Der letzte Tote am Eisernen Vorhang: Wer zu früh kommt

19. August 1989: Gut 650 DDR-Bürger nützen das „Paneuropäische Picknick“ bei Sopron zur Flucht in den Westen. 21. August 1989: Die Teilung Europas fordert ein letztes Todesopfer – auf österreichischem Boden. Vom Leben und Tod des Kurt-Werner Schulz: eine Rekonstruktion.


Man muss schon gründlich suchen, will man ihn finden, den Grenzstein B 80/4. Es wuchert wild grün an dem dornigen Buschsaum, der hier, am Fuß des Lutschburger Weingebirges, Österreich von Ungarn trennt. Lutschburg, das steht im örtlichen Sprachgebrauch für Lutzmannsburg, 944 Einwohner, 2000 Gästebetten, knapp 250.000 Gästenächtigungen pro Jahr: dank der „Sonnentherme“, errichtet 1994 und seither laufend erweitert, die sich östlich des Ortszentrums an die Grenze presst.

Mit dem dazugehörigen Golfplatz hat man schon den Schritt zu den ungarischen Nachbarn geschafft, mit dem Straßenverkehr noch nicht: Die Straße ins einen halben Kilometer entfernte ungarische Dörfchen Zsira steht nur Rollschuh- und Radfahrern sowie selbstverständlich den Carts der Golfspieler offen, allen Übrigen kündet eine Tafel „Durchfahrt verboten“. Was die Einwohner von Zsira, wollten sie motorisiert die Therme oder ihre Arbeitsplätze in Lutzmannsburg aufsuchen, zu einem mehr als 32 Kilometer langen Umweg über Köszeg und den Grenzübergang bei Rattersdorf zwänge – wenn sie sich denn dieser feinen Petitesse inmitten des angeblich vereinten Europas widerstandslos ergäben. Immerhin, 20 Jahre nach dem Fall des Eisernen Vorhangs ist es schlimmstenfalls ein Strafmandat, mit dem hier und heute ein Grenzübertritt geahndet wird – und nicht mehr der Verlust von Hab und Gut oder womöglich Leben. 20 Jahre nach dem Fall des Eisernen Vorhangs lässt sich auch nur mehr vage im ungarischen Gelände ablesen, wo einst die Signalanlagen des inneren Grenzzaunes verliefen und wo der Stacheldraht des äußeren war. 20 Jahre nach dem Fall des Eisernen Vorhangs sind sogar viele Grenzsteine, und seien sie noch so frisch und strahlend weiß getüncht, so gut wie unsichtbar, überwuchert von Gräsern und Kräutern aller Farben, als wollte die Natur sie verschlingen, hinunterwürgen die Symbole menschlichen Machtanspruchs, der trennt, was doch und auch hier zusammengehört. Und so steht der Grenzstein B 80/4 schon quasi halbverdaut im Land – und nichts weist darauf hin, was hier vor 20 Jahren geschah: Unweit des Grenzsteins B 80/4 forderte die Teilung Europas ihr letztes Todesopfer – auf österreichischem Boden, unter Pfirsichbäumen, die mittlerweile einem Weingarten gewichen sind.


Weimar, Sommer 1979. Die Krankenschwester Gundula Schafitel, 21, und der Architekturstudent Kurt-Werner Schulz, 26, lernen einander kennen und lieben. Gundula stammt aus einer Handwerkerfamilie, ihr Vater ist Tischler in dem nächst Weimar gelegenen Kurort Bad Sulza. Kurt ist in einer Arbeiterfamilie aufgewachsen, in Falkenstein, einer kleinen Stadt im Vogtland, an der Südwestspitze Sachsens. Gemeinsam gehören sie zu einem Freundeskreis von rund 20 Menschen gleichen Alters, der sich regelmäßig trifft: vorzugsweise im „Kasseturm“, einem alternativen Studentenklub der Stadt, in dem Kurt der „Musikchef“ ist.

Mathias Rößler, einer der 20, erinnert sich: „Der Kasseturm war ein Punkt, wo wir alle glaubten, wir wären ganz allein für uns und außerhalb von allen DDR-Dingen. Diesen Klub hatten sich die Studenten der Hochschule selbst erkämpft, er war keine staatliche Einrichtung, sondern wurde von den Studenten geführt – heute ganz normal, in DDR-Zeiten ziemlich, wie soll man sagen, interessant. Kurti, so haben ihn alle genannt, hatte sich um die Bands zu kümmern, die vor allem am Wochenende live spielten.“ Und wer da so spielte, mag nicht immer nach dem Geschmack der Obrigkeit gewesen sein. Mathias Rößler, heute Musiklehrer am Goethegymnasium Weimar, weiß Bescheid: „Die Bands, die in den offiziellen DDR-Medien präsent waren, die waren bei uns eher nicht vertreten; zu uns kamen Bands, die ziemlich radikale gute Texte hatten, soweit es überhaupt möglich war, so etwas in der DDR aufzuführen, DDR-Rockbands erster Güte, die auf der einen Seite die westliche Rockmusik nachspielten, auf der anderen Seite aber auch eigene Akzente setzten.“ Dass man mit solcher Programmierung die Aufmerksamkeit der Behörden auf sich zog, damit rechnete man schon damals: „Wir ahnten, dass wir überwacht werden, die Dimensionen dieser Überwachung wurden uns allerdings erst viel, viel später bewusst.“

