Nuschin Vossoughi: Glück aus der Tube

„Metropol“, „Vorstadt“, „Wien im Rosenstolz“ und jetzt das „Theater am Spittelberg“: wie die gebürtige Perserin Nuschin Vossoughi Wiens Lokalkultur neu erfindet. In der Serie „Ausland Wien“.


Wie wienerisch kann werden, wer aus Teheran stammt? In ihren Zwanzigern hat Nuschin Vossoughi an der Seite von Alf Krauliz ein abgewirtschaftetes Hernalser Etablissement zum anerkannten Szenetreff „Metropol“ hochgestemmt, in ihren Dreißigern mit der „Vorstadt“ Wirtshauskultur ins tiefe Ottakring gebracht, in ihren Vierzigern mit dem Festival „Wien im Rosenstolz“ maßgeblich die Renaissance des Wiener Liedes befördert, wenig später, 2003, die in die Jahre gekommene Pawlatschenbühne auf dem Spittelberg übernommen, die dieser Tage, am 1. Juli, ihre Wiederauferstehung feiert: wieder als „Theater am Spittelberg“ und mit dem Flair von ehedem, bereichert allerdings um regendichte Dächer über den Tribünen, Lärmschutz für die Anrainer – und endlich auch sanitäre Anlagen. Welcher Wiener, welche Wienerin hätte in den vergangenen 30 Jahren mehr für die Wiener Lokalkultur getan als die gebürtige Perserin?

„In die Wiege gelegt“, wie man so gern sagt, war ihr naturgemäß nichts davon. Diese Wiege stand in einem Außenbezirk der persischen Hauptstadt zu Zeiten des Schah-Regimes. „Ich stamme aus einer Arztfamilie“, erzählt Vossoughi, „zwei Brüder, eine Schwester. Ich war ein absoluter Nachzügler, der Abstand zum Nächsten war zehn Jahre. Deshalb haben sich alle rund um mich immer verantwortlich für mich gefühlt, und all die Verantwortung kommt insoweit auf mich zurück, als ich jetzt selbst die Tendenz habe, mir noch und noch Verantwortung aufzuhalsen.“

Acht Jahre ist Vossoughi alt, da übersiedelt sie mit ihrer Mutter nach Wien: „Meine Brüder waren schon hier, die sollten Medizin studieren; die Wiener Medizin war damals in Persien sehr angesehen.“ Die Umstellung erweist sich als ziemlich schwierig für die kleine Nuschin: „In Persien hatte ich ja die schönste Kindheit, in Watte gepackt, rundum gut aufgehoben. Wenn ich aber an Österreich denke . . .“ Dass man sie bodenständig-charmant „schwarzer Teufel“ nennt, mag ja, wie sie heute meint, „vielleicht sogar lieb gemeint“ gewesen sein, aber: „Damals hab ich darüber wochenlang geheult.“

Ein Sommercamp fern von Mutters Herd zieht freilich noch einen Kulturschock der ganz anderen Art nach sich: „Da kam es zu meinem ersten Kontakt mit Schweinefleisch und Schmalzbroten, und das hab ich in fürchterlicher Erinnerung. Wenn wir zur Jause ein Schmalzbrot bekommen haben, ist mir so schlecht geworden . . . allein beim Gedanken daran dreht sich mir der Magen immer noch um. Nach einer Woche hab ich heulend zu Hause angerufen, bitte holt mich ab, die essen hier alle Schweinisches, das schmeckt mir überhaupt nicht, das riecht grauenhaft.“

Doch die Familie greift zu einer List: „Mein Bruder brachte mir Kondensmilch in der Tube, weil ich das geliebt hab, einen ganzen Karton voll, um mich zu bestechen, dass ich dort bleibe. Und ich bin geblieben, hab dann diese Kondensmilchtuben mit den anderen Kindern im Camp geteilt und darüber Kommunikation aufgebaut. Ich konnte ja auch noch nicht wirklich Deutsch.“

