Es ist heut so, weil’s gestern so gewesen

Vom Weggehen, vom Ankommen, vom Bleiben erzählt ein Projekt in Graz-Liebenau: „Hello and Goodbye“ – was die Vergangenheit eines Nazi-Lagers mit unser aller Flüchtlingsgegenwart verbindet.

Dieser Strich, neongelb, auf den Boden gesprüht. Weder Drinnen noch Draußen kennt er, passiert Wände und Türen, als wären sie gar nicht da. Waren sie auch nicht, damals, als das, was der Strich heute markiert, noch im Gelände ablesbar war. Einfach so. Ohne dass es Farbe gebraucht hätte. Der neongelbe Strich nämlich, einen Kreis beschreibend, heute teils im Inneren, teils im Äußeren einer mittlerweile aufgelassenen Drogeriemarktfiliale, folgt dem Rand eines Bombentrichters, wie es sie hier, in Liebenau, zu Dutzenden gab. Genauer in jenem Teil des siebenten Grazer Bezirks, der unter dem Namen Lager V in eine Handvoll Fachpublikationen, freilich nicht ins allgemeine Bewusstsein eingegangen ist.

„Dieser Bombentrichter ist auf einem Luftbild der alliierten Luftstreitkräfte vom 25. Februar 1945 ersichtlich“, erläutert Rainer Possert in einem kurzen, an einer Wand affichierten Text. „Einen Monat später ist derselbe Trichter auf einem weiteren Luftbild (wie andere Bombentrichter auch) als ,verfüllt‘ – also zugeschüttet – erkennbar.“ Verfüllt womit? Auch da hat Possert so seine Vorstellungen: „Es war üblich, Mordopfer in Bombentrichtern verschwinden zu lassen.“ Opfer jenes mörderischen Wahnsinns, der gegen Ende des Zweiten Weltkriegs auch Zigtausende ungarische Juden als Arbeitssklaven zuerst in hiesige Lager, schließlich jene, die bis dahin überlebt hatten, auf „Todesmärschen“ Richtung Mauthausen trieb.

Rainer Possert ist kein Historiker, Rainer Possert ist Arzt, und sein Verständnis von Gesundheitsförderung beschränkt sich nicht auf das unmittelbar Medizinische, bezieht auch die Aufarbeitung der Vergangenheit jenes Gebietes ein, in dem er mit seinem Sozialmedizinischen Zentrum Liebenau seit Jahrzehnten tätig ist. Dieser Tage ist es ein Projekt des Kunstlabors Graz, das seinen Bemühungen eine Plattform bietet: „Hello and Goodbye“, eine europaweite Nachforschung in Sachen Kommen, Gehen, Bleiben.

Auf Terschelling hat alles begonnen. Auf der westfriesischen Insel, den Niederlanden zuzuzählen, eröffnet das Kunstlabor im Juni 2013 eine „Agency for Travel Stories“. „Mit welchen Wünschen kommt ihr auf die Insel?“, werden die Gäste des örtlichen Oerol-Festivals gefragt. Es folgen Kosice, östliche Slowakei, und Marseille, Südfrankreich; hier der zischende Melting Pot am Rand des slowakischen Erzgebirges, da die vibrierende Migrantenszene einer Hafenstadt am Mittelmeer. Immer treibt die Kunstlaboranten die Frage nach dem Warum des Woher und Wohin um, sei es erzwungen, sei es freiwillig auf sich genommen. Und die Frage danach, worin sie sich selbst als jeweils „Teilzeitfremde“ in den Geschichten der Menschen wiederfinden: mit ihren eigenen Erinnerungen und Erfahrungen, mit ihren Erwartungen und deren beständig zu erwartender Enttäuschung. Es ist eine Reise zu den innersten Wahrheiten des Reisens, zu den innersten Wahrheiten des Aufbrechens und des Ankommens, die so viele sind, wie es Menschen gibt, die je aufbrachen, um anzukommen, sei es aus freien Stücken, sei es notgedrungen, getrieben oder vertrieben, Voyageur, Migrant oder Flüchtling.

