Wenn Geld der einzige Maßstab ist

Verwertungsinteressen schön und gut: Aber sie allein machen noch keine Stadt. Keine, die kostengünstig funktioniert. Keine, in der man gerne lebt.

„Wer baut Wien?“ Acht Jahre ist es her, da stellte der Stadtplaner Reinhard Seiß die Frage aller Stadtentwicklungsfragen und beantwortete sie auf 216 Buchseiten gleich selbst. Sein damaliger Befund, im Vorwort zusammengefasst von Friedrich Achleitner, lief unsentimental darauf hinaus, „dass Stadtplanung und Baupolitik immer mehr von einseitigen Wirtschaftsinteressen unter Druck gesetzt werden, sodass sich auch vernünftige Planungsansätze in ihr Gegenteil verwandeln können“. Wer also baut Wien? Kurz gesagt: das liebe Geld.

Nun wird es niemanden überraschen, dass Kapital in einer irgendwie doch kapitalistischen Wirtschaftsordnung wie der hiesigen nicht völlig unbedeutend ist. In Sachen Stadtentwicklung und Stadtplanung gilt es freilich, auch andere Faktoren zu berücksichtigen, die, und das wird vielfach unterschätzt, gleichermaßen ökonomisch wirksam sind – allerdings nicht für Einzelne, sondern für die Gesellschaft insgesamt: insbesondere alles, was Raumordnung, Standortüberlegungen, Infrastruktur betrifft und letzthin auch die äußere Gestalt. Die Frage ist: Wollen wir eine Stadt als Summe vieler Egoismen – oder eine, die sich einem wohldurchdachten Netzwerk aus Funktion und Form entlang entwickelt?

Je nun, was wir wollen, ist die eine Sache, was wir kriegen, möglicherweise etwas ganz anderes. Den aktuellen Stand der Wiener Stadtdinge betreffend, hielt der Architekturpublizist Peter Reischer jedenfalls, wenige Wochen ist es her, in der „Presse“ fest, dass „Geld alles möglich macht und Investoreninteressen immer durchgesetzt werden“. Beispiele gefällig? Nehmen wir das dieser Tage oft bemühte Vorzeigeprojekt Seestadt Aspern. Als Anfang der 1990er die ersten Planungen vorlagen, war nach übereinstimmender Meinung von Zeitzeugen durchaus Visionäres dabei – und es war von insgesamt 4000 Wohnungen die Rede. Im Lauf der Jahre wurde dem Großprojekt, über diverse Planungsschritte hinweg, das Visionäre ziemlich gründlich ausgetrieben – was nur „durch den Druck der Bauträger“ erklärbar sei, „die garantiert keine Visionen wollten“, wie sich ein Insider erinnert. Im Gegenzug wurde auf derselben Fläche die Anzahl der Wohneinheiten auf 10.500 erhöht (von denen mittlerweile 2600 errichtet sind) – was den Verwertungsnutzen pro Quadratmeter Grundfläche nicht gerade vermindert haben wird. Der heute in solchen Zusammenhängen ständig strapazierte Bevölkerungszuwachs der Stadt hat mit der wundersamen Wohnungsvermehrung übrigens nichts zu tun: Basis der Planung in den 1990ern war ein Zugang von 30.000 neuen Wienern jährlich – ein Wert, der nach wie vor nicht erreicht ist.

Es ist schon so: Wer zahlt, schafft an. Jahrelang wurde über das Projekt Wien-Mitte gestritten. Jahrelang hieß es: Türme oder nicht Türme? Jahrelang warf sich halb Wien in eine Schlacht, die mit einer der jämmerlichsten Lösungen an zentraler Stelle endete, die Wien im vergangenen halben Jahrhundert erlitten hat. Das Einzige, was nämlich in all der Zeit weitgehend außer Frage stand, waren die Quadratmeter verwertbarer Fläche, die zu erzeugen waren, und als die Idee, sich deutlich in die Höhe zu entwickeln, nicht zuletzt am öffentlichen Widerstand scheiterte, mussten diese Quadratmeter halt irgendwie sonst in das Projekt gestopft werden. So sieht das Ergebnis heute auch aus: ein unförmiges Trumm, dem man am liebsten schon vor der Eröffnung die Abrissbirne an die Grundmauern gewünscht hätte.

Aus Schaden wird man klug? Von wegen. Stichwort Neuplanung des Geländes von WEV und Hotel Intercontinental. Abermals (auch) der Streit um Bauhöhen, abermals als einzige so gut wie unveränderliche Größe: die Renditeerwartungen der Investoren. „Statt mit dem vorliegenden Ergebnis in einen Projektwettbewerb zu gehen, in dem alles offen ist und nur die Rendite der Investoren eine Konstante, müssen die Rahmenbedingungen neu ausverhandelt werden“, forderte TU-Professor Christian Kühn (und nicht nur er) im Frühjahr 2013. Ergebnis: bis dato kein erkennbares.

Und da war noch die Geschichte des einsamsten Hochhauses der Stadt: des sogenannten Leopoldtowers samt Citygate an der äußersten Wagramer Straße. „Ursprünglich war ja hier ein Bürohochhaus geplant“, gab ein Vertreter des dazugehörigen Großinvestors bei der Grundsteinlegung im Oktober 2013 zu Protokoll. „Das ist aber überhaupt kein Bürostandort.“ Will sagen: Das Ding ließ sich als Bürohochhaus einfach nicht verwerten. Was freilich ein richtiger Großinvestor ist, der weiß sich schon zu helfen: „Wir haben es dann eben umgewidmet und umentwickelt, gemeinsam mit den Vertretern der Stadt.“ Wie bitte? „Wir“, also der Investor, „haben umgewidmet“ – ach ja, und „die Vertreter der Stadt“ waren irgendwie halt auch dabei. Nein, das war kein Versprecher, genau das ist immobiliare Realverfassung hier.

Dringend zu wünschen wäre, dass, was wer wo wie baut, an erster Stelle wieder von der Stadt entschieden würde. Damit Wien eine Stadt wird, wie sie alle und nicht nur eine Handvoll Bauträger und Investoren wollen.

 

Wolfgang Freitag, „Die Presse“, 14. August 2015