PewDiePie: So viele Uuuuuhs für 30 Millionen

Die gute Nachricht für alle, die um ihren Nachwuchs bangen: Computerspielen kann die Gesundheit gefährden, muss es aber nicht. Die schlechte Nachricht für alle Kids: Milliarden spielen, aber nur einer mit so viel Zuspruch wie PewDiePie. Der erfolgreichste YouTuber der Welt: Hinweise zu einem Phänomen.

Dreißig Millionen Abonnenten. Um genau zu sein: 30.921.755. In diesem Augenblick. Und bis ich am Ende dieses Texts das Schlusszeichen setzen kann, werden es schon wieder etliche mehr geworden sein. Die Rede ist von PewDiePie, dem erfolgreichsten YouTuber der Gegenwart, und dass er das Videoportal von Google erst seit 2010 beliefert, ist nicht einmal das Erstaunlichste an seiner Laufbahn. Das Erstaunlichste nämlich ist, womit er seine 30 Millionen Abonnenten, mehr als sechs Milliarden Aufrufe (kein Irrtum: 6.147.062.915 gerade eben) samt einem geschätzten Jahreseinkommen von mindestens drei Millionen Euro generiert: damit, dass er ziemlich sehr regelmäßig Computerspiele spielt.

Felix Arvid Ulf Kjellberg, so PewDiePies gutbürgerlicher Name, ist der Alptraum aller um das Seelenheil und das berufliche Fortkommen ihrer computerverrückten Sprösslinge besorgten Eltern. Geboren 1989 im schwedischen Göteborg, steuerte er gängigen Vorstellungen nach stracks die steil nach unten führende Karriereleiter einer verkrachten Existenz an, als er sein Studium hinschmiss, sich als Hot-Dog-Verkäufer verdingte und alle Zeit, die er irgendwie erübrigen konnte, vor dem PC verbrachte. Und wenn man sich seine bis heute anhaltende Vorliebe für Horrorspiele aller Art vor Augen hält, werden es auch damals nicht gerade Solitär und Mahjongg gewesen sein, womit er sich vergnügte.

Was solches Verhalten unvermeidlich zur Folge hat, erzählen uns einschlägige Experten des Öfteren mit tief besorgter Miene: Vereinsamung, Realitätsverlust, will sagen soziale Auffälligkeit jedweder Art, Gewalttätigkeit inklusive; und wenn aus dem jungen Herrn Kjellberg ein Amokläufer geworden wäre, hätten es viele wieder einmal immer schon gewusst gehabt.

Je nun, der (noch immer) junge Herr Kjellberg ist mittlerweile 15 Euro-Millionen schwer und wird von „Welt“ bis „Wall Street Journal“ wie ein Wundertier bestaunt. Und zugegeben: Warum das, was er tut, gar so viel Aufmerksamkeit findet, ist auch mir einigermaßen unergründlich. Was freilich möglicherweise mehr mit mir als mit ihm und dem, was er tut, zu tun hat. Die Parallelgesellschaften nämlich, von denen dieser Tage viel die Rede ist, die trennen keineswegs nur soziale Schichten oder Eingeborene und Zuagraste aller Damen und Herren Länder, die finden sich auch in unserem Heim: hie Wohn-, da Kinderzimmer. Das ist im Grunde keine Neuigkeit. Dass die Alten über die Jungen und ihr Treiben den Kopf schütteln, gehört zu den besteingeführten Klischees sozialer Dispute, und wer ohne Aufsatz zum Thema „Generationenkonflikt“ seine Schulzeit verbracht haben will, kann nicht oft dort gewesen sein.

Zu den so gut wie unverrückbaren Ausgangspunkten entsprechender Debatten gehört es auch, dass den Alten das, was die Jungen begeistert, fremd und unheimlich und also Schmutz und Schund ist, und wenn wir kraft guten Gedächtnisses Revue passieren lassen, was alles, sagen wir, vor 50 Jahren die damals heranwachsende Jugend, also beispielsweise mich, auf alle Zeit und Ewigkeit verdorben hat, die Beatles etwa, Aufklärungsfilme, lange Haare, dann könnten wir eigentlich heute mit der Einschätzung dessen, was so in unseren Kinder- und Jugendzimmern passiert, durchaus gelassener sein.