Neben der Musik ist es der Motorsport, der Kurts Freizeit füllt. Mathias Rößler: „Die Fahrzeugwelt in der DDR war ja sehr begrenzt, und Kurti hatte es geschafft, sich einen Trabant zu beschaffen. Den hat er in eine Art Rennwagen umgebaut, mit Überrollbügeln drinnen und mit Sportsitzen. Da es in der DDR kaum möglich war, an solche Teile heranzukommen, erregte das natürlich Aufsehen, wenn man so einen Trabi sah.“ Es ist dasselbe Fahrzeug, mit dem Kurt Mitte August 1989, seine Lebensgefährtin Gundula und seinen sechsjährigen Sohn Johannes an der Seite, vor der Tür des gemeinsamen Budapester Freundes Sándor hält. Ihr Ziel: die Flucht in den Westen.


Schaun Sie, wir Leute von der Grenze, wir wissen, dass an der Grenze ständig etwas passiert. Der Mensch ist ein Trottel, das ändert sich nicht, das bleibt auch so. Aus.“ Heinz Ritter wirkt abgeklärt. Der pensionierte Lehrer, Historiker von ganzem Herzen und beredtem Mund, führt mich durch seine Heimatgemeinde Lutzmannsburg: „Stellen Sie sich vor: Meine Mutter ist in Ungarn geboren, ich selber, 1939, im Großdeutschen Reich, meine Kinder in Österreich – und das alles, ohne dass sich unser aller Geburtshaus auch nur einen Zentimeter bewegt hätte.“ So viel zur Haltbarkeit menschlicher Abgrenzungsbegierden.

Heinz Ritter kennt viele Geschichten und Geschichterln vom Leben am Stacheldraht: etwa von den Jägern, die den ohnehin schon brüchigen Grenzzaun immer wieder noch ein Stück aufbrachen, um den Wildwechsel zu erleichtern; oder die von den beiden ungarischen Grenzsoldaten, die, von Einheimischen eingeladen, kurzerhand ihre Kalaschnikows im Unterholz deponierten, durch den Zaun kletterten und sich einen lustigen Abend in einer burgenländischen Disco machten. Was ihnen allerdings, als die Sache Wochen später ruchbar wurde, ein Verfahren wegen schweren Wachvergehens eingetragen haben soll.

Auch Johann Göltl weiß um solche Schwejkiaden. Als Chefinspektor der Zollwache im 40 Kilometer weiter nördlich gelegenen Grenzort Klingenbach hatte er stets „ein sehr gutes Verhältnis zu den Kollegen in Ungarn“. Die angeblich „lustigste Baracke im Ostblocklager“ konnte aber auch ein ganz anderes Gesicht zeigen, als es das westliche Diktum vom „Gulaschkommunismus“ suggeriert. Johann Göltl: „Das war so um 1980. Plötzlich ein Schusswechsel, hundert Schuss sicher, eine Staubwolke. Ich bin gleich zur Grenze gelaufen, ist ein Sattelschlepper quer gelegen, aber schon auf österreichischem Hoheitsgebiet, da wollten welche mit einem Sattelschlepper die Grenzsperren durchbrechen. Einer ist dort gelegen, auf österreichischer Seite, dem hab ich schnell Erste Hilfe geleistet. Die Ungarn haben zwei andere, die auch schon auf österreichischer Seite waren, schnell weggezerrt, das hab ich noch gesehen. Und der Joschka, ein ungarischer Offizier, den ich gut gekannt hab, hat zu mir gesagt: Hansi, geh heute keinen Zentimeter weiter, sonst bist du weg.“

Johann Göltl steht auch an der Grenze, als am 19. August 1989 ein altes Tor zwischen Sopron und Sankt Margarethen geöffnet wird und gut 650 DDR-Bürger diese Gelegenheit zur Flucht in den Westen nützen. Dass dabei kein Schuss fällt, gehört zu den kleinen Wundern des Jahrs der Wende.