Die Abneigung gegen Schweineschmalz ist ihr geblieben, die mangelnden Sprachkenntnisse hingegen waren bereits in Kindertagen rasch Vergangenheit: „Schon allein vor lauter Ohnmacht hab ich ganz schnell Deutsch gelernt, ich mochte die Sprache auch sehr gern. Meine Mutter hat mir dann bald dafür Geld bezahlt, dass ich ihr Deutsch beibringe, zehn Schilling.“ Ein „Ausländerproblem“ im heutigen Sinn habe sie nie gehabt: „Ich war integriert, hab schnell gelernt, mit der Kultur zu leben. Hab meine Identität aber nie aufgegeben. Wobei meine Situation auch anders war als beispielsweise die eines Flüchtlings: Ich konnte ja jederzeit in meine Heimat zurückkehren.“

Zumindest bis 1979, bis zur Machtübernahme durch Ayatollah Khomeini: Vossoughi und ihre Familie gehören der Mitte des 19. Jahrhunderts in Persien gegründeten Bahai-Religion an, deren Anhänger seit Beginn der „Islamischen Revolution“ blutig verfolgt werden. Nuschin Vossoughi: „Kurz vor der Revolution war ich noch einmal in Persien, seither, also seit mehr als 30 Jahren, nicht mehr wieder. Es wäre einfach zu gefährlich.“

In diesen 30 Jahren ist aus der Publizistikstudentin, die davon träumte, Journalistin zu werden, eine der vielseitigsten Kulturinitiatorinnen der Stadt geworden. An der Seite von Alf Krauliz wächst sie zunächst zur „Metropol-Lady“ heran: „Wir haben uns über einen Freundeskreis von Studenten kennengelernt, er hat damals das Metropol übernommen und wollte mich einbeziehen, obwohl wir alle miteinander nicht gewusst haben, wo meine Stärken liegen. Und dann hat man mögliche Stellen für mich im Haus ausprobiert. Hängen geblieben bin ich zunächst bei der Pressearbeit, aber bald ging es auch ums Programm: Das täglich wechselnde kam dann eigentlich von mir, die längerfristigen Projekte kamen von Alf Krauliz.“

Nebst einer „sehr schönen, ergänzenden Zusammenarbeit“ beschert ihr diese Zeit einen Crashkurs kreuz und quer durch die hiesige Kulturszene: von Artmann über Qualtinger bis Falco. Bis heute in Erinnerung: die Begegnung mit Oskar Werner. „Er sollte für das Haus gewonnen werden“, erzählt Vossoughi. „Ich habe ihn abgeholt, ihn ins Metropol gebracht, er hat sich das Haus angeschaut – und dann hat er mitten im Saal das ,Heidenröslein‘ rezitiert, sozusagen nur für mich. Und das war einer der unglaublichsten Augenblicke meines Lebens. Ich war völlig sprachlos: Dieser Herr, von dem ich zunächst ja ganz enttäuscht war, weil ich ihn nur von alten Bildern kannte, und dann kam da dieser ältere, gebückte Mann . . . aber diese wunderbare Stimme, dieser Ton.“

1991 scheidet Vossoughi aus dem ÖVP-Haus Metropol, das Alf Krauliz schon ein Jahr davor Richtung Niederösterreich, Richtung „Donaufestival“ verlassen hat. „Vielleicht war das, was ich gemacht habe, mit der Parteilinie nicht konform“, meint sie aus der Distanz der Jahre. So weit eingewienert, dass sie den hierorts in solchen Fällen üblichen Weg zur Partei geht und sich’s richtet, war sie damals nicht – und ist sie bis heute nicht: „Weil ich nie in dem Bewusstsein gearbeitet habe, dass ich im Metropol an einem ,schwarzen‘ Haus tätig bin. Es ging immer nur um die Kulturarbeit.“ Das mag für sie stimmen, der hiesigen parteipolitischen Farbenlehre folgend jedoch ist solche Sachorientierung so gut wie irrelevant: Schwarz ist schwarz, und Rot ist rot, und wer im roten Wien als Schwarzer gebrandmarkt ist, hat’s nicht leichter als – sagen wir – ein auch nur nominell Roter im schwarzen Niederösterreich.

