Odessa: Weltstadt ohne Welt

Das Meer mit 192 Stufen. Der Bürgermeister ohne Unterleib. Stalin, Harry Potter, Marktwirtschaft. Und ein Denkmal, dem das Denkmal fehlt. Odessa: eine Stippvisite am Schwarzen Meer.

 

Das Meer hat 192 Stufen. Wie ein steinerner Ozean rollt die Potemkinsche Treppe die Geländekante hinunter, die das alte Odessa vom Hafen trennt, Wellen aus Granit, zwischen denen die Menschen bald bis zum Bauch zu versinken scheinen, bald wieder sich aus dem gemauerten Wogen erheben, ehe sie abermals eintauchen, Stiegenabsatz für Stiegenabsatz. Alles eine Frage der Perspektive. Wie sich ja auch der Herzog von Richelieu, der am obersten Treppenende huldvoll hinunter gen Küste weist, den vom Hafen Kommenden einmal als Mann ohne Unterleib, dann wieder körperkomplett präsentiert. 1828 hat ihm, dem ersten Bürgermeister der Metropole am Schwarzen Meer, ein klassizistisch gesinnter Bildhauer das Antike atmende Denkmal geschaffen, da war die ganze Stadt noch keine 40 Jahre alt.

1794. Zarin Katharina II., nachmalig die Große genannt, dekretiert, „einen Marine- und Handelshafen zu gründen“, wo bis dahin einzig eine Handvoll Tatarenhütten nebst einer mittelprächtigen Festung des Osmanischen Reichs von menschlicher Siedlungstätigkeit zeugte. Von beidem ist binnen Kürze nicht mehr viel zu sehen, dafür erheben sich 30 Kilometer nördlich der Dnjestr-Mündung alsbald schmucke Paläste und Adelsresidenzen in den überwiegend sonnigen Himmel des „Neuen Russlands“, wie die ganze Region nun genannt wird, den Osmanen eben erst in fünfjährigem Krieg abgerungen.

Und gleichsam von der ersten Stunde an eignet Odessa jener kosmopolitische Geist, der sich in seinen Boulevards, in seinen Fassaden, in seinen Parks selbst da bis heute erahnen lässt, wo deren Gegenwart nur mehr wie ein ferner Nachhall ihrer Vergangenheit auf uns gekommen ist. Von einem neapolitanischen Generalmajor, Joseph de Ribas, für Russland erobert, von einer Zarin preußischer Herkunft erfunden, nach dem Generalplan eines Niederländers, Franz de Voláns, errichtet, von zugereisten Architekten wie dem gebürtigen Sarden Franz Boffo entworfen, das Ganze unter einem Bürgermeister, den die Flucht vor der Französischen Revolution an die Schwarzmeerküste verschlagen hat: Das ist die nationale Gemengelage, aus der innert weniger Jahrzehnte Urbanität erwächst, als wäre sie immer schon dagewesen.

Das ethnische Tohuwabohu ist keineswegs auf die schmale Schicht der Bessergestellten beschränkt. Besondere Freiheiten im Handel, bei der Besteuerung, im Bildungsbereich, beim Kauf von Grundstücken locken Einwanderer aus halb Europa an: Polen und Rumänen, Griechen und Italiener, Georgier, Deutsche und nicht zuletzt Juden. Was der Stadt alsbald den Nimbus ungekannter Weltoffenheit einträgt.

„Ihre Majestät“, rapportiert freilich schon Herzog von Richelieu warnend nach Sankt Petersburg, „noch nie versammelten sich in einem Land auf einer derartig kleinen Fläche Angehörige so vieler Völker, deren Traditionen, Sprachen, Kleidung, Konfessionen, Sitten und Bräuche sich so sehr voneinander unterscheiden.“ Dass dieses Multikulti made in Russia kein auf immer konfliktentrücktes Paradies sein würde, ahnt bereits er. Es dauert tatsächlich nicht lang bis zu den ersten manifesten Handgreiflichkeiten, und es sind die Juden, die es am häufigsten trifft. Für 1821 ist ein frühes Judenpogrom verbürgt – aber bei diesem und den noch etlichen folgenden habe man im kosmopolitischen Odessa eh viel netter gemetzelt, als aus anderen Regionen des Zarenreichs geläufig, beteuert treuherzig die Reiseliteratur. Auch etwas.

