Ferien? Fad!

Lang sind sie schon und manchmal sogar ein bisserl öd: die großen Ferien. Über die Produktivität der Langeweile, Medienmissbrauch gestern und heute – und eine Ausstellung im „Zoom Kindermuseum“.


„Was werdet ihr denn in den großen Ferien so tun?“ Die junge Vermittlerin im „Zoom Kindermuseum“ ist ganz Ambition. Und die Kinderrunde vor ihr nicht minder. Schon purzeln sie heraus, die braven, die richtigen, die eltern- und lehrerkompatiblen Antworten: baden gehen, Ball spielen, Buch lesen, Kinderuni. Wunderbar. Doch ehe die pädagogische Welt allzu heil wird, platzt mein Sohn mit einem trockenen „Fernsehen“ heraus, und der Freund, der ihn begleitet, denkt, hört er von Ferien, nichts weiter als „Langeweile“. Irritiertes Gemurmel unter den begleitenden Erwachsenen. Ein höflich unterdrücktes „Wo gibt’s denn so etwas?“ hängt im Raum samt der nicht geringen Sorge um Seelenheil und Zukunft der zwei offenkundig erzieherisch vernachlässigten Bengel.

Je nun, ich bekenne, selber so ein beklagenswertes Geschöpf zu sein: Fernsehen zählte auch in meiner Kindheit zu den bevorzugten Ferienvergnügungen. Wobei ich zu meiner Verteidigung immerhin anführen kann, meine Adoleszenz in noch ziemlich stieren TV-Tagen zugebracht zu haben: mit nur zwei Kanälen, darauf nur wenige Stunden Sendezeit – da war das zusätzliche Ferienprogramm eine heiß ersehnte Erweiterung meiner Möglichkeiten, endlich einmal ordentlich Medienmissbrauch zu treiben. Und ja, auch die feriale Langeweile ist mir in Erinnerung, besonders aus den jeweils letzten Ferienwochen, die ihre einzige Spannung daraus bezogen, wie schrecklich schnell der Beginn des nächsten Schuljahrs näherrückte.

„Auch Langeweile ist eine Kategorie in den Ferien“, bestätigt mir zum Trost Elisabeth Menasse-Wiesbauer. Ja mehr noch: „Langeweile ist eigentlich etwas Produktives.“ Wenn ich das schon als – sagen wir – Zwölfjähriger gewusst hätte! Frau Menasse-Wiesbauer erläutert: „Erst wenn Kinder zu dem Punkt kommen, an dem ihnen langweilig ist, beginnen sie darüber nachzudenken, was sie tun könnten. Erst dann wird Bewusstsein dafür erzeugt, welche Möglichkeiten sie haben: Ich kann ein Buch lesen, ich kann schwimmen gehen oder vielleicht gar nichts tun.“ Ohne den Moment der Langeweile bleibe man „immer im Vorgegebenen gefangen“. Spätestens da keimt eine Ahnung davon auf, was Nonstop-Fernsehen, Computerspiel in Endlosschleife, was PSP und Gameboy – unter anderem – so attraktiv und so erfolgreich macht: Sie befreien uns (und unseren Nachwuchs) vom Zwang, Alternativen zu suchen und Entscheidungen zu treffen – weil sie einfach immer da und ohne entscheidungsheischendes Ende sind.

Frau Menasse-Wiesbauer ist übrigens Leiterin des „Zoom Kindermuseums“, und ich durchstreife mit ihr die aktuelle Schau des Hauses, eben „Die großen Ferien“ betreffend, Wochen bevor ich mit Fernseh-Sohn und Langeweile-Freund deren Zielgruppentauglichkeit prüfe, mich selbst auf die eineinhalbstündige Reise durch die in der „Zoom“-Halle des Museumsquartiers versammelten Stationen begebe: Flughafen-Check-in und Baumhaus, Zeltlager und Alpinkulisse, Nordseefischen und Eissalon, all das hat hier Platz, und auch ein „Regenraum“ als Repräsentant der witterungsbedingt beschaulicheren Zeiten samt wasserüberströmter Fensterscheibe ist da. „Ich wollte schon lang eine Ausstellung machen über die großen Ferien, weil ich den Eindruck habe, das ist eine Zeit, die ganz zentral die Lebenswelt der Kinder prägt, eine Zeit, die man sehr intensiv in der Erinnerung speichert“, erklärt Elke Krasny, Kuratorin der Schau, die mich und Frau Menasse-Wiesbauer begleitet. Und: „Das setzt sich immer weiter fort: Im Grunde zehren Erwachsene von diesen großen Ferien als einem Imaginationsort ihrer Kindheit.“

Krasny ist es nicht einfach nur um Gegenwärtiges, sondern auch um „Historizität“ getan. Das beginnt bei Hinweisen zur Frage, was denn der geschichtliche Urgrund „großer Ferien“ sei (nämlich die Notwendigkeit des Ernteeinsatzes schulpflichtiger Kinder), und endet bei einem originalen Campingbus aus den 1950ern: „Den haben wir auf Ebay ersteigert und anschließend kindersicher gemacht.“ Was durchaus angebracht ist angesichts der Intensität und Erfindungsenergie, mit denen er jetzt genutzt wird.

Hie das Gestern, da das Heute. Am vielleicht stimmigsten fällt diese Begegnung aus, wo eine kurze Kletterwand unserer Tage ihr räumliches Gegenüber in touristischen Outfits von ehedem findet. Werbesujets für Urlaub am Neusiedler See aus den 1920ern und für das Wiener „Sport-Haus“ der Mizzi Langer-Kauba als Hintergrund für historische Wander- und Bademoden, die zu Rollenspiel und Verkleidung einladen. „Da kann man am eigenen Körper fühlen, wie schwierig es für ein Kind um 1910 gewesen sein muss, einfach nur Seil zu springen“, weiß Krasny. Und so wie ein paar Schritte weiter ein lebensgroßer Hüterbub aus einem Foto an der Wand blickt, finster, streng, als wäre er einigermaßen neidisch auf die Vergnügungen, denen sich die Kinder von heute hier vor seinen Augen hingeben dürfen, wird auch offenbar, was alles durch schiere Sinnlichkeit erreicht werden kann. Elke Krasny: „Wir wollten poetische Raumsituationen erzeugen, die man ganz real und physisch benutzen kann. Und die über etliche Monate aushalten, dass hier getobt und gespielt wird.“

Eine „kommunikative Ausstellung“ sollte es sein, „auf Augenhöhe“ ins Gespräch zu kommen sei – so Krasny – das Ziel gewesen. Und Elisabeth Menasse-Wiesbauer ergänzt: „Diese Ausstellung ist ja mehr oder weniger textfrei, und das entspricht der Art, wie Kinder eine Ausstellung aufnehmen: durch Spielen, Spielen, Spielen. Die Erwachsenen sind dann oft irritiert und suchen eine Bedienungsanleitung. Für die Kinder dagegen ist alles klar.“ Ist es in der Tat. Und wenn einmal eine der Stationen nicht so gut angenommen wird, dann kann’s vielleicht bei der nächsten Gruppe oder morgen schon wieder anders sein. Für den Moment sind ja genug Alternativen da.

Die Langeweile freilich, die doch auch zu den großen Ferien gehört, im „Zoom Kindermuseum“ scheint man auf sie vergessen zu haben. Mein Sohn und sein Freund jedenfalls haben sie eineinhalb Stunden lang nicht finden können.


Wolfgang Freitag, „Die Presse“, „Spectrum“, 2. Juli 2011