Anna, die Putzfrau: „Ich stehle ja nicht, ich arbeite“

Wie sehen Illegale aus? Neun Jahre lang arbeitete Anna als Putzfrau in Wien. Jetzt ist sie in ihre Heimat, Polen, zurückgekehrt – als Eignerin einer kleinen Frühstückspension. Aus der Serie „Ausland Wien“.

Wie schaut eine Illegale aus? Nehmen wir zum Beispiel Anna (so soll sie zumindest für die folgenden Zeilen heißen). Also: Anna ist knapp 1,70 Meter groß, knapp 30 Jahre alt, schlank, glattes, dunkelbraunes Haar. Eine gepflegte Erscheinung von frohem Wesen – und was sich sonst noch an Freundlichkeiten auch über hierorts Eingeborene sagen ließe. Im besseren Fall.

Aber: Anna ist illegal. Genauer: Sie war es. Neun Jahre lang. Seit Kurzem ist es damit vorbei. Seit Kurzem liegt ihre Heimstatt wieder in Polen, nicht mehr in Wien. Freilich, ihre Heimstatt war Wien ja ohnehin nie. „Ich habe immer gesagt: Ich bin eine Polin, und ich werde in Polen leben. Hier war nur die Arbeit“, bekennt sie, da ist sie fast schon wieder dort, wo sie immer hin wollte.

„Polnische Staatsbürger bilden die größte Gruppe unter den in Wien illegal beschäftigten Ausländern“, hielt vor einiger Zeit eine Studie der Akademie der Wissenschaften fest. Erstaunlicher Nachsatz: „Es existieren aber keine seriösen Schätzungen über das wahre Ausmaß irregulärer Beschäftigung von Polen in der österreichischen Bundeshauptstadt.“ Immerhin, so viel lässt sich gefahrlos sagen: „Irreguläre Arbeitsmigration bildet eine etablierte strukturelle Komponente der Wirtschaft in Polen.“

Und mit welchen Beschäftigungen treiben die hiesigen Polen die polnische Ökonomie denn so an? „Auf dem Wiener Arbeitsmarkt liegen die Schwerpunkte der Erwerbstätigkeit männlicher Migranten in den Metall- und Elektroberufen sowie in der Baubranche. Frauen sind vor allem im Bereich der Dienstleistungen in Privathaushalten stark überrepräsentiert.“ Kurz: als Reinigungspersonal. Womit das wissenschaftlich seriös festgeschrieben wäre, was jeder Wiener weiß: Die polnische Putzfrau gehört heute an der Donau zum Lokalkolorit wie Stephansdom und Riesenrad – und das, wiewohl eherne völkische Vorurteile den Polen andererseits (nebst „diebisch“, das sowieso) vor allem Attribute wie „faul“ oder „dreckig“ zuweisen.

Von all dem weiß Anna nichts, als sie im Jahr 2000 nach Wien kommt. Und es treibt sie auch nicht die Sehnsucht nach dem vermeintlich goldenen Westen an (der für sie streng geografisch ohnehin schnurstracks im Süden läge). Anna hat als Kellnerin in ihrer Heimat bis dahin ordentlich verdient, mehr jedenfalls, als ihr nun hier geboten wird: als Kindermädchen ihrer Schwägerin Christine. Die ist mittlerweile, nach dem plötzlichen Tod von Annas Bruder, auf sich allein gestellt, ihr Neugeborenes zudem Annas Patenkind, die Familie noch ein Netz, das auffängt, wer auch immer fallen mag.

Anna fängt auf. Ihre erste Wiener Zeit: alles andere als euphorisch. „Ich habe recht rasch gemerkt, dass ich alleine bin, meine Freunde, meine Bekannten, keiner ist da. Christine hat immer gesagt: Geh irgendwohin, du kennst diesen und jenen. Aber ich wollte nicht, weil ich immer der Meinung war, meine Freunde sind in Polen, wenn ich nach Polen fahre, gehe ich aus, das macht mir Spaß, die Leute hier kenne ich nicht so gut, ich weiß nicht, was ich mit ihnen reden soll.“

Anna werden alsbald die Tage lang: „Das Kind zu versorgen war ja keine wirklich ausfüllende Beschäftigung, sicher, man muss schon einiges tun, aber ich habe immer viel Energie übrig gehabt. Wenn das Kind geschlafen hat, habe ich angefangen, Deutsch zu lernen, mit den Büchern aus meiner Volksschule. Jeden Tag eine Stunde. Dann hab ich einen Kaffee gemacht, eine Tafel Schokolade gegessen dazu und gelesen.“ Dennoch: Wenn sie mit dem Kind zu Hause allein ist, überkommt sie immer öfter die Angst, „allmählich depressiv zu werden“. „Wenn ich nach Polen fuhr, dort war es immer lustig. Das Zurückkommen nach Wien war jedes Mal ein Schock für mich.“

Von der Idee, mit Staubsaugen, Bodenwischen, Fensterputzen Geld zu verdienen, ist zunächst überhaupt keine Rede. Die kommt erst ins Spiel, als das Kind „dem Gröbsten“, wie Anna sagt, entwachsen ist und den Kindergarten besucht: Eigentlich will Anna da nach Polen zurückkehren, aber Christine, selbst als Putzfrau tätig, überredet sie, sich doch wie sie ihr Leben zu verdienen. „Ich habe begonnen, das Geld auf die Seite zu legen, das war immer mehr und mehr, denn es wurden auch immer mehr Menschen, für die ich gearbeitet habe. Und schließlich war es ein Ganztagsjob“, erinnert sich Anna.