Herbst 1988. Kurt erhält die Erlaubnis zu einer Reise nach Westdeutschland. „Er hatte da eine Cousine; ohne irgendeinen Verwandten war es ja für uns in der DDR überhaupt nicht möglich, in den Westen zu fahren“, erzählt Gundula Schafitel. Sie selbst hatte wenig davor auch schon Gelegenheit zum Westbesuch bekommen. Zwei Reisen, die für Kurt und Gundula nur den letzten Anstoß liefern, ihrer Heimat den Rücken zu kehren. Gundula Schafitel: „Wir haben uns beide nicht wohlgefühlt in diesem System, eingesperrt nach allen Richtungen.“

Kurt hat einen einträglichen Posten bei der Stadt Weimar gegen die Arbeit in der Tischlerei von Gundulas Vater getauscht. „Die Arbeit für die Stadt, die konnte er nicht so ausführen, wie er wollte. Man hat natürlich immer versucht, ihn politisch zu locken. In der DDR lief ja alles nur, wenn man politisch korrekt irgendwo eingeordnet war. Aber so weit wollte er seinen Beruf nicht verkaufen, und deshalb hat er auch die Konsequenz gezogen“, meint Gundula Schafitel. Mathias Rößler ist noch eine Episode aus dieser Zeit erinnerlich: „Kurt musste in seinem Amt bestimmte Berichte liefern, wie viele Bauabschnitte abgeschlossen oder wie viele Wohnungen fertiggestellt sind. Und er sagte: Weißt du, ich krieg das nicht mehr in die Reihe, wie viel Lüge da passiert. In meinem Bereich werden, sagen wir, 20 Wohnungen geschafft. Die Norm allerdings wäre eigentlich 50 Wohnungen gewesen. Ich gebe also die Meldung an den nächsten Vorgesetzten weiter: 20 Wohnungen. Der zählt dann die zehn, die schon fast, aber eben nur fast fertig sind, einfach zu den fertigen dazu. Also 30 Wohnungen. Und die nächste Stelle legt wieder zehn drauf, und die Stelle darüber noch einmal zehn, und am Schluss kommt irgendein Potemkinsches Dorf zusammen, alle kriegen einen Orden für die 50 fertiggestellten Wohnungen – und das ist alles nicht wahr.“


Noch im Frühling 1989 hätte niemand einen Kollaps des Ostblocks binnen Halbjahresfrist zu prophezeien gewagt. Und dennoch, an Hinweisen darauf fehlt es längst nicht mehr. In Moskau tagt ein erstmals einigermaßen frei gewählter Volksdeputiertenkongress, vor dem ein 1986 aus der Verbannung geholter Andrej Sacharow unverblümt ein Ende des Machtmonopols der KPdSU fordern kann, ohne gleich wieder dorthin geschickt zu werden, woher er gekommen ist. Die DDR-Kommunalwahlen vom 7. Mai mit ihrem gewohnt manipulierten Ergebnis führen zu höchst ungewohnten, hartnäckigen Protesten, das Net-amoi-Ignorieren der Machthaber zu einem weiteren Anstieg der ohnehin schon sechsstelligen Zahl der Ausreiseanträge. Und schon im November 1988 erklärt Gyula Horn, damals Ungarns Staatssekretär des Äußeren, bei der Generalversammlung der Nato in Hamburg unmissverständlich: „Wir bauen ein gesetzgebendes System auf, dessen Fundament der Pluralismus der sozialen Gruppeninteressen und Auffassungen ist, ein System, das politische Hegemonie ausschließt und institutionelle Garantien für Bürgerinitiativen und für die freie Meinungsäußerung schafft. Im Einklang mit unseren internationalen Zielen wollen wir die uneingeschränkte Durchsetzung der Menschenrechte auch im eigenen Land kodifizieren. In diesem Sinne haben wir mit der Vorbereitung einer neuen Verfassung begonnen.“ Wer Ohren hatte, hätte es hören können. Aber wer im Westen mochte schon wirklich glauben, was da aus dem Osten zu hören war?

Dort wiederum stand es so schlecht, dass manch einer schon deshalb nicht an Flucht dachte, weil ihm der Zusammenbruch des Regimes ohnehin absehbar schien. „Die Zeichen der Ausweglosigkeit haben sich einfach gehäuft“, erzählt der Leipziger Schriftsteller Radjo Monk. „Das war für mich ein Grund zu bleiben: Ich dachte, das muss kollabieren.“ Was er ab dem Oktober 1989 Tag für Tag notiert hat, liegt seit 2005 als Buch vor („Blende 89“, Edition Büchergilde); aus seinen Aufzeichnungen des Augusts 1989 liest er mir selbst vor: „In einem Dorf in der Nähe von Espenhain“ – dort befand sich ein riesiges Braunkohlekraftwerk – „ist jeder zweite Einwohner an Krebs erkrankt, das gesamte Dorf muss evakuiert werden. Ein Fischer, der auf der ,Arnold Zweig’ arbeitet, berichtete, dass die Fische vor der Verarbeitung durchleuchtet werden. Es wird festgestellt, ob die Fische gesund sind oder nicht. Die gesunden werden exportiert, die geschädigten bekommen die Einheimischen. Man muss also im Grunde genommen zufrieden sein, wenn es keine Fische in den Läden zu kaufen gibt, weil das bedeutet, dass noch nicht die Mehrzahl der gefangenen Fische krank ist.“

