NS-Architektur: Wenn die Heimat tümelt

Steile Satteldächer, Bruchsteinsockel, hölzerne Fensterläden und Balkone. Klingt nach alpenländischen Bauernhofformen. Ist aber gar nicht so selten NS-Architektur. Maria Theresia Litschauer und ihr „konzeptkünstlerisches Forschungsprojekt“ zu „Architekturen des Nationalsozialismus“.

 

Richtig gemütlich schaut es aus, das Jagdhaus am Waldrand, hoch droben im nordwestlichsten Waldviertel-Eck, mit seinem Sockel aus Bruchsteinmauerwerk, den grünen Fensterläden, dem aus allen Holzfasern Rustikalität ausdünstenden Balkon. Und dass sich’s da heutzutage Pensionsgäste wohl sein lassen, wer wollte es ihnen bei so viel Heimeligkeit verdenken? Sicher, ein wenig seltsam mutet es schon an, dieses Stück Jodelarchitektur, das sich hier, mitten in der Böhmischen Masse, ungefähr so bodenständig ausnimmt wie eine Mongolenjurte auf dem Wiener Stephansplatz – als sei es aus dem innersten Inneralpin hierhergebeamt worden, ins österreichisch-tschechische Grenzland. Aber sonst?

Die Entstehungsgeschichte des Baus allerdings kündet nicht von allzu viel Gemütlichkeit, und heimelig ist sie schon gar nicht: „Zollaufsichtsstelle Karlstift“ steht auf dem Plan des Reichsneubauamts Wien aus dem Jahr 1938 und „Type 17“ und „Objekt I“ – das, was sich da so schmuck in die Waldviertler Einschicht schmiegt, ist schlicht ein Stück hiesiger Nazi-Architektur, aufgespürt von der in Wien ansässigen Konzeptkünstlerin Maria Theresia Litschauer im Rahmen ihres Forschungsprojekts über „Architekturen des Nationalsozialismus“, genauer über die „Bau- und Planungstätigkeit im Kontext ideologisch fundierter Leitbilder und politischer Zielsetzungen am Beispiel der Region Waldviertel 1938–1945“.

Innerhalb vergleichsweise kurzer Zeit ist es Litschauers bereits zweite Intervention in zeithistorischer Sache, die in ein Buch mündet. 2006 legte sie mit „6/44–5/45“ ein von ihr selbst so genanntes „Topofotografisches Projekt“ über die ungarisch-jüdischen Zwangsarbeiter im Waldviertel vor: ein in seiner nachgerade besessenen Akribie beispielhaftes Stück hiesiger Geschichtserhellung. Nicht weniger akribisch, wie Litschauer in den anschließenden sechs Jahren nationalsozialistischer Bautätigkeit zwischen Eggenburg und Karlstift, zwischen Rottal und Persenbeug nachgespürt hat: in Archiven und Bibliotheken, immer wieder aber auch an Ort und Stelle, auf freiem Forschungsfeld, eine gewichtige Kameraausrüstung stets bei sich führend, mit der sie dokumentierte, was von den Jahren nach dem „Anschluss“ bausubstanziell geblieben – und wie es geblieben ist.

Nicht die weithin bekannten Gefilde megalomaner Repräsentationsvorhaben sind es, um die es Litschauer getan ist; ihr Fokus liegt auf dem architektonischen Nazi-Alltag, einfache Zweckbauten, Wehrmachtssiedlungen, Wohnhäuser aller Art rückt sie ins Bild – und damit ins Bewusstsein jener, die sie heute nutzen. „Verglichen mit der zentralen und vielschichtigen Auseinandersetzung mit dem nationalsozialistischen Erbe in der Literatur, kam der Diskurs über NS-Bauten spät in Gang und ist in Österreich vielfach ausständig“, hält Litschauer im Geleitwort fest. „Wurden die kenntlichen Werke der bildenden Kunst eilig und großteils beseitigt, blieben die gebauten Zeugnisse des ,Dritten Reichs‘ vielfach unbeachtet und nicht zuletzt aufgrund baulicher Kontinuität, zum Klischee typischer 1950er-Jahre-Bauten verfestigt, unerkannt.“

Dass von einem einheitlichen Nazi-Baustil keine Rede sein kann, macht die Sache nicht einfacher. Wolfgang Pehnt spricht in seiner voluminösen Auseinandersetzung mit der „Deutschen Architektur seit 1900“ von einem „nach Bauaufgaben sortierten Eklektizismus“: Großbauten von Staat und Partei hätten einem „ausgemagerten Neuklassizismus“ entsprochen, beim Industriebau sei „technikbewusster Funktionalismus“ erwünscht gewesen. Heime der Hitlerjugend wiederum „nahmen regionale Elemente auf, setzten regionale Baustoffe ein“. So auch die Wohnbauten, die Litschauer aufgespürt hat. Litschauer nennt das „eine wahllos heimattümelnde Formensprache“: steile Satteldächer, Bruchsteinsockel, hölzerne Fensterläden, auch dort „an traditionell alpenländischen Bauernhofformen“ orientiert, wo von Alpenland sonst nichts zu sehen ist. Aber was kümmert das schon einen Heimatschützer, dessen Heimat „von der Maas bis an die Memel, von der Etsch bis an den Belt“ reicht.

Die 23 Wohnbauten für Angehörige des Zollgrenzschutzes, von denen jenes Karlstifter „Jagdhaus“ eines ist, hat Litschauer genauso aufgesucht wie die Anlagen der Landwirtschaftlichen KartoffelverwertungsAG in Gmünd oder die Siedlungen für Wehrmachtsoffiziere in Allentsteig, hat nicht nur deren Status quo, sondern auch Pläne und Baugeschichte erhoben, aufgezeichnet, dokumentiert. Und dort und da noch ein bezeichnendes Stück Lokalhistorie dazu: etwa die Vertreibung der Allentsteiger Kaufmannsfamilie Kurz, deren Kaufhaus nach dem „Anschluss“ durch „Schikanen und Beschlagnahmung von Waren“ in den Konkurs getrieben wurde, auf dass sich die örtliche Sparkasse die zentral gelegene Liegenschaft unter den Nagel reißen konnte. Übrigens: Die zeitgleich „arisierte“ Kurzsche Sammlung von Kunstgegenständen war nie Gegenstand eines Rückstellungsverfahrens. Dass Litschauer in antiken Aufsatzuhren, „die heute in den Büroräumen des Gemeindeamts auf Ablagen zwischen Kanzleiordnern herumstehen“, ganz „ohne Zweifel Stücke der Sammlung Kurz“ erkannt zu haben meint, passt da gut ins Bild.

Eines jedenfalls ist gewiss: Geschichte hat kein Ende. Wir leben in und mit ihr. Wohin wir gehen, weiß niemand. Woher wir kommen, sollte jeder wissen.

 

Wolfgang Freitag, „Die Presse“, „Spectrum“, 20. Oktober 2012