Mein ganz privater Guide in die scheinbaren Untiefen heutiger Jugendkultur hört auf den Namen Leander, wächst seit 15 Jahren neben mir heran und versorgt mich schon länger mit Einblicken in eine Internetszene, die mir sonst ganz ohne Zweifel unbekannt bliebe. Dazu gehört nicht zuletzt die Szene der Let’s Player, der er besonders viel Aufmerksamkeit schenkt: Gamer, die, was und wie sie spielen, aufzeichnen und anschließend – vorwiegend via YouTube – verbreiten.

Man könnte sagen, meinetwegen, das ist jedermanns und jederfraus gutes Recht, aber was soll jemanden veranlassen, dieses Was-und-wie-sie-Spielen anzuschaun? Ich bekenne: Dazu fehlt mir eine plausible Theorie, falls es denn eine solche überhaupt schon gibt, ist doch das Phänomen Let’s Play gerade einmal sieben Jahre alt. Fakt ist, dass auch Schach und Kartenspiel von alters her die Funktion des Kiebitzes kennen, der das Spiel anderer beobachtet (und oft – nicht immer erwünschtermaßen – kommentiert). Fakt ist auch, dass die Let’s Player weit mehrheitlich längst nicht mehr nur ihre Spiele spielen, sondern mit mehr oder minder unterhaltsamen Anmerkungen unterlegen: gleichsam als Kiebitz ihrer selbst.

Und wenn es darum ginge, unter all den Let’s Playern, die YouTube mittlerweile schon einen erklecklichen Teil an Videoaufrufen verschaffen, den flippigsten zu küren, dann müsste die Wahl unstreitig auf Herrn Kjellberg alias PewDiePie fallen. So hektisch kann ein Spiel gar nicht sein, dass es durch sein stets klein in den Bildschirm gerücktes, wild grimassierendes Gesicht, seine Uuuuuhs und Aaaaahs und Ooooohs nicht noch dynamisiert würde. PewDiePie ist der Comedian unter den Let’s Playern, eher Entertainer denn Hardcore-Gamer. Und was er zwischen den vielen What-the-Fucks und Oh-my-Gods an Witz und Ironie liefert, weist durchaus nach, dass er für die wirkliche Welt trotz so gut wie permanenten Spielens keineswegs verloren ist: dass er noch immer den Unterschied zwischen sich selbst und seiner Rolle auf dem Bildschirm kennt und weiß, was Spiel ist – und was nicht.

Kein Wunder, dass sich Spielehersteller darum reißen, von PewDiePie durch die Let’s-Player-Mangel gedreht zu werden. Denn selbst wenn sein Urteil so vernichtend ausfällt wie im Fall der Spiele-App „Flappy Bird“, die er Anfang des Jahres mit dem ausdrücklichen Zusatz beehrte „Don’t play this game!“, wollen Millionen Abonnenten anschließend wissen, warum sie dieses Spiel nicht spielen sollen. Ausschlaggebend für den Erfolg der Videos sei nicht die Qualität der Produktion, hält das „Wall Street Journal“ fest und zitiert den eher pressescheuen Schweden mit derzeitigem Wohnsitz London: „Anders als bei vielen professionell produzierten Shows denke ich, dass ich einen viel engeren Kontakt mit meinen Zuschauern hergestellt habe. Ich durchbreche die Wand zwischen dem Zuschauer und dem, was hinter dem Bildschirm abgeht.“ Was selbst die strengeren unter den Computerspielskeptikern vielleicht beruhigen mag.

Die gute Nachricht für alle, die um ihren spielwütigen Nachwuchs bangen: Spielwut kann die Gesundheit gefährden, muss es aber nicht. Die schlechte Nachricht für alle spielwütigen Kids: Milliarden spielen, aber nur einer mit so viel Erfolg wie PewDiePie. Und abschließend der in dieser Sekunde aktuelle Abonnentenstand: 30.925.686.

 

Wolfgang Freitag, „Die Presse“, „Spectrum“, 27. September 2014