Monk kennt die Probleme auch aus eigener Anschauung: „Hier sind reihenweise die Kinder ins Krankenhaus gekommen mit Pseudokrupp und Erstickungsanfällen, du konntest kaum noch atmen. In Sichtweite von meiner Wohnung in Leipzig steht der Schlot von einem Kraftwerk, unglaublich, was da an Dreck rauskam. Die Kohle wurde immer schlechter, das war alles minderwertiges Heizmaterial.“ Und: „Manche Betriebe, die waren produktionsfähig, aber die konnten nicht mehr liefern, weil sie keine Transportmöglichkeiten mehr hatten. Da stand der LKW im Hof, und es gab keinen Tropfen Diesel. Wir haben damit gelebt, aber man hat gespürt, es geht zu Ende.“


25. Juli 1989. Der Freundeskreis rund um Kurt und Gundula kommt zusammen, um Kurts 36. Geburtstag zu feiern, und niemand ahnt, was zu diesem Zeitpunkt für die beiden längst ausgemachte Sache ist – dass sie von ihrem geplanten Ungarnurlaub nicht mehr nach Weimar zurückkehren werden. Die Ankündigung der Ungarn vom 2. Mai, die Signalanlagen des Eisernen Vorhangs zu beseitigen, öffnet ihnen wie Tausenden anderen DDR-Bürgern die Chance, über ein Land, in das sie vergleichsweise komplikationslos einreisen dürfen, den Westen zu erreichen. Was sie nicht wissen: dass die Grenzanlagen zwar beseitigt, die Kontrollen im ungarischen Grenzgebiet allerdings verstärkt werden – schon allein um die zu Recht beunruhigten Warschauer-Pakt-Genossen zufriedenzustellen.

Mathias Rößler hat die eingenartige Stimmung dieses Abends noch im Gedächtnis: „Wir waren ja alle in einer Situation, in der so mancher schon ans Weggehen dachte. Aber darüber hat man nicht geredet: Man durfte sich ja nicht immer und überall outen. Genau da haben wir Kurts Geburtstag gefeiert, es war ganz seltsam, dieses Gefühl, es könnte bei dem einen oder anderen von uns vielleicht so sein, dass man sich nicht wiedersieht. Aber wirklich gewusst hat keiner was.“

Auch die Verwandtschaft ist nicht in die Pläne von Kurt und Gundula eingeweiht, schon gar nicht ihr Sohn, Johannes. „Einem Sechsjährigen so etwas zu sagen, das wäre damals sehr heikel gewesen“, meint Johannes Schafitel heute. „Da hätte man etwas ausplaudern können, ohne dass es einem aufgefallen wäre. Deswegen wurde mir einfach nur gesagt, wir fahren in den Urlaub. So habe ich das Ganze auch gesehen, eigentlich bis zu der besagten Nacht.“ Die besagte Nacht, das ist die vom 21. zum 22. August. Der Ort: das Dörfchen Répcevis, hart an der ungarisch-österreichischen Grenze. Die Szenerie: ein Feldweg, ein dorniger Buschsaum, ein Loch im Stacheldraht. Personen: zwei ungarische Grenzsoldaten, drei DDR-Bürger.


Das Ungarn dieser Tage ist hin- und hergerissen zwischen Reformmut und doktrinärem Beharrungsvermögen. Sicher, die Ungarische Sozialistische Arbeiterpartei (MSZMP) hat schon Anfang des Jahres auf ihren in der Verfassung festgeschriebenen Führungsanspruch verzichtet. Mitte Juni wird Imre Nagy, 1956 Träger des ungarischen Volksaufstands, 1958 hingerichtet und in einem unbezeichneten Grab verscharrt, feierlich neu beigesetzt, und nach weiteren drei Wochen stirbt jener Janos Kádár, der diesen Volksaufstand niedergeschlagen und Ungarn für drei Jahrzehnte in Moskautreue ertränkt hat. Doch noch immer wissen sich die Reformer innerhalb der MSZMP in der Minderheit – und Oppositionelle außerhalb in halblegalem Niemandsland. „Theoretisch wäre jede Tätigkeit der sich damals formierenden, außergesetzlichen Opposition strafbar gewesen“, erläutert László Nagy, 1988 Gründer der Bürgerrechtsbewegung „Ungarisches Demokratisches Forum“ (MDF). „Man sollte nicht vergessen, für wie viele Menschen die ,Wende’ ein Alptraum war, wie viele meinten, dass sie damit ihre Positionen, ihre Macht und ihre Privilegien verlieren würden.“