Klingt einfach. War es jedoch keineswegs: „Am Anfang, wenn jemand noch zu Hause war, da war mir das schon peinlich, dass mich jemand sieht, während ich den Boden schrubbe oder die Fliesen im Bad poliere. Doch dann habe ich mir gesagt: Ich stehle ja nicht, ich arbeite. Das ist ein Beruf wie jeder andere, es gibt Anwälte, Journalisten, und Putzfrauen, die gibt es eben auch. Der erste Schritt fällt schwer – aber dann macht man das.“

Was ihr allmählich umso leichter fällt, als die sich mehrenden Einkünfte eine Idee Gestalt annehmen lassen, an deren Verwirklichung ursprünglich – und ohne die Putzfron zu Wien – niemals zu denken gewesen wäre. Anna beschließt: „Ich will ein Haus.“ Selbstredend eines in der polnischen Heimat. Ihre Eltern unterstützen sie nach Kräften: „Meine Mutter hat mir das Grundstück gegeben, mein Vater ist Tischler und kennt auch genug andere Handwerker, die ganze Familie hat gesagt, sie helfen mir, ich soll nur das Material kaufen. Und damit war klar: Ich muss noch ein bisschen länger in Wien arbeiten. Das wurde immer mehr, noch ein Monat, noch ein Monat, noch ein halbes Jahr, und schließlich hab ich gesagt: Ich gehe erst zurück, wenn das Haus fertig ist.“

Für ihren Haustraum nimmt Anna auch in Kauf, dass ihr Freund Peter lange Jahre auf sie warten muss. Die beiden kennen einander aus gemeinsamen Zeiten in einem Restaurant in Zakopane: Sie arbeitet dort als Kellnerin, er mit der Geige in der Hand. Als sie sich entschließt, ihre Schwägerin nach Wien zu begleiten, wird aus einer Partnerschaft inklusive gemeinsamer Wohnung mit einem Mal eine Beziehung auf Distanz. „Wir haben uns nur jedes vierte, fünfte Wochenende gesehen, aber oft Briefe geschrieben und telefoniert“, erzählt Anna.

Versuche, auch für Peter in Wien einen Job zu finden, scheitern. Anna hört sich unter Wiener Bekannten um: „Es hieß immer: Ich ruf dich an, ich ruf dich an. Aber niemand hat angerufen. Und mir war auch klar: Ein Peter ohne Geige – der stirbt. Außerdem hat er ja in Polen gut verdient.“

So frettet man sich durch die Jahre: Anna halb in Wien, Peter ganz in Polen. Krisen können da nicht ausbleiben. Als Peter seinen Militärdienst ableisten muss, reißt der Kontakt völlig ab: „Da haben wir uns ein halbes Jahr lang überhaupt nicht gesehen. Ich konnte ihn nicht einmal anrufen, denn dafür gab’s nur bestimmte Zeiten, und wenn ich da gerade gearbeitet hab, war das unmöglich.“ Allerdings: „Als wir uns danach wiedergesehen haben, waren wir sehr schnell wieder zusammen.“ 2007 wird geheiratet, sonst bleibt vorerst alles, wie es ist: „Ich habe Peter immer versprochen, ich komme zurück, ich komme zurück, aber ich habe nie eine bestimmte Zeit gesagt.“

Mittlerweile ist die Zeit gekommen: Das Haus steht fertig auf kleiner Anhöhe mit bestem Blick in die Berglandschaften der Hohen Tatra, 200 Quadratmeter Wohnfläche insgesamt, darunter fünf Fremdenzimmer. Mit ihrem Wiener Bodenreiben und Staubwischen, mit Fleiß, Hartnäckigkeit und nicht zuletzt dem jahrelangen Verzicht auf jedweden Komfort, auch den zwischenmenschlichen, hat sich Anna eine kleine Frühstückspension ertrotzt. Und es wäre nicht Anna, gäb’s nicht auch jetzt schon wieder Pläne für die Zukunft: „Im Keller könnte ich ein Restaurant einrichten, aber da bin ich mir noch nicht sicher. Wenn ich sehe, dass das mit den Zimmern klappt, dann kommt vielleicht eines nach dem anderen.“ Zu putzen gebe es jedenfalls auch hier genug. Doch in den eigenen vier Wänden ist das naturgemäß etwas ganz anderes.


Wolfgang Freitag, „Die Presse“, „Spectrum“, 27. März 2010