 

„Stalin“, sagt die Verkäuferin am Souvenirstand und lächelt breit, während sie die nächste Schicht der Matrjoschka in ihrer Hand freilegt. Es folgen ein kleinerer „Lenin“ (wieder Lächeln), ein noch kleinerer „Gorbatschow“ (Lächeln, nicht ganz so breit), dann, wieder kleiner, „Jelzin“, schließlich, ganz innen und als Kleinster, „Putin“. Nur der Name des Glatzkopfs zwischen Lenin und Gorbatschow will ihr nicht und nicht in den Sinn kommen, und so helfe ich aus: „Chruschtschow.“ Ach ja, Chruschtschow.

Die Matrjoschkas des Kathedralenplatzes zeigen alles, was die Touristenklientel sehen will, die hier vorbeidefiliert: Stalin und Medwedew zwischen Harry Potter, Schäferhunden, Michael Jackson, Pferden und Elvis Presley. Naturgemäß auch die putzigen Blasegesichter, die den russischen Puppe-in-Puppe-in-Puppe-Puppen einzig angemessen schienen, ehe das westliche Anything goes den Eisernen Vorhang durchschnitt. Aufgemalt wird, was gefällt – und Absatz findet. Es lebe die Marktwirtschaft. Die beschert den Odessiten auch Geschäftsöffnung sieben Tage die Woche, in der Hoffnung, dass irgendwelche anderen Menschen, die nicht gerade in ihren Zweit- und Drittjobs ihr – kärgliches – Auskommen verdienen müssen, Zeit und Geld genug haben, einkaufen zu gehen. An den drei, vier Nobelboulevards cartiert und guccit es, als kämen die Griwna-Scheine ganz von selbst aus den Cash-Maschinen. Die Wirklichkeit hinter den aufgepeppten Ladenfronten erzählt vom Gegenteil: Verkauft wird hier alles, und sei es der eigene Körper. Praktischerweise gehört zum Minibarsortiment gediegener Hotels auch eine erlesene Kollektion von Kondomen: Seriöse Schätzungen vermuten 150.000 HIV-Infizierte unter der einen Million Odessiten. Was Odessa die wenig erfreuliche Zuschreibung „Aids-Hauptstadt Europas“ eingetragen hat.

Vitali ficht das nicht weiter an. 24 Jahre war er alt, da hat er ein sowjetisches Odessa hinter sich gelassen, sein Heil im goldenen US-Westen gesucht. Vor knapp einem Jahr, gut drei Dezennien später, ist er in seine nunmehr ukrainische Heimatstadt zurückgekehrt. Weshalb? Nun, zum einen könne er seinen Lebensunterhalt – mit ein wenig Angespartem als Backup – hier leichter bestreiten als in New York. Und dann sind da ja auch noch die vielen, vielen „pretty girls“ . . .

 

Am Lanscheron-Strand riecht es nach Kalkfarbe und Holzlasur. Ja, irgendwo da draußen, dem Wasser zu, riecht es vielleicht auch ein bisschen nach Meer, und irgendwann in ein paar Wochen wird es hier vor allem nach Grillfleisch und Sonnenöl riechen, aber jetzt gilt es erst einmal, Strandrestaurants und Imbissterrassen für die anstehende Badesaison zu präparieren. Also werden rundum winterlich ergraute Mauern geweißt, Bänke und Tische frisch verschraubt, fehlende Terrassendielen durch neue ersetzt. Der Zauber der Vorvorsaison: Versprechen auf eine Lebendigkeit, die sich jetzt nur im turbulenten Eifer erahnen lässt, mit dem ans Verschönerungswerk gegangen wird.