Und ausgerechnet in dieser brisanten Atmosphäre aus offenen Wünschen und geheimen Absichten, aus unzähligen Unwägbarkeiten und so gut wie keiner Gewissheit wird im äußersten Osten Ungarns, in Debrecen, eine Idee geboren, die so verwegen klingt, dass keiner sie zunächst ernst nimmt: Ein Picknick soll es sein, mit Lagerfeuer und Speckbraten, zu dem sich Österreicher und Ungarn an der gemeinsamen Grenze zusammenfinden. „Ferenc Mészáros hatte diesen Gedanken am 20. Juni 1989, auf einem Empfang nach einem Vortrag von Otto Habsburg“, weiß Nagy. Einen Monat später ist aus der Idee gegen alle anfängliche Skepsis ein handfester Plan geworden und hat sich auch bis in den äußersten Westen Ungarns, nach Sopron, herumgesprochen. Dort soll das „Paneuropäische Picknick“ in Szene gehen, samt Grenzöffnung an der alten, so gut wie vergessenen Pressburger Straße, die ins burgenländische Sankt Margarethen führt. Termin: 19. August, der Tag vor dem ungarischen Nationalfeiertag.

Die Zeit ist knapp bemessen, bei den zahllosen Genehmigungen, die auf ungarischer Seite für das Unterfangen eingeholt werden müssen, helfen die lokalen Netzwerke und die Verbindungen des reformfreudigen Staatsministers Imre Pozsgay, der gemeinsam mit Otto Habsburg die Schirmherrschaft über die Veranstaltung übernommen hat. Auf österreichischer Seite findet man im damaligen Sankt Margarethner Bürgermeister, Andreas Waha, einen rührigen Mitstreiter in allen Behördenfragen. László Nagy: „Ohne seine Hilfe hätte das, was an jenem Tag passierte, nie geschehen können.“

Und was an jenem Tag passierte, hat mit dem ursprünglich Geplanten und von den Organisatoren Erwarteten nur nebenbei zu tun: Die drei Stunden, die der improvisierte Grenzübergang Österreichern und Ungarn offen stehen soll, nützen mehr als 650 DDR-Bürger zur Flucht in den Westen. Johann Göltl erinnert sich noch so genau, „als wär’s vorige Woche gewesen“: „Es war plötzlich eine Invasion da, die sind offenbar alle auf der ungarischen Seite im Kukuruzfeld gelegen. Überall haben sie geschrien und geweint und gelacht und gejubelt. Und wenn sie gefragt haben, wohin, hab ich nur gesagt: Gehen Sie geradeaus, Richtung Sankt Margarethen.“ Bei den Ungarn macht Göltls Freund Árpád Bella Dienst. Johann Göltl: „Ich hab ihn gefragt: Was ist da los? Sagt er: Ich weiß es nicht. Der war fertig. Der hat Angst gehabt, macht er das jetzt richtig oder nicht.“

Später wird Bella selbst berichten, das Erscheinen der DDR-Bürger sei „ebenso unerwartet wie voraussehbar“ gewesen. Es habe entsprechende Hinweise im Vorhinein gegeben. Immerhin halten sich zu diesem Zeitpunkt gut 200.000 Urlauber aus der DDR in Ungarn auf – und nur ein Teil von ihnen scheint gewillt, in die ungeliebte Heimat zurückzukehren. Was zu immer heftigeren Interventionen des DDR-Regimes in Budapest führt. Warum dennoch nur fünf Passabfertiger unter Führung Bellas an diesem Tag an die Grenze geschickt werden, darüber ließe sich lange spekulieren. Ziemlich gesichert ist jedenfalls, dass Bella von seinen Vorgesetzten jeder Weisung bar ins Feuer geschickt wird – und dort tut er, was einzig vernünftig ist: Er lässt die Dienstwaffe im Halfter und den Dingen ihren Lauf. Was ihm ein jahrelanges Disziplinarverfahren – und 1999 den Verdienstorden der Republik Ungarn einträgt. Der 19. August 1989 ist nicht der Tag der Großen in der Politik, es ist der Tag der Bellas, der Wahas, der Nagys und der Göltls: der Triumph der Unterläufeln in der Stunde, da die Mächtigen den Kopf einziehen.

Nach dem 19. August freilich ist zunächst einmal Schluss mit allem Laisser-faire: Die streng linientreue Arbeitermiliz wird rund um Sopron in Stellung gebracht. Autos mit DDR-Kennzeichen werden auf offener Straße angehalten und an der Weiterfahrt gehindert. In Kópháza werden DDR-Bürger in einem alten Bahnhofsgebäude zusammengetrieben. Bei Sopronpuszta fallen Schüsse, ein Mädchen wird durch einen Querschläger leicht verletzt. Und bei Répcevis, was geschieht bei Répcevis?