Und jetzt Graz-Liebenau. An den Auslagenscheiben der seit Jahren leer stehenden Drogeriemarktfiliale, die den Kunstlaboranten für „Hello and Goodbye“ als Anlaufstelle dient, Seiten aus den Reisetagebüchern einer Anwohnerin. Akribisch dokumentiert und liebevoll illustriert, Bethlehem, die Nordlandfahrt, Dresden und der Botanische Garten von Madeira: „Im Restaurante ,Churchill‘ einen guten Kaffee getrunken und eine Biskuitroulade (Schoko, mit Creme und Karamell) gegessen mit Ausblick auf den Hafen und Teil der Stadt. Wäsche an der Hausmauer.“ Ganz anders die Begegnungen mit dem Fernen, dem anderen, wie sie sich an den Wänden im Inneren reflektiert finden: in Sätzen, Zitaten, Gesprächsfetzen, gesammelt auf der bisherigen „Hello-and-Goodbye“-Fahrt: „Er hat mich als Mitglied der Crew mitgenommen, und so bin ich nicht kontrolliert worden.“ – „Man muss hier in der Fremde auf sich selbst zählen. Nicht auf jemanden anderen.“ – „Die Erinnerungen kommen mit der Zeit, die vergeht, und die Zeit, die vergeht, verändert diese Erinnerungen.“

Ja, die Erinnerungen. Auch das Gebiet rundum hat auf seine, eine ganz andere Weise eine lange Reise hinter sich: eine Reise der Transformation vom Lager V der Nationalsozialisten zum einfachen, immerhin ruhigen Wohnquartier der Gegenwart, geduckte Reihenhäuser, schlichte Baracken. Es ist eine Reise in die Gedächtnislosigkeit, in die Auslöschung einer unliebsamen Vergangenheit, der sich das offizielle Graz kaltschnäuzig entledigt hat. Kein Gedenkstein, kein noch so bescheidener Hinweis macht das Gelände als jenen Ort kenntlich, an dem erst Tausende Zwangsarbeiter, schließlich 6000 bis 8000 ungarische Juden terrorisiert wurden, jenen Ort, an dem bis heute Hunderte Tote, in Bombentrichtern, in Massengräbern verscharrt, vermutet werden. Und selbst als 1992, bei Bauarbeiten für einen Kindergarten, doch etwas zutage kam, was niemals nie nicht mehr hätte zutage kommen sollen, wusste man sich behördlicherseits rasch zu helfen: „Während der Bauzeit des vom Gesetz vorgeschriebenen Schutzkellers kam es zu Knochenfunden, woraufhin dieses Vorhaben abgebrochen wurde und der Kindergarten ohne Schutzkeller fertiggestellt wurde“, hält eine Studie, erarbeitet Jahre später an der Technischen Universität Graz, lakonisch fest.

Im Übrigen überrascht es nicht, dass es – so dieselbe Studie – insbesondere „viele sozial schlecht gestellte Menschen“ waren, die hier nach dem Zweiten Weltkrieg eine neue Heimat fanden: Das Stigma machte Grund und Boden billig, und wer sich nichts anderes leisten konnte, bezog eben hier, in kommunal errichteten Häusern, Quartier. So ließ eine zynische Stadtverwaltung in den Nachkriegsjahren ein gegenwärtiges Elend vom Elend der Vergangenheit profitieren, entsorgte mit der Not des Gestern zugleich jene von heute und morgen, indem es diese Not ins Grazer Off abdrängte – und stand bei alldem quasi noch als edler Spender da.

Ein Gästezimmer, wie es Zigtausende in Österreich gibt: Kasten, Tisch und Bett in Pressspan-Unverbindlichkeit, Bettwäsche, tourismusstubenrein, Badezimmer, Toilette, alles auf einer Handvoll Quadratmetern zusammengedrängt. Nur das Programm, das aus dem Fernsehgerät dringt, passt so gar nicht in das fremdenverkehrsnotorische Composé: Der syrische Fotograf Issa Touma hat die ersten Bürgerkriegstage in seinem heimatlichen Aleppo auf Video dokumentiert – vom Fenster seiner Wohnung aus. Junge Männer in Jeans und T-Shirts, die plötzlich Barrikaden errichten, statt Accessoires des Zivilen Schnellfeuergewehre tragen, schießen, ohne dass ein Ziel auch nur zu ahnen wäre, beschossen werden, und nichts, was erklären ließe, woher und von wem, keine Front, kein Gut, kein Böse, nur Chaos, mörderisch; und Touma mittendrin, wie er in seiner Küche nichts weiter tun kann als zu warten und zu hoffen, dass das Toben, an dem er teilnimmt, ohne Anteil daran zu haben, ihm doch wieder erlaubt, die Straße zu betreten und sich mit dem Notwendigsten zu versorgen – falls es dann überhaupt noch Geschäfte, falls es dann überhaupt noch etwas zu kaufen gibt. Touma hat den Weg nach Europa gesucht und gefunden: Als „Artist in Exile“ lebt er derzeit in Graz. Seine Heimatstadt, Aleppo: ein Trümmerhaufen, zerschunden und zerschlagen in einem Krieg, der nur Verlierer kennt.

