Georg Schmiedleitner: Heimat ist unterwegs

Vom Kellertheater in der Linzer Voest-Arbeitersiedlung kreuz und quer durch die Theaterwelt bis zu den „Letzten Tagen der Menschheit“ in Salzburg und demnächst an der Burg. Auf freier Wildbahn: der Regisseur Georg Schmiedleitner im Gespräch.

Georg Schmiedleitner, Sie haben als Einspringer für Matthias Hartmann bei den Salzburger Festspielen Kraus’ „Letzte Tage der Menschheit“ inszeniert, ab 5. September nun auch am koproduzierenden Burgtheater zu sehen. Sie haben dabei etwas getan, was so nicht mehr allzu häufig vorkommt: Sie haben das von Hartmann gewählte Leading Team einfach übernommen, während man als Regisseur von Theaterwelt heutzutage doch mit einem ganzen Tross von Mitarbeitern umherreist. Warum?

Ich hab da keine Ängste. Wenn die Chemie stimmt, bin ich sehr schnell. Ich muss nicht immer ein Team mit mir mitschleppen, ich kann auch selbstbewusst wohin gehen und sagen: Kommt, das starten wir neu, mit Freude, mit Energie, mit einem gewissen Risiko, mit dem Wahnsinn im Kopf.

Wenn man sich die Resonanz auf Ihre Regiearbeiten durchliest, dann findet man ein durchgängiges Muster: Was auch immer im Detail kritisiert werden mag, das Ding auf der Bühne funktioniert grundsätzlich.

Ja, ich würde mich als verlässlichen Regisseur bezeichnen mit dem Drang, ein guter Finalist zu sein. Es gab keine Produktion, die gescheitert ist, weil ich letztlich immer drauf schaue, dass die Schauspieler gut davonkommen. Ich bin ein Regisseur, der immer die Pragmatik im Hinterkopf hat, ich hab selbst ein Haus geleitet, ich war selbst verantwortlich für viele Produktionen, der Vorhang musste aufgehen, und das musste etwas einspielen. Meine Verantwortung konnte ich in vielen Fällen nicht an ein Budget oder an einen Subventionsträger delegieren, ich hab vieles mit meinem eigenen Kapital verantwortet. Und das macht’s schon konkreter.

Wie sind Sie überhaupt zum Theater gekommen?

Ich hab Germanistik studiert und Geschichte, hab sogar ein paar Jahre unterrichtet und dann eben Leute kennengelernt, die Theater machen wollten.

Es gibt keine elterliche Vorbelastung.

Nein, das war der Grund, weshalb ich zu feig war, ans Reinhardt-Seminar zu gehen. Ich wusste aber, das ist ein Talent von mir. Dass ich Leute gefunden hab, die dasselbe von sich dachten, das war meine Rettung. Wir haben gesagt: Wir gründen ein Theater, wir sind so verrückt und tun das, auch wenn wir das eigentlich gar nicht können.

Wie hat dieses Theater ausgeschaut?

Das war die Spielstatt Junge Bühne, ein Kellertheater am Stadtrand von Linz, wo wir eigentlich sehr avantgardistisch und mutig waren. Wir haben Fassbinder gespielt, Turrini, Jelinek, selbst geschriebene Stücke, wir haben improvisiert, entwickelt, Crossovergeschichten, all das, was heute auch wieder sehr angesagt ist – und Premiere war dann, wenn’s fertig war. Wir waren schnell sehr auffällig, haben sehr schnell gute Presse gehabt.

In welchem gesellschaftlichen Umfeld haben Sie damals gespielt?

Das war eine Voest-Arbeitersiedlung, neben uns waren die Kabinen von Fußballern, wenn wir geprobt haben, sind dauernd die Fußballer hin und her gegangen. In der Kantine sind wir auch mit den Fußballern gemeinsam gesessen; wir haben Fassbinder geprobt, und die anderen sind zum Training gegangen. Die Fußballer haben auch oft bei Proben zugeschaut und haben das toll gefunden; dann haben wir einmal ein Auto auf die Bühne gestellt, da haben sie mitgeholfen. Wir haben in den Voest-Blocks Theater gespielt, wir haben Theater im öffentlichen Raum gespielt, wir haben auf dem Hauptplatz Aktionen gemacht. Und dann haben wir das Phönix, ein leerstehendes Kino, okkupiert, das war eigentlich völlig verrückt. Wir haben einen Sparkassenfilialleiter gefragt, ob er uns sieben Millionen Schilling borgt. Der hat gefragt: Wofür sieben Millionen? Haben wir geantwortet: Wir wollen ein Theater kaufen. Und der hat gesagt: Okay, das mach ich. Und wir hatten zu sechst sieben Millionen Schilling Schulden.