Mitte August 1989. Kurt, Gundula und Johannes treffen in Budapest ein und nehmen bei ihrem Freund Sándor Quartier. Sie wollen erst Ferien machen und in dieser Zeit die Lage erkunden. Doch am Abend des 19. August sehen sie in den Nachrichten des ungarischen Fernsehens, was in den Stunden davor an der ungarisch-österreichischen Grenze geschehen ist, sehen sie einen Bericht vom „Paneuropäischen Picknick“ und den Durchbruch ihrer Landsleute in den Westen. Und auch wenn die im ungarischen Fernsehen genannte Zahl von 300 Flüchtlingen einigermaßen untertrieben ist, für Kurt und Gundula ist es das Signal, nicht zögern zu dürfen. Gundula Schafitel: „Sándor meinte, wir sollten uns vielleicht in die westdeutsche Botschaft begeben, das wäre der sichere Weg.“ Dort harren schließlich seit Anfang August schon mehr als 100 DDR-Bürger aus, um ihre Ausreise in die BRD zu erzwingen. „Aber irgendwie hatten wir den Drang, direkt ins Grenzgebiet zu fahren, um zu schauen, ob man da irgendwo über die Grenze kommt.“

Als einzige Informationsquelle steht ihnen eine simple Straßenkarte von Ungarn zur Verfügung. Gundula Schafitel: „Wir haben uns Richtung Sopron orientiert, und dann wollten wir das Gebiet abfahren, wo die Straßen möglichst nah an die Grenze kommen. Aber das war natürlich alles nicht so einfach, wir hatten ja schließlich ein sechsjähriges Kind bei uns.“

Noch am Tag ihres Aufbruchs aus Budapest werden sie von ungarischen Grenzsoldaten aufgegriffen. Gundula Schafitel: „Die haben unsere Personalien aufgenommen und uns den Weg nach Budapest gewiesen. Aber alles deutlich legerer als die Kontrollen, die wir aus der DDR kannten.“ Familie Schulz-Schafitel tut das, was in diesen Tagen Hunderte ihrer Landsleute tun entlang der ungarisch-österreichischen Grenze: Sie machen nicht kehrt, sondern versuchen es gleich noch einmal. Auf ihren Erkundungsfahrten im Grenzgebiet stoßen die drei im Grenzdorf Répcevis auf ein junges Paar, das sie aufnimmt und ihnen rät, zunächst einmal auszuruhen und den folgenden Abend, den des 21. Augusts, abzuwarten. Und hier bemerkt auch der sechsjährige Johannes, dass irgendetwas anders ist als sonst: „Die Anspannung, die bei meinen Eltern war, von der hab ich bis dahin nicht wirklich etwas mitgekriegt. Aber an diesem Abend sollte ich plötzlich mein ganzes Spielzeug bei der ungarischen Familie lassen und durfte nur mein Lieblingsauto mitnehmen, da war mir klar, jetzt ist irgendwas.“

Es ist nicht weit von Répcevis bis an die Grenze, an den Buschsaum am Fuß des Lutschburger Weingebirges. Ihre Gastgeber für einen Tag führen Kurt, Gundula und Johannes an ein Feld, da sollen sie weitergehen, dahinter sei gleich Österreich. Gundula Schafitel: „Das haben wir dann auch getan. Und vielleicht zehn Meter vor der Grenze hörten wir, dass ungarische Soldaten uns wahrscheinlich bemerkt hatten, die sprachen uns auf Entfernung an.“ Was darauf folgt, wird nie vollständig zu klären sein. In einer ersten Aussage vor den ungarischen Behörden wird Gundula Schafitel berichten, sie habe zwei ungarische Soldaten bemerkt, der eine schoss eine Leuchtrakete ab. Dann habe sie gesehen, dass vor ihnen ein Teil des Zaunes zerstört sei, was einen Durchgang ermöglicht. Alle drei laufen in diese Richtung: „Dann sah ich noch, dass ein Soldat meinen hinten gebliebenen Mann knapp am Zaun einholte und dass mein Mann den Soldaten mit einer Tasche schlug, um ihn zurückzuhalten.“

Sie selbst sei mit ihrem Sohn einfach weitergerannt, „da ich dachte, bereits in Österreich zu sein“. Tatsächlich befindet sich Gundula mit Johannes zu diesem Zeitpunkt bereits gut 30, 40 Meter tief im ersehnten Westen, unweit des Grenzsteins B 80/4. Und hinter ihr, in der Finsternis, ringen zwei Männer um ihr Leben – und keiner von beiden weiß im Grunde, wie ihm geschieht: nicht der schmächtige 20-jährige Grenzsoldat, der doch nichts weiter tun will als das, was ihm aufgetragen ist; nicht der große, kräftige Mann aus Weimar, den wohl nichts anderes treibt als das, was für jeden in seiner Lage am nächsten läge – Frau und Kind zu schützen.

