„Zurückbleiben, bitte“: Auch das noch!

Wo wir wohin bleiben: Wiens U-Bahn, die Minderwertigkeit und andere Komplexe.


Nun haben wir also wieder einmal den Pinkelpott auf. Das Nachtgeschirr. Den Nachttopf. Will sagen: den Scherbn. Die Wiener Linien haben doch glatt das jahrzehntelang in der U-Bahn besteingeführte und ach so wienerische „Zug fährt ab“ gegen ein quasi reichsdeutsches „Zurückbleiben, bitte!“ getauscht – kein Wunder, dass sich das zarte Wiener Sprachempfinden gegen solche germanische Usurpation sträubt. Haben wir denn nicht schon genug gelitten unter all den Tomaten, Kartoffeln, Quarktaschen und Brötchen, die unsere fremdenfreie, blitzsaubere ostösterreichische Sprachtrutzburg seit Jahr und Tag umzingelt halten, nimmermüd attackierend, Breschen sprengend, Erdäpfel- und Paradeiser-Bastionen überrennend?

Und jetzt auch noch das: „Zurückbleiben, bitte!“ Das ist doch typisch für den „österreichischen sprachlichen Minderwertigkeitskomplex“, stand jüngst im „Standard“ zu lesen. Ein Minderwertigkeitskomplex, der sich darin zeige, „in jedem fremd klingenden deutschen Idiom ,Hochdeutsch‘ zu erkennen“ – und dasselbe ohne weitere Prüfung, weil somit sakrosankt, in den eigenen Sprachschatz aufzunehmen. Andererseits: Wie nur wäre jenes Syndrom psychologisch präzise zu bezeichnen, das uns in jeder Sprachspende aus den Gefilden unseres nordwestlichen Nachbarn gleich eine Bedrohung des ganzen heimischen Kulturabendlandes erkennen lässt?

Sicher, „zurückbleiben“ hat etwas Disparates. Und man muss kein semantischer Feingeist sein, um in der Kombination eines Verbs, das Verharren signalisiert, mit einem Partikel, das in eine Richtung weist, ein gewisses Unwohlsein zu empfinden. Bleiben kann man, klösterlich streng genommen, nicht in eine Richtung, will sagen weder nach vorn noch zurück, sondern nur an einem Ort, also hinten oder vorne. Freilich, nicht nur der liebe Gott, auch die Sprache schreibt gar nicht so selten auf krummen Zeilen gerade. Und so hat sie längst etwa dem – klösterlich korrekten – Hinterbliebenen einen – klösterlich disputablen und heute ganz anders gemeinten – Zurückgebliebenen an die Seite gestellt. Ganz zu schweigen von all den anderen „Zurückbleiben“-Belegen, die der „Grimm“ bereithält, von Lichtenberg über Goethe bis Eichendorff.

Halten wir fest: Auch ich habe herzlich gelacht, als mir erstmals eine harsche Stimme aus einem Berliner U-Bahn-Lautsprecher das dortselbst notorische „Zurückbleiben!“ (ohne jedes „Bitte“ übrigens) entgegenknurrte. Auch ich konnte mich fast nicht einkriegen vor Amüsement über die Stadt der sohin samt und sonders irgendwann offenbar Zurückgebliebenen. Auch ich bin nicht erfreut, demselben Unfug nun Tag für Tag in Wien zu begegnen. Aber sprachlich fragwürdig – oder eben auch nicht – ist es hier geradeso wie in Berlin.

Versuchen wir also, bei der Sache zu bleiben. Nein, wir fürchten uns nicht vor einem neuen „Anschluss“ via U-Bahn-Durchsage. Nein, am Heldenplatz stehen noch keine Massen, die „Zurückbleiben, bitte!“ skandieren. Aber ja, liebes „Zurückbleiben“, wir mögen dich nicht. Wir mögen dich nicht, weil wir nicht mehrmals pro Woche zurückgeblieben sein wollen – und weil wir nicht glauben, was ein hochlöblicher Sachverständiger den Wiener Linien weisgemacht hat: dass sich auch nur ein Fahrgast von dir an dem hindern lässt, was er bisher selbstredend getan hat – nach der wie immer textierten Abfertigung zwischen schließenden Türen noch in den U-Bahn-Zug zu hechten. „Zurückbleiben“, wir brauchen dich nicht. Bleib zurück. Genauer: Geh wieder weg. Bitte.


Wolfgang Freitag in: „Die Presse“, „Spectrum“, 16. Oktober 2010