Eine Viertelstunde den Hang hinan, hinter dem Schewtschenko-Park, der sich zwischen Stadt und Strand schiebt, ist es mit ein bisschen Farbe und ein bisschen Heimwerkereuphorie nicht getan. Ganze Straßenzüge, die darniederliegen, als hätte sich seit ihrer Errichtung vor 100, 150, 200 Jahren nie auch nur eine Hand an sie gelegt. Mauern, Balkone, Hinterhöfe in allen nur erdenklichen Stadien des Verfalls, tragende Teile, die nichts mehr tragen, Baufälligkeit als Normalfall, dem flüchtigen Besucher ein irisierendes Wunderland bröselnder Putti, bröckelnder Kapitelle, verrottender Fensterlaibungen, den Einwohnern Heim und Arbeitsstatt, wie sich keiner sein Heim, seine Arbeitsstatt wünschen kann. Wie eine greise Operndiva liegt sie da, Odessa, die „Perle am Schwarzen Meer“, und träumt von besseren Tagen, die Haut tief in Falten gelegt, noch immer voll Grandezza, noch immer voll der Ahnung einer großen Zeit, der inneren Wahrheit nach jedoch nichts weiter als eine Agenda fürs Pflegespital. Eine Weltstadt, der die Welt abhandengekommen ist, selbstversunken – und nichts, was dort, wo rundum die Janukowitschs und die Putins und die Saakaschwilis die Zeitläufte bestimmen, darauf hoffen ließe, sie könnte diese Welt je wieder für sich gewinnen.

 

Dennoch tanzen sie. Sie tanzen zu Gershwin und Verdi und was immer sonst die junge Kapelle unter dem langmütigen Dirigat eines stoisch taktschlagenden Mittfünfzigers aufspielt, am Wochenende, im Pavillon des Stadtgartens. Sie tanzen bei Regen und bei Sonnenschein, eine Handvoll älterer Odessiten, manche festlich zurechtgemacht; Frauen wiegen sich mit Frauen, der eine Mann bleibt allein, Solist in einem Ballett des Alltags, das viel von Überlebenslust und nichts von Verlust und Niedergang erzählt.

 

Die Blumen auf dem Kulikowo Polje waren eben noch regennass. Sorgsam gereiht liegen sie auf grobem Beton, Tulpen und Nelken, rot allesamt. An der Stelle, die sie bezeichnen, blickte bis 2007 Lenin höchstselbst ernst, aber zuversichtlich von steinernem Sockel in eine Stadt, deren Zuversicht schon damals gerade in Lenins nunmehriger Bedeutungslosigkeit gegründet sein mochte. Wer aber würde seinen Platz einnehmen, hier, in jenem Odessa, das Sergei Eisensteins Jahrhundertfilm „Panzerkreuzer Potemkin“ zum Symbol russischen Revolutionsgeists gemacht hat?

Freilich, wo Eisenstein seine mutig meuternden Matrosen an Land setzte, im Hafen von Odessa, platzen heute aus fettleibigen Kreuzfahrtpötten Hundertschaften von Touristen, ganz Odessa in zwei Stunden, und schon geht’s weiter Richtung Krim. Und wo Eisensteins widersetzliche Odessiten in den Salven einer zaristischen Soldateska den inszenierten Tod fanden, auf der erst Jahrzehnte nach Eisensteins Film so benannten Potemkinschen Treppe, buhlen heute Ansichtskartenverkäufer um Kundschaft, lungert ein träger Leguan in der Sonne, einzige Hoffnung seines Besitzers, eine so seltsame Attraktion könnte Passanten für ein Foto ein paar Griwna wert sein.

Keine zehn Minuten weiter, mitten im Schewtschenko-Park, wartet das alte Tschernomorez-Stadion, mit viel dunklem Fassadenglas ins westlich Stylische geschminkt, auf Fußball-EM-Gäste, die auch ohne Boykott nicht kommen werden: Odessa ist nur „Ausweichort“ der Euro 2012. Macht nichts. Die herrenlose Hunde, die in den Ruinen rund um den zentralen Priwos-Markt ihr schäbiges Schlaraffia gefunden haben, werden es danken, dass ihnen nicht wie andernorts in der Ukraine zwecks Reinemachen für die Westkundschaft noch mehr als sonst nachgestellt wird. Und der Beschaulichkeit abendlicher Spaziergänge den Primorskij Boulevard entlang, hie die frisch gefärbelten Hafenkräne, da eine klassizistische Prachthäuserzeile im Blick, wird die Absenz allzu enflammierter Fußballbegeisterung auch kaum Abbruch tun.

1099 Kilometer bis Wien, kündet ein symbolischer Partnerstadt-Wegweiser nächst dem Rathaus. So fern, so nah. Vor dem gleißend getünchten Opernhaus in seiner Fellner-&-Helmer-Putzigkeit könnte man sich nächst dem Stephansdom meinen. Dort, wo das Gleißen Odessa verlassen hat: auf einem anderen Stern.

 

Wolfgang Freitag, „Die Presse“, „Spectrum“, 5. Mai 2012