Dann: ein Schuss. Die Kugel dringt aus kürzester Entfernung in Kurts Mund und durchschlägt den Hinterkopf. Gundula Schafitel: „Ich bin zurückgegangen, weil Kurt nicht auf Zurufe reagierte. Er lag getroffen da, die Grenzsoldaten standen daneben.“ Johannes bleibt vorerst zurück, unter den Bäumen der Pfirsichplantage: „Und das Nächste, an das ich mich erinnern kann: Ich habe meine Mutter gesehen, wie sie am Boden kniete und den Kopf meines Vaters in ihrem Schoß liegen hatte.“

Einer der Grenzsoldaten bedeutet Mutter und Sohn, wieder auf die ungarische Seite zu gehen. Von da werden sie wenig später ins nahe Köszeg gebracht. Dort erfährt Johannes, dass sein Vater tot ist: „Das war in einem Gespräch mit einem . . . ich glaube, es war ein Arzt. Ich hatte noch eine Tasse Kakao bekommen und fragte, wann mein Papa denn wiederkommt. Und da hat er mir gesagt, dass mein Papa nicht mehr wiederkommt.“


Von der Geschichte bei Lutzmannsburg hab ich in der Früh erfahren“, so weit ist sich Johann Schoretits sicher, damals Sicherheitsdirektor des Burgenlandes. „Es war noch vor den Amtsstunden, da läutet bei mir das Telefon, ein Dolmetscher ist dran, dass der für diesen Grenzabschnitt zuständige Kommandant der ungarischen Grenztruppen, Istvan Németh, unbedingt mit mir sprechen will, es sei dringend. Wir sind dann an die Grenze gegangen, und wie ich das Ganze gesehen hab, hab ich gesagt, ich muss meine Verfügungen treffen, das hat sich ja auf österreichischem Staatsgebiet ereignet, und ich hab den Erkennungsdienst des Landesgendarmeriekommandos geholt.“

Auch Anton Winter ist zur Stelle, Kommandant des Gendarmeriepostens Lutzmannsburg: „Ich war eigentlich in Urlaub, die Dienststelle war unbesetzt, und auf einmal heißt es: Toni, du musst in Dienst gehen, der Sicherheitsdirektor wartet auf dich. Um was geht’s? Weiß ich nicht. Ich bin hin, hab mich gemeldet, Herr Sicherheitsdirektor, um was geht’s? Da ist was passiert. Im Weingebirge. Genauer haben sie es auch nicht gewusst. Wir sind also ins Weingebirge, und da haben die Ungarn schon auf uns gewartet. Die Tage davor hatte es geregnet, und es war ziemlich gatschig, da hast du genau die Schleifspuren gesehen, wie sie den Toten beim Oberkörper unter den Händen genommen und hinübergezogen haben nach Ungarn. Und genau dort war ein großes Loch im Stacheldraht.“ Wie bei solchen und auch harmloseren Grenzzwischenfällen üblich, wird eine gemischt österreichisch-ungarisch besetzte Kommission einberufen, die am 23. August ihre Untersuchungen in Köszeg aufnimmt und noch am selben Tag abschließt. Gundula Schafitel wird genauso einvernommen wie die beiden beteiligten Grenzsoldaten, ein Lokalaugenschein folgt, alles löst sich in grenzüberschreitende Einhelligkeit auf: „Die Untersuchungskommission kam übereinstimmend zu der Auffassung, dass eine Grenzverletzung durch zwei ungarische Grenzwachsoldaten erfolgt ist. Unvorgreiflich einer strafgerichtlichen Beurteilung sprechen mehrere Umstände dafür, dass der Darstellung des Grenzwachsoldaten gefolgt werden kann, wonach die Grenzverletzung unabsichtlich erfolgt ist und der Schuss sich im Zuge des Handgemenges gelöst hat.“ Und als zuckriges Krönchen auf so viel Harmonie: „Übereinstimmend stellten die beiden Delegationen fest, dass dieses äußerst bedauerliche Einzelereignis die gutnachbarlichen Beziehungen der beiden Länder und die bestehenden Kontakte zwischen den Grenzorganen nicht beeinflussen soll.“

Den österreichischen Medien ist der Tote an der Grenze zwei, drei Tage eine kleine Aufregung wert. Eine private Sammelaktion im Burgenland erbringt etliche tausend Schilling, die dem betroffenen ungarischen Grenzsoldaten die Finanzierung einer Therapie ermöglichen soll. Dann versinkt der Fall rasch in Vergessenheit. Wie auch nicht: Die große Geschichte, die schier unaufhaltsam Richtung Zusammenbruch eines ganzen Gesellschaftssystems treibt, nimmt ihren Lauf, hinter der die kleine Geschichte des Einzelnen wie gewohnt verschwindet.