Die heimische Alternativtheaterszene ist ja in der Regel eine mit Pensionsberechtigung: Aus peripheren und prekären Anfängen kommend, erkämpft man sich einen halbwegs angemessenen Spielort, in dem man üblicherweise bis zum Erreichen des Rentenalters bleibt und sich ja nur nicht mehr wegbewegt. Bei Ihnen war das zunächst ähnlich: Die Spielstatt Junge Bühne sucht und findet im Theater Phönix einen zentraler gelegenen, attraktiveren Aufführungsort, den man mit eigenem Herzblut aufbaut. Sie aber haben sich schon recht früh aus diesem sicheren Hort verabschiedet – und haben sich auf die freie Wildbahn einer unabhängigen Regisseurkarriere gewagt. Warum?

Nach sieben Jahren hab ich aufgehört, weil ich wusste, das kann’s nicht gewesen sein. Wenn ich zu lang wo bin, langweile ich mich selber. Ich muss einen Aufbruch starten nach einer längeren Phase, meistens sind das so sieben, acht Jahre, nach denen ich mir denke: Jetzt muss ich weg, mich auf eine neue Sache einlassen, das brauch ich für meine persönliche Entwicklung. Ich hatte damals nichts außer eine Anfrage vom Theater der Jugend in Wien, dann kam eine Anfrage vom Schauspielhaus Graz dazu. Ich hab den Mut gehabt, ins kalte Wasser zu springen. Ich hab’s getan, weil ich mir sonst den Vorwurf gemacht hätte, es nicht getan zu haben. Aber ich bin im Rückblick manchmal selber überrascht, welchen Mut ich hatte. Ich musste eine Familie ernähren. Zwei Kinder.

Was hat Ihre Frau dazu gesagt?

Sie hat mich immer gelassen. Inzwischen sind wir nicht mehr beisammen, aber ich hatte in ihr eine großartige Förderin, die das große Vertrauen hatte: Es wird schon stimmen.

Wie weit war der Sprung von der Arbeit im Alternativbereich zur Arbeit in Apparaten, die nicht gerade für ihre Flexibilität, dafür für die strikte Einhaltung der Arbeitszeitgesetze bekannt sind?

Das war am Anfang ein Schock. Ich wusste ja gar nicht, was eine Bauprobe ist, ich wusste auch nicht, was eine Hauptprobe ist. Ich musste plötzlich mit vier oder fünf Stunden Beleuchtungszeit auskommen. Ich musste Pausen einhalten. Ich habe wirklich eine Zeit lang gebraucht, bis ich auch die Theaterbegriffe gelernt hab. All das hat mir nur komischerweise in der Beschränkung auch gefallen. Die rein zeitliche Beschränkung und die Ressourcenbeschränkung, das war für mich eine Wohltat, ich bin freier geworden, ich bin effizienter geworden. Dieses Ohne-Grenzen-Arbeiten ist ja auch oft eine Lüge, man lügt sich selber an, weil man nie fertig machen will. Von dieser Notwendigkeit der Konzentration hab ich persönlich profitiert. Drum war dieser Wechsel anfänglich ein Schock, aber dann eine Wohltat.

Gibt es noch Kontakte zum Phönix?

Ja, aber es ergibt sich schon allein aus meiner Arbeitssituation, dass ich selten da bin, sehr beschränkt auf ab und zu.

Wo liegt Ihre Heimat?

Meine Heimat ist immer mit konkreten Dingen verbunden gewesen. Entweder mit dem Theater, mit der Familie. Jetzt ist Heimat, dass ich viel umherfahre, von Theater zu Theater. Ich empfinde es gerade sehr wohltuend, dass man unterwegs sein kann. Ich halt’s ja auch nicht allzu lang an einem Ort aus.

Also Heimat ja, aber nicht bodenständig.