Vossoughi lässt sich davon nicht beirren: „Ich bin so selbstsicher, dass ich sag: Niemand kann mir drohen. Ich bin kein Protektionskind.“ Unverdrossen glaubt sie an ihre „Geradlinigkeit“, „an die Inhalte“, die sie vermitteln will: Und sie behält – wider jede Erwartung heimischer Szenekenner – recht. Ihre Programmierung ist es, die 1994 aus einem schlichten Beisel in einem bis dahin so gut wie kulturfreien Eck Wiens den Szenetreffpunkt „Vorstadt“ macht, 1998 gründet sie das Festival „Voice Mania“, das seither Jahr für Jahr die Besten der internationalen A-cappella-Szene nach Wien bringt, mit „Wien im Rosenstolz“ definiert sie von Beginn an die Wiener-Lieder-Renaissance der jüngsten Vergangenheit mit: „Ich möchte immer alles neu erfinden. Ich möchte nichts kopieren.“

2003 übernimmt sie schließlich das da schon einigermaßen marode „Theater am Spittelberg“, eine Sommerbühne, die manchen noch aus den 1980ern als Heimstatt des „Jura-Soyfer-Theaters“ in Erinnerung sein wird, nach der Auflösung der Gruppe rund um Georg Mittendrein und Reinhard Auer jedoch keine neue Bestimmung mehr fand. Vossoughi päppelt die Sieche programmatisch wieder auf: mit einem bunt gemischten Angebot, in dem vieles möglich und nichts außer Ressentiment und Ausgrenzung verboten ist: von der Kleinkunst bis zur Weltmusik, vom Chanson bis zum Theater für Kinder. „Das Ambiente war wunderbar, so wie es war“, erzählt Vossoughi von ihren Spittelberger Anfängen. „Nur: Auf Dauer waren die Zustände unhaltbar. Es hat durchs Dach geregnet, das Publikum ist mit Regenschirmen in den Vorstellungen gesessen, die Stühle sind schon zusammengebrochen. Ich hab jedes Jahr Angst gehabt, dass ich die behördliche Genehmigung nicht mehr bekomme. Außerdem haben die Nachbarn große Lärmprobleme gehabt, weil die Feuermauer des einen Nachbarhauses zugleich unsere Wand war. Und da hat dann Gott sei Dank das Kulturamt der Stadt Wien reagiert.“

Vor die Alternative „abreißen oder instand setzen“ gestellt, entschied man sich für die Erhaltung, und zwar so, dass das „wunderbare Ambiente“ von früher ohne Verluste an Charme in eine stabilisierte Zukunft geführt werden konnte. Und wenn die diesjährige Saison am 1. Juli eröffnet wird, mit der Premiere des neuen Programms von Erika Pluhar und Klaus Trabitsch übrigens, werden viele vielleicht gar nicht merken, wie viel da neu gefasst werden musste, um das Flair des längst Dagewesenen zu bewahren.

Auch mit ihrem Spielplan setzt Vossoughi vorerst auf Kontinuität: „Jetzt beginne ich einmal mit einem Best-of. Und sobald ich in dem Haus wirklich drinnen bin und das Haus fühle, weiß ich, wie es weitergeht.“ An Ideen mangelt es nicht: „Es könnte sich in Richtung Varieté entwickeln. Das wäre mein Thema.“ Und nach wie vor eine Lücke im Wiener Veranstaltungsangebot. „Varieté gehört doch zu einer Weltstadt dazu, oder?“ Und es wäre nicht das erste Stück Weltstadt, das Wien einer „Zuagrasten“ verdankt.


Wolfgang Freitag, „Die Presse“, „Spectrum“, 26. Juni 2010