Es sind auch solche Stationen, zu denen die Grazer Kunstlaboranten auf ihren Erkundungstouren durch Liebenau ihr Publikum führen, Stationen, die immer wieder darauf verweisen, wie sich Vergangenes mit dem Gegenwärtigen verschränkt. Ein Zusammenhang, der sich auch in jenem Befund spiegelt, den man gleich der ersten von insgesamt vier Touren mit auf den Weg gegeben hat: „Es ist heute so, weil es gestern so gewesen ist.“ Und weil wir uns beharrlich weigern, dieses Gestern und seine Bedeutung für das Heute in aller Konsequenz wahrhaftig wahrzunehmen. „Wer sich nicht an die Vergangenheit erinnern kann, ist dazu verdammt, sie zu wiederholen“, ist oft zu hören. Ein Satz, dem Werk des US-amerikanischen Philosophen George Santayana entnommen. Von nicht erinnern können kann hier keine Rede sein, vielmehr von nicht erinnern wollen.

Eichbachgasse 900. Für „Hello and Goodbye“ hat der bosnische Künstler Mirko Maric hier, im Auwald nächst der Mur, einen ausrangierten Zirkuswagen platziert. Verweis auf jenes „Zigeunerlager“, das jahrzehntelang mit der Adresse Eichbachgasse 900 im kollektiven Gedächtnis von Graz festgeschrieben stand. Anfang der 1960er stellte die Stadtgemeinde das Gelände, notdürftigst mit Infrastruktur versehen, Fahrenden als Abstellplatz für ihre Wohnwagen zur Verfügung, Fahrenden, die sich mit Schaustellen und Hausieren verdingten; anders und mit dem damaligen Stadtsenat gesagt: jenen Leuten, „die den Großstadtsumpf darstellen“. Und es wird nicht gerade der moralisch reine Zufall gewesen sein, was den Stadtherren genau jene Stelle im südlichsten Liebenau zur Platzierung ihres „Großstadtsumpfs“ so geeignet machte. Seit Kurzem nämlich weiß Rainer Possert, was davor, zu Zeiten der NS-Herrschaft, in der Eichbachgasse 900 geschah: konnte er doch gerade an jenem Ort vergangenen Februar das „Russenlager“ der Nazis lokalisieren, dessen Nachruhm von vielfachem Tod und Terror erzählt.

Mittlerweile kündet davon genauso wenig wie von jenen, denen die Wildnis an der Mur in den Nachkriegsjahren wenigstens temporär Heimstatt bot: Fünf Jahre ist es her, da wurden die letzten Familien abgesiedelt. „Über alles wächst Gras?“, fragt eine weiße Schrift auf schwarzem Scheibengrund, geheftet an eine junge Auwald-Eiche. Und die Antwort kennt eine andere Scheibe ein paar Kilometer weiter: „Es lässt einen nicht los, es kommt immer wieder.“

Sentenzen, oft nur einzelne Wörter, auf schwarzen Scheiben: An Liebenauer Zäunen, Liebenauer Wänden, Liebenauer Gittern finden wir sie, mit weiteren Wendungen, geschöpft aus dem Gesprächsfundus des Kunstlabors. „130 Personen auf neun Metern, ein kleines Schiff, 1,40 Meter breit“, berichtet ein Schild am Ufer der Mur; „Want to find happiness“, sehnt sich ein anderes vor Wiesengrund. Und an einem Verkehrsspiegel montiert, vor einer disparaten Assemblee aus rostigem Feldgerät, Mobilfunkmast, Buschwerk und verdorrtem Baum: „I have the feeling, this is one world.“

Auf meiner Heimfahrt knapp vor Wien, vom Zugfenster aus: der Blick auf das massige Hauptgebäude des Lagers Traiskirchen. In mildes Abendlicht getaucht, sieht es so freundlich her, als könnt es gar nicht sein, was es dieser Tage tatsächlich ist: Symbol für die humanitäre Selbstaufgabe einer Wohlstandsgesellschaft, der nur ihr eigener Wohlstand angelegen ist. This is one world? Wer nichts zu hoffen hat, wird träumen müssen.

 

Wolfgang Freitag, „Die Presse“, „Spectrum“, 8. August 2015