Wenn die richtig Guten gut sind

Michael Häupl, Christian Konrad und das „Wiener Bezirksblatt“ oder: „Essen für die Gruft“.

 

Es gibt sie noch, die guten Menschen. Die richtig guten, die, die wirklich und wahrhaftig Gutes tun. Nicht diese Gutmenschen, die Moralkeulenschwinger, die mit ihrer grauslichen Gutmenschenhaftigkeit noch dem Bestmeinenden die Laune verderben. Nein, die guten Menschen, die richtig guten, die brauchen niemanden, der sie mit ihrer kalten Strenge um die Wärme der Gemütlichkeit bringt; die guten Menschen, die richtig guten, die brauchen nämlich keine Moralisierer, die brauchen nicht einmal eine Moral, denn sie haben Werte. Die richtigen, die guten, die richtig guten Werte. Die abendländischen. Die christlichen. Die abendländisch-christlichen. Oder auch umgekehrt.

Wo aber findet man sie, die richtig guten Menschen mit ihren richtig guten Werten? Nichts leichter als das. In Wien kommen sie dieser Tage gratis ins Haus, im „Wiener Bezirksblatt“, auf Seite zehn und Seite elf. Da schauen sie uns entgegen, der gute Bürgermeister und der gute Ex-Raiffeisengeneral, Michael Häupl und Christian Konrad, als „Schirmherren“ der Aktion „Essen für die Gruft“, eines „Charity-Events“ für das gleichnamige Obdachlosenzentrum der Wiener Caritas.

Wie gut es tut, so richtig gut zu sein, hier fühlt man es aus jeder Zeile. Der gute Bürgermeister setzt in größter Selbstverständlichkeit, als wollt er gleich die ganze Welt umarmen, zum fundamental-humanitären Bekenntnis an: „Ja, wir haben eine gesellschaftliche Aufgabe.“ Der gute Ex-Raiffeisengeneral wiederum berichtet „Wiener-Bezirksblatt“-öffentlich, wie streng diskret und quasi undercover sein erster „Gruft“-Besuch vonstatten ging, man sollt’s nicht glauben, „ohne Kamera und ohne Mikrofon“! Ja ist denn das die Möglichkeit?

Gemeinsam signalisieren die beiden Guten schon allein kraft ihrer Statur, wie viel Gutes da quantitativ geschehen kann, wenn am 27. April „zugunsten von Obdachlosen“ geschmaust wird im Alsergrund und in Margareten, in der Josefstadt und in Rudolfsheim-Fünfhaus, in Währing und im fernsten Floridsdorf. Geschmaust für die gute Sache, die richtig gute, denn allüberall in der guten Bundeshauptstadt haben sich gute Cafetiers und gute Restaurateure, gute Pizzeriasten und gute Trendbeislisten bereit erklärt, an diesem denkwürdigen Frühlingssamstag „ihren Umsatz für die Gruft“ zu spenden. So steht’s zumindest gedruckt zu lesen.

Je nun, „Umsatz“ ist ein großes Wort, und damit hat’s hier seine eigene Bewandtnis. Auf der Website der „Wiener-Bezirksblatt“-Aktion (www.essenfuerdiegruft.at) erfährt man nämlich: Dem guten Gastronomen genügt es schon, den Umsatz eines einzigen Tisches freizugeben, um als edler Spender dazustehen.

Und weil im Leben nichts umsonst ist, nicht einmal das Spendieren, darf sich die wirtshäuslerische Wohltäterschaft im Gegenzug über entsprechende Publicity freuen, gratis Plakate und gratis Tischaufsteller selbstredend inklusive. Großmut als Geschäft auf Gegenseitigkeit.

„Gutes tun mit Genuss“ hat man denn auch als Devise ausgegeben. Und ist es nicht tatsächlich wunderbar zu wissen, dass karitativer Opfersinn so richtig und so wirklich und so aus ganzem goldenem Wienerherzen Spaß machen kann? Was bringt’s denn, wenn wir über den Übeln dieser Welt in Gram und Mitleid zerfließen? Lernen wir endlich, Elend als Chance zu begreifen: das Elend der anderen als Chance für den eigenen Lustgewinn. Es sind nicht die Sauertöpfe, aus denen Schlaraffias Honig, Milch und Grießbrei fließen – und geht es denn der Welt besser, wenn es uns selber schlechter geht?

So wollen wir also richtig reinhauen an diesem 27. April, in die Stelzen und in die Schweinsbrateln, in die Backhenderln und in die Kalbsniernderln, in die Sachertorten und in die Cremeschnitten, wir wollen Austern schlürfen und Kaviar löffeln und Champagner trinken auf Menschenliebe komm raus. Was uns wohltut, das ist doch sicher wohlgetan. Und der gute Zweck heiligt bekanntlich jedes Mittel.

Lasset uns essen für die Hungrigen, saufen für die Durstigen, reich sein für die Armen – es ist ja schließlich stets zu ihrem Besten.

 

Wolfgang Freitag, „Die Presse“, „Spectrum“, 20. April 2013