Bodenständig – ich weiß nicht, ob ich das Wort verwenden soll, aber ich fühl mich sehr geerdet. Meine väterlichen Wurzeln liegen im Innviertel, einer sehr erdigen Region. Linz selber ist eine offene Industriestadt, notgedrungen offen, auch da hab ich eine Heimat gefunden in einer sehr unprätentiösen Art, in einer sehr direkten Art, vergleichbar mit Nordrhein-Westfalen, wo die Menschen sehr geradlinig sind. Diese Mischung aus städtischer Industrie und ländlichen Wurzeln hat mich geprägt. Wir sind unaufgeregter als vielleicht die Wiener, wir sind auf der anderen Seite viel schmuckloser als die Wiener. Das Hintenherum, das Nicht-genauso-meinen-wie-man-es-Sagt fällt mir immer schwer. Dieser etwas poetische Umgang mit der Wahrheit, der etwas theatrale Umgang mit Wirklichkeit. Unter Wienern, den Schmäh hab ich nicht. Den werd ich auch nie lernen.

Wie viel Theater braucht Georg Schmiedleitner in seinem Leben?

Sehr viel. Meine Gefühle, meine Lust, meine Freude, meine Stimmung stehen und fallen mit der Theaterarbeit. Ich bin aber eher dort mit Lust dabei, wo ich probe. Der Probenraum, nicht so sehr die Aufführung, das persönliche Arbeiten mit den Menschen, mit den Schauspielern, ganz egal wie, fast ein bildhauerischer Prozess, ein künstlerischer Formprozess. Andererseits geben die Schauspieler mir auch wahnsinnig viel Energie. Und diesen Prozess brauch ich für mein Leben. Ich empfinde mich allerdings nicht als Workaholic. Ich erlebe da viele Freiheiten, ich erlebe da viel Entspannung, ich habe das Leben zu einem guten Teil durch das Theater kennengelernt. Es ist einer der schönsten Berufe, wir können dauernd über wichtige Fragen reden, ich kann mich auspowern, ich hab die Möglichkeit, auch einmal zu schreien, auch einmal zu toben, mich auszuleben, meine Energie loszuwerden. Und solange es so läuft, wie es jetzt läuft, ist das beglückend.

Schauen Sie sich Ihre Produktionen nach der Premiere noch einmal an?

Sehr gewissenhaft sogar. Ich bin einer, der mindestens noch zweimal auftaucht. Ich bin auch froh darüber, dass meine Produktionen relativ gut halten. Da merk ich, dass ich Schauspielern zwar viel Freiheit gebe, aber eine straffe Struktur voraussetze. Meine Karriere verläuft ein bisschen andersrum: Die ganz großen Aufgaben kommen jetzt, in einem etwas reiferen Alter. Ich bin nie ein Shootingstar gewesen. Und das ist vielleicht auch gut so. Vielleicht hab ich deshalb die Fähigkeit, einen langen Atem zu haben.

Auf den Geniekünstler jedenfalls fehlt Ihnen der weiße Schal.

Der kommt ganz sicher nie. Ich möchte nie einer dieser von früher schwärmenden Theatermenschen sein. Wenn ich von früher erzähle, dann auch, um es loszuwerden. Ich lebe im Augenblick und freue mich auf die neuen Sachen. Auch auf die neuen Entdeckungen in mir. Ich hab immer noch das Gefühl, ich muss mich neu erfinden. Ich hab noch nicht das Gefühl, mich auf meinen alten Regieerkenntnissen ausruhen zu können. Ich bin nach wie vor ein Neugieriger, der hoffentlich nie altersweise wird. Das vertrag ich gar nicht. Es gibt so viel Neues, so viele neue Mittel, neue Ideen, dass ich eigentlich nur nach vorne schau.

Sie inszenieren in Deutschland kreuz und quer durchs ganze Land, Sie haben in Wien auch schon alle Großtheaterstationen, Josefstadt, Volkstheater, Burgtheater, absolviert. Die Leitung des Burgtheaters ist vakant. Kein Interesse?

Das ist gar kein Thema für mich.

Warum?

Man muss wissen, wo die eigenen Grenzen sind. Mein Lebensgrundsatz war immer: Mache nie etwas, was du nicht wirklich sein kannst. Man spürt das im Bauch, dass man das nicht wirklich ist. Ich kann verrückte Dinge übernehmen, so wie die „Letzten Tage der Menschheit“, Dinge, bei denen ich spüre: Das kann ich schaffen. Man kann auch scheitern, das ist kein Problem. Aber wenn ich etwas ansteuere, was ich gar nicht bin, das wäre für mich gefährlich – und für die Sache auch. Ich hab mich als Volkstheaterdirektor beworben, das wäre etwas gewesen, was mich interessiert hätte, ich bin auch nur knapp gescheitert. Alles andere steht für mich nicht zur Diskussion. Da bin ich viel, viel besser am Regietisch aufgehoben als am Management-Tisch.

 

Wolfgang Freitag, „Die Presse“, „Spectrum“, 30. August 2014