt solide Kenntnisse im Abstauben, Bodenaufwaschen und Kloputzen. Marika Reichhold: „Natürlich könnte ich meine Zeit auch anders verbringen. Aber ich fühle mich ganz allgemein verpflichtet, dass solche Sachen erhalten bleiben; zweitens ist das eine Hommage an meine Eltern; und drittens taugt es mir.“ Nachsatz: „Es gibt allerdings auch für mich eine Grenze. Wenn ich nur mehr Hindernisse hab . . .“


Bürgermeister Franz Holzgethan hat’s nicht leicht. Ja, das alte Schachtgebäude am „Segen Gottes“, bis vor Kurzem als Bauhof der Gemeinde Grünbach genutzt, seit Anfang 2008 unter Denkmalschutz, ja, das soll saniert werden. Aber: „Wir haben kein Geld.“ Und sicher wäre es schön, wenn man einen Nachfolger für die Firma Weiss-Technik fände, die in den wenigen verbliebenen Bergwerksgebäuden jahrelang produzierte und nebstbei der ohnehin nicht mit Einkünften gesegneten Gemeinde ebenso jahrelang ein ordentliches Steuer-Zubrot verschaffte – aber der gegenwärtige Eigentümer der Liegenschaft scheint von seinem Wohnsitz in Saudi-Arabien aus den Grundstückswert zu überschätzen. „Wer zahlt heutzutage schon eine Million Euro für einen Industriegrund in Grünbach?“

Tatsächlich: Seit dem Ende der Bergwerkerei liegt der Geruch von Pech und – mitunter gar staatstragenden – Pleiten über der Region. Ein Sessellift auf die Hohe Wand, mit dem man den Tourismus fördern will, gerät zum ökonomischen Debakel und wird wieder abgebaut. Der erste Nachnutzer der Bergwerksgebäude am Neuschacht wiederum ist ausgerechnet jene Österreichische Klimatechnik eines gewissen Erwin Tautner, die mit ihrem Bankrott Anfang der Achtziger fast die ganze Länderbank in den Abgrund reißt. Die Hohe-Wand-Steinkohle Bergbauges. m. b. H. in der Nachbargemeinde Höflein andererseits – 1957 eröffnet, schon zehn Jahre später wieder geschlossen, ohne jemals rentabel gewesen zu sein – gehört dem Imperium jenes Viktor Müllner an, der alsbald einer heimischen Korruptionsaffäre von historischer Dimension den Namen gibt; Nachnutzer hier ist ausgerechnet Udo Proksch, der mit seiner Firma „Optico“ zunächst Brillen produziert, später, in den Siebzigern, die Maschinenreste des Höfleiner Bergwerks als Teile einer vermeintlichen Uranerzaufbereitungsanlage samt „Lucona“ und sechs Seeleuten im Indischen Ozean versenkt.

Grünbach und Umgebung: ein reales Schreckenskabinett heimischer Skandale. Womöglich doch etwas, was sich vermarkten ließe?


Die grüne Fahnenseide zerschlissen, in einzelne Fäden aufgelöst, auch das Ölgemälde darauf angeschlagen: die Barbara-Fahne des Grünbacher Bergwerks, gestiftet 1864, 100 Jahre lang ständiger Gast bei allen Festlichkeiten, heute kaum mehr als ein Fetzen, aus dessen Mitte eine angekratzte Heilige in eine ungewisse Zukunft blickt. „Wenn man wenigstens das Bild erhalten könnte“, meint Marika Reichhold. Ja, wenn.

Fürs Erste rollen wir die Fahne rasch wieder ein. Vielleicht geschieht ja ein Wunder. Vielleicht findet sich ja auch jemand, der die Outdoor-Führung durchs ehemalige Bergbaugelände unterstützt, von der Frau Reichhold träumt, einen „Spazierweg mit Schautafeln und den Geschichten der Bergleute“. Vielleicht. Wie heißt ein alter Bergmannsgruß? „Glück auf!“


Wolfgang Freitag, „Die Presse“, „Spectrum“, 1. August 2009