Erst 2004 nehmen Jürgen Kremb und Peter Wensierski im „Spiegel“ die Spur des „letzten Toten am Eisernen Vorhang“ wieder auf. Zwei Jahre später folgt der Ungar Péter Szalay mit seiner eindringlichen Filmdokumentation „Grenzfall“. Und kürzlich ist es Stefan Schinkovits und Zsófia Sommer-Palágyi, Mitarbeitern des ORF-Landesstudios Burgenland, gelungen, den in allen greifbaren Dokumenten namenlosen ungarischen Grenzsoldaten, aus dessen Waffe sich der Todesschuss löste, zu finden und zu einem Gespräch zu bewegen. Stefan Schinkovits: „Irgendwie war es so, als hätte er das Interview schon tausendmal im Kopf gegeben. Und immer wieder hat er betont: Auch er ist Opfer. Der ist ja über diese Traumatisierung bis heute noch nicht weg mit seinen 40 Jahren.“ Seine Aussagen zum Ablauf der Ereignisse? „Frau und Kind hat er einfach rennen lassen. Aber den Mann hat er versucht zu stoppen. Möglicherweise war das Unglück, dass ein zweiter Soldat in der Nähe war. Er hat offenbar diesen Druck gefühlt, etwas tun zu müssen. Wär er allein gewesen . . .“ Ja, wäre. Und hätte. Hätte Kurt-Werner Schulz mit seiner Familie drei Wochen in Ungarn zugewartet, hätten sie einfach mit dem Bus in den Westen fahren können: Am 11. September öffneten die Ungarn ihre Grenzen für DDR-Bürger. Aber der Soldat war nicht allein, und Kurt-Werner Schulz glaubte, sich beeilen zu müssen. Das Leben kennt keinen Konjunktiv – und auch nicht der Tod.


24. August 1989. Gegen Abend werden Gundula und Johannes bei Rechnitz zum Grenzzaun gebracht. Gundula Schafitel: „Die Ungarn haben mir freigestellt, in die DDR zurückzugehen oder weiter in den Westen. Ich wollte in den Westen. Und da haben die Ungarn gesagt, gut, aber das können sie nicht offiziell machen, deshalb versuchen sie, einen illegalen Weg zu finden. Der sah dann so aus, dass man mich spätabends mit dem Johannes an die Grenze gefahren hat, und man hat mir gezeigt, wo ich sicher die Grenze passieren kann, an einer Straße, die in den nächsten Ort führt. Dort hab ich mich dann bei der Gendarmerie gemeldet.“

Die Rechnitzer Wirtin Anna Maria Pomper, mittlerweile in Pension, sieht sie noch vor sich, die Mutter und das Kind, die da plötzlich in ihrer Gaststube standen: „Die waren sehr blass, sehr fertig. Und am nächsten Tag waren sie gleich in der Früh wieder weg.“ Abgeholt von einem der Busse, die schon routinemäßig jeden Tag das Grenzgebiet nach Flüchtlingen abklappern und sie nach Wien transportieren, von wo sie per Zug in das westdeutsche Auffanglager nach Gießen gebracht werden.

Heute lebt Gundula in Aachen. Wann sie in der neuen Heimat angekommen sei? „Das hat lang gedauert.“ Und, nach einer Pause: „So hundertprozentig angekommen bin ich nach wie vor noch nicht, weil das, was man sich erträumt, wahrscheinlich doch nie eintrifft. Aber die Erfahrung muss man halt machen.“ Johannes wiederum ist für sein Architekturstudium nach Weimar zurückgekehrt: „Viele der Weggefährten meines Vaters sind an der Bauhaus-Universität heute Dozenten oder Assistenten, ich habe engen Kontakt zum damals besten Freund meines Vaters, Mathias Rößler, bekommen, und der hat mir auch ein paar Geschichten erzählt über meinen Vater, die selbst meine Mutter nicht wusste.“

Kurt-Werner Schulz liegt in Falkenstein, seiner Vogtländer Heimatgemeinde, begraben. Die Beerdigung im Herbst 1989 gerät für Mathias Rößler zum Zeichen: „Da kam auch ein Freund aus Leipzig. Der erzählte, dass immer mehr Leute auf die Straße gehen, es werden jeden Montag mehr. Als ich das hörte, war für mich klar, jetzt ist die Zeit gekommen, jetzt kippt die Sache, jetzt hat der Staat keine Chance mehr.“

Wenige Wochen später ist die große Berliner Mauer Geschichte. Geschichte wie ein kleiner Grenzstein bei Lutzmannsburg.


Wolfgang Freitag, „Die Presse“, „Spectrum“, 14. August 2009